XIV / 2

Er würde warten müssen, denn niemals würde diese feenhafte Erscheinung auf eine solche Ansprache reagieren, das war einfach zu albern.

 

 

Hallo alter Mann !

War das eine Frage?

Ich bin in München.

 

Unglaublich, sie antwortete tatsächlich und das innerhalb weniger Sekunden. Klar und direkt, ohne Umschweife seinen großen Makel benennend. Aber genau das hatte er an ihr bisher so schätzen gelernt. Sie nahm, ohne sich in irgendeiner Weise dafür zu entschuldigen, niemals ein Blatt vor den Mund, sprach, was sie dachte. Oder zumindest das, was er sich an Gedanken von ihr vorzustellen vermochte. Das konnte manchmal ein Schlag mit dem Holzhammer zwischen die Ohren sein, war andererseits so angenehm entwaffnend, dass er sich dem Spiel immer wieder nur ergeben wollte. Tatsächlich hatte er einen Moment daran gedacht, sich jetzt möglichst zurückzuziehen, wusste er doch, nur Verlierer dieser Verbalschlacht sein zu können. Ohne seine selbst gebauten Palisaden, seinen  Schutz konnte er doch kaum vor dieser Welt stehen. Trotzdem ließ er die Finger über die Tastatur gleiten.

 

was machst du in der weltstadt?

 

Jetzt gerade oder generell ?

 

Damit hatte er nicht gerechnet, diese Frau war doch intelligenter, als die meisten anderen. Zwar gehört es sich nicht, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten, doch wer unpräzise fragt, muss damit rechnen, dass er dieses auch gezeigt bekommt. In anderen Situationen hätte er natürlich auf das Manko hingewiesen, gezeigt, dass es schon rein kulturgeschichtlich eine Unverfrorenheit ist, wenn Fragen nicht oder nicht richtig beantwortet werden, dann auch noch diese Umwegstrategie mit Gegenfrage zu spielen, war nicht richtig, soviel musste sie doch nun wirklich wissen. Politiker gingen diese Wege, beantworten niemals eine Frage direkt, sondern versuchen ihre ideologisch gefärbten, ihre tendenziellen und vorfabrizierten Textfragmente unterzubringen. Ja, wenn ein Politiker gefragt wird, ob er gestern eine gute Verdauung gehabt habe, wird er die Frage stellen müssen, ob die Klospülungen nicht schon seit Jahrzehnten zu viel Wasser und eventuell auch noch seltene  Rohstoffe verbrauchen. Rohstoffe, die man in anderen hochsensiblen Sparten unserer Wirtschaft sicherlich noch dringlicher gebrauchen konnte. Man muss sich nur einmal vorstellen, wie viele Sitze durch hochwertige Edelstahlhalterungen fixiert werden. Dabei könnten hier auch ganz billige Schrauben verwendet werden. Er könnte sich wahrscheinlich sogar dahin versteigen, das Sitzverhalten und die sich dadurch ergebenden Haltungsstörungen mit dem Gesundheitssystem in Verbindung zu bringen und letztlich zur durchaus richtigen Forderung zu gelangen, dass die Sitze einerseits ergonomischer zu formen seinen, andererseits für die bereits geschädigten Mitbürger endlich mehr Rehabilitationsmaßnahmen aufgelegt werden müssten, die natürlich mit den aktuellen Überschüssen der Krankenkassen zu bezahlen seien. Ohne Zuzahlung der eh schon durch unglaubliche Mengen an Zuzahlungen gestraften Patienten. (An dieser Stelle wunderte er sich, dass es ihm so oft passierte, dass Wortwiederholungen selbst in den zügigsten Gedankenläufen immer wieder einmal vorkamen. Aber das würde er irgendwann zu Hause, im roten Ohrensessel mit einer guten Flasche Wein und dunkler Schokolade weiterentwickeln. Sein Vater hatte in solchen Situationen immer gesagt, er simuliere gerade)

Das Spiel konnte also beginnen. Sie hatten die Klingen ihres Verstandes gekreuzt und erkannt, dass jeder eine eigene ebenbürtige Technik  hat. Kräftemessen als intellektuelles Ritual.  Alles passierte in Sekundenbruchteilen, Erkenntnisse flammten im Hirn auf und verloschen ebenso schnell wieder. Blixa Bargeld und seine Einstürzenden Neubauten hatten in grauer Vorzeit ein Lied eben hierüber gesungen. Der Text lag ihm wie eine romantische Sehnsucht auf der Zunge, doch war er unfassbar weit weg. Es war um einen Zungenkuss, einen Kolibri, um ganze Galaxien, die zerstört werden im Laufe eines Augenblickes, gegangen und erschien ihm immer sehr plakativ. Aber Musik muss wohl so sein. Die Menschen möchten wenigstens die Texte verstehen können, wenn die Musik auch auf immer kryptisch bleibt. Ganz anders da die Blumfelds der frühen Jahre, mit klarer, einfach strukturierter Musik und dazu kryptischen Texten. Wortfragmente, die sich ins Hirn quetschen und dort Veränderungen auslösen, wenn es dich packt für das ganze weitere Leben. In bestimmten Situationen können die Textstücke Löcher in den Himmel reißen. Die Augenblicke bergen in sich ganze Romanwelten, ganze Theorien mochten in wenigen Sekundenbruchteilen sich entwickelt haben, nur noch auszuführen in all ihren Einzelheiten. Da macht es auch nichts, ob es sich um eine Idee handelt, die vielleicht gerade mal hundert Buchstaben trägt oder um eine verwirrte Geschichte, die mehrere Bücher braucht, um sich zu entwickeln. Man stelle sich einmal vor, was für Geistesblitze Geistesgrößen in ihrem Leben schon hatten und diese wegen der Begrenztheit der Zeit nicht ausführen konnten. Nicht jeder Mann, jede Frau kann die Wörter in die Luft schleudern und im Fallen Poesie zaubern.

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Kalkulierte Schlagzeilen – brutale Überschriften rechnen ab

Der Idee der wunderbaren Satireseite www.der-postillon.com von abstrusen Schlagzeilen möchte Herr Nipp sich gerne öffnen. Demnächst werden sie unter Texte  veröffentlicht. Hiermit öffnet sich die Seite auch gerne Co-Autoren. Wer schöne Ideen hat, kann diese gerne an b-sucher1@web.de senden. Die besten Einsendungen werden unter dem Autornamen veröffentlicht.

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XIV / 1

In diesem Moment hörte er den fordernden Ton des Laptops, jemand hatte ihm wohl eine wichtige Nachricht zukommen lassen. Das ist wohl das Verrückte an dieser interkommunikativen Zeit, man könnte den Mitmenschen nicht entfliehen, nur, wenn alle Geräte auf Aus gestellt wären und das kann sich niemand leisten. Bestimmte neue Entwicklungen müssen immer direkt abrufbar sein, nichts darf dem modernen Geschäftsmann durch die Lappen gehen. Ein weiterer Ton zeigte nun an, dass eine Antwort gefordert war. Er klappte den Rechner auf und musste nur zwei Mal auf die Oberfläche tippen, schon schien die Seite mit kleinen Bildchen auf. Eine schöne Frau blickte ihn direkt an. Schwarze Haare und Augen, denen man verfallen konnte. Immer schien es ihm, als wechselten sie zwischen absoluter Ernsthaftigkeit und mildem Spott. Sie war doch so viele Jahre jünger. Kann man über die Generationen hinweg eine ernsthafte Unterhaltung mit einander führen, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben?

In einem Gespräch mit einigen Künstlern hatte er gehört, dass es solche Situationen der Begegnung auf Augenhöhe tatsächlich geben sollte. Da saßen dann drei vier Künstler zusammen zwischen zwanzig und siebzig Jahren alt und redeten mit einander, jeder hatte jedem etwas mitzugeben und tatsächlich kamen auch noch sinnvolle oder unsinnige, aber dafür spannende Projekte dabei heraus. Zwischen Erfahrung und neuen Gedanken liegen vielleicht Welten, aber diese können immer dann überwunden werden, wenn man sich mit Herz und Haut dem sogenannten Flow hingibt. So hatten diese Künstler es bezeichnet, tatsächlich war ihm immer wieder aufgefallen, dass ältere Künstler gerne mit jüngeren zusammen arbeiten, auch umgekehrt. Da ging es dann nicht um Marken, die vor anderen verteidigt werden mussten, sondern darum Kunst zu machen. Ohne Limits.

Ob er selbst allerdings für eine solche Sache fähig wäre, das konnte er in diesem Moment nicht entscheiden. Kaum jedoch sah er das nett lächelnde Smileyzeichen, musste er an ein Video denken, an sein bewusstes Altern auch. Vor einiger Zeit hatte er ein erschütterndes Video gesehen von Anthony and the Johnsons. Cut the World. Von der Qualität eines Spielfilms. Gute Schauspieler und vor allem eine Kameraführung, die innerhalb weniger Sekunden den Betrachter in seinen Bann schlagen muss. Der alte Firmenchef  im Kontrast zur schönen jungen Sekretärin und man hat das Gefühl, dass zwischen den beiden etwas nicht Ausgesprochenes läuft. Dass er verliebt ist und weiß, dass es nicht geht, und dann nimmt sie irgendwann das Messer und schneidet ihm von hinten die Kehle auf. Vergießt eine Träne, die ihm ins Auge fällt. Sie verlässt das Zimmer, das Büro und plötzlich kommen von überall her weitere Sekretärinnen, alle haben ihre Mordwerkzeuge in der Hand und man weiß, was in dieser entmenschten Stadt, dieser Bürostadt passiert ist. Entseelte Menschen, die in einem unerklärlichen Akt des Mitleids die alte Generation abgelöst hat, die vielleicht auch all ihre Erniedrigungen nun ausgelöscht haben.

Einige Abende zuvor hatte jemand von diesem Video erzählt.

Nein, es musste auch anders gehen. Natürlich trauert man irgendwann um die eigene Jugend, um die Vergänglichkeit des Lebens und dass die Zeit nicht zurück zu drehen ist. Aber irgendwann erlischt nun einmal die Energie allmählich und das sollte akzeptiert werden. Das heißt aber nicht, dass ein Miteinander in der Kommunikation nicht möglich wäre.

Schnell gab er eine Antwort ein, und schon im nächsten Moment dachte, er, nein, kann nicht sein, du machst dich lächerlich:

 

hallo, schöne frau, nicht auf einem konzert?

 

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XIII

„…die da unten können einem Leid tun.“ „Wen meinst du, die im Stau stehen oder die in den Wracks?“ „Alle.“ „Unsere Aufgabe ist es, die Leute zu retten und wenn dabei einige zu spät ans Ziel kommen, dann geht uns das nichts an.“ „So viele Kilometer Blech und Plastik, so viele Dramen, die sich auf engstem Raum abspielen.“ „Da vorne ist das Ziel, denk dran, wir müssen konzentriert arbeiten, die Routinen abspielen, das ist die einzige Möglichkeit, dass wir helfen können. Alles, was in den letzten Wochen geübt wurde, kannst du jetzt zeigen. Die Protokolle helfen dir, Überblick verschaffen, schauen, was zu machen ist und mit den schwersten Fällen schnell wieder weg. Jede Minute zählt.“

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Der Stau XII / V

Trotz seines Glückszustandes wälzte er diese Gedanken hin und her, wie gesagt feit das Glück nicht vor der Ernsthaftigkeit. Schließen sich beide Zustände des Unbewusstseins nicht aus. Langsam fiel er dann in den oberflächlichen Schlummer zurück, er ließ sich zurückfallen und alles ergab einen wirren Traum als Mischform von Wahrnehmung und sich verselbstständigter Gedankenfragmente. Der Glückszustand beim Höhepunkt des Vögelns hatte ihn übergangslos zu den Niederungen der Existenz der Vögel getrieben und leichten Mutes mit schweren Gedanken in die Arme Morphois´ getrieben. Die Gedanken verschwammen mit den halbwahren Traumwelten des Halbschlafes, so wie er es einst in einem Lustigen Taschenbuch gelesen hatte. Immer wieder wurde dort Donald Ducks Schlaf durch Lärm unterbrochen und Fragmente des Gesprochenen wurden dann die Grundlage des Weiterschlafes, der abenteuerlichen Erlebnisse, des buchstäblichen Antihelden.

Und die Wesen dort draußen, denen die beischlafende Tätigkeit begrifflich entlehnt, zwitscherten scheinbar unschuldig weiter ihr süßes Lied des nachbarschaftlichen Neides. Welch gräusliches Wortgesäusel des Biedermeier, das allerdings immer funktioniert, wenn utopisches Sein und jener Wunsch besprochen wird, beschrieben in ausufernden Romanen, man denke nur an jene Idealwelt in Stifters „Nachsommer“. Idealer Charakter in idealer Welt, ein lauterer guter Geist.

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