Himmel

Gegen acht kommen er und seine Söhne doch mal so langsam aus Zelt und Bulli gekrochen. Sie waren vor zehn abends schlafen gegangen, nach langer, viel zu langer Ansreise. Kaum etwas ist ermüdender, als sich stundenlang durch Staus zu schleichen. Oben in den Bergen liegt dick wattig der Nebel. Es ist bedeckt, aber Herr Nipp ist einfach nur glücklich, endlich mal wieder hier zu sein. Nach so langer Zeit. In der Landschaft, in welcher er in seiner Kindheit bis zum 10. Lebensjahr Urlaub gemacht hatte. Jedes Jahr im Sommer, drei Wochen lang. Mit seinen Geschwistern, den Eltern natürlich, dem Onkel, dem er so viel zu verdanken hat und der im Urlaub immer dabei war, den Nachbarn inklusive seinen beiden Freunden und einmal kam auch die Familie seiner Tante mit. Große Gruppe. Er hatte erstaunlich viele Erinnerungen an diese Zeit. Leben auf einem Bauernhof mit einfachen Pensionszimmern. Jetzt möchte Herr Nipp seinen Söhnen diese wundervolle Landschaft rund um die Loferer Steinberge zeigen. Wandern, bergwandern und wer weiß, vielleicht auch einige Klettersteige, die er in seinem Alter noch bewältigen kann. Als er sich am Wagen zu schaffen macht, um wichtige Dinge für das Frühstück heraus zu holen, nimmt ihn der ältere Sohn plötzlich in den Arm und grinst. „Lachst du mich aus?“ „Nein, ich finde diese Campingtour einfach herrlich. Du wohnst unter freiem Himmel, alle Leute gucken dir dabei zu und du ihnen und es ist einfach nett und egal.“

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Es ist anders

All die schönen Fotos hat er in den letzten Jahren wohl mitbekommen und tatsächlich hat sogar er bemerkt, dass sie immer schöner, ja, geradezu perfekt geworden ist. Vor einigen Jahren hatte er die junge Frau kennengelernt. Damals war sie noch normal gekleidet, hatte ein hübsches, aber kein schönes Gesicht. Er hatte sie damals Gesichtchen genannt. Heute würde sich die Frage stellen, ob so ein Diminutiv, also eine neckische Verkleinerungsform überhaupt noch statthaft wäre. Tatsächlich stellt auch Herr Nipp sich manchmal die Frage, was in dieser ach so freien Ära überhaupt noch gesagt werden kann und darf. Da gibt es ja jetzt N-Worte (grammatikalischer Nonsens), I-Worte (ebenso), H-Worte (auch das) und was noch alles, ein generisches Maskulinum wird angezweifelt und so weiter. Häuptling sagt niemand mehr, weil es eine Verkleinerungsform ist, also jetzt Haupt, Schmetterling wird folgerichtig zu Schmetter, Einhörnchen zu Eichhorn, Rotkehlchen zu Rotkehl, Pfifferling zu Pfiffer und Mädchen zu Mad, nein, das ist ihm zu mad. Bleiben wir bei der Sache. Die junge Frau also ist inzwischen zu einer sogenannten Influencerin geworden und hat immerhin an die 100.000 sogenannte Follower. Sie bringt Fotos aus der ganzen Welt und hat immer die schicksten Klamotten an, niemals mehrfach die selben. Als Herr Nipp sie dieser Tage auf der Straße vor seinem Haus wiedertrifft, sieht sie allerdings fast genauso aus wie früher. “Ja gut, in den sozialen Netzwerken bin ich eine Kunstfigur geworden, da laufen ständig Filter drüber. Aber eigentlich bin ich tatsächlich die gleiche geblieben.“ Herr Nipp ist beruhigt.

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Seit Ewigkeiten

Seit Tagen und weiteren Ewigkeiten versucht Herr Nipp nun schon, seinen Freund telefonisch zu erreichen und so langsam macht er sich ehrlich Sorgen, weil weder ein Kontakt entsteht, noch eine Rückmeldung erfolgt. Auch über die vielen anderen Kanäle wie telefonische Kurznachrichten via bestimmter App und das E-Mail-System erhält er keine Antwort. Jetzt macht er sich endlich auf, um den Freund zu Hause zu besuchen, wer weiß, was da los ist. Nach dem ersten Klingeln bereits öffnet eine ältere Frau, die Herrn Nipp freundlich anschaut. “Nein, der war seit einigen Tagen nicht hier,“ Eine Antwort, die eine gewisse Unruhe auslöst. Da muss doch wirklich was im Busch sein. Normalerweise telefonieren sie ja täglich und dann meist auch länger, aber so etwas ist in den letzten Jahren nur vorgekommen…nur vorgekommen…ja, natürlich, jetzt ist ihm alles klar. Einige Tage später sitzt sein Freund Freund auf Herr Nipps Terrasse und hat leuchtende Augen. „Du brauchst nichts zu sagen, ich weiß was los ist. Natürlich. Und natürlich hast du die Welt vergessen und dein Handy hatte keinen Saft mehr oder lag im Auto. Und es ist mir natürlich klar, dass du im Bett der Freundin lagest, in die du dich Hals über Kopf verliebt hast. Das alles war ebenso natürlich auch nicht absehbar…“ “Ich habe ganz spontan eine Wanderung durch die Pyrenäen gemacht, anderthalb Wochen. Es war die Erleuchtung für mich.“

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Sitzen und reden

In einem kleinen Kreis haben sie sich angeordnet. Sie wollen miteinander sprechen, die wichtigen Probleme des Schreibens erörtern. Diese Gruppe angehender Autoren beschäftigt sich mit einer Inbrunst, das hält man kaum für möglich. Ernsthaft lesen sie gerade einen Text eines anderen Autoren, der dadurch auffällt, dass eine besondere Form des Dialogs verwendet wurde. In einer Art der Verschleppung reagieren die Figuren hier erst sehr verspätet auf die Inhalte der Aussagen und Fragen der jeweils anderen Figur. Das Gespräch läuft so ganz seltsam aneinander vorbei. Und die Nachwuchsautoren sind mehr als verwundert, dass sie so gebannt hiervon sind. “Man könnte doch auch einfach ein Gespräch aufnehmen und es dann verschriftlichen. Wäre das nicht die einfachste Methode, einen Dialog zu schreieben?“ “Vielleicht solltest du mal in eine Kneipe gehen.“ „Ich bin häufig in Kneipen unterwegs.“ „Oh nein, wie langweilig es doch ist, Leuten in der Kneipe zuzuhören, die reden oftmals vier fünf Stunden lang und irgendwie umkreisen sie die Themen mit ständigen Redundanzen.“ „Wie bitte?“, meint ein vierter Teilnehmer. “Die wiederholen sich ständig nach einer gewissen Zeit.“ „Dann gibt es die angehenden Liebespaare, da redet sie die ganze Zeit, er sagt höchstens Oh oder Ja oder etwas anderes Zustimmendes; sie ist am Ende der Meinung, dass das Gespräch doch sehr interessant war und er fragt, ob er sie noch nach Hause bringen soll.“ „Stimmt.“ „Seht ihr, genau an dieser Stelle wäre das geschriebene Gespräch beendet.“ „Wie langweilig.“

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Der Apfelprinz

Vor langen Jahren, da lebte in einem engen Tal, gar nicht weit von hier ein einsamer kleiner Prinz. Der war zwar niemals König geworden, weil einer seiner Brüder dieses Amt erhalten hatte, aber immerhin wohnte er in seinem eigenen schönen Schloss und hatte so große Ländereien, dass er ein gutes Auskommen hatte. Doch irgendwie war er immer ein bisschen unglücklich, denn er fand nirgends eine Frau, die ihn heiraten wollte, denn die meisten edlen Fräuleins sahen nur sein Äußeres und er war nun einmal sehr sehr klein. “Ach wäre ich doch größer, dann fände ich auch eine Frau, die ich lieben und heiraten könnte.“ Doch er wuchs einfach nicht. Und keine Frau wollte mit ihm sprechen, denn alle dachten, wer so klein ist, der muss auch wahnsinnig dumm und langweilig sein.
Irgendwann gewöhnte er sich an sein Alleinsein und begann damit, neue Apfelsorten zu züchten. Oft sah man ihn in einem Baum herumklettern und niemand kam auf die Idee, dass er zu klein sein könnte. Als eines Tages eine Prinzessin zufälligerweise an seinem Lieblingsapfelbaum mit den 50 Sorten vorbeiritt, sah sie den Mann da oben, der offensichtlich mit seinem Baum sprach, und fragte ihn, welche Bewandtnis es damit haben könnte. Und der Prinz erzählte ihr mit Begeisterung von seinen Apfelbäumen und wie man züchtet und veredelt. Da war die Prinzessin so begeistert, dass sie sich ganz spontan in ihn verliebte. Auch später, als die beiden geheiratet hatten, fiel ihr niemals auf, dass der Prinz ein ganzes Stück kleiner war als sie, denn einen so interessanten Mann hatte sie niemals vorher in ihrem Leben kennengelernt. Und wenn die beiden nicht gestorben sind, dann kochen sie heute noch zusammen das leckerste Apfelmus, das ihr euch vorstellen könnt.

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