Fenster auf

Alle Welt stöhnt unter den Temperaturen, vor allem aber die Bekannten, mit welchen er sich umgibt. Die einen stehen kurz davor zusammen zu brechen, die anderen sind es schon und einige wenige nutzen das Wetter, um endlich einmal ungestört mit dem Rad durch den Wald zu fahren. Herr Nipp hat sich sein schnöttegrünes Altrad flott gemacht und sitzt seit Stunden im Sattel. Er will die Natur genießen, so wie er es früher gerne schon gemacht hat. Damals, als er noch jung war, sich aber vor allem auch so fühlte. Über Steine und durch ausgetrocknete Pfützenreste findet er seine Wege. Ein wunderschöner großer Schillerfalter empfängt ihn schon zu Beginn, sitzt auf dem Weg und fliegt immer wieder auf, vor ihm her, setzt sich erneut, so als würde er mit dem Radfahrer spielen. Irgendwann fliegt er zu Seite weg, ist des Spiels schnell überdrüssig geworden. Warum sollte er auch für solche Tändelei die Energie verbrauchen, die eigentlich für die Suche nach einem Partner aufgebracht werden sollte. Es ist ziemlich heiß. Irgendwo muss er was zu trinken finden, zur Not wohl auch einen veritablen Pferdeapfel, der immerhin genügend Feuchtigkeit enthält. Auch eine Eidechse huscht ihm über den Weg, vor allem aber kommen ihm auf der ganzen Strecke gerade mal drei andere Menschen auf Drahteseln entgegen. Die natürlich alle in vollem Montainbiker-Outfit. Bunt und Werbung – die perfekte Nonkonformistenuniform. Herr Nipp hat selber lediglich eine halblange Jeans an, kein Shirt, nichts Störendes. Er genießt die Luft, die nur deshalb kühl erscheint, weil der Schweiß direkt im Fahrtwind trocknet. Er genießt das Grün des Waldes, die Vögel und anderen Tiere, die durch das Geäst huschen, einige Male sieht er sogar welche. Vom Rotkehlchen bis zum Specht. Er genieß das Gesurr der Hummeln und Bienen, der Käfer und anderen Insekten. Alles erscheint ihm an diesem Tag schön.

Erst abends bemerkt er die drei dicken roten Flecken, welche die Stechfliegen auf seinem Oberkörper hinterlassen haben.

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Auszeit

Ständig und überall umgeben von Menschen, die er wohl sehr gerne mag, die aber auch zuweilen recht eng rücken und ihm fast schon Panikattacken erzeugen, in ihrem Willen, da zu sein. Dann nimmt sich Herr Nipp eine Auszeit, die liegengebliebenen Arbeiten zu erledigen, die Papiere zu ordnen, die Rechnungen durchzusehen, vielleicht die Texte und Textfragmente zu ordnen, die sich angesammelt haben, die Wortskizzen zusammenklaubend, welche sich in den Ecken, Geräten und im Kopf finden, um doch noch irgendwann einmal den großen Text fertigzustellen, den er sich gedacht hatte. Es müssten ja nicht mehr als 150 Seiten sein denkt er, muss aber zugeben, sich selber zumindest, dass selbst das kaum schaffbar ist. Für ihn nicht. Wenn andere ihre Werke heraushauen, als hätten sie Fließbandarbeit zu erledigen, schreibt er in Wochen vielleicht ein zwei Seiten, nur um sie letztlich doch wieder in großen Zügen zu verwerfen. Er macht nun einmal keine Literatur, das soll anderen vorbehalten sein, er verfasst nichts anderes als floskelhafte, sprachliche Hilflosigkeiten, angesichts dessen, was der Markt jährlich auf eben diesen wirft.

Auch er würde gerne den Flug der Mauersegler, den er an sonnigen Abenden auf seiner unbequemen hölzernen Gartenbank sitzend beobachtet, in wohlklingenden Worten beschrieben wissen, selber beschreiben können. Die kreisenden Bewegungen, vor blauem Firmament, das plötzliche Richtungswechseln erfassen, immer dann, wenn eine Fliege, ein anderes Insekt erspäht worden ist, das im Aufwind der dunklen Häuserdächer in luftigen Höhen die Stadt überfliegt, anstatt auf den Straßen von einer Windschutzscheibe erfasst zu werden. Als schäbiger Fleck auf dem Glas zu enden und, der Bestimmung der Fortpflanzung entrissen, später abgeschabt zu werden. Dieser spannenden Lebenskämpfe könnte er vielleicht ein Buch widmen, hätte er nur die Sprache dazu, den Mut sich in neuen Wendungen zu ergehen oder fließend seicht wellenförmige sprachliche Unerheblichkeiten, die sich selbst überspülen und nichts hinterlassen als den gelangweilt meditativen Eindruck eines Schwappschwapp. Er würde gerne Wörter neu finden können und wissen, welche rhetorischen Figuren zweckmäßig einzusetzen sind, um dem Leser bestimmte Eindrücke noch besser, komprimierter und vor allem plastischer zu vermitteln. Auch er würde gerne jene wunderbaren Wortmelodien schaffen, die etwa ein Jan Wagner auf das Papier zaubert, so seinem doch immer bewundernden Ärger über Giersch, seiner Freude an der Natur, Luft zu machen.

Herr Nipp ist einfach nicht in der Lage dazu. Er würde auch keinen Verleger finden. Also verlegt er sich darauf, ganz verlegen seine Wortstammeleien zu sammeln und in ein kleines Büchlein niederzulegen. Kurze Geschichtchen werden da versammelt und ergeben niemals ein Ganzes.

Seine Markterlebnisse kann er beschreiben oder die Spaziergänge, die er so gerne durch Wälder und an den Bächen oder Flüssen entlang unternimmt, aber mal ehrlich, wen interessiert schon, dass er dort eine Prachtlibelle mit ihren wunderbaren Flecken auf den sonst durchsichtigen Flügeln bei ihrem gaukelnden Feentanz beobachtet hat. Dieses Geflatter, das auf den ersten Blick keine Funktion zu haben scheint und doch dazu führt, dass die jagenden Vögel die jagenden Insekten immer verpassen und irritiert den Rückzug antreten. Kein Mensch würde hinter dem Ofen hervorgeholt werden, wenn er eine Abhandlung über den Sturzflug des Eisvogels schreiben würde, den er wie in Zeitlupe schon so oft gesehen hat. Das fast perfekte Eintauchen ins Wasser, die viel zu oft doch erfolglose Jagd nach kleinen Fischen, die zu schnell sind, aufmerksam dem sicheren Tod entrinnen, sich nicht auf dem Ast totschlagen lassen, um in einem Stück verschlungen zu werden. Er könnte ja die hilflos glotzenden Augen der winzigen Opfer beschreiben, aber niemals würde sich ein Leser finden, so einen Schmarrn zu lesen. Und seine Gedichtversuche haben sich letztlich doch als Stümpereien herauskristallisiert, keine Avantgarde oder was auch immer, nur Worthaufen mit Worthülsen, nichtssagend, so schien es ihm.

Aber diese Tage der Einkehr liebt Herr Nipp, wenn er sich, ohne sich Gedanken machen zu müssen, ob er nun auch wirklich niemanden vor den Kopf gestoßen hat, zurückziehen kann, in seiner Wohnung in Bedächtigkeit durch die Ecken kramt und zuweilen sogar einige Dinge wiederfindet, von denen er vielleicht gar nicht mehr wusste, dass er sie noch hat, von denen er andererseits immer gedacht hatte, sie seien eigentlich auch niemals existent gewesen und nur eine vage Erinnerung an einen Traum, den er im Ganzen schon lange vergessen hat. An solchen Tagen, wenn die Luft so drückend ist, dass man sich den nächsten Wolkenbruch herbeisehnt, kann er endlich mal loslassen.

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Dem Leben ins Gesicht geschrieben

In einem Essay hört er im Radio, dass seine Heroen mal so richtig wunderbar zerlegt werden. Nein, eigentlich nicht sie, sondern die Bilder, die wir haben, sondern diejenigen, welche aus diesen Künstlern Übermenschen gemacht haben, indem sie in Todesnähe erst deren Qualitäten erkannten und deren Taten und Werke in den Himmel lobten. In Todesnähe wird offenbar jeder Satz, den man von sich gibt, zu einem Offenbarungseid. Warum nehmen wir Künstler erst dann wahr, wenn es ihnen schlecht geht? Warum dann, wenn wir das Ringen mit der Existenz erkennen oder zu erkennen glauben? Schmälert es die Kunst an sich, wenn es Künstlern gut geht? Herr Nipp denkt über die bildenden, die schreibenden, die singenden, die aufführenden Künstler nach. Den krebskranken Theaterzertrümmerer Schlingensief, Herrndorf mit Hirntumor, den wahnsinnigen van Gogh, der zur angeblich zur Selbstverstümmelung neigte, den an seiner Kindheit zerbrochenen Jackson, den tauben Beethoven, all die am Krieg leidenden Expressionisten oder diejenigen, die darin umgekommen sind, den zu früh verstorbenen Mozart, den am Leben an sich leidenden Giacometti und so weiter und so fort. Die Liste ist wahrscheinlich unendlich. Ist es wirklich so, dass erst mit dem Leid, der Tragik ein Künstler wirklich interessant wird? Monroe, Elvis, Cobain… Die Liste ist unendlich, der Begriff „Club 27“ macht immer dann die Runde, wenn ein junger Künstler, meist Musiker,  mehr oder weniger willentlich, manchmal auch versehentlich den Löffel abgibt, weil er beispielsweise zu viel auf den Löffel nimmt.

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Kürzlich hatte er bei einer Lesung gehört, dass eine Schriftstellerin von sich gab, sie erlebe glücklicherweise nicht so viel wie ihre Figuren, sie erfinde einfach. Dieses Wort zieht in ihm seine Bahnen.

Nun versteht er es. Da weiß Herr Nipp, dass es eben auch die anderen Fälle gibt. Künstler, die ihr Leben genossen haben oder genießen. Die sich darüber lustig machen, was andere über sie denken oder denen es einfach mal gleichgültig ist. Wahrscheinlich dienen sie zwar nicht so sehr als Vorhaltebeispiele, sie begleiten unser Leben um so mehr. Grinsen uns unverschämt an, mal feixend, mal einfach unverblümt – und später einmal werden sie im Angesicht des Todes, na klar, zu Überlebenskünstlern erklärt, die sich ein ganzes Leben lang im Angesicht der Krankheit, abgemüht hätten, dieses Schicksal als Angesicht des blühenden Lebens vergessen zu machen…

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Der Geist von – sagen wir einmal…

Egal welche deutsche Stadt, sie wird mit einem Geist verbunden, denkt er sich. Welcher Geist auch immer, man wird schon etwas finden. Da gibt es den Geist von Weimar, den der Dichter und Denker, des Humanismus. Der Geist von Frankfurt? Vielleicht noch 1848, vor allem aber das Bankwesen, den reinsten Kapitalismus, der sogar ohne Waren auskommt, ohne Produktionsmittel, reinste Fiktion der Buchzahlen. An diesen Geist glaubt die Welt.

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Der Geist von München? Könnte es die Hauptstadt der Weißwurst sein? Aber das als Geist zu bezeichnen, ist ja wohl lächerlich. Geist der Fußballhybris vielleicht noch. Und Berlin? Und auch noch Hamburg? Der Geist der vielen Hansestädte überhaupt. Der Geist von Mannheim und Stuttgart? Von all den rund 76 deutschen sogenannten Großstädten, die eigentlich gar nicht so groß sind, nur per Definition so genannt werden können, weil sie über 100.000 Einwohner haben. In Deutschland ist überall Provinz. Wer zum Beispiel Siegen jemals erlebt hat, weiß, dass es sich letztlich nur um eine Aneinanderreihung von Dörfern und Kleinstädten handelt, aber wie Rom auf sieben Hügeln erbaut. Immerhin auf eine sehr eigene Weise charmant.

Wer glaubt schon, dass allein NRW 28 Großstädte besitzt. Eigentlich sind es doch gefühlt nur Köln sowie Düsseldorf mit ihren Umländern und das Ruhrgebiet. Der Geist von Düsseldorf? Nein, dazu fällt Herrn Nipp nichts ein. Bei all den föderalistischen Geistern in Deutschland verliert er immer so schnell den Überblick. Wie einfach haben es da doch die Franzosen und Engländer mit ihren klar zentralistischen Systemen. Jeder kennt den Geist von Paris und den von London. Oder sind es da doch nur die Wahrzeichen.

 
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Fenster

Während er draußen die Sonne ihre Bahnen ziehen sieht, die eigentlich, das weiß inzwischen ja jeder, sogar jeder Katholik, nicht die Bahnen der Sonne sind, sondern die Drehung der Erde um sich selbst, sitzt er am Schreibtisch, dem aus Eiche, welchen er sich vor Jahren per Zufall in einem Antiquitätengeschäft, das er so gerade noch beim Vorbeifahren und eher beiläufig aus dem Augenwinkel, welches er somit augenblicklich ins Herz geschlossen hatte, entdeckt hatte, gekauft hatte, nein, wohl eher gehandelt erstritten hatte, was er sich immer wieder zu erklären suchte. Denn denn. Ja, er hatte viel zu tun und ganz nebenbei bemerkt, angemerkt, aufmerkend nicht die Lust hatte, überhaupt das Draußen aufzusuchen gedachte. Die Fenster waren auch inzwischen durchaus wie mit Pollen und Blütenblättern verschneit.

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