Realität

„Erst wenn wir das, was ist, als das, was es ist, erkennen, wird es uns zur Realität. Wir machen die Realität, sie kann nur in uns sein. Alles nicht Erkannte ist wohl da, aber für uns letztlich keine Realität, weil wir es nicht realisieren. So ist Realität immer ein aktiver Prozess der Wahrnehmung und Reflexion.“
Der Junge Mann, der Herr Nipp gegenüber steht, haut solche Satzungetüme heraus, als wären sie gestanzt, als wären es unbefragbare Wahrheiten, unverrückbare Monolithe des Wissens. Staunend folgt er dem Vortrag des jungen Mannes, bemerkt, dass auch die anderen Anwesenden völlig gebannt sind. „Philosophische Grundlagen“ heißt das gebuchte Seminar in der Hochschule. „Dieser Erkenntnisprozess führt zu unserer Menschwerdung und gleichzeitig einer grundlegenden Befragung des Seienden, genau das könnte die Grundlage von allem sein.“ Eine Stunde lang bekommen die Anwesenden eine Einführung, viele schreiben mit, machen sich Notate oder kritzeln auf ihren Blöcken herum, wahrscheinlich nehmen einige den ganzen Vortrag der Einfachheit halber auf. So kann man zu Hause alles noch einmal nacharbeiten. Es ist viel und wird immer mehr.
Leider ist das alles für Herrn Nipp nur eine Erinnerung, die in ihm gerade hochsteigt, Jahre her. Die erste Stunde damals. Aber er hat die Zeit des Studiums wirklich geliebt.

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Kerne

Das ist es also, was dieser Autor meint, den ich eben gelesen habe, denkt Herr Nipp. Der hatte über seine Motivation zu schreiben geschrieben, da ging es natürlich auch um jenen Kern oder auch Nukleus, das Wort, um das herum sich ein Text entspinnt, weil es so viele Assoziationen erlaubt oder gerade auch nicht und sich der Schreibende sein Terrain erarbeiten muss. Da wird auch von den weiteren Maßnahmen geschrieben, die dazu beitragen, in einen Schreibfluss zu kommen, der den Text geradezu sprudeln lässt. Herr Nipp also hat sich eine alte Schallplatte aufgelegt, per Zufall aus dem Stapel genommen, den er für seine Geburtstagsfeier herausgesucht hatte. Nach und nach hat er in den letzten Wochen diesen Stapel abgearbeitet, die Vinyls gespielt und zurückgestellt und jetzt stehen vor dem Plattenspieler nur noch 20 oder wenige weniger. nicht so ganz davor, eigentlich darunter, weil sein Teller oben auf der Fensterbank rotiert und sich nicht wie die Tonträger auf dem Boden befindet. „Boys don´t cry“ also von The Cure, eine Platte, die ihn schon seit seiner frühen Jugend begleitet, eine der ersten, die er sich gekauft hatte damals, als er auch seine erste Kompaktanlage erworben hatte. Von Hitachi, soweit er sich erinnert. Und plötzlich sind all die Erinnerungen da, an die schönen Stunden unter der Bettdecke, mit einem Buch eingekuschelt, weil er mal wieder keine Heizung an hatte. Vielleicht auch, weil er damals gefühlt nicht so gute Freunde hatte, die sollten sich erst später einstellen. Er erinnert sich plötzlich an die Esskastanien, die er sich immer gekauft hatte im Spätherbst und Winter. Damals gab es noch dieses tolle Gemüsegeschäft an der Ecke. Eigentlich eine ärmliche Holzbude, aber die alte Verkäuferin hatte immer die besten Waren. Seine Mutter hatte immer geschimpft, dass er gerade dort sein Taschengeld ließ. Erstens mochte sie die Frau nicht leiden und zweitens verkaufte sie die Gemüse und vor allem die Nüsse viel teurer als man sie beim Discounter erwerben konnte. Das Argument, dass es dort einfach besser schmeckte, zählte für seine Mutter nicht. Kaum hat er angefangen zu schreiben, ist die erste Plattenseite auch schon vorbei. Er steht auf, dreht die LP um und möchte zum Ende kommen, will seinen Text fertig kriegen, schließlich soll ja kein Roman entstehen, sondern ein kurzer, ein knackiger Text über seinen Vorgarten. Aber wo er schon mal dem Schreibsessel entkommen ist, geht er noch kurz zur großen Schale mit den Walnüssen in den Nachbarraum, füllt sich einige in eine kleine Schüssel und hat eine unglaublich Freude am Knacken. Mit den Nüssen ausgerüstet begibt er sich zum Rechner und schreibt den Text zu Ende. Zack zack. Ja denkt er, es braucht nicht einen Kern, sondern Kerne, um einen guten Text zu verfassen.

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Einsichten

Er hat sich als Kind schon immer vorgestellt, wie es in anderen Häusern wohl aussieht. So gesehen war es für wirklich spannend, eine Wochenzeitschrift herumzubringen, einmal im Monat musste er Geld einsammeln, meist wurde er hereingebeten, saß mit den Menschen einige Zeit am Küchentisch oder im Wohnzimmer, das immer frisch gestaubsaugt war und plauderte das, was ein Kind eben so mit alten Menschen plaudern kann. Immerhin war er das gewohnt und sprach wohl damals immer mit Feingefühl die richtigen Themen an. So konnte es durchaus zwei Stunden oder mehr dauern, bis er bei allen 30 Abonnenten das Geld einkassiert hatte. Neben den teilweise großzügigen Taschengeldern fand er es fast noch spannender, hinter die Fassaden zu sehen, zu erfahren, wie die Menschen eingerichtet waren. Viele hatten damals in den achtziger Jahren noch ihre Möbel aus den fünfzigern, teilweise aus den sechzigern in den Wohnungen stehen, die ihm schon damals sehr gut gefielen. Alles Alte war ihm lieb. Inzwischen läuft der Wochenzeitschriftenverkauf sicherlich per Überweisung. Niemand hat mehr Zeit, sich freiwillig längere Zeit mit alten Menschen zu unterhalten. Niemand möchte heute noch wissen, was diese Leute so denken, wie sie ihr Leben reflektieren. Auch das fand er damals spannend. Inzwischen hat er neue Wege gefunden, seine Neugier zu stillen. Jedes Mal wenn ein Freund oder eine Freundin aus einem Internetprivatverkauf etwas abzuholen hat, kommt er mit, schließlich besitzt er ja einen Bulli, mit dem eigentlich fast alles zu transportieren ist, ob Trainingsrad oder ausgemustertes Möbelstück. Dadurch hat sich sein Radius auch wesentlich vergrößert. Na gut, er kommt nicht mehr so regelmäßig in alle möglichen Häuser, aber das macht nichts. Der kleine Nervenkitzel der Befriedignung seiner Neugier ist immer noch gegeben.

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wiegen

Um es vorweg zu sagen: Er hat sich von seiner Waage getrennt, konnte sie einfach nicht mehr ertragen, hat sie kurzerhand aus dem Fenster befördert, schnell und unbedacht. Einfach so. Er hatte einfach keine Lust mehr darauf, jeden Tag auf dieses Folterinstrument zu steigen und sich wieder einmal anzeigen zu lassen, dass natürlich nichts passiert ist, gar nichts. Entweder hundert Gramm mehr oder eben weniger, aber über die Zeit passiert ganau gesehen nichts. Da kommt er doch lieber ohne schlechtes Gewissen ins Badezimmer und behält seine naive gute Laune.
Um es hintan zu sagen: Natürlich hat das nicht lange gedauert. Er hat seine Waage wieder hereingeholt, jetzt steht er wieder jeden Morgen und jeden Abend brav auf ihr und lässt sich anzeigen, dass nichts passiert, jedenfalls nichts wesentliches.

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Er geht (Gedicht für Kinder oder Verliebte)

Zuerst sahst du die welken Gräser
auf unseren frischen Wiesen
dann kamen „huhuhuh“ kaltgraue Bläser
die sie umwehten und fies bliesen

So tropf tropf tropf der lange Regen
lachte erst angenehm, dann kälter
man sah,
das Jahr
war nicht mehr jung –  es wurde älter,
doch für die Wiese brachte er Segen.

Die Kinder spielten nur noch selten Fangen
vor allem nicht die blöden bangen
sie blieben lieber ganz im Haus
und irgendwann, da blieben alle aus.

Jetzt kommt der duftig goldne Herbst herbei
trägt lustigbunte Blätter übers Land
und lächeln werden nun wir zwei
wir gehen wie Verliebte Hand in Hand

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