Abschied nehmen

Natürlich geht es hier nicht um irgendwelche Zombies. Es mag ja sein, dass diese gerne zu Figuren der Horrorliteratur werden oder, wie aus mindestens einem Fall bekannt ist, zu Konstrukten der Hochliteratur, denn A.J. Weigoni benannte bestimmte Großstadtmenschen als Zombies. So verfasste dieser Schriftsteller ein ganzes Buch mit kurzen Geschichten über Menschen der Nacht, von vielen Lesern eher als Roman verstanden, von einigen sogar als Vorlage für eine gute Fernsehserie. Herr Nipp hat dieses Buch gelesen und war begeistert, so schwierig es auch stellenweise zu lesen war, verfällt das Schreiben bei Weigoni doch immer wieder mal ins essayistische. Gestern las er jedoch, dass dieser Literat, der sich mal Romancier, mal Lyriker, mal Novellist nannte, nun von uns gegangen ist. Das ist traurig, ja, ein echter Verlust, andererseits kein Grund zu verzweifeln, denn glücklicherweise ist ein umfassendes Werk geblieben, dass der Verlag seines Vertrauens in den vergangenen Jahren systematisiert und ediert hat. In Herrn Nipps Regal stehen die beiden entstandenen Schuber, einer mit Lyrik, der andere mit Prosa. Und aus der Vergangenheit ist glücklicherweise ein Schuber mit Groschenromanen erhalten geblieben. Rund 500 Seiten mit Gedichten, weit über 1500 Seiten Prosa und jede Menge an Hörspielen und Literaturclips auf CD. Wenn er jeden Tag nur eine Seite liest, kann Herr Nipp die nächsten paar Jahre Abschied nehmen.

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Beobachtungen II

Eine Buchhändlerin hatte Herr Nipp kennengelernt, weil sie so unerwartet war. Damals hatte er tatsächlich ein Buch geschrieben, naja, nennen wir es lieber ein Büchlein, und herausgebracht und war der geradezu missionarischen Ansicht, das müssen unbedingt auch andere Menschen lesen. Etwas naiv ohne einen richtigen Verlag im Rücken, aber er glaubt aauch heute immer noch, dass es wichtig ist, das zu tun, was einem wichtig ist. Und wenn man man damit scheitert, weiß man wenigstens, dass der Versuch gemacht wurde. Hört sich vielleicht etwas einfach an, aber es ist so. Herr Nipp ist sehr erfolgreich im Scheitern an den eigenen Ideen, deshalb gibt er allerdings niemals auf. Einige seiner Gedankengänge wurden auch von anderen aufgegriffen, wesentlich erfolgreicher, vielleicht auch deshalb, weil sie an dieser oder eben jener Idee festgehalten haben und nicht nach den ersten Kleinerfolgen gedacht haben, so das ist abgehakt, jetzt muss ich mal was anderes machen. Nur wer die Dinge ganz groß aufzieht, mit Werbekampagnen natürlich, wird damit auch richtig Geld verdienen. Wenn das Geld jedoch nicht ganz so wichtig ist, dann geht es wohl mehr um die Frage, ob Ideen grundsätzlich wohl funktionieren könnten. So hatte er also mit Hilfe eines Indipendant-Verlages sein Buch mit Geschichtchen drucken lassen, in einer Auflage, die den großen Spielern ein leichtes oder besser gesagt überlegenes Lächeln ins Gesicht gezaubert hätte. Hätte. Denn niemand aus diesen Reihen würde jemals erfahren, dass dieses Buch überhaupt bedruckt worden ist. So zog er also mit zehn Büchern in der Tasche in die Kleinstadtmitte, um dort in der Kettenbuchhandlung zu fragen, ob es wohl möglich wäre, das Buch zu verkaufen. Erwarteter Filialleiter: Glatter Managertyp mit hellblauem Hemd und dunkelblauem Jackett sowie beiger Stoffhose. Natürlich schmierig nach hinten gegeelte Haare, vielleicht auch vom Barbier gepflegtem Bärtchen. Die Fachangestellte hatte ungeahnt freundlich reagiert und gesagt, sie würde eben der Geschäftsleitung Bescheid geben. Eine Minute später erschien eine freundlich lächelnde Frau, die ihm irgendwie bekannt vorkam, die er aber nicht zuordnen konnte. Alles war plötzlich so einfach. Klar könne das Buch verkauft werden, das sei überhaupt kein Problem, es gäbe da einen Tisch mit Lokalhelden. Sie machte wirklich und ehrlich den Anschein, das wäre ein große Freude für sie. Endlaich mal anderes, als immer die Bestseller zu verkaufen, die natürlich sehr wichtig sind. Sie wollte sogar ein Exemplar selber haben und lesen. Möglichst mit Signatur. Damit war vorher nun wirklich nicht zu rechnen gewesen.
Wie es genau kam, war ihm eigentlich gar nicht so klar, aber sie haben sich schneller angefreundet, als er jemals gedacht hätte. An der Freundschaft hat sich auch in dieser Coronazeit wenig geändert, abgesehen davon, dass die Frau inzwischen keine Buchhändlerin mehr ist, sondern einige Bibliotheken leitet. Die Leidenschaft für Bücher ist geblieben. Auch bei ihr kam mal abends das leidige Thema der Ladendiebstähle auf den Tisch. So hatte die Buchhandlungskette irgendwann einige Ladendetektive eingestellt. „In einer Pause saß der Detektiv bei mir im Büro und meinte, er habe da einen anderen Mann beobachtet, der schon seit anderthsalb Stunden im Laden sei und immer wieder die Abteilungen wechsle, ohne ein Buch gekauft zu haben, das sei doch höchst verdächtig, denn wer bleibe denn schon so lange in einem Buchladen, das sei doch völlig langweilig. Als ich ihn fragte, wie der denn aussehe und dieser Mann jenen Mann beschrieb, war mir sofort klar, das konnte nur der andere Detektiv sein, der manchmal hereinschaute. Einer der beiden hatte sich einfach nur in der Einsatzzeit vertan.“

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Beobachtungen I

Er treibt sich, wenn nicht gerade einer dieser unangenehmen, aber notwendigen Lock-downs das Tagesgeschäft bestimmt, gerne in Bücherläden herum. Tatsächlich hat er so in seinem Leben einige Buchhändler kennen lernen dürfen. Die meisten waren ziemlich belesen, einfach deshalb, so vermutet Herr Nipp, weil ihnen ihr Beruf eine grundlegende Leidenschaft ist. Gerade die Besitzer kleiner Buchhandlungen sind dabei oft echte Idealisten. Einer seiner liebsten dieser Zunft hat sich immer Zeit genommen, zwischendurch andere Kunden bedient, um dann mit zwei Tassen Kaffee, später dann mit Mineralwasser auch zurückzukommen und das Gespräch weiter zu führen. Damals hatte Herr Nipp noch geraucht und manches Mal sind sie zusammen, wenn nicht so viel los war, in den Keller ins Büro gegangen, haben eine selbst gedrehte Zigarette genossen und sich über aktuelle Bücher, Lyrik und vor allem Musik ausgetauscht. Dieser sympatische Mann, der leider viel zu früh gestorben ist, hatte immer einen guten Lesetipp und einen offenen Blick auf die Welt gezeigt. Herr Nipp wird immer sehr wehmütig, wenn er an die tollen Gespräche denkt. Es gibt Menschen, die brennen sich mit ihrem Wesen, den Gedanken und Ansichten ganz tief in das Leben und Wahrnehmen der anderen ein.
Irgendwann war das Gespräch auf Ladendiebstähle gekommen, die unglaublich ärgerlich sind und echten Schaden anrichten, denn letztlich verdienen Händler nicht so viel an den Büchern, wie man vielleicht glauben könnte. „Natürlich ist das eine schlimme Sache, aber andererseits muss man verstehen, wer Bücher klaut, der hat es wirklich nötig. Und einmal habe ich sogar einen Mann dabei beobachtet und nichts gesagt. Ich konnte einfach nicht, der tat mir echt Leid. Und das Schöne ist, einige Tage später lag ein Entschuldigungsbrief im Kasten, in dem der Mann erklärte, warum dies geschehen sei und das Geld lag bei. Der hatte in dem Monat wirklich keine Geld mehr gehabt und das Buch brauchte er ganz dringend.“

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Morgens

Wir kennen alle das Problem: morgens aufstehen. Es gibt nach Herrn Nipps Theorie zwei Typen von Menschen. Die einen beschweren sich, weil es noch viel zu früh ist, sie drehen sich noch einmal herum, kuscheln sich in ihre Decke ein und wollen einfach kein Bein an die Erde bekommen, die anderen stehen auf, sobald sie wach werden, da ist es egal, ob sechs Uhr oder neun. Bei Letzten ist das Aufstehen um sechs oder sieben allerdings wahrscheinlicher, als dass sie bis in die Puppen liegen bleiben. Zweistellig ist ihnen keine Option. Seit Herr Nipp zurückdenken kann, ist er morgens immer aufgestanden, sobald er wach war. Also früh. Ausnahmen bildeten vielleicht solche Tage nach ausgiebigen Feiern und dann auch nur, wenn er viel zu viel getrunken hatte. Wenn der Kopf nachrauschte, der Verdauungstrakt üble Rückmeldungen gab, man kennt das ja. Katerös. Normalerweise also steht er lieber früh auf, weil er der Meinung ist, dass er so mehr von Tag hat und dementsprechend auch mehr von dem schaffen kann, was er sich vorgenommen hat. Augen auf, Beine raus und in einem Schwung aufstehen. In letzter Zeit aber hat er sich angewöhnt, noch eine viertel Stunde liegen zu bleiben. Die Augen geöffnet, sieht er zum Fenster, nimmt die Lichtquellen von Straßenlaternen und Hausbeleuchtungen und selten vorbeifahrenden Autos wahr und denkt nach. Dabei strukturiert er sich seinen Tag und tatsächlich hat sich gezeigt, dass diese viertel Stunde im Bett Liegen nicht verloren ist, sondern im Gegenteil einen Gewinn darstellt. Er ist nicht mehr so schnell gestresst und macht sein Tageswerk in aller Ruhe, möge kommen, was da wolle. Er hat ja einen Plan.

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Himmel

Manchmal findest du den Himmel erst, wenn du zu Boden schaust.

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