Gezeitengespräch VI

Zeitfern: —

Zeitnah (wieder da): Und dann bin ich hier, sitze auf dem harten Hocker, der das Umsehen erlaubt und wieder seichtes Klaviergeklimper wie aus dem Kaufhaus, fern der Realität die Gedanken melancholisch schweifen lassen, ohne Anspruch. Ohne das verbissene Gefühl eines wie auch immer gearteten Wollens, gar Müssens. Der Zeit erlauben zu gleiten, die Sekunden, Minuten, wer weiß, gar Stunden fließen. Wer weiß schon, wo die Gedanken hinführen, zur Mitte zurück, vielleicht auch an den Rand der Welt. Sich neue Horizonte erschließend, ohne jene berühmte Träne im Knopfloch. Diese Blicke im Nacken, die Silhouette im Kopf, loslassen, treiben lassen. Als Abschied auf Zeit von dem Erleben derselben. Nicht atemlos, sondern atemholend. Erleben.

Zeitfern: Dieses romantische Leseeckengeklimper, Klavier leicht, löst oft mehr aus im Gefühl, als ich will. Es ist wie Luft holen ohne denken. Loslassen wohin? Der Schlaf kündigt sich an. Ich will träumen. Ein Bild ist fertig. Die Welt liegt entfernt. Mein Kopf gereinigt. Nichts raubt mir die Bläue. Der Pfeil fliegt in die andere Richtung. Und „du wieder da“. Eva liebt die Schlange. Und die Pferde sind wieder da. Eins weniger. Die Weide wird kleiner.

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Gezeitengespräch V

Zeitfern (nächster Tag):   Immer Hoffnung, dass du was sagst. Ist das Realität? Meinungen haben schon immer ein Intermezzo gegeben.

Zeitnah (Ich bin heute): Hinterfrage es nicht, aber doch, da sind Dinge, die befragbar sind.

Zeitfern: Wenn die Dinge des Himmels befragbar sind, frage ich: „Wer gibt die Antworten?“ Die Dinge sind in uns, von uns erfunden. Also Zwiegespräch mit mir selbst. Eine wahre Erkenntnis gibt es nicht. Erkenntnis ist gleich Paradies. Ein Doppelmopper. Doch wenn die Frage gestellt wird, löst sie das Chaos im Kopf aus. Doppeldeutigkeit, weißt du. Also Chaos im Kopf gleich Messer im Bauch. Schmerz lass nach, darum male ich meine Welt. Gebannt ist dann weg. Auge schließt sich, Gehirn hat neue Freiheit. Das soll ich gemalt haben? Unheimlich. Wo bleibt die Liebe? Das einzige, was wir erfunden haben.

Zeitnah (heute und hier): Lesbarkeiten und Denkbarkeiten. Manchmal sind die Fragen eben Antworten. Paradiese gibt es nicht. Adam musste sich nicht verstehen mit Gott. Glücklicherweise haben Eva und die Schlange erkannt, dass das Paradies langweilig ist.

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Gezeitengespräch IV

Zeitfern (Jetzt): Oh, oh, mein nächster Tag, endlich hast du die Lust verscheucht und die Geselligkeit, durch höchst fremdartige Grillen. Mein Leben, bestehend aus vielen Tagen. Immer das Gefühl, die Zeit steht still. Aufbauend auf den Tagen und Nächten. „Immer wieder sind es dieselben Lieder.“ (die toten Hosen). Es sind immer die gleichen Pilze, die gleichen Bäume, der gleiche Dreck im Gesicht vom Fahrradfahren. Und der Himmel ist immer nah. Mal rot, mal sonnig, mal blau, mal dunkel. Und der Mond. Ja, da steht er. Kühl, ruhig. Seltsames Licht. Träume sind die Fortsetzung. Man kann alles anders sehen. Dafür sind wir geschaffen. Im Kulturkreis. Im inneren Kreis gefangen. Doch verdammt lieber „Mein nächster Tag“, es gibt auch andere Kreise auf unserer runden Welt. Keine Gespensterkreise. Die Frage bleibt plötzlich. Was wird verändert, weil ich lebe? Oder du?

Eine dritte Person taucht auf und fragt: Hat sich das alles denn gelohnt? Besteht denn alles nur aus Fragen ohne Antworten, Rapunzel, reicht dein allzu kurz gestutztes Haar nicht, emporzuschwingen und Dinge zu erkennen, die weit entfernt liegen? Der Blues kommt!

Zeitnah (so wieder): Dritte mögen sich immer wieder einmischen. Aber nicht die Antworten sind wichtig. Nichtig sind sie. Werfen neue Fragen auf. Beständiges und kindliches Wie und Warum. Immer nur auf eine Zeit begrenztes Wissen. Die Zeit schreitet voran und meint, mit Meinungen ein Intermezzo geben zu müssen. Antwortenkataloge führen zur Autokratie, werden leicht zu leichtem Geschwätz. Worthülsen.
Ja, der Himmel ist nah, aber was stellt er dar? Gerade die Doppelbödigkeit von Realität und Erscheinung, von begrifflicher Fassung und Unfähigkeit zur Erkenntnis. Zur Wahrheit. Nicht suchen ist der Sinn der Befragung, sondern die richtigen Fragen, die auf der Straße liegen, wie eben jene viel beschworenen Nuggets im Dreck, zu finden, sie aufzulesen und zu stellen. Die Kunst daran ist das freie Mischen des Vorhandenen, die Kunst an sich ist das freie Mischen des Jetzt. So kommt das Neue als Prozess zustande. Ein unsicherer Tanz zwischen Gedanken, Gefühlen und Traum. Und letztlich vielleicht nicht die Frage nach dem „Woher kommst du?“, sondern „Wo stehst du?“

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Gezeitengespräch III

Zeitfern: Der Sommer ist vorbei. Herbst. Hast du den Bussard gesehen? Ist Luft blau, oder sieht das nur der Wattenwurm?

Zeitnah (sehr spät): Und der Matsch spritzt dir beim Radfahren ins Gesicht. Du wirst zum Dreckfresser.

Zeitfern: Dreck macht Schmerz. Hier schützt das Stammhirn seinen Joker. Schmerz lass nach. Nach Jahrmillionen. Du scheiß Bewusstseinstrüber. Fixiert auf Warnung. Meine Hände sind zu kurz, für meine Umschalter.

Zeitnah (nächster Tag): Und zwischen den Dingen und Zeiten sehen, was passiert. Und es dudelt die alte Schweineorgel, während irgendwelche Stimmen aus den Lautsprechern plärren. Sie erschrecken mich, verwirren. Welchen Umschalter meinst du, wovon sprichst du? Kannst du etwa noch immer ernsthaft daran glauben, du würdest etwas bewusst verändern können? Determiniert durch deine Vergangenheit. Uns bleibt keine Wahl – und das meine ich nicht nur unbedingt negativ.

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Gezeitengespräch II

Zeitnah (ein Stück zumindest): Vom Risiko hatten alle immer wieder gesprochen, wollte es nicht wissen. Was auch immer geschehen würde, es war egal. Sie rollten nicht, die Dreierpyramiden, wir sprangen. Hin und her. Glück für Augenblicke und der Himmel ist bis heute grau. Ja, auch hier die Scheiße aber, denn das Stroh landete wohl im Stall, als Streu bei Kühen oder Pferden.

Zeitfern: Ich kann voll in der Erinnerung versinken. Doch lieber Zeitferne, muss nun die Verwirrungen kühlen. Abstand haben wollen. Der Geruch lockte schon wieder. Das Haar, die Haut. Wörter stammeln. Sich gehen lassen leise. Das Einsaugen der Luft. Wärme finden – wo bin ich – im Stall. Da waren Kühe. Sie standen sehr tief hinten im Gatter. Ich konnte die riesigen Köpfe sehen, jedoch die Körper nicht sinnlich erfassen. Der Bauer sagte: „Das sind Stiere.“ Sei vorsichtig. Sie wurden größer im Kopf. In meiner Erinnerung stierte mich Vater im Wohnzimmer an, betrunken. Es regnete. Nass saß er da. Dieser Vater. Bis auf die Knochen.

Zeitnah (und wieder später): Ja, immer wieder alles, was mit Natur zu tun hatte, mit fünf kannte ich alle wichtigen Bäume und Pilze. Und konnte nicht verstehen, warum die anderen Kinder das nicht wussten. Jetzt schon. Das interessierte keine Sau. Wald eben, wen interessiert denn schon, wie die Bäume heißen? Die Pilze gibt es in der Dose. Frische Pilze? Auf dem Markt, da brauchste nicht in den Wald gehen – und das ganze über. Der Vater hat geprägt, in den guten Dingen, leider auch in den schlechten.

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