XIV / 7

„Ich liebe es Gedanken zu folgen, die Wahrnehmung anderer, die meine dann auch irgendwie widerspiegelt, ohne dass ich sie so gedacht habe

Und so ging es mir grad beim Lesen

Weißt du was ich meine ?“

„ich denke schon, du sprichst von der spiegelung. solange ein gedanke abstrakt bleibt, damit offen, kannst du ihn zur leinwand deiner denkerlebens gestalten.

deines, nicht deiner“

 

„jajaja genau …

!!“

 

„wörter sind so gesehen spielfolgen, deren sinn sich für dich erst dann zu erschließen vermag, wenn du in der lage bist, loszulassen von gemeinplätzen“

 

„…“

 

„weiß schon, sollte aufhören“

 

Und dieser Gedanke war ehrlich, war ernst gemeint, er hatte wohl das Rad zu weit gedreht, sich in wildes Fahrwasser herausgewagt, war in die Strudel geraten und das Boot drohte nun zu kentern, wie in jenem Sonett aus dem Barock, auch wenn es dort das Lebensschiff war.

 

Man sollte niemals zu ehrlich werden, sollte vor allem nicht die Ernsthaftigkeit zeigen, mit der über das Leben reflektiert wird. Der andere kann jedes Wort zur Steinschleuder weiterentwickeln, jenem David gleich, der in unfairem Kampf den Koloss namens Goliath niederstreckte. Man stelle sich einfach mal die Situation vor. Da will jemand einen Faustkampf und dann wird er erschossen. So geht es nicht, meine Lieben. Das hat nichts mit Heldenmut gemein, das ist vielmehr hinterhältig. Und dann wird dieser Wicht auch noch in verschiedenen Weltreligionen als Vorbild gefeiert, nein, so bitte nicht. Man darf den Menschen keine Handhabe in die Greifwerkzeuge drücken, auf dass sie Munition haben, mit der man selber gesteinigt oder wie es heute wohl heißt, geshitstormt werden kann. Wie so oft breiteten sich die Selbstzweifel in ihm aus. Wenn er in aller Öffentlichkeit den erfolgreichen Draufgänger mimte, der alle Widrigkeiten auf unkonventionelle und vor allem schnelle Art löste, so konnte diese Maske manchmal schneller fallen, als ihm zugetraut wurde. Er spielte seine Rollen und erfüllte die an ihn gestellten Erwartungen. Manchmal bis zur offensichtlichen Selbstaufgabe. Zur für andere offensichtlichen Selbstaufgabe. Das aber hatte nun wirklich wenig mit seiner eigenen Überzeugung zu tun. Aber auch dieses Phänomen war letztlich nur ein Spiel, eine Ausfüllung der verlangten Partie. Vor allem dann, wenn er zur Ruhe kam, anfing nachzudenken und alles Revue passieren zu lassen, dann musste er sich von Zeit zu Zeit ein Scheitern einräumen. Dann wusste er, dass die eigentlichen Lebensziele verfehlt worden waren. Er fühlte sich manchentags von seinen Selbstzweifeln geplagt, hätte sich am liebsten in sein Schneckenhaus verkrochen. Ein Einsiedlerkrebs, der nach vorne hin so wehrhaft erscheint, ausgerüstet mit mächtigen Scheren und doch nur ein armes Würstchen ist. Sobald er seinen Schutz verliert, ist der den Unbilden der Natur ausgeliefert, nicht mehr als eine köstliche Speise im Selbstbedienungsladen der Natur.

Er hätte jetzt gerne einen schmackhaften trockenen Rotwein zum Mund geführt, aber das ließ sich momentan wohl kaum sinnvoll machen. Langsam öffnete er seine Tasche, nahm das braune Lederetui heraus, zog eine der dunklen Zigarillos heraus, zog sie einmal unter der Nase her und atmete dabei genüsslich ein. Er wusste mit den ersten  Aromen, die seine Schleimhäute kitzelten, diese Rauchware würde seine volle Aufmerksamkeit benötigen. Das Größte allerdings war es für ihn, im Sessel vor dem flackernden Kaminofen zu sitzen, eine Zigarillo zu rauchen, dunkle Schokolade und dazu ein prächtiger trockener Rotwein. Auch das jetzt nicht, steckte den brauen Stängel wieder ein, sah auf den Bildschirm, der sich tatsächlich in der Zwischenzeit verändert hatte.

 

„Im Gegenteil

Ich bin fasziniert davon

das tut gut gerade … Und ich kann dir folgen“

 

In diesem Moment passierte das, was immer kommt, wenn man es gar nicht gebrauchen kann. Die  Energieanzeige baute eine Drohkulisse auf. „Der Batteriestatus geht seinem Tiefpunkt entgegen, bitte wechseln sie den Energieträger oder schalten sie aus, sonst können Daten verloren gehen.“

 

„warte bitte einige minuten, bin gleich wieder da, muss kurz was erledigen. dauert nur ein paar minuten. versprochen.“

 

Er schaltete aus, löste den Gurt, legte das Gerät auf den Nebensitz, stieg aus. Er musste unbedingt das Ladekabel mit Adapter für  den Zigarettenanzünder finden, umrundete das Auto und öffnete die Heckklappe. In einem der Koffer musste es sein.

 

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XIV / 6

„klar, habe keine geheimnisse

nachts

nachts, wenn die landschaft dunkelheit ersäuft
wenn letzte lichter auf den wellen blitzen
die traurige gestalt durch feuchte kälte läuft
kein lächeln mehr von faden alten witzen

und hunde mit den herrchen an der kette
und autos jaulen durch den nebel auf
dann macht der herr mit seinesgleichen eine wette
dann nimmt das abgeschmackte schicksal seinen lauf

noch ist da hoffnung zwischen all dem chaos
und niemand weiß, was bald passieren wird
nur du, du hast es schon gesehn, du weißt es

kein sichrer tempel mehr in laos
kein freund, der heimat dir gebiert
nur einer, einer sieht es wie ein photo, heißt es“

 

„Noch etwas holprig, aber durchaus stimmig, find ich, wenn auch sehr altmodisch mit den Reimen.“

 

„Ja, das weiß ich wohl, hatte auch noch keine Zeit, es zu überarbeiten, aber Form und Reime werden bleiben.“

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XIV / 5

„wenn man dann niemandem begegnet, kann man klare gedanken fassen, die kälte alles durchfließen lassen“

 

„manchmal renne ich dann auch einfach los

 

„und plötzlich sieht man einen teil der welt mit anderen, mit klaren augen“

 

„Ganz genau! Und das letzte Mal kam ich dann nach Hause, schaute im Vorbeigehen in den Spiegel und musste echt loslachen vor Freude

Ohne zu wissen worüber, aber ich musste mich dann angrinsen

Trotzdem immer ein auf & ab mit den Gedanken“

 

Ja, so war es wohl, ein Auf und Ab mit den Gedanken. Sie erklimmen dann die Gebirge unserer inneren Eitelkeiten und lassen sich wie auf Rollschuhen, die man heute wohl Inliner nennt, die Berge hinabrollen. Und unten angekommen muss man wieder die Bergstiefel schnüren, weil die nächste Aufgabe sich noch höher vor dir auftürmt. Du weißt, dass alles zu schaffen ist, weißt, dass du es kannst. Er gab sich seinem Gedankenstrom hin und vergaß darüber einige Minuten zu schreiben, so sehr hatte der Satz etwas in ihm angerührt. Den nächsten Schritt jedoch zu gehen, war er sich unsicher, damit wäre er endgültig ohne Deckung. Trotzdem wagte er es, das war in diesem Moment auch egal. Obwohl von tausenden Menschen umgeben fühlte er sich gerade mehr als allein auf dieser Welt und die virtuelle Unterhaltung war der Strohhalm, an den er sich nun klammern konnte.

Es gibt diesen Witz, bei dem man immer zwei Möglichkeiten hat und irgendwann kommt man durch eine simple Frage zu dem Ergebnis, dass alles entweder sinnlos ist oder aber die Erfüllung bedeutet. Aber weder den Verlauf, noch dessen Inhalt hatte er behalten, nur die Tatsache, dass alle Situationen die Möglichkeit beinhalten, sich entscheiden zu können. Jede Entscheidung allerdings determiniert ist, von ihrer Herkunft oder in ihrem Ergebnis.

 

„ich habe mich danach hingesetzt und ein sonett verfasst, nicht lustig, aber hat trotzdem freude gemacht“

 

„Darf ich es lesen?“

 

Man sollte niemals zugeben, dass man freiwillig oder aus einem inneren Zwang heraus Gedichte schreibt, auch noch solche, die einer festen Form unterliegen. Wörter in ein Korsett gezwängt, einen Rhythmus unterliegend, vielleicht soagr einem Reimschema. Die heutige Gesellschaft mag zwar ein Gericht als Gedicht empfinden. Doch ob sie wirklich weiß, dass ein gutes Gericht und der beschworene lyrische Text verwandter sind, als man gemeinhin denkt, ob er dieses reflektieren kann oder will, weiß niemand. Wenn man von der These verdichteter Sprache ausgeht, dann ist die Ähnlichkeit augenfällig. Gutes Essen ist ebenfalls ein Kompositum aus zunächst merh oder weniger belanglosen Bruchstücken.

Er selber brauchte manchmal die Form des Gedichtes manchmal, sich der eigenen Gedanken klar zu werden. Natürlich konnte er keine ausufernden Sprachlandschaften verfassen, wie die geniale Swantje Lichtenstein, doch half das konzentrierte Fügen von Wörtern darin, auch den Kopf zu ordnen.

So schickte er ihr das Gedicht, das noch viel zu viele Unzulänglichkeiten aufwies. Setzte sich so ihrer Kritikmöglichkeit aus.

 

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XIV / 4

„zeichnen ist gut, da kann man sich fallen lassen“

 

„Genau das …

Das brauche ich grad sehr

Fallen lassen, nicht denken“

 

„das schöne ist, das man jeglicher verantwortung enthoben ist“

 

Oh nein, das hatte er doch wohl nicht wirklich geschrieben. Ohne nachzudenken einfach etwas ins Netz geschleudert, ohne seine sonst so übliche Reflexion. Wenn es so weiterging würde er noch in einen Sog geraten, würde gar ganz ehrlich sein Herz ausschütten. Das ist immer gefährlich, weil man selber dadurch angreifbar wird. Wer aber aus der Deckung gekommen ist, der wird wohl oder übel entweder überrannt oder aber freundlich aufgenommen. Dieses Risiko musste er wohl oder übel eingehen. Es ist wohl ein Gemeinplatz zu behaupten, dass Leben Risiko bedeutet, das sich Aussetzen. Ehrlichkeit jedoch aus der Deckung heraus ist schwieriger, vielleicht sogar unmöglich.

 

„sitze gerade im auto, im stau, nicht passiert, nicht vor, nicht zurück“

 

„Manchmal muss das Leben entschleunigt werden, um zu sich zu kommen.“

 

Er würde sich in diese Unterhaltung fallen lassen, sie sprach seine Gedanken aus, ohne dazu aufgefordert sein, setzte ganz unbekümmert Wahrheiten in seine Ideenlandschaft und forderte ihn hierdurch heraus.

 

„habe gestern wanderung durch die nacht gemacht, allein am Rhein entlang, auch sehr kontemplativ“

 

„Da sind wir wohl seelenverwandt. Ich gehe oft abends allein an der Isar entlang

so schön …

Und auch, es von dir zu wissen. Das passt zu dir. Wenn ich das so sagen kann, ohne dich wirklich zu kennen“

 

Das hatte sie doch jetzt nicht geschrieben? Wer außer ihm ging spät abends oder nachts an einem Fluss entlang, meistens traf er dort Hundehalter, die ihre Lieblinge an der Leine ausführten, weil sie sonst den ganzen Tag im Büro saßen und eigentlich gar keine Zeit für die Tiere hatten. Aber Gleichgesinnte hatte er dort nur selten getroffen. Man kann von den Menschen nicht erwarten, dass sie die Ästhetik der Nacht schätzen, das feine Herausschälen der Dinge gegen einen fast ganz dunklen Himmel. Auch wenn die heutigen Städte mit einer enormen Lichtverschmutzung leben müssen. Es fanden sich immer wieder Stellen, da die Dunkelheit von der Außenwelt Besitz ergreifen durfte. Vielleicht schien dann der Mond und zumindest die hellsten Sterne konnte man ausmachen. Nicht wie in Südfrankreich, fernab größerer Städte, wo man noch den ganzen Nachthimmel bewundern konnte. Sich auf die Wiese legen und plötzlich liegt man unter dem echten Sternenhimmel, der unkaschiert Millionen von Lichtflecken zeigt. Wie Löcher im schwarzen Papier. So zumindest hatte es einmal eine deutsche Band gesungen, deren Name ihm jetzt nicht einfallen wollte.

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XIV / 3

Was aber passiert, wenn zwei Menschen mit einander kommunizieren. Zwei Menschen gar, die aus verschiedenen Kulturen kommen, völlig verschiedene Individualsozialisationen haben. War es eigentlich überhaupt möglich, zu einem gemeinsamen Verstehen zu gelangen? Er gab die nächsten Wörter ins Netz frei, wusste, dass er einerseits vorsichtig sein musste, andererseits auch sehr spielerisch. Dabei musste er selber eine entwaffnende Ehrlichkeit an den Tag legen, sonst würde sie wohl genau jetzt abspringen. Dabei bedingten sich ihre Umfahrungen und Abtastungen. Wer weiß.  Die Menschen lernt man schließlich am besten kennen, wenn man mit ihnen gemeinsam spielt. Wer schlecht mit der Niederlage im Spiel umgehen kann, der wird es im realen Leben auch nicht können. Wer das Spiel allerdings als solches begreift, dem wird es um den Verlauf gehen und darum, dass man aus dem Spiel lernt. Der wird vielleicht auch das Metaspiel, die Regeln verändern, nicht zum eigenen Gewinnstreben, sondern um das Vergnügen zu steigern. Einen viel höheren Gewinn erzielt der, welcher die Strukturen durchschaut. Gewinne lediglich nach dem monetären Nutzen zu definieren, ist die Aufgabe von Buchhaltern. Und von denen wusste er vor allem das Gerücht, dass diese oftmals äußerst langweilig waren, wenn es ans ehrliche Leben ging.

Wieder einmal huschten seine Finger im bekannten Zweifingersuchsystem über die Tastatur, wie immer nicht auf Groß- und Kleinschreibung achtend, das erschien ihm immer schon unnötig. In den siebziger Jahren hatte er mal einen Text über die Reform der deutschen Sprache gelesen, der war auch völlig in Kleinschrift verfasst. Obwohl zu dieser Zeit noch ein kleines Kind, war ihm dies haften geblieben. Nicht so sehr der Inhalt, aber die Erschütterung, dass die Schrift, die er gerade erlernt hatte nicht in Beton gegossen war, zumindest nicht so sehr, wie ihm die Lehrer dies vorgaukelten.

 

„und

das oder ist so ausschließend“

 

 

„Jetzt gerade sitze ich auf meinen Teppich in meiner Whg., höre Musik und neuerdings zeichne ich ein wenig.“

 

Ja, er konnte sich gut daran erinnern, dass sie schon einmal darüber gesprochen hatte, dass die Zeichnung sie interessieren würde. Dieses auf die Linie zurücksetzen und genau darin die Welt zu erkennen. Die Wahrheiten liegen vielleicht nämlich nicht den farbigen Flächen, die können manchmal ablenken von den Konturen und den inneren Strukturen, den Zusammenhängen, die nicht an Oberflächen gebunden sind. Die Zeichnung legt die Weltzusammenhänge offen. Dort wo Foto und Malerei oft überflüssige Atmosphäre schaffen, kann die Zeichnung brutal offenlegen. Ein Freund hatte ihm einmal erzählt, dass die von Hand gezogene Linie oft ehrlicher sein könne, als die Realität selber. Dieser war der Meinung gewesen, dass die Linie eine Welt nicht abbilde, sondern eine neue Welt erschaffe, immer knapp neben dem Sichtbaren, als abstrakte Weltinterpretation. Da könne es passieren, dass die Zeichnung durch die Zusammenfügung von Linien und Strukturen den höchsten Ausdruck menschlicher Reflexionsfähigkeit sei.

In einer Unterhaltung, die er vor kurzem mit einem sogenannt überregional bekannten Künstler geführt hatte, war ihm bewusst gemacht worden, dass die Zeichnung die klare Grundlage der Erkenntnis sein konnte, wenn man sie nur einerseits ernst genug nahm, um sie als Messinstrument wahrzunehmen und anderseits offen genug, um die Unzulänglichkeiten zu akzeptieren.

Aber zu viel wollte er ihr darüber nicht sagen, er galt bei Freunden und Bekannten sowieso schon als oberlehrerhaft. Ein eleganter Zausel, der schon seit Jahrzehnten einen auf siebziger Jahre Künstlerkarikatur machte, hatte ihn sogar bewusst diffamierend als schulmeisterlich bezeichnet. Dabei weiß doch wirklich auch der hinterletzte Dekorateur, dass Schulmeister weder studiert haben, noch je die Befähigung erlernten zu unterrichten, sondern quasi als Altersruhestand zum Lehrer ernannt wurden. Es soll übrigens auch selbst ernannte Künstler und Designer geben, die das nie studiert haben, fiel ihm dabei ein. Einige, die darin sogar gut sind, aber auch Leute, die so tun, als hätten sie Weisheit und Kreativität mit Löffeln gefressen, die allerdings der Welt offen sichtlich niemals jemals zur Reflexion üder das eigene Tun neigten. Evalution und offene Diskussion über Sinn und Inhalte sind diesen Menschen unbekannt. Das eigene Süppchen kochen, das reicht. Beim Gedanken daran huschte ihm immer ein Grinsen ins Gesicht. Geistige Armut kann man nicht bekämpfen, man muss sie ertragen. Ertragen lernen. Auch als so benannter Schulmeister.

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