Regenwetter

„Ich kann dieses Wetter nicht mehr ertragen.“ „Was ist denn los?“ „Es regnet und regnet und regnet, das hält doch kein Mensch aus. Ich will Sonne, mich in die grüne Natur legen, die Blüten genießen, die schwärmenden Bienen und Hummeln. Alles erwacht zum Leben jetzt und ich sitze hier fest. Dabei könnte man so viel Schönes machen. Wandern gehen zum Beispiel oder eine Radtour, gerade jetzt aber wieder einmal ist die Regenzeit angesagt. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie mir das auf den Geist geht. Jetzt heißt es wieder, in der Bude zu hocken und warten, warten, warten. Draußen läuft das Wasser in Bächen die Straßen herunter und ich sitze fest. Was kann man denn schon hier drinnen machen? Vielleicht fernsehen oder im Internet surfen oder irgend so ein blödes Spiel spielen. Na gut, vielleicht könnte man auch ein Buch lesen. Aber darum geht es gar nicht, ich will endlich raus in die Natur. Mann.“ „Die letzten zwei Wochen war eigentlich recht gutes Wetter, selten ist mal ein Tröpfchen gefallen, so wenig, dass die Gärten schon gewässert werden müssen. Meist hat sogar die Sonne gelacht, die Schwalben und Mauersegler ziehen seit Wochen schon wieder ihre Himmelskreise. Im Garten nisten die Vögel. Die verschiedenen Gemüse haben schon einen Schuss gemacht und die Klematis Rubens zeigt sich als Blütenmeer. Nicht einen Tag hast du dich vor die Haustür gewagt, weil du die Pollen befürchtet hast, weil du Angst vor Heuschnupfen hattest und meintest, dass die Zecken inzwischen schon aktiv sind. Es war dir entweder zu warm oder zu kalt, zu sonnig oder zu bewölkt. Am ersten Mai und zu Christi Himmelfahrt waren dir zu viele Menschen unterwegs, das sei ja nicht auszuhalten, dass überall Trupps von fröhlichen Menschen umherziehen, an den anderen Tagen waren es dir zu wenige. Da meintest du dann, es sei in den Wäldern zu einsam, dass man fast Angst kriegen könnte. Es regnet übrigens jetzt seit genau seit einer Stunde endlich mal.“

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Fragmentarisch

Kann sie eigentlich lächeln?, muss er sich unversehens fragen. Er hat sie aus sicherem Versteck über eine viertel Stunde lang beobachtet, ganz unbeabsichtigt und doch fasziniert. Von seinem Tisch ganz hinten im Café, hat sogar seinen Kaffee erkalten lassen, so gebannt ist er. Nicht eine Sekunde scheint ein Anflug von Entspannung über ihr Gesicht gehuscht, von Lächeln gar nicht zu sprechen. Konzentriert taxiert sie das Dokument vor ihren Augen. Auch hat sie ihren Kaffee offensichtlich nicht angerührt, keine Lippenspur ist auf dem Tassenrand auszumachen. Wahrscheinlich ist auch dieser kühl bis zur Ungenießbarkeit. Das Lesen scheint ihr keine Freude zu bereiten oder schläft sie einfach mit offenen Augen? Sie träumt von einer anderen Zeit, einem Raum – weit weg.

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Knall

Kaum vorstellbar war er mitten in der Nacht von einem großen Knall aufgewacht. Hatte da irgendjemand sich einen Spaß erlaubt und einen Chinaböller im Hofgang gezündet? Konnte es sein, dass ein älteres Auto eine Fehlzündung gehabt haben könnte? War ein Balken im Haus mittig gerissen und schwebte er etwa in Gefahr? Hatte jemand mit einer Pistole geschossen, auf einen Anderen, der nun niedergestreckt vor seiner Haustür lag? Musste er nachsehen, ans Fenster zumindest und sich versichern, dass es schon nicht so schlimm wäre? Hatte vielleicht auch der Kaminofen beim Abkühlen eine Spannung mit lautem Knall gelöst? War das Skateboard, welches er gestern hochgestellt hatte, vielleicht doch wieder aus dem Regal gerollt und zu Boden gestürzt?

Aufrecht nun im Bett sitzend, schlugen die Wellen seiner Gedankenwirrnis über ihm zusammen. Eventuell hatte er ja geträumt. Hatte er eventuell geträumt? Es kam ihm nicht so vor. Es hatte sich doch zu sehr nach einer explosiven Erschütterung angehört. Herr Nipp stand auf, trank in der Küche ein Glas Wasser, ging schnell noch zur Toilette, legte sich dann wieder nieder und musste unwillkürlich an jene letzten Gedanken erinnern, die er vor dem Einschlafen gehabt hatte. Auch hier eine Verknüpfung verschiedener Themenkomplexe, die nichts mit einander zu tun hatten, wie bei dieser ungeheuerlichen nächtlichen Explosion und deren Folgen. Vielleicht musste er sich in einer Welt, die immer undurchschaubarer wurde, daran gewöhnen, dass die Sprache versagen konnte und nur noch assoziative Ketten von Wörtern und Eindrücken sein Sinnen bestimmen würden. Er wäre hundert Jahre nach den Dadaisten in Zürich ein Sinnbild der grundlegenden Veränderung in Zeit und Raum und zwischen den Steinen sollte Gras wachsen, das die Liberalen schon seit geraumer Zeit, zwei Tagen, als Sehnsuchtsmodell einer neuen Politik propagierten. Rausch und politische Hybris. Wie auch international. Finanzen und Staatsbankrotte. Zwischen den Menschenbildern immer wieder Flüchtlingsboote, durch die Wellen unserer Arroganz, zerschellen an den Mauern der Zufriedenheit. Mauersplitter, damals die Spechte, der schwarze scheint im Wald wieder da zu sein, auch Raben. Eltern, die ihre Kinder nicht mehr erziehen, wollen wir… schlief er wieder ein.

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Milchshake, kein Fruchtmatsch mit vergammelten Drüsensekreten

Was da alles noch in der Küche herumliegt, denkt sich Herr Nipp, das müsste doch gar nicht sein, dass mir alles das schlecht wird. Aber so richtig Lust in einen Apfel zu beißen, hat er auch nicht, kann man auch anderen Leuten nicht zumuten. Also achtelt er ihn, entfernt das Kerngehäuse und zerkleinert das entstehende Häuflein zu kleinen Würfeln, alles in die rote Rührschüssel, die immer im Eckdrehschrank steht. Auch die halb verspeiste Papaya, zwei Apfelsinen und eine Banane werden in kleinste Stückchen atomisiert. Könnte eigentlich ein guter Salat werden, Saft drüber und frisch geriebene Vanilleschoten aus der Mühle. Verfeinert wird alles mit leckerem Waldhonig, den er kürzlich noch beim Imker persönlich erworben hat. In solchen Situationen denkt natürlich niemand darüber nach, was das eigentlich ist. Wird doch Waldhonig aus dem Ausscheidungssekret der Blattläuse, welches zum Anlocken der Ameisen auf den Blättern landet, von Bienen gewonnen, die die Suppe im Bienenstock auskotzen. Der Genießer würde solche Begriffe allerdings nicht gebrauchen, man kann sich schließlich alles schön reden. Da heißt es dann lapidar auf den Verpackungen in Groß- und Discountmärkten: „Von fleißigen Bienen in den naturbelassenen Wäldern unserer Heimat gesammelt.“ Hört sich auch besser an. Genauso würde niemand über zerquetschte Schildläuse in Rindertalg sprechen, sondern dies ist besser als „Lippenstift mit sinnlicher roter Note“ zu verkaufen. Aber genug davon, der Mensch redet sich alle Dinge, die er mag, gerne angenehm, zur Not trinkt er sich diese auch schön.

Das erste Kosten seines Salates erfüllt ihn nicht gerade mit großer Freude, die Papaya kann geschmacklich einfach nicht so überzeugen, wie er sich das gewünscht hätte. Sie ist nicht reif genug. Hat eine leicht bittere Note, die im Hintergrund mitschwingt. Also gibt er Joghurt dazu und etwas Milch. Der Zauberstab püriert alles in schnellen Umdrehungen zu einem zartlachsrosafarbenen Brei. Lecker. Das ist echter Milchshake, wie er ihn schätzt, niemand würde schließlich von zermatschten Obstresten mit verdorbenen Drüsensekreten von Kühen sprechen.  Ja, den kann er auch seinen Gästen anbieten, die gerade unerwartet zu Besuch hereinkommen.

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Waschmaschinenreste

„Kennen Sie das auch?“, beginnt er mit dieser offenen rhetorischen Frage das Gespräch mit einem ihm völlig Fremden, der sich zufälligerweise gerade neben ihm auf der Bank der Haltestelle befindet. Er erwartet keine Antwort, setzt eine Kunstpause, um irgendwann zu erzählen, was ihn so beschäftigt. Nein, es soll kein Gespräch im klassischen Sinne werden, nur ein Monolog mit Zuhörer, in dem er endlich zu Wort bringen will, in Wörter fassen will, was ihn am Morgen so sehr aufgeregt hat, dass sein Blut in Wallung geriet. Statt entspannt nach Hause gehen zu können, war sein Blutdruck ins gar Unermessliche gestiegen, rotwangig durch die Stadt laufend, um seinen Frust abzubauen, konnte er keinen Halt finden. „Wenn man zum Zahnarzt geht, dann weiß man doch, was einen erwartet, erst wartet man unglaublich lang im Wartezimmer, blättert oder liest in irgendwelchen mehr oder weniger anspruchsvollen Zeitschriften, die oftmals auch die Interessenschwerpunkte des behandelnden Arztes widerspiegeln. Segeln oder Jagd. Klassische Autos vielleicht und natürlich irgendwelche medizinisch halbwissenschaftlichen Magazine.  Die schon von hunderten mehr oder weniger hygienisch lebenden Menschen ebenfalls in den Händen gehalten wurden. Man wartet bei Wartezimmermusik, weil mal wieder ein ganz ganz dringender Notfall eines Privatpatienten behandelt werden muss, der nicht vorauszusehen war. Die Wartezimmermusik ist meist etwas ruhig, wahrscheinlich aber eine gute Mischung von aktuellen Songs und Oldies, nichts, das in den Ohren schmerzt oder gar Unruhe erzeugt, sondern eher gute Laune verbreitet. Ist man dann endlich im Behandlungsraum angekommen, gar der Arzt schon erschienen, um nach anderthalbstündigem Warten auch tatsächlich mit der Behandlung zu beginnen, wird zur weiteren noch stärkeren Beruhigung mit noch seichterer Musik das Ohr umspült. Eine Musik, die wirkt, als hätten Folkmusiker, Worldmusiker, Schlagerstars und Traumschiffkomponisten ihre durchgeschwitzten farbigen T-Shirts bei 90 Grad zusammen gewaschen, weichgespült und die Suppe, die unten herauskommt, sei nun akustisch aufbereitet worden. Dabei ist Enya wahrscheinlich noch das erträglichste Element. Man weiß, welche Schmerzen auf einen zukommen müssen, wenn Mengen dieses Esoterikbreis kübelweise über dir ausgeleert werden. Dann ist es auch gar nicht mehr so schlimm. Das Problem ist, dass eine Konditionierung stattfindet, sobald nur einige dieser Klänge irgendwo auftauchen, sei es im Aufzug, in einem Gangway oder wo auch immer. Die Muskeln verspannen sich, weil der Hörer schon weiß, gleich wird es zu spontanen Schmerzen kommen. Der Bohrer, obwohl nicht anwesend, wird im Unterbewusstsein hinzugefügt, eine fast traumatische Situation.  Man möchte sofort weglaufen.

Schlimm aber war es heute Morgen. Wirklich. Da lag ich im Ruheraum der Sauna und ein Pärchen kam herein, stellte seine Mikromusikanlage auf und tatsächlich drang dieser Musikmüll dudelnd an meine Ohren. Aus war es mit der Ruhe, ich bin genervt geflohen. Kein zweiter Gang.“

In der Zwischenzeit war sein Zuhörer gegangen, in den nächstbesten Bus gestiegen, konnte er doch das Geplapper nicht ertragen.

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