Wochen der Einkehr – Wochen des Einkaufens

Früher einmal war die Adventszeit eine Fastenzeit. Der Konsum hat daraus etwas völlig Anderes gemacht. Die Adventszeit ist eine der Lichter, des ungehemmten Einkaufens, der Reklame geworden. eine Zeit der Basare und Weihnachtsmärkte. eine Zeit der Ausflüge und des Treffens mit Freunden. Das mag man alles beklagen, andererseits sichert diese Zeit vielen Millionen Menschen ein Einkommen und die Möglichkeit, sich endlich mal wieder zu treffen, auch wenn das in diesem Coronajahr vielleicht etwas schwerer fällt und vorsichtig agiert werden muss. Mit anderen Worten: In dieser Zeit der ehemaligen Stille und des Wartens machen die Einzelhändler, die Steuern zahlen, heute allerdings vor allem die großen Onlinekaufhäuser, die fast keine Steuern zahlen, weil ihre Stammsitze in Steuroasen liegen, ihre größten Geschäfte. Dieses Phänomen ist schon oft beschrieben und sicher eben so oft kritisch beäugt worden, ohne dass irgendetwas verändert wurde. Die Einzelhändler müssen für jede Verpackung Gebühren verlangen, die Onlinehändler nicht. Von Mieten und Personalkosten mal ganz abgesehen. Herr Nipp hat irgendwann für sich beschlossen, nichts im Netz zu bestellen oder zumindest fast nichts, denn tatsächlich gibt es mehr (mehr) alles vor Ort zu erwerben. Erstmal in der Stadt gucken, dort kaufen, dort den Einzelhandel unterstützen. Dort auch Menschen treffen, die man sonst nicht (mehr) sieht. Sonst würde er sich irgendwann wundern, dass er dort keine Geschäfte mehr findet. Und machmal denkt er, vielleicht nutzen auch die anderen heute noch die Gelegenheit, in der Adventszeit in der eigenen Stadt einzukaufen und dort Arbeitsplätze zu sichern.

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Frost

Als Herr Nipp diesen Morgen vor die Tür tritt, muss er feststellen, dass der klare Himmel der Nacht alles mit einer hauchdünnen Frostschicht überzogen hat. Das Licht wirkt milder und klarer als an frostfreien Tagen. Die Nachbarin meint mit faltig sympatischem Lächeln, endlich sei der Winter da. In zehn Jahren sehe ich wohl auch so aus, denkt er. In Würde gealtert, glücklich so zu sein. Wenn denn nichts dazwischen kommt. Auf dem Weg zum nahe gelegenen Bäcker wird er von einem kleinen Jungen angesprochen, der ihm mit Brötchentüte entgegen kommt. „Schön kalt, nicht?“ „Ja, endlich, ist das nicht toll? Und wenn du genau hinschaust, dann siehst du ganz viele Eisblüten hier auf den Blätträndern.“ Er zeigt auf die Kirschlorbeerhecke, an der Ecke, kurz bevor man die Straße zum Bäcker überqueren muss. Der Junge schaut hin und bleibt dort völlig in sich versunken stehen. Von Bäcker zurückkommend sieht Herr Nipp, dass der Junge immer noch da steht und alles sehr genau betrachtet. Ein Glückgefühl durchzuckt unseren Alltagshelden. Es gibt kaum etwas Schöneres, als ein Kind dahin zu bringen, zum Beobachter zu werden.
Zu Hause setzt er den Kaffeekocher auf den Kaminofen Irondog, der dafür extra eine Platte hat, legt eine Platte von Nick Cave, “ Push the sky away“. auf und geht in den Garten, um neues Holz aus dem Schuppen zu holen und auf diesem Weg auch gleich die Vögel zu füttern, die schon auf dem Zweigen der Walnuss sitzen und warten. Und dort unten in einem seiner Wildblumenbeete, die nur teilweise Wildblumen enthalten, aber viele bunte Blumen das ganze Jahr über gezeigt haben, entdeckt er etwas wunderbares. Einige seiner Cosmeen sind völlig vom Frost überzuckert und strahlen in einem milden Rosa dem Winter entgegen.

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Flaschenpfand

Auf dem Tisch stehen fast unüberschaubar viele Flaschen, die meisten leer. Das ist zuviel für ihn, Herr Nipp schnappt sich eine Kiste und sucht alle Pfandflaschen heraus. Immerhin rund 10 Stück. Das ist kein schlechter Wert, wenn man bedenkt, dass er selbst meistens Säfte trinkt. Das Chaos kann man sich vielleicht vorstellen. Die restlichen Behältnisse lässt er im gelben Sack verschwinden, den er danach auf die Terrasse deponiert. Den restlichen Müll lässt er im Abfalleimer verschwinden. Nein, er sollte einfach nicht anfangen, bei anderen Leuten aufzuräumen. Vor allem dann nicht, wenn es deren Arbeitsraum ist. Aber es hilft alles nichts, vorübergehend wird er hier arbeiten müssen, da bleibt ihm nichts anderes übrig. Auch wenn er selber von Zeit zu Zeit Anflüge des Chaotischen hat, eins kann er gar nicht leiden, nämlich dass Müll, und Flaschen sind ja nichts anderes letztlich, irgendwo liegen gelassen wird. Eine gewisse Struktur braucht er einfach und es ist nicht gut, wenn der eigene, wenn auch vorübergehende Tisch vollgesetllt ist mit Dingen, die bei der Arbeit stören. Die Pfandflaschen will er nach der Arbeit einwechseln, stellt die Tasche vor die Tür und ist ganz zufrieden, dass er endlich wieder einen sicheren Ort hat, wo er in aller Ruhe seine Sache machen kann. (Nein, lieber Leser, an dieser Stelle wird nicht verraten, was Herr Nipp denn nun eigentlich macht. Das ginge viel zu weit. Und wer die letzten zehn Jahre aufgepasst hat, der weiß es schließlich sehr genau. Die Arbeit von ihm zu verraten wäre ja das Gleiche, als wüsste jemand den Namen von Doctor Who – und den weiß wahrscheinlich nur River Song – sie ist ja schließlich mit ihm verheiratet.) Gegen zehn Uhr kommt der eigentlich Besitzer dieser Örtlichkeit herein, mit feistem Grinsen. „Na, schon eingelebt?“ „Eher aufgeräumt und geputzt. Das sah ja hier aus wie Kraut und Rüben.“ „Ach mach dir nichts draus, das macht bormalerweise die Putzfrau – hm – wenn ich es mir genau überlege, ist es ein Putzmann. Aber kommt auf das Selbe heraus.“ „Kennst du denn den Vornamen?“ Der Tag geht weiter, gegen sechs Uhr verlässt Herr Nipp den Raum, geht nach Hause. Er hat alles geschafft, was er sich vorgenommen hatte. Als er am nächsten Morgen wiederkommt, sieht alles fast genauso schlimm aus. Wieder verbringt er die erste halbe Stunde mit Aufräumen. Drei Tage geht es so. Am vierten Tag kommt der Putzmann herein und fragt, was das denn soll, ob der Besitzer eine neue Putzkraft eingestellt habe, er sei doch drei Tage bei seiner Mutter gewesen, das sei doch abgesprochen gewesen. Herr Nipp ist verblüfft, besonders aber, als der Besitzer hereinkommt, ein breites Grinsen auf den Lippen, und ihm mitteilt, dass es die letzten drei Tage schön gewesen sei, morgens in ein sauberes Büro zu kommen, aber das habe nun mit dem neuen Arbeitsplatz ein Ende. Jetzt sei der Dieter ja wieder da. Endlich. Der Neue, (Wie heißt er noch mal?) könne sich gerne noch die drei Tüten mit Pfandflaschen mitnehmen und, ach ja, Herr Nipp solle sich nun flott einen neuen Arbeitsplatz suchen und andere Menschen mit seinem Sauberkeitsfimmel nerven. „Und Tschüss!“

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Häuser

Jeden Tag, wenn er einen seiner Spaziergänge beginnt, sieht er fast automatisch irgendwo in dieser kleinen Stadt, die er zu seiner „Heimstadt“ erkoren hat, ein völlig leer stehendes Haus. Alle Rolläden sind heruntergezogen oder die ersten Scheiben sind eingeworfen. Nebenan wohnen Menschen, die diese Häuser offenbar zu übersehen gelernt haben. Sie gehen daran vorbei und scheinen fast blind an diesen blinden Flecken ihrer Gegenwart. Andererseits gibt es unglaublich viele Menschen, die einen eigenen Platz suchen, eine Wohnung, die bezahlbar ist. Und manchmal denkt er dann, es wäre doch gut, wenn es auch in solchen Kleinstädten eine Hausbesetzerszene gäbe. Zumindest würde ein Bewusstsein geweckt.

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Sortieren und entdecken

Seit langem hat Herr Nipp eine Vorliebe für analog abgespielte Musik. Manchmal sucht er Läden auf, wie die Leserille im ansonsten beschaulichen Allendorf im Sauerland, die Nachschub liefern, nämlich gebrauchte Vinylschallplatten. In solchen Läden findet man oft tausende von Scheiben, von denen der Sammler auch sicherlich einige schon besitzt, aber viele eben nicht. Da kam Herrn Nipp vor einiger Zeit zum Beispiel eine Maxisingle unter, die er völlig vergessen hatte. Invisible Limits – Love is a kind of mystery. New Wave aus den achtziger Jahren, nach zweimaligem Hören entscheidet er sich trotz des Preises für den Kauf. Ok, 10 Euro, nicht die Welt. Die kann man mal bei einem Vinylabend gut hören. Weiterhin finden noch ein zwei weitere Platten den Weg in die Tüte, die zwar vielleicht nicht gerade als Muss der alternativen Indiemusik bezeichnet werden können, aber zumindest einige Aspekte liefern, die er interessant findet. Er liebt es, wenn ein oder zwei Freunde reinschauen und mit ihm durch die Sammlung gehen, selten gehörtes Material ausgraben, vielleicht auch mal eine falsch einsortierte Platte wiederentdecken. Bei einem Glas guten Weines oder bei selbstgebrautem Bier wird dann fachgesimpelt oder alte Musiktheorien über die Zusammenhänge verschiedener Bands und deren gegenseitige Einflüsse dargelegt. Letztens haben sie beim Hören in der Hülle einer LP doch tatsächlich eine Single gefunden, die dort wohl vor vielen Jahren hereingerutscht sein muss. Es geht nicht darum, dass diese runden, meist schwarzen, manchmal aber auch farbigen Scheiben billig oder teuer waren oder wertlos oder -voll sein könnten. Es geht um dieses alte Ritual. Etwas entdecken, aus der Hülle holen, es behutsam zum Teller tragen, die Nadel vorsichtig in Position bringen und sich dann der Musik hingeben. Mal einige Minuten, mal auch fast eine halbe Stunde. Keine Dauerschleife. Gebrauchsspuren sind zu hören. Und eine Klangtiefe, die kaum zu glauben ist. Gerade hört er übrigens die Peel Session von Joy Division. Zwei Lieder auf jeder Seite. Jeweils so sechs bis sieben Minuten.

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