Morgens

Abends bekommt er noch einen Anruf: „Hey, seit Tagen steht da keine neue Geschichte mehr. Was ist los?“ Herr Nipp kann keine Antwort geben und weiß eigentlich gar nicht, worum es überhaupt geht. Was er selbst jemals geschrieben hat, ist jahrelang her und sicherlich schon lange ausgelesen. Und eigentlich soll das auch so bleiben. Er geht in sich, überlegt. Und dann plötzlich an diesem Morgen beginnt er zu schreiben. Nichts besonderes, einige Wörter zum Schnee, darüber dass die Schneehauben gestern auf dem Tujahecken wirkten wie mit Glitzer bestreute Plastikhauben. Er schreibt auch, dass er am ersten Tag des Schneefalls, Samstag, mit zwei Freunden nachts unterwegs war, durch die Stadt gelaufen ist wie ein Teenager. Ganz spontan. Dass er Fotos gemacht hat. Nächtlicher Schnee.

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Amselflug

Wenn draußen die Vögel ihre Samen aufpicken, sitzt Herr Nipp gerne am Fenster und beobachtet diese aufmerksam. Jeden Tag verteilt er über die gesamte wiese zwei Hände voll Futter und streut einige Körner auch in das hierfür selbst gebaute Häuschen. Was alles zu sehen ist, das hat ihn schon als Kind fasziniert, er hatte sich damals zu Weihnachten, vielleicht auch zum Geburtstag, ein Buch von Kosmos zur Vogelbestimmung gewünscht. Auch wenn seine Eltern niemals die teuersten Geschenke machten, das hoben sie sich für spätere Jahre auf, für seine Bücher hatten sie immer etwas übrig. Das Buch besitzt Herr Nipp übrigens noch immer, es steht im Schlafzimmer im Regal für Naturbücher. Insekten, heimische Orchideen, Gräser und Mosse, Pflanzen des Waldes, der Alpen, der Dolomiten, diverse Pilzbestimmungsbücher, Gartenratgeber, eben alles, was er so braucht oder zu brauchen glaubt. Man kann sich ja gar nicht vorstellen, was man noch nicht kennt, was man noch nicht weiß, wovon man noch nie etwas gelesen oder gehört hat. In dieser kleinen Sammlung kann er immer was Neues entdecken. Aber wichtig ist ihm vor allem, dass er immer ein Buch zur Hand hat, in dem er nachschlagen kann, was ist das denn nun für ein Tier, eine Pflanze, ein Pilz oder Mineral. Nur über Flechten hat er noch kein Nachschlagewerk, aber das wäre auch wirklich zu speziell. Er beobachtet nun einmal viele Dinge gerne und macht sich eigene Gedanken dazu, zieht seine eigenen Schlüsse und vergleicht mit anerkannten Erkenntnissen. An diesem Tag also beobachtet er besonders intensiv die Amseln, denn er hat festgestellt, dass die braunen Weibchen anders fliegen, als es die Männchen tun. Die Feinheiten der Bewegungen müssen beachtet werden, die Abläufe. Erst als das Amselhähnchen nach einem Streit direkt auf ihn zugeflogen kommt und nur durch die Scheibe mit einem deutlichen „Plock“ bebremst wird, merkt Herr Nipp, dass das Füttern von Vögeln auch Gefahren in sich birgt. (Für diese Geschichte musste glücklicherweise kein Tier sterben.)

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Kuchenspende

Seit einigen Stunden sitzt er bereits an seinem Arbeitsplatz und macht das, was ein Mann macht, der unauffällig bleiben möchte, er arbeitet. Er arbeitet all die Akten ab, die er eben abzuarbeiten hat, zwischendurch vielleicht von irgendwelchen Kollegen unterbrochen, die noch ganz unbedingt etwas „Dienstliches“ mit ihm zu besprechen haben, aber das kommt selten vor an diesem Tag, weil er nunmal meistens, wie die anderen auch, nicht hier sitzt, sondern zu Hause und „Homeoffice“ macht. Die meiste Arbeit kann ja nunmal wirklich vom eigenen Schreibtisch erledigt werden. Manchmal kommt vielleicht auch eine Onlinekonferenz dazu, mal über dieses, mal über jenes Portal, egal, alles unsicher. Seit Stunden nun ist er allerdings einer besonderen Situation ausgesetzt, denn da am anderen Rand des Tisches steht ein Teller mit einem Stück Kuchen, das jemand oder eine Jemandine mit freundlicher Absicht mitgebracht hat. Total nett eigentlich und er hatte sich auch wirklich darüber gefreut, hatte sich einem Kaffee geholt und etwas davon gegessen, ein zwei, vielleicht auch drei vier Gabeln, mehr aber wirklich nicht, denn das Gewissen hatte plötzlich alle Alarmsirenen schrillen lassen „Hey, Alter, du willst doch abnehmen!!!“Oh Gott erbarme, ja, natürlich, er will ja eigentlich Diät machen, da kann er wirklich nicht zwischen den Mahlzeiten, wie ein fußbehaarter Hobbit ein weiteres Frühstück machen. Und der Kuchen sieht nicht nur lecker aus, er ist ein Fest der Sinne! Er hatte das Gebäckstück also zurückgestellt, an den Rand des Tisches, der ohne sich zu strecken wirklich nicht zu erreichen ist. Zwischendurch geht der Blick eben seine eigenen Wege und dann wandert dieser auch schon zum Kuchenteller. Herr Nipp allerdings bleibt standhaft. Er macht seine Arbeit und natürlich wird er das Stück mit nach Hause nehmen, wird sich dort einen richtig guten Kaffee in seiner Bialetti zubereiten, vielleicht auch noch Besuch erwarten und dann in aller Ruhe genießen. Die virtuellen Akten arbeiten sich tatsächlich tatsächlich schneller ab als gedacht, der Feierabend rückt näher und Herr Nipp freut sich schon etwas. Eine viertel Stunde später hat es es tatsächlich geschafft, will den Kuchen einpacken und gehen. Da muss er feststellen, dass die sehnsüchtig erwartete Selbstbelohnung nicht mehr da ist. Irgendwer hat sie gegessen. Das kann doch nicht wahr sein, er greift sich an den Kopf und da bemerkt die etwas klebrigen Finger.

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Regentage

„Natürlich gibt es diese Tage“, denkt Herr Nipp, „da möchtest du keinen Fuß vor die Tür setzen, schon allein weil du ganz genau weißt, dass der erste Schritt bedeutet, dass du nass wirst, weil der Regen nur so gegen die Scheiben pladdert und du das Gefühl hast, eigentlich müsstest du eine Badehose anziehen und in die Stadt hinausschwimmen mit dem Regen, wenn es denn nicht so unangenehm kalt dabei wäre und du eigentlich einen Neoprenanzug bräuchetst. Und genau an solchen Tagen musst du natürlich in die Stadt, weil irgendetwas ganz dringendes erledigt werden muss, das du Trottel die letzten Tage hättest schon machen können und völlig verbaselt hast, vielleicht aus Faulheit, wahrscheinlich aber in der tatsächlichen Absicht, es am nächsten Tag zu tun, ganz nach dem Motto: Was du heute kannst besorgen, geht eigentlich auch noch morgen. Und dann ziehst du dir die Schuhe an, die dicken, die kein Wasser sauegen oder hereinlassen, den wasserabweisenden Mantel natürlich auch und stehst in der Zarge der Haustür und merkst die feuchtkalte Luft und denkst, es wäre vielleicht doch besser, noch einmal rein zu gehen, dich vor den Kaminofen zu stellen und dich noch einmal richtig durchwärmen zu lassen. Diese besondere Strahlungswärme, die von dem holz kommt, das du vor zwei Jahren im Schweiße deines Angesichts selber geschnitten und gehackt hast. Damals im wissen, einst würdest du vor dem Ofen stehen und dich wohlig wärmen. Und dann machst du den ersten Schritt und plötzlich ist es eigentlich ganz okay da draußen zu sein, weil die Welt doch auf dich wartet und du auf sie und in dein Wohnzimmer käme sie nur über den Fernseher, den du ja seit Jahren abgeschafft hast und das Radio war heute auch nicht dazu in der Lage, ein Kino, einen Film oder auch nur einen winzigen Filmclip im Kopf zu schaffen.“ Da steht Herr Nipp vor seinem Kaminofen, der ihm wirklich einheizt, weil er ihn eingeheizt hat und weiß, dass er heute gar nichts im Ortszentrum zu erledigen hat und niemand ihn zwingen kann, da heraus in diese verdammte Nasskälte zu gehen und dann fällt ihm plötzlich siedendheiß ein, dass er doch versprochen hat, mit dem Hund der Nachbarin spazieren zu gehen.

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Wörter

Wenn uns die Wörter fehlen, dann müssen wir neue erfinden.

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