Auf Abruf

Seit einer halben Stunde wartet er auf der Laderampe sitzend auf Gäste. Es wird noch dauern, nicht schlimm, denn er genießt dieses durchwachsene Herbstwetter. Derzeit verdichten sich die Wolkenberge über ihm. Gleich wird es wohl irgendwann regnen. So richtig prasselnd mit allem drum und dran. Man glaubt es kaum, aber er freut sich darauf. Und plötzlich stehen drei Leute gleichzeitig vor ihm, als hätten sie sich abgesprochen. Pünktlich regnet es. Wenn man drei Tropfen als Niederschlag bezeichnen kann. „Was machen wir?“ „Der Tag ist noch jung.“ „Vielleicht ins Kino?“ „Kommt doch eh nix.“ Hin und her gehen Vorschläge und Gegenargumente. Letztlich sitzen sie zusammen und besprechen die Erlebnisse der letzten Woche. Mal belustigt, zuweilen auch empört. Und da sieht Herr Nipp durch das Fenster, dass draußen etwas passiert. Endlich. “ Endlich regnet es. Lasst uns die Schirme schnappen und spazieren gehen.“

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Nebelbilder

Wenn er zu dieser wundersamen Herbstzeit im Wald sitzt, weil es Abend wird und dieser langsam in die Nacht gleitet, steigt in diesem Tal oft der Nebel. Allmählich verschwinden die gedachten Konturen und das Ungefähre, das Unsichere wird zu einer möglichen Gewissheit. Dabei mögen sich tierische und menschliche Gestalten ergeben, die nicht zu fassen sind, Trugbilder, die zuweilen ins Mythische abdriften, wenn er Gedanken und Vorstellungen freien Lauf lässt, wenn er sich ein Treiben der Möglichkeiten gestattet. In dieser Schememhaftigkeit des Äußeren versteht er nach und nach, warum Künstler wie Turner oder Friedrich sich malend mit diesem Zwischenzustand beschäftigt haben. Da wird die Darstellung oder Nachahmung der Natur zu einer Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen der Farbmaterie, des -vermögens und der Farbigkeit an sich. Und jedes Foto, das er mit seinem Handy machen würde, könnte nur scheitern.

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Hokaido

Eben noch lag der orangefarbene Kürbis in der Schale mit dem anderen Gemüse. Mit dem großen Messer hat Herr Nipp ihn schnell in kleine Stücke geteilt, dank Krallengriffs ist das ohne jegliche Blessuren abgelaufen. Die Stücke in kochendes Brühe geworfen, Kartoffeln dazu und nach einigen Minuten teilweise püriert, ein sämiges Vergnügen. Er hat einige gefrorene Erbsen dazugegeben, später, damit keine braune Tunke entsteht. Mit Salz und Knoblauch abgeschmeckt. Jetzt ist für ihn der Herbstbeginn perfekt. Die nächsten zwei Tage wird er die Suppe genießen können und jeder Gast ist ihm dazu willkommen. Er hält kurz in seinen Gedanken inne und grinst in sich hinein. Nein, doch nicht.

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Schnurren

Halb dösend liegt er mehr als zu sitzen auf dem Sofa. Die Katze der Nachbarsfamilie ist zu Besuch und hat sich schnurrend tief in die Decke neben ihm eingegraben. Kein Stück ihres leopardierten Fells ist mehr zu sehen. Nach zwei Minuten ist auch schon kein Schnurren mehr zu vernehmen. Das Kätzchen schläft tief und fest. Eigentlich hatte sie wohl draußen schlafen wollen, war dann aber zügig ins Haus gehuscht. Herr Nipp hatte die Etagentür geöffnet und ab ging es nach oben zu seiner Mitwohnerin. Für eine Weile wird er dort wohl sitzen bleiben und später wieder herunter gehen. Ihm schmerzt ein wenig die Backe, da der Arzt dort heute operiert hatte. Aber das Katzenschnurren musste er sich noch mitnehmen, er hat mal gehört, das es die Heilung fördert. Na wenn es doch hilft.

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Birnensaft

Früh morgens hat er bereits seine Runde über den Wochenmarkt gedreht. Hier am Stand Käse, dort Eier und Gemüse, da wieder Blumen gekauft. Verschiedenfarbige Landrosen. In dieser Kleinstadt kennt man sich. Freundliche Begrüßungen allenthalben, an zwei Stellen ein netter Plausch. An solchen sonnigen Herbsttagen genießt Herr Nipp das Wochenende. Kurz nach sieben ist es noch nicht so voll . Er hat Brötchen und Brot in der Dinkelbäckerei auf dem Rückweg eingeholt, dort noch einen alten Bekannten mit seinen zwei kleinen Kindern getroffen, launiges Schwätzchen. Da das Frühstück noch auf sich warten lassen wird, sitzt er nun im Garten auf der Liegebank, neben sich ein Glas mit selbst gemachten Birnensaft und liest in einem Roman über die japanische Nachkriegszeit von Kazuo Ishiguro. Er möchte dieses Werk in aller Ruhe genießen und hatte sich vorgenommen, nicht mehr als fünfzig Seiten pro Tag zu lesen. Das macht sechs Tage bei 270 Seiten. Dummerweise begreift er zu spät, dass schon wieder 100 Seiten vorüber sind. So sehr hat ihn die langsame, beinahe vorsichtige Erzählweise in Beschlag genommen. Sogar den Birnensaft hat er völlig vergessen. Jetzt hebt er das große Glas zum Mund und trinkt es in einem Zug leer. Besser kann der Tag kaum beginnen, denkt er. Von oben ein Ruf: „Können im Garten frühstücken?“

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