Neue Schlagzeilen – Straßenzüge berüchtigt

  • Elf Meter verschossen – Ball geht weit am Tor vorbei
  • Ausgebrochen – Bulimiker entkommt dem Knast
  • Wirtschaft eingebrochen – Gastwirte entsetzt
  • Verzogen – Fußballer geht enttäuscht
  • Über das Ziel hinausgeschossen – nach Intensivtraining kaum noch Tore gemacht
  • Schul-AG macht Gewinn
  • Nussknacker – Kulinarische Herbstgenüsse mit Musik
  • Nussknacker – Sinfonie der Herbstgenüsse
  • Weg gegangen  – In Santiago de Compostella leben viele Aussteiger
  • Ausgestiegen – Busfahrer sucht sich neuen Job
  • Straßenkunst – Bildtransporter umgekippt
  • Entnervt – Neurologe fühlt nichts mehr
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Mäandertal 1

Manche Wege gehen sich einfach. Mit guter Unterhaltung und spöttischem Tiefsinn, mit ernsthafter Ironie, kluger Oberflächlichkeit oder einfach gesagt schönen Gesprächen über Gott und die Welt, über die romantische Anmutung der Landschaft und den steten Wechsel zwischen Schönheit und absoluter Hässlichkeit. Vorbei an Menschen, die im 21. Jahrhundert Mittelalter spielen, aber mit dem Auto angereist sind, nicht mit der Kutsche. Vorbei an früchtetragenden Gebüschen und Ranken, die das rote Gift in geballter Form in die Welt leuchten lassen. „Bittersüßer Nachtschatten – damit könnte man problemlos eine ganze Schar Kinder ruhigstellen, habe ich mal gehört. Soll beim Zerbeißen erst ganz süß schmecken, bevor sich die giftige Bitterkeit im Mund breitmacht.“ Er weist auf eine kriechende Pflanze, die mit ihren eiförmigen Beeren fast verführerisch über eine zerbröselnde Trockenmauer rankt. Daneben stehen alte Pflaumenbäume, hängen voll von ihrer auf den ersten Blick blauen Pracht, die sich bei näherem Hinsehen als dunkles Violett entpuppt. Einige Früchte wandern in den Mund, lassen ihren Geschmack auf der Zunge toben, immer wieder ein unglaubliches Erlebnis.

Eine Weide, die sich über hunderte Meter schmal am Weg streckt, edle Pferde grasen dort ganz friedlich. Wenn sie aufschauen, scheinen sie fast arrogant zu blicken. Auch wenn Pferde nicht gerade zu den Lieblingstieren von Herrn Nipp gehören, so muss er doch anerkennen, dass diese Wesen einen Adel an sich haben. Trotzdem: die Kühe auf der nächsten Weide können ihn viel mehr begeistern. Er kann ihnen fast liebevoll in die Augen blicken und weiß doch, dass eine von ihnen vielleicht, wenn auch nur teilweise, auf seinem Teller landen wird. Wir essen, was wir mögen. Rheinischen Sauerbraten dagegen hat er schon lange nicht mehr gegessen, außerdem geht die Legende, dass die Pferde alle gespritzt sind. Aber seltsam ist es schon, dass die Menschen lieber Kühe verspeisen als Pferde. Also wird aus diesen so edlen Tieren Hundefutter. Das Liebste für die Liebsten.

Das erste Dorf, welches durchquert wird, gefällt durch seine fast altertümliche Schönheit, mit viel Geschmack wurden hier die alten Häuser restauriert, die Gärten angelegt, wie man sich Bauerngärten vorstellt. Als sie an einer Gruppe Einheimischer vorbeigehen meint Herr Nipp: „Sie haben ein wunderschönes Dorf.“ Etwas spöttisch gibt der Wortführer zurück, das habe er ja noch nie gehört. Diese Landbevölkerung hat einen besonderen Humor. Der Bach wird hier von Trauerweiden überhangen, es entsteht ein Gefühl von fast stifterscher Idylle.

Einige Bachbiegungen später, das Dorf wurde längst verlassen, dröhnt ihnen der Lärm des Verkehrs von einer riesigen Autobahnbrücke entgegen. Im Kontrast zur fast lieblichen Landschaft fühlt sich das Ohr an einem anderen Ort. Höllenschlund. Die schnelle Verbindung zwischen Städten fordert ihre landschaftlichen Opfer. Was wäre, wenn man diesen Lärm nutzen könnte, Energie zu gewinnen? Es müssten entlang der Autobahnen akustisch sensible Membranwände aufgestellt werden, die den Krach der Lastwagen und Personenbeförderungsmittel, der Autos und Motorräder aufnehmen. Welche die Schallwellen zu Strom umwandeln. Was hätten wir eine schöne, eine leise Landschaft, in der vielleicht auch das Rotkehlchen wieder die Chance hätte, sein Lied erschallen zu lassen. Adalbert Stifter hätte seine Freude daran, denkt Herr Nipp.

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Schnell noch eben

Ja, natürlich hatte er die Uhr vor Augen und vor allem immer im Blick gehabt. Er wusste schließlich, dass es in manchen Situationen einfach darauf ankommt, zum richtigen Zeitpunkt aufzukreuzen, vor allem, wenn das versprochen wurde. Es würde ein super Abend werden, sie würden einen alten Bekannten mit Bier und Wein und Filmen bewaffnet überfallen, ohne Vorwarnung, sein Wohnzimmer besetzen und dort die Nacht des ewigen Einerlei vertreiben.

Sein Radiosender würde wie gewohnt die Nachrichtensendung bringen, dann hätte er noch zehn Minuten Zeit, sich die Hose und das Shirt anzuziehen, sich auf das alte rote Klapprad zu schwingen, natürlich elanvoll. Er müsste nur die lange Straße bis zur Stadtmitte herunterrollen und dann würden die anderen Männer dort schon warten, seine Freunde, mit denen er diese Idee in die Tat umzusetzen gedachte, den alten Freund endlich wieder aus dem Trott zu holen. Der sich zurückgezogen hatte von der Welt, nachdem seine Freundin Schluss gemacht hatte. Jetzt aber war es noch ungefähr eine halbe Stunde hin, die er sinnvoll füllen würde, denn das Faulenzen ist Herr Nipps Sache nicht, also schnell in den Keller, die fertige Wäsche auf die gespannten Schnüre hängen, kurz in den winzigen Garten und einige Beikräuter zupfen, die ihm ästhetisch nicht so sehr behagten, so zum Beispiel Lattich und Giersch (dessen junge Blätter immer in seinem Mund verschwanden). Einige abgeblühte Blüten der rosa Kletterrose entfernen, die immer noch nicht geklettert war, dabei sicher auch an die Unerreichbarkeit, die Zukunft denken, für die er die Rose gepflanzt hatte. Eigentlich hätte es eine blaue Rose sein sollen, aber die gab es gar nicht. Romantische Spinnerei.

Die Pflaumen pflücken, die schon reif waren. Draußen traf er einen der Nachbarn, der immer gerne einen kurzen Plausch über den Gartenzaun machte, wohl um neuen Tratsch zu erfahren. Schließlich lässt es sich im Freundeskreis doch herrlich über die Nachbarn berichten, die kleinen Missgriffe und Fehler schrotzen. Ein paar Minuten und eine Zigarettenlänge später hatte er diese Kür der gezielten Desinformation, der gewählten Wortspitzen absolviert, die Saat der mentalen Wildkräuter ausgetragen.  Er brachte seine Ernte ein, immerhin fast ein viertel Kilogramm der herrlichen  violetten Früchte, die für ihn immer ein kleines sündiges Vergnügen waren, solange noch frisch gepflückt. Ein Vergnügen, das normalerweise gewisse Folgen zeitigte, denn schon kurz nach dem Genuss des herbsüßen Steinobstes meldete sich gewöhnlich der Verdauungsapparat mit einem gewissen drängenden Gefühl. Also schnell die reifen Renekloden verputzt und noch schneller eben auf das stille Örtchen. Zeit war jetzt knapp. Auf der Fensterbank wie immer ein Buch, dieses Mal ein Roman von A.J. Weigoni „Abgeschlossenes Sammelgebiet“ über die Phase kurz vor und kurz nach dem Mauerfall 1989/90. Herr Nipp hatte das Verhältnis seiner eigenen Textchen zu denen des Herrn Weigoni für mal in folgende Wörter gefasst: „Wenn mein Schreiben ein Werfen und ungeschickte Auffangen eines Balles ist, dann jongliert der andere mit sieben Fünzigkilogewichten gleichzeitig mit Leichtigkeit.“ A.J.Weigoni hatte geschickt gezeilt verletzend gekontert: „Was du schreibst, hat mit Kunst gar nichts zu tun.“ Replikenaustauscher.

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Aber nun diese Seiten. Komplexe Sprache, bei der ein Satz, ein Wort oder Absatz zwischen Lyrik, Epik und Essay spielt. Immer auf das äußerste verdichtet. Die Menschen sprechen hier eine reflexiv verdichtete Kunstsprache, die niemand im Alltag so nur wenige Minuten würde durchhalten können. Durchleuchtung der Lebensumstände. Analyse der Lebenszustände. Zerpflückung der Lebensbestände. Herr Nipp konnte sich nicht losreißen, musste das kurze Kapitel, ein liebevoll distanziertes Wortgefecht der beiden Protagonisten, wieder und wieder lesen, nur, um endlich zu verstehen, den Sinn zu begreifen, die Nuancen der möglichen Verständlichkeit auszuloten. Kaum einmal hatte er es erlebt, dass jemand solches Gedankenmaterial seine Figuren sich gegenseitig um die Ohren schleudern ließ. Ein Buch, das gelesen werden wollte, auch wenn es viel Zeit kosten würde.

Als es an der Tür klingelte, ärgerte er sich schon ein bisschen. Kann man denn nicht einmal in aller Ruhe auf dem Topf sitzen und sich seiner Lektüre hingeben? Gibt mir nicht einmal jemand die Zeit, mich in die Gedanken und Denkwelten eines Anderen eintauchen zu lassen? Aus Trotz wollte Herr Nipp nicht aufstehen, las die letzten Sätze noch einmal. Es klingelte wieder und wieder. Es blieb ihm nichts, als aufzustehen. Zu öffnen.

Seine Freunde standen vor der Tür, hatten das eigentlich zu besuchende, zu tröstende Gewohnheitstier mitgebracht, zwischen sich einige Kisten Bier, einige Flaschen Wein und zwei Video-CDs für den weiteren Abend. „Länger als eine Stunde warten wir nicht. Wenn du nicht zu uns kommst, dann kommen wir zu dir.“

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Serienerinnerung

Serienerinnerungen. Augen-Blicke und sehen und verwoben und verstehen und leisten und machen und reflektieren und reduzieren und wiederholen und verwerfen und überarbeiten und besprechen und hinweisen und alles infrage stellen und dies und das und wie und warum und hier und dort und weil wir es so wollen und das so notwendig ist und wir machen das einfach und überlegen nicht und das geht doch nicht und vielleicht sollte man das doch infrage stellen, auch wenn du es nicht willst und wieweit wirst du gehen und überhaupt, gibt es da Gemeinsamkeiten und und Schnittmengen und was soll das Ganze letztlich auch und Sekt oder Selters und guck dir diesen Körper an und und das kann doch mal wieder nicht funktionieren, weil ich nicht daran glauben kann und du musst endlich tanzen lernen und dich an meinen Körper schmiegen und alles und alles ist doch nicht so, wie wir es gedacht haben und was zählt da, dass ich dich liebe und überhaupt hast du dich doch so verhalten und immer wieder die Wiederholungen sogar im Fernsehen und überall und immer wieder, was soll das eigentlich? Fertig geworden.

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Gezeitengespräch

Liebe Leser,

in letzter Zeit kommen die kleinen Texte von Herrn Nipp nicht mehr so regelmäßig. Was ist da eigentlich los? Schreibt der nicht mehr? Hat er Herrn Nipp gar aufgegeben?

Alles nicht weiter schlimm, würde ich zumindest sagen, weil zwar nicht mehr so regelmäßig Texte von Herrn Nipp entstehen, aber im vergangenen Jahr ein Buch mit dem Titel „Gezeitengespräch“ in Zusammenarbeit zwischen Karl Hosse und Haimo Hieronymus entstanden ist, das auf den ersten Blick zwar so gar nichts mit Herrn Nipp zu tun hat, auf den zweiten allerdings eben jene Themen in etwas anderer Form wieder aufgreift und in ein Gespräch zwischen zwei Generationen übertragen wird.

Die erste Lesung aus diesem schmalen Band am 23.12.2013 wurde von immerhin 45 Leuten besucht. Hinterher haben wir durchaus ernsthaft darüber mit ihnen diskutiert oder uns unterhalten.

Jetzt soll das Buch im November dieses Jahres veröffentlicht werden und wir sind in die Redaktionsarbeit voll eingestiegen. In den nächsten Wochen werden einige Auszüge auf dieser Seite veröffentlicht werden, außerdem auf www.editiondaslabor.de/blog.

Wer mithelfen möchte, das Buch zu realisieren, kann im Atelier ein T-Shirt mit Originalbild erwerben. Jeder Käufer wird im Buch als Förderer namentlich erwähnt.

Preis: Shirtkaufpreis (je nach Modell zwischen 5 und 20 Euro) zuzüglich dem Bild 20,- Euro. Der Gesamtpreis variiert also zwischen 25 und 40 Euro. Diese Aktion läuft voraussichtlich bis zum 15.09.2014, dann soll das Buch in Druck gehen.

Alle, die zu unserer ersten Lesung mit dem Gezeiten-Shirt erscheinen, haben die Chance, das Buch für 10,- statt der normalen 20 Euro zu erwerben.

Auch unter haimo-hier@web.de

Ach so, vielleicht sollte auch noch ein Bild folgen:

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