Was du heute siehst

Es ist alles vergänglich, das ist den Menschen wohl nicht erst seit dem Barock bewusst, auch wenn kaum eine andere Epoche dies so sehr in den Mittelpunkt des Denkens erhoben hat. Der heutige Mensch geht wohl eher vom Augenblick aus. Ja, es ist alles im Werden und Vergehen begriffen, das wissen wir, aber was interessieren uns gestern und morgen? Es ist die Zeit der Hedonisten, der Egoisten, der Jetztgläubigen, die sich und ihre Problemchen im Blick haben. Da erzählt Herrn Nipp ein Kollege im vollsten Unschuldsbewusstsein, dass er sich morgens eigentlich kaum entscheiden könne, ob er nun den BMW fahre, der habe ja schließlich ein Cabrioletdach oder den Mercedes, er mache sich aber auch manchmal Gedanken darüber, ob es nicht viel umweltfreundlicher sei, das Motorrad mal wieder aus der Garage zu holen, das sei doch bei einer Person wohl das Beste. Des Herrn Nipps Vorschlag, häufiger das Fahrrad zu nutzen oder zu Fuß zu gehen, wird augenblicklich verworfen. Welch eine Zumutung. Auch seine Idee bei einem anderen Kollegen, doch näher zum Arbeitsplatz zu ziehen, was energetisch und zeitlich durchaus vorteilhaft wäre oder sich einen Arbeitsplatz in der Nähe des eigenen Zuhauses zu suchen, erscheint dem Gegenüber fast ketzerisch. Als er kürzlich einen Autofahrer darauf hingewiesen hat, er könne doch zumindest im stehenden Modus vielleicht den Motor ausmachen, der nun schon seit einer viertel Stunde vor sich hin brummt, wurde er angebrüllt. Wenn er dann sogenannt liberale oder konservative Politiker hört, es sei doch wohl schwachsinnig, perspektivisch auf Verbrennermotoren zu verzichten oder gar ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen einzuführen, muss er sich die Frage stellen, was im Kopf solcher Menschen herumspukt. Liberal heißt, auch die Freiheit der Anderen, das heißt auch die Freiheit folgender Generationen, zu achten. Konservativ heißt, nicht alles, sondern das Gute zu bewahren für die folgenden Generationen. Ja, alles ist vergänglich, auch der nutzlose Verbrauch, spätestens dann, wenn nichts mehr zum Verbrauchen da ist. Aber dann muss er sich auch an die eigene Nase fassen, seinen Diesel fährt er tatsächlich immer noch manchmal.

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Brille

Wir kennen die Erzählungen (modern müsste es heute wahrscheinlich Narrative oder Narrationen heißen, hach wie toll ist das aktuelle Öffentlichkeitssprech) alle. Da sucht jemand seine Brille und kann sie dummerweise nicht finden und dann kommt der Partner oder wer auch immer heim und sagt, dass der Suchende sie doch auf der Nase hat. Haha, was haben wir gelacht. Wie kann denn jemand so „trottelig“ (Ich habe mir dieses Wort bei Jan Faktor ausgeliehen, dessen Roman „Trottel“ man unbedingt gelesen haben sollte. Übrigens ein wirklich sympatischer Zeitgenosse, denn es sich lohnt kennen zu lernen.) sein. „Das habe ich bei dir auch nicht anders erwartet.“ und ähnliche Frechheiten werden dann stereotyp gebraucht. Das allerdings soll an dieser Stelle nicht erzählt werden, zu abgedroschen und vor allem ihm noch nie passiert und auch als Erzähler sollte man nicht allzu sehr lügen, wohl den Leser in die Irre führen, ja, das ist erlaubt. Herr Nipp hat seine Brille jedenfalls ernsthaft gesucht, er kam auch sofort auf die Idee, in den Spiegel zu schauen, vielleicht konnte sie sich ja doch irgendwo in seinem glatt rasierten Gesicht oder auf dem ebenfalls weitgehend glatten Haupt versteckt haben. So eine Frechheit der Sehgläser, sozusagen ein bewusster Prozess der Subordination gegenüber ihrem Träger. Einfach zu verschwinden, wo gibt es denn so etwas? Zunächst im Wohnzimmer trachtete er, die Sehhilfe ausfindig machen zu können, dann im Bereich der Dusche, klar, da zieht man sich ja meist vor dem Duschen aus und man hört davon, dass auch Brillen abgelegt werden, Schlafzimmer, Ja, Schlafzimmer, wo sonst, oder doch der Werkraum im Keller, in dem er sich manchmal gerne aufhält,um irgendwelche Ideen zu realisieren. Selbst die kleine Bibliothek ein Fehlschlag. Seine Schwester hat er angerufen, auch dort hatte er sie nicht liegen lassen. Wenn hier von der Brille gesprochen wird, muss der geneigte (hoffentlich nicht gebeugte) Leser wissen, dass es sich eigentlich um drei Brillen handelt, die er wechselweise trägt. Nicht besonders schön, klar, aber zumindest funktionale Nasenrennräder nennt er sein Eigen. Es hilft alles nichts, keins ist zu finden, niemand weiß, wo sie liegen könnten. So versucht er fast den gesamten Tag über, das heißt, immer wieder, seine geschätzte Wochenzeitung mit möglichst großer Distanz zu lesen. So entsteht ein leidlich scharfes Bild der Buchstabenkolonnen. Das Lesen dauert zwar ein wenig länger, aber es geht eben doch so halbwegs. Vor allem dann, wenn die Zeitung wellig liegt, muss er manchmal raten. Aber normalerweise liegt er dann richtig. Man sollte nicht vermuten, dass Redakteure und Journalisten heutiger Zeit selbst angesehener Blätter auch nur ansatzweise dazu neigen, konzeptionell experimentellen Sprachgebrauch zu machen. Das könnte gar noch den nächsten Scheißesturm auslösen, der wohlklingender „Shitstorm“ heißt. Der wahre Wohlfühljournalismus dieser Tage findet nicht nur die richtigen Wohlfühlthemen, sondern ganz nebenbei auch noch eine Wohlfühlsprache, die eher romantischen Ansätzen einer Poetisierung der Welt gleicht als denen des radikalen Expressionismus, der die Welt zerlegt und neu zusammensetzt. Die Wohlfühlpresse bedient sich sprachlicher Weltflucht. An diesem Tag kommt er erst spät zur Ruhe und muss dort im Schlafzimmer feststellen, dass alle drei Brillen unter der Bettdecke liegen.

Und da fällt ihm ein, dass er noch dringend zum Geburtstag gratulieren muss.

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Daten

Man muss es wirklich nicht ganz so genau nehmen, sagt sein Gegenüber. Ob das Gedicht von 1816 oder 1852 ist, das kann uns doch völlig egal sein.

Herr Nipp atmet ganz tief ein und aus.

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o.T.

Herr Nipp hat etwas für ihn selbst völlig Verrücktes getan, er war zu einer Vernissage in einer kleinen Galerie. Ins Museum geht er beizieten ja wirklich gerne, aber Galeriebesuche sind schon eine völlig neue Erfahrung für ihn. Dass er irgendwann in den achtziger Jahren ebensolches mehrfach getan hat, ist ihm wohl völlig entfallen, vielleicht war es über der Jahre auch ein Verdrängungsprozess. Eine Vernissage allerdings ist noch einmal eine Stufe höher, denkt er. Die Atmosphäre ist prickelnd bis gespannt, wieviele Leute werden wohl kommen und vielleicht noch wichtiger, wer? Wird er Gelegenheit mit dem Künstler einige worte zu wechseln oder handelt es sich um ein arrogantes A. ? Man kann ja nie wissen, mit welchem Klientel man es wohl zu tun haben könnte. Aber womit er nicht gerechnet hat, ist die Freundlichkeit und offenbare Verbindlichkeit. Sowohl die Gäste, Galeristin also auch die Künstlerin ist von ausgesuchter Höflichkeit. Sogar der kostenfrei angebotene Rotwein ist durchaus trinkbar. Die Bilder gefallen ihm gutAlles passt soweit, traurig allein, dass so viele Bilder einfach keinen Titel haben.

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drei

In einer Galerie stehen und sitzen drei Männer in einer Ecke herum. So könnte ein Witz anfangen, hier allerdings nicht. Ja, sie haben offensichtlich Freude an ihrem Tun, aber ein Scherz sind sie wirklich nicht. Der eine sitzt an einem improvisierten Schlagwerk. Man kennt diese einzelne Trommel noch aus den achtziger Jahren von der Band Trio. Alles sparsam. Hier aber wird kein simpöer Rhythmus gehämmert, sondern feinfühlig holt er eine riesige Bandbreite von Tönen aus dem Trömmelchen. Ganz nebenbei hat er eine ziemlich verbeulte Posaune in der Hand, mal spielt er hieran, mal dort dran und meistens zusammen. Wie, ist sein Geheimnis. Herr Nipp hat allerdinngs noch nie eine Person gesehen, die ein solches Gefühl für alle Arten von Musik hat. Man muss ihm nur irgendetwas in die Hanbd zu geben und schon entsteht Musik ,schon werden eine Streichholzschachtel und ein Schlüssel Musikinstrumente. Glücklich und sich ruhend, alles andere scheint egal. Jetzt ist Musik und das zählt. Der andere hält eine alte Ibanez in den Händen, ein unglaublich schönes Instrument mit Gebrauchsspuren. Hier und da fehlen wohl auch Einzelteile der halbakustischen E-Gitarre, aber das scheint ihm nichts auszumachen, das Instrument hat einen tollen Klang, trotzdem oder gerade deshalb. „Ach, das waren doch alles Angeberdrehknöpfe, Hauptsache sie spielt.“ Zwischendurch drückt er auf Tasten eines Bandgerätes, das zwei Spuren aufnehmen kann. Er hat einen Loop gebastelt, drei Meter, die eine Seite ist um einen Mikrofonständer gelegt, die andere Seite wird vom Tonbandgerät eingesaugt. Ziel ist es, dass das einmal Gespielte noch einmal wieder gegeben wird. Was auf dem Band ist, verändert sich andauernd, wird überlagert. Immerhin können die drei so insgesamt neunstimmig Musik machen. sie spielen gemeindsam mit ihrer eigenen Vergangenheit. Der dritte Mann ist ein bekennender Dilettant, er hat kein Instrument in seiner Nähe, nur das Mikrofon und ein Buch, welches er selbst geschrieben hat, immerhin das. Er kennt offensichtlich nichts auswendig, liest, spricht nur, grunzt, kiekt und schnarrt mit der Stimme. Manchmal kommt auch etwas, das an musikalische Töne erinnert. Textspuren überlagern sich, mal spricht er gegen das vorher Gesprochene an, mal folgt er ihm, und ganz selten auch hören die Besucher genau das Selbe in zwei oder drei Stimmen. Ohne irgendwann einmal abzusetzen spielen sich die drei in einem jazzigen Rausch und alle anderen staunen und als sie geendet haben, meint einer: „Was war das denn?“ Eine halbe Stunde hat er mit offenem Mund zugehört und kann nicht fassen, was er da gerade erleben durfte.

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