alte Routinen

Er fragt sich, ob er eigentlich noch fit ist. Um sechs Uhr morgens ist er aufgewacht. Das war viel zu früh, aber der nächtliche Regen hatte immer noch nicht aufgehört und war gegen die Fenster der Hausfront geprasselt. Vor allem aber die kupfernen äußeren Fensterbänke hatten einen Lärm gemacht, der ihn nicht schlafen lassen wollte. Herr Nipp war aufgestanden, hatte im Wohnzimmer auf die Uhr des mobilen Kommunikators geschaut, den Wecker auf 6.27 eingestellt und sich wieder hingelegt. Nach dem nächsten Aufwachen wurde die Uhr auf 6.37 justiert. Alte Routinen sollten wieder aufleben, z. B nach dem Aufwachen 10 Minuten lesen. Mal sehen, ob er in der Lage sein sollte, dies wieder einzuführen. Mal sehen.

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Hausgang

Im Bett, kurz vor dem Einschlafen, hat er die besten Ideen, glaubt er. Leider ist er dann meist zu faul, sie aufzuschreiben und so vergisst Herr Nipp die meisten von diesen. Aber einige bleiben ihm immerhin doch erhalten und wenn er am nächsten Tag daran denkt und weiter daran spinnt, macht es erst richtig Spaß, sie auch wirklich auszuformulieren. So kann es passieren, dass der Plot für einen möglichen Roman, den er natürlich niemals schreiben wird, weil das eben viel zu lange dauert und so viel Geduld hat er ja bekanntlich nicht. Vielleicht könnte er eine Novelle verfassen, die nicht länger als 100 Seiten sein sollte, besser noch kürzer, aber das ist seine Sache nun auch wieder nicht. Vielleicht wäre es möglich, ein gewisses Personalschema zu nutzen, wie es etwa Theodor Storm gemacht hat. Da wusste der Leser sofort, was ihn erwartet, wenn eine Frau mit schwarzen Haaren auftrat oder ein Mann mit Uniform. Man weiß als Gewohnheitsleser auch, was Gottfried Keller meint, wenn er beschreibt, dass die Schuhe vor der Tür stehen. Aber egal, das alles will Herr Nipp gar nicht.

Er hat die Idee, ein Haus von Keller bis Dachboden und den dazu gehörenden Garten zum Protagonisten des Romans zu machen. Er stellt sich dabei vor, zur ersten Recherche sämtliche Gegenstände zu erfassen, die sich im Haus befinden und weitere Recherchen zu Herkunft und Geschichte zu machen, weiterhin zu allen Bewohnern und möglichst allen Besuchern, die sich je in dem Haus aufgehalten haben könnten und sei es der Schornsteinfegerpraktikant von vor sieben Jahren. So wird Herr nipp denn die nächsten Jahrzehnte genug zu tun haben. Ob es einen Antagonisten geben wird, ist noch nicht klar.

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Beobachtungen V

Es gibt Bücher, die kommen von der Gestaltung so schlicht daher, dass der Inhalt auf jeden Fall interessanter sein muss.

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Beobachtungen IV

Selbst auf einer Messe zu sitzen und dort einen Stand zu haben, das ist wirklich interessant. Meist nicht so wegen der Besucher an sich, mit den wenigsten hat Herr Nipp so lange Gespräche gehabt, dass sich irgendetwas Nachhaltiges daraus ergab. Die zwei Mal, als er sein Buch vorgestellt hat, jedoch, hat er viele andere Klein- und Kleinstverlagsmenschen kennen gelernt, die Stände in der direkten Nachbarschaft hatten oder die man während der jeweils drei Tage besucht hat. Jeder (Mensch) von diesen gibt natürlich augenzwinkernd vor, das eigene Verlagshaus, das wahrscheinlich aus einem Teilbereich des Arbeitsbüros des bürgerlichen Berufes besteht, stehe im Mittelpunkt des Buchmarktes. Als käme niemand an diesen Veröffentlichungen vorbei. Dabei geben sie dann abends nach einigen zu viel getrunkenen Weinen oder bieren endlich zu, dass die Bücher in winzigen Auflagen erscheinen, die eigentlich kaum benennbar sind. Wenn dann doch einmal mehr als 100 Exemplare verkauft werden, dann heißt es schon Bestseller. Bei den meisten allerdings finden sich sogenannte Longseller; Bücher, die über Jahre hinweg vermarktet werden. Bei einem Stand fand Herr Nipp einen Roman, der in den 70ern erschienen ist und der immer noch nicht vergriffen ist (Wohlgemerkt die erste Auflage von 2000 Stück). Von den vielleicht 500 gedruckten Exemplaren werden rund 100 zu Werbezwecken herausgeblasen, 5 kommen den Zentralen Bibliotheken zu oder dem Mainzer Minipressenarchiv, so bleiben gerade mal knapp 400 Bücher, die irgendwie verkauft werden müssen. Und wenn das gelingt, dann wird eine zweite Auflage von wenigen hundert gedruckt und man spricht großspurig von einer 2.Auflage!!! Auf diese Weise krauten sich die Kleinen irgendwie durch. Aber – und das ist wirklich wichtig – es gibt sie. Neben den Giganten auf dem Markt, die sich alles an Stellfläche bei den großen Filialisten einverleiben, was geht, gibt es eben die Kleinen und Kleinsten, die Einmenschverlage, alles Idealisten, die ihre Vorstellung von guter Literatur behaupten und oft über Jahrzehnte weitertragen, manches Mal unter immensem Einsatz eigener finanzieller Mittel. Da gibt es Nonprofitverlage und Künstler-Pressen, von denen wird man nur hören oder lesen, wenn sie einen der begehrten Preise ergattern. Herr Nipp hat in dieser Zeit auf jeden Fall einen riesigen Respekt vor diesen Verrückten entwickelt, die zu 100 Prozent für ihre Sache einstehen. Schon allein dafür, solche Menschen, Frauen und Männer und viele Diverse, kennenzulernen, lohnt es sich, die kleinen Buchmessen und -börsen zu besuchen, die sich auch die kleinen Verlage leisten können. Ok, wenn das denn dann mal wieder irgendwann möglich sein sollte.

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Beobachtungen III

Noch vor einigen Jahren besuchte Herr Nipp alle zwei Jahre die Mainzer Minipressen Messe. In zwei großen Zelten direkt neben dem Rathaus am Fluss untergebracht stellten dort kleine und kleinste Verlage ihre Werke vor. Dort gab es wirklich Verrückte, Idealisten und Missionare, Dadaisten wie Karl Riha, da konnte man Künstler, Schriftsteller und Verleger ganz persönlich kennen lernen und abends auch noch mit diesen in einem Lokal essen und trinken gehen. Außerdem waren dort Bücher zu finden, die mit absoluter Sicherheit niemals den Weg ins Standardprogramm einer Buchhandlung finden würden. Neben politischen Beiträgen waren Kunst und Esotherik zu finden, Poetisches, Lyrisches und Abstruses, Quatsch und richtig gute Comics, die in kleinsten Auflagen gedruckt wurden. Dort hatte Herr Nipp auch Reinhard Kleist kennen gelernt, der später mit seiner Graphiknovel über Johnny Cash bekannt wurde. Damals versuchte er einen Comic , „How Lovecraft saved the world“, der in einer 100er Auflage im Siebdruckverfahren gedruckt worden war, an die Frau und den Mann zu bringen. Herr Nipp hatte sich einen davon gekauft, damals für den unglaublichen Preis von 70,- DM. Das war 1993 gewesen, also kurz nach der Wiedervereinigung, dementsprechend waren dort auch unabhängige Verlage aus Ostdeutschland zu finden, zum Beispiel ein gewisser H. Prautsch, der Almanache zu großen Dichtern herausgab, die mit einiger Sicherheit auch nicht gerade viele Käufer fanden. Immerhin gab es immer eine ganze Reihe von Künstlern mit ihren Künstlerbüchern und Grafiken, ein spannendes Umfeld. Herr Nipp verbrachte dann immer einige Tage in Mainz, ging zu den verschiedenen Veranstaltungen und Lesungen, zu Ausstellungen und eben zur Messe selbst. Er schlief dann im Auto, duschte früh morgens im Rathaus und war glücklich dazu zu gehören. Als Student ein tolles Erlebnis. Und ganz nebenbei erwarb er dort den Grundstock seiner eigenen Buchsammlung und das auch noch für unschlagbare Preise, weil viele Kleinstverlage dort auch Fehldrucke verscherbelten, teilweise zu Wahnsinnspreisen. So konnte er drei Bücher des französichen Künstlers Mattrat erwerben, die in 39er Auflage gedruckt worden waren. Ein riesiges Buch des Kölner Druckers Daniel Hees hatte er in diesem Jahr alle drei Tage im Blick gehabt. Eine fantastische Arbeit, handgedruckt aus ausgeschnittenen Baumstämmen. Aber 1800,- Mark? Für ihn nicht machbar. Am letzten Tag, als alle ihre Sachen packten zum Abreisen, war dieses Buch dann auch noch geklaut worden. Sehr ärgerlich, denn davon gab es gerade einmal 6 Exemplare. Irgendwie hatte in dem ganzen Gewusel irgendjemand im Vorbeigehen das Werk irgendwann einfach mitgenommen und war unerkannt entkommen. Und das ist richtig Sch…

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