Im Forst

Viele Wege, die er seit seiner Kindheit im Wald gegangen ist, geht er auch heute noch. Als Kind und Jugendlicher hatte er noch gedacht, diese Wälder würden sich niemals verändern. Etwa rund um den Möhnesee, zwischen Hefearm und Möhnearm. Heute sieht es völlig anders aus. Die Veränderungen bemerkt er mit einem seiner Freunde von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat. Das Sauerland vierliert offensichtlich seinen einstigen Brotbaum, die Fichte, darüber mag man glücklich sein, ja. Für ihn selber ist das ja auch korrekt, aber er bemerkt auch, dass die übrig bleibenden Bäume auch grundlegend geschädigt sind. Die Buchen sehen ohne die abgeworfenen Äste leidend aus, den Eichen scheint es auch nicht besser gehen. Welche Arten wohl die nächsten Sommer überstehen könnten, bleibt fragwürdig. Der Freund dieser Sonntagsspaziergänge schweigt oftmals, wenn er kalhgeschlagene Hügel und Berge sieht. Nur einmal sagt er, als er oben auf der leergefegten Kuppe steht einen Ansitz sieht: „Bitte mach mir ein Foto davon; das Teil könnte, nein, das ist eine Arbeit von Laik Wörtschel.“

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Sprüche und Geschichten

Auf einem ihrer Wege durch das Sauerland,immer scharf an der Grenze zum Kreis Soest, überlegen sie, ob es von irgendwelcher Relevanz wäre, dass diese alten gesammelten Geschichten, die ihnen so viel bedeuten, irgendwann in einem Buch gedruckt würden. Herr Nipp kann sich das nicht vorstellen, schon allein weil es so unendlich viele andere Geschichten gibt, die wirklich wichtig sind, weil sie Antworten auf die drängenden Fragen dieser oder der vergangenen Zeiten geben können. Sein Freund jedoch denkt da etwas weiter und meint, dass sich die Relevanz nicht im Heute, sondern in der Zukunft entscheiden wird, denn was heute noch bedeutungslos scheint, kann morgen tatsächlich plötzlich Antworten geben können. Alles vage, zugegeben, aber immerhin doch eine Möglichkeit. Glücklicherweise muss keiner von ihnen das entscheiden, es reicht ihnen auch, darüber zu sprechen und sei es die Köpfe heiß zu streiten. Die vergangene Bedeutung bemaß sich schließlich an den Verkaufszahlen und der Zitierhäufigkeit, die heutige Bedeutung ist abzulesen an den Klicks und den Teilungsraten, woran sich die zukünftige bemessen lässt, kann noch niemand sagen.

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An der Wand

Einige Namnen kann er dort lesen. Schnell an die Wand geschrieben, etwas verschmiert. Allerweltsnamen, denen er keine Personen zuordnen kann. Vor der Wand stehen einige Menschen und unterhalten sich, vielleicht auch über jene Leute, die an der Wand stehen. Sie berücksichtigen vielleicht den Lauf irgendeiner Geschichte, die Herr Nipp nicht ansatzweise kennen kann. Er versteht einzelne Wortfetzen „…weitere Figuren…“ „…Vergewaltigung…“ „…wahre Freundschaft…“ „Wie freunden sie sich an?“ Herr Nipp versucht genauer hinzuhören, will etwas mehr wissen, aber alles bleibt letztlich fragmentarisch und unverständlich. Am nächsten Tag wird er von einem ihm fremden Mann angesprochen. „Und?“ „Was, und?“ „Und wie war es gestern zu lauschen?“ „Habe ich etwas falsch gemacht?“ „Ich frage Sie, wie es gestern war zu lauschen. Haben sie ihre Freude darin gehabt, andere Menschen zu beobachten und zu belauschen?“ „Ich?“ „Wir hatten hier gestern ein öffentliches Improvisationstheater und Sie sind uns auf den Leim gegangen. Wir haben sie gefilmt. Dürfen wir das Material verwenden?“ Herr Nipp ist völlig verwirrt, er, der Beobachter, ist zum Beobachteten geworden und er weiß nicht, wie er damit umgehen soll. Wenn der Beobachter beobachtet wird und er weiß nichts davon, kann er weiterhin recht objektiv beobachten, weiß er jedoch, dass das Beobachtete gespielt war und er zum Beobachteten selbst wurde, der nun Teil einer Inszenierung ist, die er nicht geplant hat, so wird er vielleicht nie wieder die Offenheit haben, sich unbeobachtet fühlend zu beobachten. Dadurch wird seine Beobachtung letztlich zu einer Unwahrscheinlichkeit im Realen.

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Inmitten

Inmitten all der anderen sitzt du
und bist doch du nicht zu übersehen
Inmitten all der anderen singst du
und bist doch nicht zu überhören

Inmitten all der anderen gehst du
und es ist ein wilder Tanz

Inmitten all der anderen steh´ ich
unsichtbar und unhörbar
Und tanzen kann ich nicht

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Schrei, Ben!

Es gibt die lauten Zeitgenossen, die sind immer laut, die können einfach nicht anders, denkt Herr Nipp. Es ist ihnen auch gar nicht anzulasten. Was sollten sie auch anders machen. Mutter Natur hat es ihnen in die Wiege gelegt. Sie setzen sich auch meistens durch. Und es gibt Menschen wie ihn selbst. Er hält sich lieber im Hintergrund auf, beobachtend und macht sich seine Gedanken. Nicht besonders tiefgründig, aber immerhin. Herr Nipp wird wahrscheinlich nie jemandem auffallen. Aber er ruht zumindest in sich. Und egal was er sieht, er wird es irgendwann aufschreiben. Für sich, für später, einfach als Hinterlassenschaft. Seine Notizbücher füllen sich, werden abgeschlossen und ins Regal gestellt. Von Zeit zu Zeit liest er tatsächlich auch darin und muss zuweilen sogar verständnislos den Kopf schütteln. Heute liest er dort drei Wörter: schreiben – Schrei, Ben!

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