XV 5

Na, doch da, gerade reingekommen. Frischluft geschnappt, wird wohl eine Scheißnacht, freu mich schon drauf, werde dann wohl wieder mal die Ruhr hochwandern. Irgendwann. Ne, heute war es nett, wenn auch der Künstler sehr dummschwätzig war, wie erwartet. Aber nett. Habe mich beim Essen sehr ausgiebig unterhalten, auch das okay, richtig offen. Aber eben fing es mit Macht mal wieder an und ist noch nicht zu Ende, alles kribbelt. Wenn die Nacht so wird, wie ich befürchte, dann gehe ich Morgen nicht arbeiten – es geht einfach nicht mehr. Bin völlig platt und inzwischen nervt es wirklich, wenn man sich dreimalumziehen muss. Montag war schon nicht ganz so toll, Freitag war schlimm, da war ich ja auch zwischendurch weg. Muss mich immer zusammenreißen, wenn andere da sind, sollen das nicht immer mitkriegen. Muss feststellen, dass ich hinterher entweder völlig am Boden bin oder aggressiv, das muss ich unter Kontrolle halten.

So, ganz abgesehen von mir, dem Narzissten, wie geht eigentlich dir? Ha, wieder in der Schlinge gefangen, wieder mal stecken geblieben. Es gibt wohl solche Leute, die brauchen das ganz einfach als Lebensessenz, auch andere haben solche Anwandlungen, nur, dass man auch mal lachen kann. Entschuldige meine banale und oft redundante Sprache, nehme mich schon zusammen. Ist doch schön, wenn man ein Gegenüber hat. Sich selbst. Ja, ne? Macht Spaß. Hm, mal sehen, wie die Leute reagieren werden, wahrscheinlich ist es so real, dass es real wird. Wie gesagt haben die KunstKonzerne Interesse angemeldet und man vergesse nicht die Namensrechte und all den Kram. Und dann mal wieder Karriere machen. Hatte mich tatsächlich um diese Position beworben, aber leider bin ich nach dem Einstellungsgespräch abgelehnt worden. Du glaubst gar nicht, wie schnell andere das Ruder übernehmen. Wird wohl wieder eine anstrengende Nacht, sag ich doch. Ja, und laut singen, wenn man gerade nicht heult und da hört keiner was, auf der einen Seite Ruhr, auf der anderen die Autobahn. Kann damit leben, man muss darüber lachen, weil es einfach albern ist. Gestern war Wein angesagt, aber das wäre jetzt glaube ich nicht so gut oder wenn dann ganz viel um ins Koma zu fallen – Filmrissdurst. Nein, keine Sorge, weiß schon, wann und so. Naja, vielleicht aber weiß ich das aber auch schon längst. Schließlich ist Gott auch nicht immer ganz groß gewesen, sondern erst nach und nach gewachsen und hat bestimmt nie geglaubt, dass er mal so wichtig werden würde. Schließlich war er erst nur der Gott eines Nomandenvolkes, wenn man der Forschung glauben will. Man könnte auch sagen, gütiger Gott, musste auch immer so ein Theater machen? Werde jetzt mal langsam Schluss machen hier, weil ich raus muss, glaube ich aber erst mal gucken, was ich noch für morgen vorbereiten kann, vielleicht hilft ja auch das was. Ach ne, geht ja nicht, nix raus hier, so ein Pech . Komme mir auch so vor ausgelaugt und ausgebrannt – dabei sollte ich doch wirklich keinen Burnout haben, dafür bin ich zu faul. War gestern nachmittags im Bett. Dann irgendwann zum Sport, war richtig gut, freier Kopf, jetzt auch soweit, wird heute nix mehr kommen., denke ich, wenn doch, kann ich nix machen…Bleibe morgen aber zu Hause, wenn es denn hinhaut, dass man hier raus kommt. Oh jetzt auf dem Bett! Musst dir auch was Warmes mit ins Bett nehmen. Das ist doch eine gute Idee, hilf dir selbst dann hilft dir Gott. Nein, das wäre jetzt blasphemisch. Hach, göttlich und wie sagt der Papst doch gleich: Urbi et orbi… uah, da möchte ich gar nicht dran denken. Na, habe gehört, alles spiegelt sich irgendwie.

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XV 4

Gestern meine neuste Idee ausgearbeitet für den nächstjährigen 1. April:

 

„Instantkunst aus dem Atelier“

„Entwicklung scheint einen neuen internationalen Trend zu setzen. In monatelangen Testreihen entwickelten einige Mitglieder der Ateliergemeinschaft nach dem Vorbild von Instantkaffee und -suppen ein neues Verfahren zur Umwandlung jeglicher Kunstwerke in handliche Tütenware. Dabei wurden sie aus der heimischen Wirtschaft tatkräftig unterstützt. Instant passt schließlich in jede Küche. „Wir mussten feststellen, dass es in vielen Haushalten zwar keine Kunst gibt, jedoch die Wände auch zu klein für unsere Formate sind,“ berichtet der Informationsbeauftragte. Anstatt nun kleinere Kunst zu fertigen („Das wäre zu einfach gewesen.“), steckten sie ihre Köpfe in einer Klausurtagung zusammen und erfanden Kunst neu. Große Bildwerke, sowohl Leinwände als auch Plastiken, werden hierzu in extra hierfür entwickelten Maschinen in feinste Partikel umgewandelt und in ökologisch unbedenkliche Papiertüten verpackt.

Bei Bedarf kann die Instantkunst mit heißem Wasser und einem Schuss Leim aufgebrüht und damit zu neuer Größe geweckt werden. Praktischerweise kann man die Größe individuell wählen, indem man einfach mehrere Tüten hinzugibt. Dieses neuartige Verfahren ist inzwischen erfolgreich als Patent und Marke angemeldet worden. In Zukunft wird es unter dem Namen Inst-Art vermarktet werden. Zurzeit steht man in Verhandlung mit verschiedenen Kunstkonzernen (KK), die sich sehr interessiert an der Vermarktung gezeigt haben. Sie überprüfen nun die Einführung eines neuen Galeristenstandards. Durch die großzügigen Offerten können sich die Entwickler nun auch standortunabhängig machen. Daher erscheint ein alleiniger Verbleib in den alten Räumlichkeiten des Ateliers schon fast als spekulativ. Auch ein Einraumkonzept als Outlet-Store wäre denkbar. Tatsächlich hat auch die Leuchtenindustrie eine Zusammenarbeit angekündigt. Da eine grundsätzliche Umstellung auf LEDs ansteht, sehen sie sich gezwungen, neue Lichtkonzepte zu entwickeln, um auch bekannte Größen der vergangenen Produktion auf das Kleinstformat umzustellen.“

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XV 3

Habe das Buch in der Tasche. Keine Ahnung, aber ich habe gerade den zweiten Teil fertig geknipst, vielleicht geht das recht schnell zu bauen, dann gibt es noch einen heute. Was bauen, was bauen, kann nicht erinnern. Nicht, mache es einfach, entschuldige mein plötzliches Verschwinden, Sie kann es nicht, sie wird es nie können, warum sollte sie auch etwas entschuldigen wollen, etwas sehen wollen, was ihr nicht passt. Gestern, bekam doch unerwartet eine Idee. Innehalten und möglichst schnell notieren oder nicht, dann ärgert man sich später. Jetzt ist sie weg und ich fühl mich satt und voll und stinke wahrscheinlich nach viel zu viel Knoblauch. Ein guter Abend mit guten Freunden wäre jetzt gut. Das innere Programm stürzt immer ab wie von einem Rechner, aber das weißt du ja nun, kriege heute Abend ein neues Programm, wenn alles gut geht, da sind wir dann im virtuellen Raum.

Kann man in sich Räume tragen? Kann man diese Räume ausbauen und vergrößern, auch wenn der äußere nicht die Möglichkeit hat, mitzuwachsen? Können die äußeren Gegebenheiten und inneren Notwendigkeiten so weit auseinander liegen, dass sie Welten bilden und in Momenten in sich zusammen stürzen, ohne dass wir etwas dagegen tun können. Was ist das für ein Blödsinn, komm raus aus diesem Haus.

So ein Tag, eben noch eingeladen zu einem sonnigen Kaffe, schon wieder ausgeladen, so kann es kommen…Jetzt sitze ich sonnig im Auto und verspeise Gemüsereste von gestern – Rübeneintopf mit Kartoffeln wäre nicht schlecht, schön garniert mit Parmesan. Und eine Käsesahnesoße mit Muskat und Sesam. Geröstete Sesamkörner, nicht schwarz, das ist mal klar. Und gleich geht es studieren. Aber was genau ist das? Alles stimmt, dann muss man auch nicht durch die selig sengende Sonne. Oh Mann, hast du heute zum Frühstück eine alliterative Konfitüre genossen oder drin gebadet? Oh, kannst du da eine Badeanstalt empfehlen? Die Gedanken abtauchen lassen, ins kühle Wasser hängen und dann frisch gestärkt durch die Landschaft streifen. Ach ja, kenne ich, soll ganz gut sein, hörte ich. Zu viele Ichs hier, muss mal einige einfach auslöschen. So, satt jetzt, das tut wirklich gut. Drei Teller von dem Zeug und für morgen ist auch noch was da. Ja, ganze Töpfe davon sollte man jedes Mal zaubern, zubereiten und nicht sparen an den leckeren zutaten, kein Speck, Gemüse muss es sein. Alles ist gut, ich sehe es ein.  Alles alles ich. Wo andere sich als Gourmets sehen, bin ich ein Gourmond. Würde es wahrscheinlich falsch schreiben, dafür aber richtig meinen. Und das schmeckt richtig gut, kannst du glauben. Hey, beim du angekommen. Zur Not muss man sich hochschlafen, hab ich auch gemacht. Man muss dazu stehen, aber es hat sich einfach gelohnt. Na gut, dafür ist die Oberfläche recht grob flauschig geraten…. Kommt auf die Situation an oder? Ja, kurz, ging nur um Feinabstimmung wegen Ausstellungsaufbau am Wochenende und dann schon wieder der nächste Anruf wegen der Sache aber aus Dortmund, so geht das, werde mich jetzt fertig machen und dann ab, ach geht ja nicht. Muss hier sitzen bleiben in dieser endlosen Langeweile. Du weißt doch, wie die Leute reagieren und der Andere hat sich nicht gerade besonders gesprächsbereit gezeigt, außerdem hat er wahrscheinlich so sehr genuschelt, dass nur die Hälfte verstanden wurde…. Ja, das ist eine ganz neue Arbeit, erst wenige Tage alt und schon kirchentauglich. Sieht umwerfend aus, finde ich zumindest, haben wir gehängt – alle anderen Arbeiten sind natürlich aktuell. Wird wohl so sein, nein, ehrlich, bin recht zufrieden, muss wohl so sein. Jaja, keine Sorge, war aber ein lecker Weinchen aus Südtirol. – auha – habe keinen Bock auf weitere Auseinandersetzungen im Moment, warte einfach. Gehört wohl dazu, aber ja, ist echt schön, haben was erlebt und das ist immer gut, ist doch auch mal gut, wenn man in einen bestellten Garten kommt. Dann geht es ja wirklich, werde jetzt die letzten Tropfen Wein trinken und dann in Richtung Stadt laufen. Der ist von 2008, das kann nur gut sein, schmeckt einfach köstlich, das glaube ich ernsthaft. Naja, da das Lager derzeit gut gefüllt ist, wird das wohl kaum möglich sein. Könnte die nächsten Wochen vollblau herumlaufen. Ha, von wegen, gibt nur Ärger. Hier liegt inzwischen 5 cm Schnee und die Flocken werden immer dicker, ha, Blödsinn aber wenn die Flocken von den Weiden oder Pappeln fliegen, ist alles surreal. Jau, gib mir einen anderen Kopf und alles wäre besser. Da kann man irgendwann wirklich nicht mehr, fühle mich aller Energien beraubt, habe sogar schon daran gedacht, wieder mit dem Rauchen anzufangen, da könnte ich mich wenigstens stillstellen.

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XV 2

Alles ist veränderbar, das ist eine gute Einstellung, man sollte sowieso alles Mögliche lieber überpinseln, keine Angst davor haben, dass das Feste zum Schlick wird. Die Bilder sind niemals ewig. Aber alles dauert dann länger, weil man wieder anfängt zu suchen, statt zu finden und wenn es nicht länger dauert, dann kann man ja so tun. Und dann verkauft man dies als neue Serie oder so, oder was auch immer, verschickt es in die Welt, aber dann bitte, verschick das bitte nicht an jeden, da könnte noch eine Fallgrube draus werden.

Vielleicht aber doch an die Armee, da würden sie mich dann sicherlich gerne aufnehmen in ihren geschlossenen Reihen, nicht in weiße gepolsterte Anzüge, sondern in ihre olivgrünen Jäckchen, die so maskulin von Härte und wahrer Männerfreundschaft künden. Würde mich mit den Jungs immer militärisch grüßen, die stellen sich ein einer Reihe auf und dann kommt der Gruß, Hand an die Stirn. Was für eine Welt, früher haben sie wohl mal das Visier hochgehalten, daraus soll das entstanden sein, habe ich mal gehört. Muss, glaube ich, nichts mehr dazu sagen, aber die Dinge verlieren nun mal mit den Jahrhunderten ihre ursprüngliche Funktion und plötzlich ist die Inhaltsleere, die Floskel wichtiger als die Realität. Überall mal, mal mal. So kann man es auch sehen, obwohl ich glaube, die Geschichte hat insgesamt einen Hau. Wobei mir die meisten Protagonisten ja ganz sympathisch sind. Ich war doch fast da. Schon bemerkt, alle haben irgendeinen Ring, Siegelring oder zur Verlobung, nur ich nicht, habe ihn abgelegt, vor Jahren und weiß nicht, wohin. Das hat aber nichts mit denen zu tun, glaube ich. Und einige tragen zwei. Nur einige, aber dafür umso mehr Klunker. Na, lassen wir das, sie wollen sicher die letzten Monate oder Jahre ihre Ruhe vor allem haben, ich kann es echt gut verstehen, irgendwann muss auch mal Schluss sein und öffentliches Leben ist schwierig. Leben in Serie. Fernsehserie, wenn das wahre Leben sich mit dem auf der Mattscheibe vermischt, die Menschen nicht mehr wissen, mit wem sie sich mehr identifizieren sollen. Gibt es eigentlich noch Realität außerhalb der virtuellen Erfahrung, die uns zusteht, die wir leben? Wenn man so eine Serie macht, dann geht das Messer eben ganz weit unter die Haut oder auch schon mal eine Nadel, mit einem langen Faden daran, der mich zusammenhält, jener heiße Faden, den ich verschluckte damals, den der Soldat verschluckte in jenem Lied von Susanne Vega. Bin oft hinterher noch verzweifelter als vorher und trotzdem froh, die Bilder gemacht zu haben. Die Leinwand im kopf bespannt zu haben, den Projektor angeschmissen, als müsse man heute noch eine Kurbel bedienen, um einen Motor zu starten. Alles surrt ganz leise vor sich hin. Wenn du das Gefühl hast, dass du alles gebracht hast, dann kann man zufrieden sein, ganz und gar. Und wenn währenddessen die Tränen fließen, dann sind sie wenigstens ehrlich – ehrliches Selbstmitleid, in das man sich ganz postpubertär fallen lassen kann. Ja, aber das Prinzip ist doch echt klasse. Nein, glaube ich nicht, aber es macht einfach Freude, das zu sehen und Lachen macht bekanntlich gesund. Ja stimmt, aber einfach zu lesen, macht auch Spaß – Blindvögel – viele haben grauen Star. Zwischen den Zeilen, Mann verirrte sich auf Markt. Seltsame Sachen. Manchmal muss man sich auch mal auskotzen…war in Düsseldorf, natürlich, hatte aber schon gesagt, dass es dort sehr eng ist, um länger zu bleiben. Je größer die Stadt, desto enger scheinen die Zimmer zu werden, dementsprechend müssen auf dem Land die Verhältnisse wohl luxuriös sein.

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XV 1

Seine Gedanken taumeln durch den Raum, lassen sich gleiten, driften ab und wollen sich nicht fassen lassen. Während das Geschehen draußen alles lähmt, kommen die Hirnzellen in Fahrt, verknüpfen sich die Synapsen zu ungewohnten Leitungsgängen. Alles verknotet sich und nirgends kann er etwas festmachen, denn nichts scheint in irgendeiner Weise solide, nur die Autos stehen fest zementiert an ihrem Ort.

Also lässt er den steuerlosen Kahn durch die endlosen Gedankengewässer schippern und ist gespannt, wo es ihn hinführt. Nein, wahrscheinlich nicht mal das, er kann nicht, hat keine Spannung in sich, alles scheint verflüssigt im Innern, alle Sekundenbruchteile scheinen zeitlos geworden durch die Hände zu rinnen. Er sieht, was draußen passiert und gleicht dies ab mit den Vorgängen, mit den Erinnerungsfragmenten, jenen Resten von Analyseleistung, deren er sich noch bedienen kann. All die Blasen der Vergangenheit, all die zunkünftigen Möglichkeiten, ein Abwägen zwischen den verstörenden Dystopien und anheimelnden Wunschbildern, die früher als Plakate von der Provinzialversicherung in regelmäßigen Abständen herausgegeben wurden. Überwundene Technik, überwucherte Städte und vor allem romantisierende Idylle. Aber was kann dies alles noch mit seiner momentanen Situation zu tun haben. All die eingeworfenen Wachmacher der letzten Stunden schlagen nun in ihr Gegenteil um und in diesem Momentum des fast Zusammenbrechens blitzen Sternenwolken zwischen den Ohren auf. Staubfontänen fegen zwischen den Straßenschluchten seiner Vorstellung und werden plötzlich weggespült. Die von Häuserdächern stürzenden Elefantenherden nach sich ziehend. Und überall sieht er Flamingoschwärme rosig aufsteigen in den Dunst der untergehenden Sonne, auch wenn es mitten am Tag ist.

 

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