Der Stau (II/3)

„Egal ob es Baustoffe sind oder Damenbinden, immer im Stress und jetzt muss gerade kurz vor Geschäftsabschluss so ein Verkehrschaos dazwischen kommen. Ein dickes Auto und ein schicker Anzug machen schon etwas her, da kannst du auch auf dicke Tasche machen, alles Spesen. Du darfst abends nur nicht den Billigdresscode der Normalvertreter erfüllen. Niemals ein starkfarbiges Hemd und bunte Krawatte anziehen, das bemerkt jede Dumpfbacke. Zurückhaltendes weißes Hemd, leger ohne Krawatte, das macht was her. Guter Anzug, muss sitzen. Und auf die Schuhe achten. Ganz wichtig, an den Schuhen erkennt man die soziale Stellung. Wenn du dich an die richtigen Frauen ranmachen willst, muss es gediegen aussehen. Geschäftsmann eben.“ Das Gesicht hellt sich mit diesem Gedanken merklich auf, er hatte wieder einmal etwas Gutes erlebt. Ganz fernab von jeglicher Moral. Auch das gehörte für ihn zum Berufsbild. Und wenn man niemals die Handynummer herausgab, war alles in Ordnung. Letztlich Lastfwagenfahrerträume, bei denen er sich erwischte. In Gedanken kann alles passieren.

„Dann siehst du aus, wie einer aus dem mittleren Management, das reicht vollkommen, man darf auch nicht zu dick auftragen, das merkt jeder. Dann noch etwas geheimnisvoll tun, aber charmant und schon bist du dabei.

Wäre ich nur liegen geblieben. Ja, so denken doch alle von uns, in jedem Hafen eine Braut, wie dazumal die Seeleute. Dabei stimmt das doch alles nicht. Nix war gestern und alles andere kann man sich vielleicht nur vorstellen, da wird nichts draus. Jede Nacht in einer engen Hotelkoje, und wenn es geht nach Hause, da ist es immer noch am Besten. Nicht einmal hatte ich einen Ausrutscher in der ganzen Zeit, nur brennt manchmal die Vorstellung mit mir durch. “ Bei dem Gedanken bekam er ein fast versonnenes Gesicht. Die Wut über den zeitweiligen Staunachbarn hatte sich schon wieder gelegt.

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Der Stau (II/2)

„Jetzt macht flott, es gibt schließlich einen Grund dafür, dass der Konzern mir keinen Kleinwagen, sondern ein echtes Auto bezahlt. Man, ich bin erstens gut und zweitens muss man Eindruck machen, man muss schließlich auch schnell und vor allem pünktlich im Ziel sein. Man, so sieht es doch wohl aus. Leute wie ich halten die Wirtschaft am Laufen, wir sind es, die dafür sorgen, dass auch die Anderen Arbeit haben. Dafür ist es doch nur gerecht, wenn man einen ordentlichen Motor unter der Haube hat. Es muss auch mal Spaß machen, wenn man den ganzen Tag auf der Piste ist. Sollen die anderen doch neidisch gucken, kann von denen ja keiner wissen, dass es ein Firmenwagen ist. Könnte mir selber wahrscheinlich niemals so ein Teil leisten, vielleicht mit Leasing, aber dann würde er ja auch der Bank gehören. Wenn ich die jungen Leute sehe, die sich dicke, schicke Autos kaufen, können kaum genug Geld für die Miete aufbringen und haben einen Wagen für vierzig Tausend vor der Tür stehen. Zahlen jeden Monat dreihundert an Leasingrate und haben letztlich nix davon. Die haben echt was falsch gemacht, die haben noch nicht verstanden, dass man den richtigen Job suchen muss, damit andere das bezahlen.“ Für einige Augenblicke war er zufrieden, hatte sich in einen Rausch geredet, und alle anderen Sorgen darüber vergessen. Auch dass er in einem Stau stand. Genau in diesem Moment gegann der Verkehr zu rollen, gut fünfzig Meter auf seiner Seite. Den Typen von der Ökofraktion hatte er schon mal hinter sich gelassen, auch das eine kleine Genugtuung für die Unannehmlichkeit der Stockung. Der Verspätung.

„Dabei schauen die doch alle nur auf uns Vertreter herab, das ist völlig unfair. Nur weil wir alle möglichen Geschäftspartner aufsuchen, anquatschen. Ohne uns gibt es nun mal keine Umsätze, wer das nicht versteht, der tut mir leid. Außerdem haben wir mehr Freiheiten, als viele andere, aber das wird wohl nicht gesehen. Die wichtigsten Tätigkeiten sind nun einmal fahren und warten, aber auch daran gewöhnt man sich sehr schnell. Und dann muss man im richtigen Moment die richtigen Worte parat haben. Die Leute müssen erkennen, dass man voll hinter der vertretenen Marke steht, wer kann das schon leisten? Die richtig guten Vertreter bringen echt Kohle rein. Wir machen Arbeit im besten Sinne und dafür brauchen wir auch ordentliche Entlohnung, Firmenwagen und Spesen, Gehalt nach Leistung. Nicht wie die Sesselpuper von Beamten, die immer das Gleiche kriegen, ob sie nun arbeiten oder nicht. Die würden sich umgucken, wenn sie plötzlich den Gesetzen der Marktwirtschaft ausgeliefert wären. Und dabei springen die Abteilungsleiter der Kunden mit uns um, als wären wir eine Geißel, müssen denen auch noch kleine Präsente machen, was Ausgefallenes muss schon drin sein, nicht nur ein Kugelschreiber, eher schon ein edles Schreibset mit Laserpointer für den Jüngsten, damit sie einen Auftrag vergeben. Egal, was ich den letzten Jahren an den Mann gebracht habe, es war erfolgreich, das ist es doch, man muss Ahnung von der Materie haben, sich einarbeiten. Nicht wie dieser Verkäufer, den der Nick Cave in seinem letzten Roman vorstellt, das ist ja das völlige Grauen, damit habe ich wirklich nichts zu tun.“ Selbstzufrieden steckte er die nächste Zigarette an, öffnete beide Fenster, Durchzug, das ist wichtig in solchen Situationen.

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Der Stau (II/1)

Er hatte wirklich keine gute Laune, einen schlechten Tag erwischt und dann auch noch in diesem Stau stehen, das konnte nur zur Katastrophe geraten. „Man, was glotzt der Lackaffe neben mir mich dauernd an. Steht hier auf der Autobahn, mit seiner Rostlaube auf der Autobahn herum, als wäre es ein Parkplatz, das ist eine Autobahn, Rennstrecke zwischen den Städten. Solche Leute sind es doch, die alles aufhalten. Die verursachen die Staus, lahme Enten und Sonntagsfahrer, die mit ihrer sogenannten Gelassenheit bei anderen Aggressionen verursachen. Wofür haben wir denn die starken Motoren, ich sag nur Pferdestärken.“ Tatsächlich begann er seinen zuerst nur gedachten Monolog vor sich hin zu brabbeln. Die Gesichtslandschaft verzog sich immer mehr in Richtung Grimasse. Würde einem nachts ein solcher Mensch in einsamer Gasse entgegen kommen, wünschte man sich an eine andere Stelle der Stadt. Heißt es nicht in einem so daher gesagten Ausspruch, dem möchte man nachts nichts begegnen? Hier traf es zu. Wer jemals jenen Gesichtsausdruck von Bilbo Beutlin sah, als er bei den Elben den Ring zurück begehrt, der weiß so ungefähr, welchen Eindruck ein Außenstehender haben musste. Dabei war er nicht gerade von imposanter Gestalt oder gar Größe.

„Von nix`ne Ahnung und alles besser wissen. Ist bestimmt so ein Ökoheini, den ganzen Tag mit der Kiste über die Pisten zur nächsten Demo brettern, hunderte von Litern Sprit verbrauchen und hinten drauf ein Aufkleber mit „Atomstrom, nein danke.“. Der sollte lieber Fahrrad fahren, das könnte den Planten vielleicht retten, zumindest aber viele Staus verhindern. Wenn diese Schlaumeisen und Besserwisser, diese selbst ernannten Weltverbesserer und  Ökoaktivisten sich doch nur in die Wälder zurückzögen und sich an Bäume ketteten, dann hätten wir Ruhe. …und vor allem freie Bahn. Da könnte ich echt sauer werden. Man.“ Er hatte wirklich einen schlechten Tag erwischt, eben Ärger mit dem Chef gehabt, morgens schon in einen Streit mit seiner mürrischen Frau verwickelt. In solchen Situationen kann man wohl nicht zufrieden gucken, schon gar nicht selbstzufrieden. Er hasste heute alles und jeden. Die Wunden waren zu tief und fraßen sich immer weiter hinein. Warum gerade er diese Ungerechtigkeiten immer anzog, magnetengleich, das konnte er sich wohl beim besten Willen nicht erklären.

 

„Man. Jetzt fängt der mit seinem dämlichen Gesicht auch noch an Kekse zu knabbern, als wäre das das Köstlichste, was er je im Mund hatte. Der muss ja Zeit haben. Völlig aus der Welt getreten. Wahrscheinlich so ein Arbeitsloser, der sich auf meine Kosten ein schönes Leben macht. Man. sieht man doch sofort, dass da was faul ist. Wie kann man denn bei so einem Stau noch so dermaßen glücklich grinsen, der hat bestimmt gekifft oder das sind Spacecakes. Sollte eigentlich mal die Grünen Männchen anrufen und denen einen Tipp geben. Klar, das muss es sein, der ist ja gar nicht mehr zurechnungsfähig, solche Sozialschmarotzer sollten ganz schnell aus dem Verkehr gezogen werden. Das sind doch immer die Gleichen, die die Staus verursachen.  Man, man, man.“Er zog eine nächste Zigarette aus der Schachtel, steckte sie zwischen die Lippen, entzündete sein Sturmfeuerzeug, Geschenk seines besten Freundes, und zog tief ein. Wenn es einem so schlecht geht wie ihm, dann muss auf irgendeine Art und Weise Kompensation betrieben werde. Und manchmal muss dann eine Zigarette her und nicht eine von den milden. Er hatte vor kurzem eine alte Sorte wiederentdeckt, ohne Filter. Auch wenn abends die Lunge schmerzte, das musste schon sein. Aber immer nur, wenn er allein war, damit Frau und Kinder ja nichts mitbekommen.

 

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Der Stau (I/5)

Obwohl wir Bauernjungs und Bauernmädchen waren, durften wir ausschlafen, wenn wir es wollten. Nach Ansicht meiner Mutter musste sich das richtige Gefühl für die ausreichende Schlafdauer über die Jahre entwickeln, dann musste jeder für sich die Erfahrung machen, was ausreichend ist. Tatsächlich macht übermäßiges Schlafes noch träger und müder. Ich habe festgestellt, dass die Länge meines Schlafes den nächsten Tag beeinflusst. Wenn ich mit einer gewissen Grundmüdigkeit durch den Tag gehe, habe ich den Anspruch, immer bereit zu sein, jeden Fehler entdecken zu müssen, der sich zwischen die Formeln meiner Programme geschlichen hat. Wenn ich völlig ausgeschlafen bin, also mehr als sechs Stunden im Bett gelegen habe, dann bin ich oft nicht aufmerksam, weil keine Notwendigkeit dazu besteht. An diesen Tagen unterlaufen mir ganz dumme Fehler, die manchmal zu kleinen Disastern führen, wenn es so etwas überhaupt gibt. Andererseits weiß ich auch, dass mein Faltenwurf von Gesicht, den ich jeden Morgen im Spiegel betrachten muss, dem wenigen Schlaf geschuldet ist.

Die richtige Schlafdauer erkennt man vielleicht erst, wenn man erwachsen ist. Und tatsächlich sind alle meine Geschwister sogenannte Bettflüchtige. Sie freuen sich, wenn es spät abends in den gepolsterten Rahmen geht und schlafen alle, soweit ich das beurteilen kann, sofort ein. Ich habe noch nie gehört, dass sich einer von ihnen über Schlafunterbrechungen beschwert hat. Wenn wir schlafen, dann schlafen wir, da kann das Haus zusammenbrechen. Aber morgens hält sie nichts sehr lange, selbst wenn sie mal über die Stränge geschlagen haben und am Abend eine heftige Party war.

Alles änderte sich, als meine drei Schwestern ihre ersten Kinder bekamen, das geschah im gleichen Jahr, da war die Jüngste gerade mal neunzehn Jahre alt. Plötzlich mussten sie Verantwortung übernehmen. Zu dieser Zeit bin ich ausgezogen, wollte auf eigenen Füßen stehen. Es muss damals für die Eltern schwierig gewesen sein, als das Haus plötzlich leer wurde. Nur die zweitjüngste Schwester ist bis heute bei ihnen geblieben. Sie wollte nicht heiraten, nur ein Kind, wollte eigentlich nichts anderes, als dort in der Idylle leben. Sie hat eine Ausbildung als Verkäuferin gemacht und ist offensichtlich glücklich damit. Wenn man in die Bäckerei kommt und ihr strahlendes Lächeln sieht, weiß man, dass sie den richtigen Beruf gefunden hat.

Ich war wohl der erste der vier Jungen, der die Nacht verkürzte, in guten Zeiten auf vier Stunden, in schlechten auf sieben. Dann musste allerdings schon etwas besonderes passiert sein, vielleicht eine hübsche Frau neben mir liegen. Begeistern konnte ich mich allerdings, wenn die Frauen die Nacht mit durchfeiern konnten oder mit mir am Rechner arbeiteten, um das gerade entwickelte Programm noch fertig zu stellen und sie dann morgens in aller Frühe trotzdem ganz frisch mit mir eine Tasse schwarzen Kaffe trinken. Wenn man dann auch noch im Sommer auf der Terrasse sitzt und die Stille des Gartens genießt, ist alles gut. Aber das kommt leider viel zu selten vor. Dann entsteht genug Ruhe und Raum in einem. Um anstehende Projekte ersinnen, zu entwickeln und zu planen. Mit diesem Frauen hatte ich die intensivsten Beziehungen. Leider geht das auf Dauer nicht gut, aber es findet sich schließlich immer jemand.

Vielleicht sollte ich dem Raucher im Auto neben mir auch mal einen Keks anbieten, dann würde er vielleicht verstehen, warum ich trotz der langen Zeit des Wartens immer noch nicht unzufrieden bin. Es ist fast schon unheimlich, wie er mich ansieht.

 

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Der Stau (I/4)

Tatsächlich erlebe ich im modernefeindlichen Stau einen unglaublichen und vor allem kulinarischen Hochgenuss. Mache dazu selbst und unbemerkt das passend dümmliche Gesicht, welches wohl zu erwarten ist.

Plötzlich steht meine Mutter dort vor mir, das Gedankenbild einer grandiosen, starken Frau, an jenem brütendheißen Sommertag im August. Die Luft schien über der Landschaft zu kleben und in jede Pore zu kriechen. (Übrigens ein Grund, warum ich lieber in den gemäßigten Zonen bleibe. Nichts könnte mich gen Afrika oder Südamerika ziehen, dorthin, wo man das Gefühl hat, es gäbe keinen Unterschied zwischen Haut und Kleidung, der Schweiß verschweißt alles unrettbar mit einander und macht uns trotzdem weis, dass alles seine Richtigkeit hat. Man bedenke nur, wie viele Leute an einem Hitzekoller sterben dort oder anderen nichtheilbaren Krankheiten, die natürlich nur damit zu tun haben, dass es so schwülheiß dort ist. Nein, um ehrlich zu sein, würde es mich wirklich reizen. Habe nur bisher keine Zeit dazu gefunden, sag also Angst vor dem Fremden.) Sie hatte damals gewunken, mich zu sich bittend, wir waren in den kühlen Keller des Bauernhofes gestiegen und hatten dort auch Kekse gegessen. Morgens in aller Frühe selbst gebackene Kekse, lange bevor meine sechs Geschwister und ich aufgewacht waren. Gar daran gedacht oder davon geträumt hatten aufzuwachen. Obwohl wir nie lange schliefen, es war auch vor der Schule genug zu tun für uns.

Meine Mutter wurde damals von einer Art Bettflucht getrieben, bis spät in die Nacht hatte sie das Gefühl, arbeiten zu müssen, als wolle sie sich und allen anderen etwas beweisen. Vor allem der Schwiegermutter, die ihr krumm genommen hatte, dass sie nicht vom Bauernhof kam, sondern die Tochter eines Kaufmanns gewesen ist. Und zur frühsten Morgenzeit stand sie schon wieder in den Ställen des Bauernhofes, bewirtschaftete, versorgte die Tiere und hatte immer noch Zeit irgendetwas Schönes zu machen. Die buk dann leckere Plätzchen mit Nüssen und Makronen aus Kokos. Natürlich durften bei ihr auch die Blechdosen mit Eiserhörnchen nicht fehlen, die frisch gedreht wurden und dann an warmen Sommertagen entweder mit eigener Schlagsahne oder in ganz seltenen Fällen mit selbst gemachtem Zitronensorbet gefüllt wurden.

Auch die einfachen Menschen auf dem Land haben ihre Freuden. Neben der damals noch zum Teil üblen Plackerei, dem amoniakgetränkten Geruch, von anderen euphemistisch auch frische Landluft genannt und dem zwangsläufig anfallenden Schmutz gab es gerade in den Sommerzeiten unter den uralten Kastanienbäumen und Walnussriesen im Süden des Hauses, unter den Linden im Nordwesten schöne Nachmittage mit Kaffee und Kuchen. Dann wurden die kulinarischen Schätze aus dem kühlen Keller geborgen.

Die Bäume hatten mehr Funktionen als auf den ersten Blick gedacht. Sie sollten nicht nur zieren und mit ihren Blüten im Frühling erfreuen. Sie hielten den Keller trocken, warfen im Sommer kühlende Schatten und hielten die Fliegen fern, denn die mögen Walnüsse nicht. Die Blätter setzen heute noch einige Imker ein, um die Varoamilben von den Bienen fernzuhalten. Und letztlich konnte man die Nüsse im Herbst sammeln, essen und verkaufen. Die Kastanien bekamen die Schweine zu fressen und damit steigerte man die Fleischqualität, weil dieses besseren Geschmack erhielt. Da die Eichelmast in den Wäldern zu meiner Kindheit schon lange nicht mehr möglich war, musste man andere Wege der Fleischverfeinerung finden. Erstens war sie tatsächlich aus Naturschutzgründen verboten worden, dabei hatte man schon frühzeitig fast sämtliche Eichen- und Buchenmischwälder durch Fichtenmonokulturen ersetzt. Zweitens konnten die damals in Mode kommenden Langschweine mit vier Rippen mehr, kaum noch draußen gehalten werden. Sie hatten kaum noch Fell, nur noch wenige Borsten, waren sehr stressanfällig und mussten beim kleinsten Sonnenbrand notgeschlachtet werden. außerdem konnten diese Tiere kaum noch längere Strecken wandern, das machte die Statik einfach nicht mit.

Jene mit Schokaladenhauch überzogenen Plätzchen mussten im Schatten stehen, damit sie nicht schmolzen, bildeten bei jedem Eintunken in die heißen Kaffee und für uns Kinder in den warmen Kakao einem Ölfilm, wie bei einer kräftigen Hühnersuppe. Der wurde noch mit Backkakao und Zucker gemacht. Hatte Aroma. Nein, gespart wurde bei solchen Anlässen nicht, wenn die Verwandten zusammen kamen, angeblich nur um Eier abzuholen. Die weißen und braunen Hühner liefen bei uns noch auf dem gesamten Hof herum, pickten alles, was sie bekommen konnten. Vor allem, wenn man ihnen Insekten und Würmer gesammelt hatte, Kinder haben zu so etwas Zeit, dann stürzen sie sich wie die Irren darauf und es dauerte auch nie sehr lange, bis alles weggefressen war.

Werfen sie mal eine Sammlung von Maikäfern in den Hühnerstall. Das Gemetzel dauert nicht lange. Da braucht es keinen Splattermovie, das ist Realität. Aber nach dem Mahl gucken die Hühner so, als hätten sie seit Monaten nichts Gutes mehr zu fressen bekommen. Wir hatten auch nie mehr als dreißig Vögel, alles andere wäre zu viel gewesen. Jede der Tanten brachte dann ihre Kinder mit und wir spielten auf dem Strohboden, bauten dort unsere Burgen aus den damals noch fast handlichen Ballen oder sprangen herum, sahen hinterher aus wie die Urweltmenschen, alle Kleidungsstücke, die Haare, vor allem aber die Strümpfe hatten ihre Spelzen abbekommen. Dann tobten über zehn Kinder von 5 bis 13 Jahren durch die Ställe des Bauernhofes, wir kuschelten mit den jungen Ferkeln, die unter Rotlicht lagen, weil die alte Mutte (Sau) wieder mal einige totgebissen hatte. Wir ärgerten den bösen Eber, vor dem jeder von uns Angst hatte. Manchmal verließen wir auch das Gelände, sprangen über den kleinen Bach und besuchten die verwandten auf den anderen umliegenden Höfen. Dann konnte die Horde auch auf mehr als zwanzig Kinder wachsen. Heute würden die Eltern wahrscheinlich wegen des Lärms verklagt werden.

Damals wollte ich noch Bauer werden. Hatte noch gar keine Ahnung davon, was es hieß, einen Bauernhof am Leben zu halten. Wusste nicht, dass meine Mutter mit ihrer Lebensfreude und Kraft nicht der Normalfall war. Die meisten Bäuerinnen wurden mit den Jahren depressiv, sahen, dass sie sich hässlich geschuftet hatten, während die Handwerkerfrauen ein schönes Leben führten. Der Hof warf nicht genug ab, mein Vater musste arbeiten gehen, abends, wenn er heim kam und in den Ferien arbeitete er weiter, dann wurde der Hof gemacht, all die Dinge, die wir Kinder nicht, noch nicht machen konnten. In all den Jahren damals haben wir keine Ferien gemacht. Aber das soll hier wirklich kein Vorwurf sein. Die Kindheit mit all den Geschwistern war einfach und schön und geprägt von tiefer Liebe. Keiner von uns ist letztlich Bauer geworden. Einige haben sogar studiert. Der Resthof blieb uns, alle Ländereien wurden verpachtet. Einige auch bebaut, weil wir das Glück hatten, dass sie zu Baugebiet erklärt wurden.

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