Länge

„Es gab mal Zeiten, in denen hast du richtig lange Geschichten geschrieben. Da hast du die Charaktere ausgearbeitet, da hatten die Dinge, über die du berichtet hast so eine Tiefe, in die man sich fallen lassen konnte. Damals hatte ich immer das Gefühl, dass du das alles selbst erlebt hattest. Jeder Satz hatte seine ganz eigene Farbe, jedes Satzzeichen seine ganz besondere Bedeutung, die Zeit wurde erklärt, der Kontext auch und alles schien so haarscharf platziert zu sein. Damals erkannte ich keine Zufälligkeiten, alles ergab Sinn. Selbst die Sinnlosigkeit. Wenn du eine Figur beschrieben hast, hatte ich immer das Gefühl, dass man die Haut erkennt, ja ihren Duft oder strengen Geruch erahnen kann. Wenn jemand im Wald spazierte, war das auf der Haut zu spüren, die Luftzüge, die Ahnung, alles das. Und heute – heute sind deine Texte so nüchtern, da muss man sich alles selbst dazu denken.“ „Ja.“

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Insekten

Ein Trend, der wahrscheinlich schon längst wieder vorbei ist, scheint Herrn Nipp das Entdecken von lautgleichen Wörtern oder Wortgruppen in verschiedenen Zusammenhängen mit völlig verschiedenen Bedeutungen. Das ist die Trauerkarte zum Tod eines verstorbenen Huhns:

Eierlegende Eierlegende am Eierlegende.

Dauert beim Lesen etwas länger, aber dann versteht der größte Depp, was gemeint ist.

Eier legende Eier/legende am Eierleg/ende.

Oder die Sache mit dem Ameisen, die nie in Kirchen wohnen, weil sie Insekten sind:

du weißt schon: in Sekten „hahaha“. An dieser Stelle sollte höflich gelacht werden.

Oder:

Grillen Grillen Grillen, grillen Grillen Grillen.

arm und Arm, einrenken und ein Renken, Roh/rohr/zucker und Rohr/ohr/zucker, Boxer und Boxer, Becken und Becken, Zug in allen 20 Ausprägungen, lose und Lose, umfàhren und ùmfahren und so weiter und so fort. Ja, es gab mal eine Zeit, da hatte auch er wirklich Spaß daran und vielleicht kommt das auch wieder.

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weinerlich

Er hat wieder in diesem Buch gelesen, das er so mag. Diesem Buch, dass er seit seiner Jugend immer wieder einmal liest. Mal ganz, mal nur auszüge oder einzelne Seiten. Ein Werk der Weltliteratur und ihm sind Tränen der Rührung gekommen. „Mit dem Alter wird der Mensch doch ein Stück weit weinerlich.“, denkt er.

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verstörend

Klar ist er ein Kind der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts des gefühlt gerade vergangenen Jahrtausends. Natürlich hat er damals, obwohl in der tiefsten Provinz wohnend, durchaus mitbekommen, dass es bezüglich der Freizügigkeit der Kleidung durchaus Veränderungen gegeben hat. Er kann sich noch sehr gut daran erinnern, dass seine Mutter sich immer künstlich aufgeregt hatte, wenn die jungen Frauen damals kurze und zuweilen auch sehr kurze Röckchen trugen. Nein nein, wenn jemand es wirklich wollte, konnte auch schonmal ein Teil der Unterwäsche gesehen werden oder eben auch nichts davon, weil keine getragen wurde. „Reinste Provokation!“ hätte sie vielleicht sagen können, doch eher war dann das vernichtende Urteil „Flittchen!“ zu hören. Die jungen Frauen damals waren sich sehr wohl der Wirkung ihrer Kleidung bewusst und hatten Spaß an der verstörenden Wirkung.
Heute ist es durchaus normal, dass Mädchen ab 10 Jahren ihre Tops bauchfrei tragen, dass solche ab sechzehn auch noch Piercings im Bauchnabel spazieren führen. Daran hat der Mitteleuropäer selbst auf dem Land sich schon lange gewöhnt. Und in den Zeiten der sogenannten „body positivity“ können die Anblicke zuweilen durchaus ungewöhnlich sein, etwa bei Festivals.
Verstörend allerdings war es für Herrn Nipp dieser Tage, als ihm im kleinen Kleinstadtpark ein junger Mann entgegen kam, der nicht nur einen Minirock trug (Das kennt er seit langem.), sondern auch noch ein Oberhemd, das kurz oberhalb seiner Brustwarzen endete. Er fragte sich glatt, ob er das vielleicht auch mal ausprobieren sollte, aber erstens fühlt er sich dafür zu alt und zweitens ist und bleibt er im tiefsten Inneren ein unverbesserlicher Spießer.

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Schreiber

Er hat sich mit rund 20 Leuten getroffen. Dazu hatten einige sich ausgedacht, in Zukunft Romane zu veröffentlichen, die nicht von einem Autor, sondern von einem ganzen Kollektiv verfasst wurden. Wenn zwanzig Menschen an einem Plot arbeiten, sollte es kein Problem sein, innerhalb einer Woche einen 200seitigen Roman zu verfassen. Jeden Tag treffen sie sich nun. Immer zwei Stunden abends. Sie sitzen an ihren tragbaren Rechnern und tippen und manchmal wird leise geflüstert und nächste Woche, so ist der Plan, soll das Buch zum Lektor gehen und dann schnell in den Druck. Bei zwanzig Autoren kann der Verlag davon ausgehen, dass die Auflage schnell vergriffen ist.

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