Gezeitengespräch I

Gezeitengespräch

September 2013 bis Juni 2014

Das Gezeitengespräch entstand in der Werkstattgalerie DER BOGEN in Arnsberg – Neheim. Die Bilder unterliegen dem Kopierrecht der Künstler. Das Buch erscheint in einer ersten Auflage von zweihundert Exemplaren bei  EDITION DAS LABOR, Verlag der Artisten.

© Alle Rechte liegen bei Karl Hosse und Haimo Hieronymus.

Arnsberg-Neheim, 2014 

Für Beate und natürlich Anna Blume

 

  1. Name: Zeitnah – ist Person – ist jünger            Sie sprechen zusammen
  2. Name: Zeitfern – ist Person – ist älter                Sie sprechen miteinander

Sagen nichts

Sagen in Gedanken etwas

Sprechen durcheinander

Hören nicht hin

Hören genau hin

3. Eine dritte Person, die nicht benannt ist

 

 In jedes Paradies gehört ein Krokodil.

Zeitfern: Da waren die großen Zementröhren, gelagert auf der Straße. Nebeneinander. Ich konnte als Kind darauf springen. Obendrauf. In kurzer Lederhose. Es war wie ein Rausch.

Zeitnah: Auf dem Feld zweimal nebeneinander je drei dicke Rollen Stroh. Zu Pyramiden gestapelt. Ein Spätsommertag. Vielleicht ein letzter unbeschwerter unserer Jugend, die uns verließ. An der wir krampfhaft klammerten. Die ersten Fragen kamen auf und später kamen wir nie wieder zusammen. So nicht. Ein Tag der tiefsten Freundschaft.

Zeitfern: Doch der Schnelligkeit meiner Gedanken folgten die Beine nicht. Ein Schritt zwischen den Röhren und Fallen schmerzhaft, rau die Haut gerissen – Knie bluten. Ellbogen rot träufelnd. Ich verwirrt – erschrocken mit Schulranzen nach Haus. Wo warst du? Ich habe dir immer gesagt? Komm setz dich. Hör auf zu weinen!
Der Sommer brüllte, kurz vor den langen Ferien, die Röhren wurden eingegraben. Gibt es heute noch unter Erde. Transportieren Scheiße.

…und Rollen Stroh sollen sehr gefährlich sein, wenn Regen drauf fällt, sagt man. Du mit deinem Rollenstroh.

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Gezeitengespräch – Ankündigung

„In dieser Woche ist das Buch „Gezeitengespräch“ von Haimo Hieronymus und Karl Hosse im Verlag „Edition DAS LABOR“ veröffentlicht worden. Die beiden Freunde führen auf Augenhöhe über den großen Altersunterschied hinweg eine mäandernde Unterhaltung. Da findet sich jedoch nicht Kryptisches oder gar Labyrinthisches, alles ist offengelegt. Einfache Gedanken in einfacher Sprache. Vom Hölzchen aufs Stöckchen springen sie, ohne auch nur ein Fettnäpfchen auszulassen oder zuweilen in den Sumpf des Banalen abzurutschen. Fast ein Jahr lang haben sie sich hierzu handschriftlich in einem Buch getroffen, welches in Karl Hosses Atelier ganz öffentlich auslag. Haben aufeinander reagiert, aneinander vorbei argumentiert und lesbar Freude am Spiel gehabt. Natürlich verzetteln sie sich ganz bewusst und lustvoll. Sie sprechen über Vergangenheit, Wahrnehmung, Kunst und alles, was zum Leben gehört, Nebensächlichkeiten und Liebe, Tod, Zweifel, die Lust am Leben wie Leiden. Das Originalmanuskript wurde ohne grundlegende Veränderungen direkt übernommen, lediglich auf Interpunktion und Orthografie überarbeitet. So ergibt sich ein sehr direkter Eindruck in das jeweilige Denken und immer wieder können die augenzwinkernden Gedankensprünge in Sackgassen führen, ohne dass dies unangenehm wird. Denn glücklicherweise wissen sie im entscheidenden Moment immer, wo der Rückwärtsgang liegt, dass man nicht unbedingt ungebremst jede Mauer rammen muss.“ Matthias Hagedorn

Zu einer ersten, dann wohl ohrenzwinkernden Lesung am 20.11.2014 lädt die Mayersche Buchhandlung in Neheim ab 19.30 Uhr ein. In den nächsten Wochen werden auf dieser Seite alle drei Tage Auszüge veröffentlich werden. Am 18.11. geht es los. Eine weitere Lesung wird am 23.12. um 20 Uhr in der Werkstattgalerie DER BOGEN stattfinden. Der Eintritt ist jeweils kostenfrei.

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Das Buch mit zahlreichen Abbildungen der beiden Künstler ist ab heute in der Mayerschen Buchhandlung Neheim, in der Werkstattgalerie DER BOGEN sowie direkt bei Haimo Hieronymus oder Karl Hosse erhältlich. Es erscheint in einer Auflage von 200 Exemplaren und kostet 20 Euro. Sämtliche Einnahmen sollen einem weiteren Buchprojekt zufließen.

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Nebelbankgedanken endlos

Völlig übermüdet sollte kein Auto, ja, kein Fahr- oder Flugzeug gesteuert werden, denkt sich Herr Nipp. Er hat seine Anlage bis zum Anschlag aufgedreht, hört abwechselnd Stücke von Radiohead, Muse und Bach. Der Rückspiegel wackelt im Rhythmus der hämmernden Bässe. Obwohl es draußen neblig-kalt ist, hat er das Fenster geöffnet, heruntergekurbelt kann man nicht sagen, denn es gibt keine Kurbel mehr in den modernen Autos, schon gar nicht so ein Klappfenster wie in der liebevoll so titulierten Ente. Lässt sich die feuchtschauerliche Luft um die Nase wehen, die Augen tränen, so wie eigentlich immer, wenn gerade „Creep“ läuft. Zweimal hat er auf den letzten Kilometern am Autobahnrand Kreuze bemerkt. Diese Strecke scheint unfallträchtig zu sein, wahrscheinlich macht wohl der hier häufig auftretende Nebel müde, geht es ihm durch den Kopf. Gedanken sind in solchen Situationen wohl das wichtigste Hilfsmittel, um sich abzulenken, der Müdigkeit ein Schnippchen zu schlagen und damit auch dem Sensenmann, der diese Strecke offensichtlich liebt.

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Früher hatte er immer Angst, wenn sein Vater mit dem saharafarbenen 200er Mercedes durch Nebelbänke fuhr. Rauschte. Vorne vielleicht 50, oft auch nur 30 Meter Sicht, aber unerschütterlich flott hatte der Mann am Steuer wahrscheinlich ein ganz besonderes Navigationssystem, auch wenn schon allein dieses Wort damals nicht oder nur Seeleuten und Flugzeugpiloten bekannt war, um die Strecke einzuschätzen. Er kannte einfach jede noch so kleine Biegung, jede scharfe Kurve auswendig und wusste, wie das Lenkrad zu bewegen war, da gab es für den Sohn keinen Zweifel. Das schon. Aber Angst hatte er trotzdem, große Angst, so richtig Schiss. Also begann der hinten sitzende Junge irgendwann die Seitenpfosten zu zählen, die waren schließlich zu erkennen. Wenn auch sonst nichts. Einmal hatte er wohl bemerkt, dass sich gerade neben dem Auto ein Reh aus dem Nebel schälte. Selbst ziemlich erschrocken blickte, noch mal davon gekommen. Den Jäger im Rücken wahrscheinlich mit Selbstmordgedanken.

Normalerweise konnte er allerdings gerade mal die Pfosten, die Straße direkt vor dem PKW sehen. So eine richtige Limousine mit riesigem Kofferraum war es, wie damals bei Mercedes üblich. Zu der Zeit gab es von dieser Firma noch keine Kombis. Das wäre wohl verpönt gewesen, zu modern.

Oder er zählte die Schlagzahl der Mittelstreifen, die sich weiß vom schwarzfeuchten Asphalt abhoben, wackelte in deren Rhythmus mit seinen Füßen, trat den Takt, als habe er Autismus oder Hospitalismus. Oder als sei er ein Schlagzeuger, der sich durch nichts aus diesem Takt bringen lässt. Oder er hielt seinen linken Zeigefinger in eine bestimmte Höhe vor das nicht zu gekniffene Auge, ja, er konnte stundenlang ein Auge schließen und nur mit dem anderen sehen, und stellte sich vor, wie es wäre, wenn der gesamte darüber befindliche Baumbestand mit einem Laserstrahl gefällt würde. Ganz ordentliche Landschaft von seiner Position aus. Eine exakte Gerade als Horizontlinie. Er malte sich aus, dass er eine Möglichkeit erfinden würde, all die gespeicherte Energie in eine kleine Kugel, nicht größer als ein Tischtennisball, aufzunehmen, mit dem man irgendwann die ganze Welt versorgen könnte. Es mag sich vielleicht komisch anhören, aber tatsächlich machte sich Herr Nipp schon als kleiner Junge darüber Gedanken, wie die Energie von Blitzen zu nutzen sei. Erst sein späterer Physiklehrer mit dem riesigen Schnauzbart, der ihn wie eine Robbe aussehen ließ, brachte ihn mit allerhand Realismus von diesem Gedanken ab. Energie komprimieren, ja, das würde die Zukunft sein. „Wie soll denn das gehen?“, hatte sein Vater irgendwann einmal gesagt. Ungläubig, zweifelnd, fast abwertend. Ein Zweifel, der nagte. Irgendwann würde er schon einen Nobelpreis dafür kriegen, hatte er damals gedacht, aber es gibt schließlich so viele andere Gedanken, die außerdem realisiert werden mussten. Alles Gedanken, um sich von der grundsätzlichen Angst vor dem Autofahren abzulenken.

Eigentlich hatte er immer Angst, wenn es durch die Landschaft ging, wurde ihm dann schon allein aus Prinzip schlecht, nicht aus Notwendigkeit. Aber wenn er so aus dem Seitenfenster schaute, die Seitenpfosten zählte, dann konnte es schon passieren, dass ihm schwindlig wurde und die Folge war dann eben doch zwangläufig; ihm wurde massiv schlecht. Nicht so ein Schlechtsein, das man dann verdrängen kann, sondern das echte Schlechtsein, das nur mit übelstem Erbrechen behoben werden kann. Ja, muss. So hatte er sich mehr als einmal in den vom Vater so heiß geliebten Wagen übergeben, manchmal auch noch gerade rechtzeitig das Fenster herunter gekurbelt und im Fahren nach draußen gespien. Damals gab es schließlich noch Kurbeln, in den siebziger Jahren.

Herr Nipp hatte auch alles andere gezählt und sehr viel Freude daran, seine Auszählungen irgendwann prozentual auszuwerten. Das konnte er schon mit neun Jahren fast perfekt. Selbst beigebracht versteht sich, vielleicht hatte ihm auch sein Bruder geholfen, das war jetzt nicht mehr so genau zu bestimmen. Aber dazu vielleicht später, irgendwann vielleicht einmal.

Einmal hatte er in einen Hundehaufen getreten, der Gestank mischte sich mit dem Pfeifenrauch des Vaters und konnte eigentlich so nur zur Katastrophe führen. Diese würzige Mischung wollte eine Abrundung, nicht das aufdringliche Parfüm der mitfahrenden Großtante, sondern die Magensäfte, die unschlagbar waren. Das zog eine ebenso folgerichtige Ohrfeige nach sich. Damit konnte schließlich auch der krankeste Junge der Welt zur Vernunft gebracht werden.

Später war Herrn Nipp durch seine ununterbrochenen Verhältnisauszählungen bewusst geworden, dass sich der Anteil bunter Autos im Straßenverkehr zusehends verringerte. Immer langweiliger wurden die Farben, kein Orange mehr, kein Leuchtgrün und schon gar kein Hellblau. Auch kamen neue Marken hinzu, viele Japaner plötzlich. „Weil die so billig sind!“, sagte sein Vater immer. Der Anteil der Enten nahm ab, der Anteil der Käfer auch, der Anteil von Opel, und Simca war plötzlich ebenso verschwunden wie die letzten RO 80 und die typisch gelben DAFs. Vielleicht war dem kleinen Nipp schon viel früher als anderen bewusst, dass die Welt immer bestimmten Veränderungen unterliegt. Auch saßen immer mehr Frauen hinter dem Steuer, sogar manchmal die eigene Mutter, die erst mit 42 den Führerschein gemacht hatte. Dann hatte er noch mehr Angst.

Auch die Landschaft unterlag langsamen Veränderungen, so wurden nach Kahlschlägen auch wieder Laubbäume gepflanzt oder Mischwälder. Tatsächlich besannen sich wohl einige Waldbesitzer darauf, dass die Wälder eben nicht nur Wirtschaftsflächen sind, sondern Lebensräume. Vielleicht bekamen sie aber auch irgendwelche Förderungen hierfür. Was sicherlich wahrscheinlicher ist. Plötzlich bekam auch das kleinste Sauerländer Bergdorf eine Ampelanlage, die Zeit der Kreisverkehre sollte später kommen.

Herr Nipp konnte sich auch immer wieder gut daran erinnern, wie die Armatur des Autos damals aussah, er hatte sich in meditativer Kontemplation in die Betrachtung damals vertiefen können, um so vielleicht einen heilsamen Schlaf zu erhalten, der ihn vor Angst und Reisekrankheit bewahrte. Nur, um dann zu Hause angekommen, mal mehr, mal weniger sanft aufgeweckt zu werden.

Als Herr Nipp dieses Mal aufwacht, kann er sich glücklich schätzen, abgesehen von der langen Schramme, die sich über die gesamte Autoseite links zieht, ist er heil davon gekommen. Die Leitplanken haben ihr Werk richtig und sinnvoll vollbracht und ihn sanft  die Autobahnabfahrt herunter geleitet. Für ihn wird kein Kreuz aufgestellt werden, erstmal nicht.

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Eckspelunke

Wieder einmal sitzt Herr Nipp in jener kleinen Eckspelunke, welche er vor ein paar Wochen für sich entdeckt hat. Eigentlich kann man ihn ja wirklich nicht gerade als Kneipengeher bezeichnen, selbst in seinem langen, einige sagen, viel zu langen Studium, hatte er sich vielleicht zehn Mal in all den Jahren abends mit ein zwei guten Studienfreunden in ein Lokal gesetzt. Dies war nicht nur seiner Sparsamkeit geschuldet, auch wenn er durchaus zu eben dieser geneigt hatte. Lieber sparsam leben und weniger neben dem Studium arbeiten müssen, als einen auf dicke Hose zu machen, dabei aber jede freie Minute arbeiten zu gehen. Wobei ihn hier schon die Frage geplagt hätte, was denn Freiheit ist. Auch heute glaubt er, dass die Menschen mit dem Begriff Freiheit vor allem Trägheit verbinden. Nicht tun zu müssen. Er selbst war allerdings der Meinung, dass die Freiheit nichts mit Geld zu tun hatte, sondern damit, sie sich selbst tätig und vor allem täglich erarbeiten zu müssen.

Aber das soll eigentlich gar nicht thematisiert werden. Jedesmal, wenn ich über diesen Herrn nachdenke, komme ich vom Hölzchen aufs Stöckchen oder wie meine Mutter immer sagte vom Hundertsten ins Tausendste. Oft ergeht es mir dabei allerdings so, dass die kleinen Begebenheiten völlig aus dem Auge zu geraten drohen und zum Schluss weiß ich gar nicht mehr, worum es eigentlich hatte gehen sollen. Vielleicht sollte sich der Erzähler aber auch völlig zurückhalten und seine eigene Meinung oder sein schreibendes Handeln gar nicht kommentieren. Er wird dadurch wahrscheinlich viel zu transparent. Aber da es hier ja schließlich nicht um Literatur geht, und das ist kein Fishing for Compliments, sondern durch eine höhere, hier nicht weiter zu bezeichnende Instanz festgesetzt, darf ich auch mal das bezeigen, was meiner Realität entspricht: Schreiben und Inhalte generieren letztlich den Zufall durch Assoziation und Bisoziation und diese lassen Gedankengeflechte entstehen, die ich gar nicht mehr entwirren kann und will und selbst wenn ich mich nur auf die Notizen konzentrieren würde, immer arbeiten die Texte Krebsgeschwüren gleich ihre eigenen Sinne und Inhalte, ihre selbstgewählten Bedeutungen und Bedeutungslosigkeiten, heraus. Also entschuldige, lieber Leser, liebe Leserin, und schon dies sollte doch eigentlich umgekehrt zu formulieren sein, dass ich manchmal ausufernden und vor allem halbgaren Blödsinn schreibe, nein, nicht Blödsinn, sondern wie es die Süddeutschen sagen würden,  Schmarrn. Immerhin versuche ich dabei die Stellschraube ein Stück fester zu ziehen und sei es nur dahin gerichtet, überhaupt dem Wort einen Sinn zu geben oder diesen selbst zu entdecken oder noch besser: zu entlarven. Nein, Hochwortkunst kommt dabei beileibe nicht zustande und das mag ich ja gerade, diesen Kontrast zwischen dem, was ich selber schreibe und dem, was ich lese. Manchmal aber, das sei gesagt, ist es einfach angenehm, einen Text zu lesen, der nicht Tage des Verstehens in Anspruch nehmen muss, sondern als einfachste Zubettgehunterhaltung funktioniert. Nicht jede Klolektüre muss doch schließlich anstrengend sein. Aber genug davon, sonst wächst es sich noch zu einem theoretischen Essay über das Verfassen von Texten aus.

Herr Nipp hatte mit einigen seiner Freunde eine Art Spiel gespielt: Sie hatten sich Kriterien für die Bewertung von Eckspelunken zusammengeschustert und waren dann wochenlang durch sämtliche Kneipen des Ortes gezogen, jeden Abend eine neue kennen gelernt. Als Nichtausgeher, sondern lieber zu Hause Trinker und Feierer war das eine durchaus neue Erfahrung, plötzlich mit fremden Gesichtern konfrontiert zu sein. Mit Menschen, die offen hörbar innerhalb der eigenen Sprache eine völlig andere Sprache sprachen, eine von Floskeln und Sprüchen durchsetzte,von Witzchen und  voraussehbaren Bonmots. Vor allem die Themen stellten sich für ihn als völliges Neuland heraus. Nicht nur Fußball wurde dort ausdiskutiert, so das überhaupt möglich ist, sondern auch Autos, natürlich auch die Trivialmythen unserer Gesellschaft. Gestandene Männer unterhielten sich dort tatsächlich über typische Frauenthemen, wie zum Beispiel das englische Königshaus und Krampfadern und alle anderen Wehwehchen. Wehe aber, wenn dort irgendwelche Frauen hinzukamen, dann wurde sofort auf Machothemen umgeswitcht. Umgeschaltet, schließlich braucht es doch keiner Anglizismen, wenn es gute andere Worte dafür gibt. Jedenfalls sind aus dem Spiel regelmäßige, wenn auch nicht häufige Besuche in eben dieser Kneipe geworden. Sie war einfach die beste.

Sie wird von einer alten Frau geführt, die sicher schon vor Jahren oder Jahrzehnten in den Ruhestand hätte gehen können. Eine freundliche kleine Frau mit verständnisvollen Augen und einer Mimik, die zeigt, dass sie schon viel erlebt hat. Diesen Menschen kann so schnell keine Geschichte erschütternd aus der Bahn werfen, kein Erlebnis kann sie von Sockel hauen.

Er wartet also auf eben jene Freunde, die heute allerdings wohl nicht mehr kommen werden. So können die anderen Gäste mit ihren kleinen netten Ritualen beobachtet werden, mit ihren Würfeln und Trinkspielchen und den Verschwörungstheorien, die von ganz Kleinen bis zur großen Politik gehen und durchaus teilweise hellsichtig erscheinen. Da wird gerade über einen Dokumentationsfilm auf youtube gesprochen, der die Anschläge am 11.09.2001 zum Thema hat. Über Filmsequenzen, auf denen überhaupt keine Flugzeuge zu sehen sind, auf denen bewiesen wird, dass alles dies eher einer kontrollieren Sprengung gleichkommt, in denen gezeigt wird, dass ein Jumbojet nun einmal nicht in ein 6 Meter großes Loch im Pentagon passt. Aber all dies bekommt doch irgendwie ein Geschmäckle genau dann, wenn die Zungen ihren Dienst nicht mehr pflichtbewusst erfüllen wollen. Ach ja, und dann wird natürlich wieder alles ausgeweitet auf die Mondlandung, den Präsidentenmord und natürlich die Vorgänge in Area , „äh, weiß gerade die Zahl nicht, 51 oder so“. Wer jetzt böse wäre, würde auch noch die Antwort 42 auf die Frage aller Fragen einbringen, denkt Herr Nipp und bestellt sich sein drittes großes Blondes.

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Ausbau

Vor einigen Jahren hatte er einmal gedacht, dass nun das gesamte weitere Leben auf dieser ebenen und ausgebauten Straße verlaufen würde. Er hatte dementsprechend den Tempomaten eingestellt. Angenehme Geschwindigkeit, ohne die Notwendigkeit zu haben,  rasen zu müssen. Ganz entspannt ging das Leben seine breite Asphaltstraße entlang. Als wäre er auf einer immerwährenden Geschäftsreise oder einer solchen in den Urlaub. Es würde wohl immer so weiter gehen. Entspannt hatte Herr Nipp es sich eingerichtet. Nach und nach die Unannehmlichkeiten ausgemistet und das Auto behaglich gestaltet. Das Tuning nicht aufreizend aufregend, sondern sachlich simpel-entspannt. Er hatte bemerkt, dass der Wagen zu blenden hatte, mit Perfektion statt Leidenschaft. Die Farbe zurückhaltend. Der Motor stark. Die Sitze waren weich. Die Musikanlage dezent kraftvoll. Alles perfekt.

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Wer hätte schon damit gerechnet, dass die Autobahn nicht ausgebaut war bis zum Ende.

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