Eigentlich sollte es ja nicht gesagt werden, aber bereits Ende August hatte er den Herbst bemerkt. Natürlich auch am vielen gelben und braunen Laub der Bäume, das ihnen der viel zu trockene Sommer beschert hatte, aber auch an vielen anderen Kleinigkeiten, den massig auftretenden winzigen Fröschen, die auf seinen abendlichen Spaziergängen vor seinen Füßen hin und her sprangen und überall in den Parks und an den Wegrändern roch es nach reifen oder faulenden Äpfeln, fauligen, die von den Wespen angeknabbert auf dem Boden lagen, und den leckeren frischen, die er im Vorbeigehen zu pflücken pflegte. Er fand es wirklich schade, dass immer so viele einfach vergingen, ohne genutzt zu werden. Als Kind hatte er die Idee, aus solchem Obst Alkohol herzustellen und den anstatt Benzins zu verwenden. Gebrannt mit Sonnenenergie. Das wäre sicherlich nachhaltig gewesen. Er hatte damals in einem seiner schlauen Bücher eine jener frühen Sonnenkollektoranlagen irgendwo in Amerika gesehen, das muss wohl Ende der siebziger Jahre gewesen sein. Damals kam ihm die Idee, Sonnenenergie in Alkohol zu speichern, auf Wasserstoff kam er natürlich nicht. Dieser Tage fiel ihm das wieder ein als bei einem Abendspaziergang das Fallobst einer Apfelbaumallee von der schräg einfallenden Sonne malerisch angestrahlt wurde.

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Ingwerschorle

„Möchten Sie vielleicht eine Ingwerschorle trinken? Die habe ich heute morgen frisch zubereitet, die ist lecker und kalt.“ Er möchte einfach irgendetwas Unalkoholisches, ob es jetzt Wasser ist oder ein alkoholfreies Weißen ist dabei fast schon egal und Ingwerschorle hört sich wirklich gut an. Auch wenn er sich nichts darunter vorstellen kann. Gestern gab es hier Rosmarinschorle mit Limetten, unerwartet lecker. Er sollte sich sowieso häufiger auf solche Experimente einlassen, denkt er, neue Erfahrungen jenseits der üblichen Alltagslageweile sammeln. Das Glas ist fast bis zum Rand mit dem Getränk und klimpernden Eiswürfeln gefüllt. Ein irgendwie vertrauter Duft steigt ihm in die Nasenflügel. Die Schorle ist fast gar nicht gesüßt und neben dem Ingwer hat die Wirtin wohl einige Kräuter hinzugegeben. Und dann steigt plötzlich ein Bild aus seiner Kindheit empor und fast fühlt er sich in eine andere Zeit versetzt. Ein kleiner, Almdudler trinkender Junge in Österreich, der damals die Erkenntnis hatte, dass es so viele Geschmäcker neben dem üblichen Einerlei geben muss. Eine wunderbar Zeit mit lauter kleinen Wundern ,die es überall zu entdecken gab. Er genießt das Glas bis zum letzten Schluck und bestellt umgehend ein neues. Als er spät an diesem Abend geht, hat ihm die Wirtin auch dieses Rezept für ein selbstgemachtes Getränk zugesteckt. Und Herr Nipp ist ein dankbarer Mensch.

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Offenbar

Offenbar ist nebenan wieder jemand zu Hause, denkt er, als er schreibend auf der Terrasse sitzt. Ein Glas hat geklungen, vielleicht ist es auch die Putzfrau, denkt er noch, da sieht er eine fremde Gestalt im Garten, die winkt. „Hallo!“ Offenbar scheint ihn diese fremde Gestalt zu kennen, also steht Herr Nipp auf und geht ebenfalls in den Garten und beim näher Kommen ist er wirklich erstaunt, dass bei genauem Hinsehen ihm die Gesichtszüge doch irgendwie vertraut scheinen. Offenbar handelt es sich um den einen Sohn, den er seit bestimmt 20 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Damals war er noch ein Junge und Herr Nipp kann sich sehr gut daran erinnern, dass der nur Quatsch gemacht hatte, wie es eben Jugendlich so machen. Jetzt scheint er selbst Vater geworden zu sein und das Gespräch, welches sie führen, ist richtig angenehm. Wie die Zeit doch offenbar Menschen verändert.

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abrücken

Seine Erziehung sagt ihm, dass ein einmal gefasster Beschluss immer gilt. Seine Erziehung, so ehrlich muss er allerdings auch sein, ist dann doch nicht in allem so gut gelaufen, wie sie es hätte können oder sollen. Sie war und wird immer ein valides und befragbares Teil sein. Als Kind hatte er viele Beschlüsse getroffen und musste doch irgendwann einsehen, dass es besser ist, wenn sie zurück genommen werden. Etwa der Beschluss irgendwann die LVP, die Lehrer Vernichtungs Partei, zu gründen. Damit zeigte sich nur seine Abneigung gegen einen Berufsstand, der zu großen Teilen nicht in der Lage war, ihn, den normalsten aller Menschen, zu verstehen und fernerhin seine Gedanken zu würdigen, die er bis heute eben für gar nicht so abwegig hält, die sich im Gegenteil erst heute bewahrheiten, aber davon muss jetzt nicht gesprochen werden. Jedenfalls hatte er diese Idee irgendwann, als diese im Denken und Handeln wenig wandlungsfähigen Leute ihm zu unwichtig wurden, so gegen Ende der Pubertät, um darüber nachzudenken oder sich zu ärgern, in der Mottenkiste verstaut, vielleicht war es auch die von Kurt Schwitters im Gedicht Anna Blume so verwendete Glutenkiste. Auch die Bedeutung von Beziehungen, sei es nun von ihm gewollt oder von anderen herbeigeführt durch Aussagen wie „Das war es mit uns!“ blieb eben kein Status Quo, der zu erhalten sein. Nichts konnte er über die Jahre so halten, wie es einst gewesen war. Alles sollte sich immer wieder verändern. In einer Zeit, die kein Halt macht, die sich die Veränderung an sich auf die gern geschwungene Fahne geschrieben hatte kein Wunder. Wenn es heißt panta rei, dann ist da wohl etwas dran. All die Dinge, die er über Jahre geplant und durchgeführt hatte, waren eben irgendwann zu einem Ende gekommen. Herr Nipp hat in seinem Leben letztlich begriffen, dass es für den eigenen Fortschritt und die Weiterentwicklung der Persönlichkeit grundlegend wichtig ist, die Situation zu erfassen, zu überdenken und manchmal die Entscheidung zu treffen, davon abzurücken.

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Worte

Natürlich weiß er selbst, dass alles, was ihn umgibt, nur Worte sind. Aber immerhin scheinen sie ihm mit Bedeutungen geradezu aufgeladen zu sein. Inhalte, die er zu hinterfragen und zu verstehen wünscht, damit er sich und seine Welt vielleicht ein Stück weit ertragen kann. Damit er seinen Dämonen besser entfliehen kann, die ihn jeden Tag dazu zwingen, nicht zu ruhen, die ihm jede Sekunde einflüstern, dass da noch so viele Ideen sind, die endlich in Angriff genommen werden müssen. Es geht ihm da wie dem Schmied, der nicht der Hybris erliegt, von sich zu behaupten, er sei Schmied, sondern immer nur sagt, er sei ein Stück davon. Niemand kann alles über etwas wissen, lediglich etwas über alles. Und je mehr Wissen sich anzuhäufen scheint, desto größer werden die Fragen, die sich zu Gebirgen auftürmen. Herr Nipp lebt in dieser Welt der Wörter, der seltenen Antworten und der viel zu großen Unwahrscheinlichkeiten wie Fragwürdigkeiten und manchmal denkt er fast heimlich ganz bei sich, ohne jemals anderen davon auch nur in Teilen kundzutun „isso“.

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