Kaum zu glauben

Herr Nipp – Guppy in Gin

Anfang November erscheint das neue Buch von Herrn Nipp mit Geschichten aus der Zeit zwischen Anfang Mai und Anfang August. Insgesamt 108 Seiten lang wagt er mal wieder einen etwas anderen Blick auf die kleine Welt, in der er lebt. Ganz nach dem Motto, wer keine Antworten auf die großen Fragen dieser Zeit hat, der sollte wenigstens die kleinen Fragen stellen.

Das Buch ist auf 100 Exemplare limitiert und es wird nur eine Auflage geben. Also holt euch das Ding für 12 Euro in der Mayerschen. Ihr könnt es auch bei mir bestellen. Per instagram zum Beispiel. Einfach „Herr_Nipp“ suchen und ihm schreiben. Fertig. Ich schicke es euch oder bringe es vorbei, wenn es nicht zu weit weg ist.

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Risse

Das Blatt hat definitiv Risse. Zu überlegen ist, ob es eigentlich noch einen Wert hat. Herr Nipp zweifelt, legt es beiseite. Er wird es auch die nächsten Tage erstmal nicht beachten. Als er es ein zweites Mal in die Finger bekommt, ärgert er sich. Das darf doch nicht wahr sein. Ein weiterer Riss hat sich inzwischen ergeben. Warum und wie, das ist ihm völlig schleierhaft. So legt er das Blatt zwischen andere Blätter, will es einfach nicht mehr sehen. Er kann sich noch genau daran erinnern, dass er als Kind eine Briefmarke tauschen wollte und sein Gegenüber feststellte, dass diese einen winzigen riss hatte. „Die ist wertlos.“ Er hatte sich bei einem Verwandten erkundigt und erfahren, dass dem wirklich so war. Briefmarken mit Riss haben für Sammler keinen Wert. Vielleicht, denkt er nun, haben ja alle Blätter, Zettel und Schriftstücke, die mit Bildern bedruckt sind, keinen Wert mehr. Er überlegt, wie es wohl für einen Sammler von historischen Grafiken ist, wenn er entdecken muss, dass sein gehegter und gepflegter Rembrandt links oben an der Ecke einen kleinen Riss hat. Wird der die Radierung wegwerfen? Wertlos? Oder die Lithografie von Picasso, damals gekauft für einige tausend Mark – oh man, das darf nicht wahr sein, wie konnte das nur geschehen? Altpapier. Herr Nipp kann sich in solche Szenarien hereinsteigern. Auch die Aktien, die er sich damals real hatte ausgeben lassen, der reinste Wahnsinn, alles wertlos, nur weil er nicht aufgepasst hatte. Das muss er unbedingt recherchieren. Er wird, sobald er Zeit aufbringen kann, im Netz in den diversen Foren um Rat fragen.
Nachmittags muss er feststellen, dass der Klapprechner, den er seit nunmehr sieben Jahren benutzt hat, nicht mehr funktioniert, immer mehr Teile des Betriebssystems, das beim Kauf schon veraltet war, tun es einfach nicht mehr. Schon vor einigen Monaten, hatte er alles entrümpelt, was er nicht täglich im Gebrauch hatte. Aber so geht es einfach nicht weiter. Wenn inzwischen neben der Fotobearbeitung auch das einfache Textprogramm den Geist aufgibt, wenn einzelne Tasten keine Signale mehr weiter geben, drei sogar abgebrochen sind und das Ladegerät, welches nun dauerhaft angeschlossen sein muss, weil auch der Akku sich binnen weniger Minuten entlädt, einen offensichtlichen Schaden hat, dann gibt es nur noch eines, er wird sich endlich ein neues Gerät anschaffen. Dieses Mal ohne die Beratung durch seine Mitbewohner, die normalerweise alles viel besser wissen, als er selbst. Diese sind nämlich gar nicht da. Das macht er ihnen auch gar nicht zum Vorwurf, schließlich müssen auch die ihr eigenes Leben führen und das ist wahrscheinlich vielfältiger als er es sich vorstellen kann. Er schätzt deren Kenntnisse zwar über alles, aber sie haben die Angewohnheit, im Netz zu kaufen und Herr Nipp ist nach wie vor der Meinung, dass der Kauf in der Stadt mehr Menschen Arbeit und ein Auskommen bringt. Er glaubt auch weiterhin, dass Geschäfte letztlich der Allgemeinheit gegenüber fairer sind als internette Großkaufhäuser, selbst, wenn man etwas mehr zahlen muss, denn sie zahlen wenigstens Steuern. Außerdem erzeugen sie weniger Verpackungsmüll. Er lässt sich im Geschäft beraten. Ein netter Mann, der ihm kompetent erscheint. Ein Mann, der ihm auch noch das Gefühl vermittelt, er mache seinen Job gerne. Ohne irgendwelches Fachgefasel, erklärt der. Ein großer Bildschirm muss sein, mit einer ordentlichen Grafikkarte, klar, ein ordentlicher Arbeitsspeicher auch, sicher. Außerdem hat er wirklich keine Lust mehr, so lange darauf zu warten, dass das Gerät endlich hochfährt. Tatsächlich findet er ein entsprechendes Gerät, das außerdem auch noch finanzierbar erscheint. „Sie müssen das Gerät nur hochfahren und den Anweisungen folgen, dann geht das schon alles fast von alleine.“ Ja, das wird wohl gehen.
An der Kasse holt der jetzt schon zufriedene Kunde Bargeld aus dem Portmonaie, legt Schein für Schein auf den Thresen. Die Kassiererin schaut ihm ins Gesicht, lächelt, nimmt das Geld entgegen, prüft es kurz, zählt noch einmal durch und reicht ihm die Quittung. Erst draußen fällt Herrn Nipp auf, dass auch der Schein mit dem Rissen dabei war. Er zuckt kurz einmal mit den Schultern, legt den Karton ins Auto und fährt beruhigt nach Hause. Offenbar ist es gar nicht so schlimm, dass Geld auch Risse hat, solange die Menschen daran glauben, dass es Geld ist. Vielleicht ist es mit den Kunstgrafiken ja ähnlich und er muss sie gar nicht entsorgen.

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Kuchen

Irgendwo hat irgendjemand einen runden Geburtstag gefeiert. Herzlichen Glückwunsch! Irgendwann wir irgendjemand angerufen und der übrig gebliebene Kuchen wird diesem angeboten. Irgendwie wird er den gebrachten Kuchen essen. Mit Wonne, mit großer Wonne und Dank.

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Geschichten

Er liebt es, diese Geschichten zu sehen, zu lesen und zu hören. Manchmal würde er sie selber gerne erleben. Es gab eine Zeit, da glaubte Herr Nipp, solche Dinge selber erlebt zu haben, ohne an die Dinge an sich zu glauben. Da waren die Erscheinungen am Arbeitsplatz zu Zeiten, die doch nicht ins sonstige Schema passen, nicht um Mitternacht, auch tagsüber. Als fantsiebegabter Mensch kann er sich schließlich alles einbilden, das hat noch lange nichts mit der äußeren Realität zu tun. Da hatte er zum Beispiel im Wohnzimmer auf dem Schrank einen Schatten gesehen, den seiner vor vielen Jahren verstorbenen Großtante. Ganz deutlich. Es hätte natürlich keinen Schatten geben dürfen, weder war die Tante dort, noch reichte das Licht dorthin. Letzteres hatte ihn doch sehr stutzig gemacht. Aber letztlich hatte er das natürlich unter dem Aspekt „Jaja, eingeschlafen und geträumt“ abgehakt. Schließlich saß er auf dem Sofa. Das Bild jedoch hat sich eingebrannt. Wir haben uns alle solche Schutzmechanismen errichtet, die helfen, das alltägliche Erleben zu kathegorisieren, in die Schubladen zu legen, in welche es gehört oder zumindest gehören sollte. Da waren diese Erscheinungen im alten Fabrikgebäude gewesen, immer wieder. Immer wieder zu Zeiten, die gar nicht zum Schlafen passen, auch diese abgehakt, dieses Mal unter „Jaja, da hast du aber taggeträumt“. Die Erlebtnisse im Umfeld des Todes von Bekannten, Verwandten und Freunden. Abgehakt wieder einmal. „Jaja, du bist überspannt.“Da waren die Seltsamkeiten, die er zuweilen auf seinen langen Spaziergängen erleben konnte, auch die abgetan, das waren immer Missverständnisse, denn aus den Augenwinkeln lässt sich nichts Genaues wahrnehmen. „Jaja, da hat wahrscheinlich ein Ast gewackelt und du machst daraus etwas.“ Es gabe auch Zeiten, in denen wurden plötzlich Gerüche geweckt, die es gar nicht geben konnte, der Geruch des widerlich süßlichen Gases etwa, da er vor den Operationen einatmen musste. Immer hatte er sich als Kind dagegen gewehrt. Und jedes Mal, wenn dieser Geruch an verschiedensten Orten erschien, bekam er einen Würgereiz. Aber mal ehrlich. Was passiert denn, wenn man gebannt etwas beobachtet? Was pasiert, wenn wir völlig konzentriert einer Melodie lauschen? Einen köstlichen Wein trinken? Alles aus dem Umfeld wird ausgeschaltet, der Mensch fokussiert sich. Nur ein kleiner Teil der Wahrnehmung bleibt übrig. Und seien wir doch mal ehrlich, natürlich wird in fast allen Situationen so sein, wir sind darauf eingestzellt und getrimmt, von der Gesellschaft, unserem Erlebenshorizont, von den Medien, die uns täglich umgeben natürlich auch. Man nehme einen Bildschirm und verkleinere die Bildfläche eines Filmes, nach kurzer Zeit schon ist alles drumherum weg. Doch Herr Nipp hatte schon mehrfach einen Test gemacht, der immer wieder zu erschütternden Erkenntnissen führte. Der Versuch ist sehr einfach. Man setze sich in den Wald, entspannt möglichst. Möglichst auch nach einem ausgiebigen Spaziergang, das entlastet das gesamte vegetative Nervensystem. Der Selbstversuch kann nur allein vorgenommen werden, denn jeder Anwesende ist eine Ablenkung. Man wähle einen Ast oder Baumstamm, vielleicht einen Ansitz der Jägerschaft, der geöffnet ist. Auch wenn das verboten ist, die meisten Jäger haben nichts dagegen, dass man dort in aller Ruhe verweilt. Letztlich ist das ja auch Anerkennung ihrer wichtigen Tätigkeit. Fokussieren Sie ihren Blick auf ein nichtssagendes Element vor sich. Die ersten Minuten müssen sie angestrengt dorthin sehen. Dann versuchen Sie ihr Wahrnehmungsfeld zu erweitern und konzentrieren sich auf die Ränder des Blickfeldes, die äußersten Ränder natürlich. Konzentrieren Sie sich auch auf das, was ihre Haut fühlt. Beachten sie den Geruch um sich herum, vielleicht sogar den Geschmack. Ist da nicht etwas im Gleichgewicht gestört? Aber Sie dürfen nicht von ihrem Objekt lassen, die Augen so wenig wie möglich bewegen. Sie werden Entdeckungen machen. Herr Nipp hat sich schon wieder von seinen Gedanken in ein anderes Reich als jenes seiner Geschichten entführen lassen. Er weiß gar nicht mehr, wo er geblieben ist, was war noch auf den letzten Seiten dieses Buches geschehen? Er sollte sich nicht von den Worten verleiten lassen, selber zu denken. Er sollte sich voll und ganz den Geschichten hingeben und hinterher denken. Ja, war eine gute Idee, war gut geschrieben und jetzt kann ich das Buch weglegen, das hat nichts mit meiner Welt zu tun.

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Sicherheitslücke

Egal wann oder wo er ins Netz geht, irgendwo zeigen sich immer ungeahnte Sicherheitslücken, dabei hat Herr Nipp überhaupt keine Ahnung davon. Das versichert er immer wieder. Niemand schlendert so naiv durch das Weltweitnetz und niemand schliddert immer wieder in solche grotesken Situationen hinein. Da vermutete er doch glatt hinter einer Seite mit einem lustigen Fünfeck ein Spiel und gerät, nachdem er alles gelöst hat, so mir nichts dir nichts in den Zentralrechner des Pentagons. Aber mal ehrlich, was soll er da? Und was kann er schon mit diesem sensationell simplen Code anfangen, der angeblich einige hundert Raketen zu Abschuss bringen könnte. Nein, alles Spinnereien. Das Passwort eines amerikanischen Twitterkontos unter einem recht einsilbigen Präsidentennamen hat er quasi nebenbei herausgefunden, da konnte er auch nichts für und wer kann denn schon wissen, dass all diese Milliarden, die er von der Firma Wiorecrad oder so ähnlich an hunderttausende notleidender Menschen überwiesen hat, echt waren? Herr Nipp staunt nur manchmal über die Auswirkungen dessen, was er da herumspielt und dass die Menschen dann hinterher immer so gereizt reagieren. Das war doch wirklich nicht seine Absicht.

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