Lesen

Nein, eine Geschichte von Kafka würde er heute nicht mehr freiwillig lesen. Damals hatte er sie geliebt, sich Markierungen gesetzt und versucht, sie zu verstehen. Das war vorbei, seit er erkannt hatte, dass nichts zu verstehen ist, wenn es nichts zu verstehen gibt.

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Brille

Sähe noch so, wie lediglich vor Jahren eine Wahrnehmung möglich gewesen war, dann, ja dann bräuchte er keine Brille, so aber muss er sie nutzen,so zu sehen, wie er vor Jahren es mit den eigenen Augen tat.

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Sie

„Da, schau doch einmal genau hin!“ Herr Nipp hört der Dame neben sich am Geländer genau zu, er sieht hin und kann einfach nichts erkennen, das hat allerdings wenig mit der vergessenen Brille zu tun, denkt er. Er ist auch gar nicht gemeint, sie spricht mit ihrer Freundin, die neben ihr steht und ebenso ungläubig guckt wie Herr Nipp. Auch sie scheint nichts zu sehen, was sollte da auch sein. Vielleicht imaginiert sie ja, hat vorher Drogen konsumiert, vielleicht sind ihre Augen auch in der Lage den Nebel vor ihnen zu durchdringen, anderes wahrzunehmen. Aber nein, das kann es nicht sein, denkt Herr Nipp. „Ich sehe nichts“, rutscht es ihm heraus, „was soll denn da sein?“ Und da fängt die Dame lauthals an zu lachen, sie wendet sich ihm zu, blickt ihm tief in die Augen. „Ach wissen sie, ich wollte meine Freundin einfach darauf hinweisen, das es nichts nützt mit den Blicken im Nebel herumzustochern, genauso wie es nichts nützt, sich Gedanken über Dinge zu machen, die einfach nicht zu erkennen sind.“ Inzwischen ist die andere Frau gegangen, ohne sich zu verabschieden, ohne einen Mucks gemacht zu haben. Herr Nipp wird mit der Dame neben sich ein Stück Kuchen essen gehen und Kaffee trinken und ein angeregtes Gespräch haben. Er wird erkennen, wie weise sie ist. Das hat er selten so erlebt, auch wenn er immer genau hinschaut.

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Besonderes

Wäre das Besondere immer offensichtlich, wäre es ein Plakat.

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Waffengewalt

Sicherlich könnte er, wenn er wollte. Er könnte den Baseballschläger aus der Ecke holen und seinem Gegenüber einen überziehen. Vielleicht sollte er auch den alten Schlagring aus der Schublade holen, der ihm dereinst gute Dienste geleistet hatte. Ein Klappmesser? All die Möglichkeiten, die sich ergeben würden, wenn er nur machte. Er allerdings bleibt sitzen, sieht zu, hört zu und lässt Dinge über sich ergehen, die er vor Jahren niemals hätte aushalten können. Er wartet ab, macht sich seine Gedanken, verbirgt seine Gefühle. Er geht auf innere Distanz, weiß nun, dass es ihn selbst nicht betrifft, auch wenn es sich so anfühlt zunächst. Mit der Zeit kann er sich einen Reim machen und zückt die schwerste Waffe, die er zu denken in der Lage ist. Er urteilt.

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