Der Stau (V / 1)

Der Mann neben dem der Unsichtbare zu stehen kommt scheint ein Protokoll zu formulieren. Er redet, stockt, sucht immer wieder neue Formulierungen. Tatsächlich kann man auf dem Armaturenbrett ein kleines Mikrophon erkennen. Vielleicht schreibt er für eine Zeitung, versucht während der Heimfahrt den Artikel zu konzipieren, der dann nächste Woche veröffentlicht werden soll.

„Zumutung eines Manipulators, nein, der selbst ernannte Mythenzerstörer. Hm. Der ganze Vortrag war eigentlich eine Zumutung, so was habe ich bisher wirklich nur bei sogenannten Motivationstrainern wie Christian Bischoff erlebt. Es ist doch immer die gleiche Masche. Sie fangen an mit durchaus logischen Erkenntnissen, die jeder schon in seinem Leben gemacht. Dabei werden die Tatsachen nur etwas, kaum merklich verdreht und schon kommen sie zu ihren oftmals sehr eigenwilligen Konklusionen.  – Nein, so kann man das nicht schreiben. – Zuviel persönliches Gefühl drin, muss das Ganze nackter und nüchterner präsentieren, damit die Leser nicht denken, ich würde polemisieren. So geht es nicht, das nimmt mir keiner ab. – Der Hirnforscher versteht es, den Zuhörer aus der Reserve heraus zu locken und auf seine Seite zu ziehen. Er überzeugt spitzfindig und ausgeklügelt das gesamte Auditorium. Schlagwörter und formelhafte Sätze werden gezielt an den Mann und die Frau gebracht. Allenthalben ist bei jeder Wendung ein begeistertes Kopfnicken wahrzunehmen. Die Folgerichtigkeit der ersten Behauptungen führt unweigerlich dazu, dass auch die daraus sich unabweisbar entwickelnde Schlussfolgerung logisch erscheint. Den ersten Teil kennen die Menschen aus ihrer eigenen Erfahrung. – Nein. –

Die Voraussetzungen sind Alltagsbeobachtungen, gut verpackt, zielsicher mit rhetorischen Fragen fortgeführt. Wenn gefragt wird, was das Kind als erstes lerne und darauf  schon nach wenigen Sekunden des offen in die Runde Sehens die eigene Antwort kommt, „Frustrationstoleranz“, dann ist man als Hörender erst mal verblüfft. Man hatte vielleicht erwartet, Sozialgefühl, menschliche Nähe. Das aber ist ein Schlagwort, ein Totschlagwort, apodiktisches Argument, man kann überhaupt nicht mehr denken, es gäbe auch etwas anderes. Ja, das ist es. In allem, was der Mensch als erstes lernt, liegt der Keim der Frustrationstoleranz. Er findet die Brust nicht sofort, kann sich nicht flüssig und schwerelos bewegen, die Sprache der Erwachsenen nicht verstehen. Alles muss er erlernen. Dahinter steht alles andere zurück. Alles andere bleibt unerwähnt, wird abgeschmettert. Ja, schon das Erlebnis der Geburt ist frustrierend, da hatte man bisher eine Wasserwelt nur für sich, in feuchtem Glück und schon ist man den Einflüssen der Atmosphäre ausgesetzt und das Ganze ist auch noch mit Schmerzen verbunden. Das hat der Hirnspezialist zwar nicht gesagt, aber es stieg mir sofort zu Bewusstsein.  – Damals, als ich noch als Zivildienstleistender in den sogenannten Familienzentrum gearbeitet habe,  lernte ich mal die Jünger von Stanislav Grof kennen, die mit irgendwelchen unglaublich intensiven Atemübungen, gepaart mit Trommelschlägen in den Zustand der pränatalen Wesenheit zurückkehren wollten, um ihre Persönlichkeit zu ergründen. Glaube, ziemlich Schmarrn. Durch Hyperventilation in einen neuen Glückzustand zurück zu kehren. Die haben wirklich gebrüllt wie die Babies, wenn sie zur Geburt zurück kamen. Und wenn die aus dem Seminarraum kamen, waren sie immer völlig verschwitzt und sind sofort zum Hallenbad gerannt, duschen. Mussten immer Unmengen Tee trinken, wer weiß was da drin war. Haben abends auch niemals die Bierstube aufgesucht, blieben lieber in ihren Zimmern oder sind um den See gewandelt.  Aber die Gesichter waren mehr als glücklich. –

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Der Stau (IV / 4)

Unsichtbarkeit verschafft manchmal eben auch Vorteile, ich gebe es ja zu. Und irgendwann habe ich gelernt auf eigenen Beinen zu stehen. Damals hatte mir mein Vater ein buch Geschenkt „Aufzeichnungen eines Unsichtbaren“. Es handelte von einem Mann, der durch einen Unfall unsichtbar wird. Das Ganze gerät natürlich zu einem Politikum und er wird fortan gejagt. Ziemlich spannende Geschichte für einen Jugendlichen wie mich damals. Der verdiente sich sein Geld dann mit Aktienspekulationen, weil er in den richtigen Büros zugehört hatte. Tatsächlich hat sich auch eine Frau in ihn verliebt. Weiß allerdings nicht mehr wie der ganze Spuk ausging. War auf jeden Fall sehr fasziniert von der Geschichte. Hatte einfach das Gefühl, da macht jemand etwas aus seiner ziemlich vertrackten Situation.

Wer unsichtbar ist, muss sich seine Ökonische suchen und anfangen zu handelt, so, dass die Anderen nichts merken und man trotzdem seinen Schnitt macht. Wer weiß, vielleicht werde ich über die Jahre einen Konzern aufbauen. Das Zeug dazu habe ich. Dann würde ich wahrscheinlich über die Flure laufen und kaum ein Angestellter würde mich bemerken oder gar wissen, wer ich bin. Dann könnte ich wie jener Märchenkönig verkleidet erfahren, was die Menschen über meinen Führungsstil denken, was sie besser machen würden. Manchmal ist es ziemlich schlau, wenn man sich die Meinung und die Erfahrung des kleinen Mannes zu Nutze macht. Die wissen manchmal besser, wie die Abläufe funktionieren und würden es normalerweise kaum weiter geben.

Habe gehört in einigen Firmen gibt es inzwischen Prämiensysteme für Effizienzverbesserungen, die von Betriebsmitgliedern vorgeschlagen werden. Irgendwann hatten sie im Radio einen Beitrag über junge Mechaniker bei einem großen Autokonzern, die sich in ihrer Freizeit zusammen getan haben und nun regelmäßig Verbesserungen in der Produktion erdenken oder auch im Umweltschutz, im Verbrauch der Rohstoffe und so weiter. Damit verdienen sie sich ein gutes Zubrot in Form von jährlichen Auszahlungen aus dem Prämienfond. Außerdem haben sie einen ziemlichen Spaß daran, die bisherigen Wege zu hinterfragen. Einige von diesen jungen Männern sind damals auch befördert worden. Dreifacher Nutzen. Nennt man dann wohl win-win-win Situation.

Ich könnte das als nicht Wahrgenommener quasi unter der Hand erfahren. Aber eigentlich ist das Einzige, was ich wirklich beherrsche der Handel, das Feilschen und das Gezerre um jeden verkaufbaren Fetzen.

Es geht wieder mal ein paar Meter weiter, immerhin.

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Der Stau (IV / 3)

Vor einigen Tagen war ich bei einer Ausstellung. Tolles Gefühl, richtig gute Arbeiten da und gar nicht so teuer, wenn man es mit den anderen Geschäften vergleicht. Im Atelier des Holzbildhauers streichelte ich ganz versonnen über die fertigen Skulpturen. Ließ die Wärme des Materials durch die Sinnesrezeptoren fluten und wusste in diesem Moment, dass ich eine mit nach Hause nehmen würde. Zur Not eben in Raten zahlen. Ich schaute auf die Preisliste und fand meine schlimmsten Befürchtungen gerade nicht bestätigt. Die Arbeiten des recht bekannten Bildhauers waren gar nicht so teuer, wie gedacht. An die dreitausend Euro sollte das teuerste Stück kosten. Verglichen mit den in ziemlich hohen Auflagen gedruckten Graphiken der deutschen Expressionisten eigentlich ein Schnäppchenpreis. Wenn man bedenkt, dass es sich hier um Unikate handelte. Letztlich hatte ich ein Blatt von Nolde weiter verkauft und der Preis hatte mir glatt die Sprache verschlagen. Aber bei solch einer Holzskulptur, sollte man doch zuschlagen.

Zu Hause angekommen, schaute ich noch einmal auf seine Monatsabrechnungen und musste mir diesen Traum nicht aus dem Kopf schlagen. Die exorbitanten Heiz- und Stromkosten fressen einem zwar die Haare vom Kopf, aber manchmal muss man auch etwas für das Herz tun. Und Kunst ist einfach wichtig. Was nützt mir ein billiger Kunstdruck aus dem Kaufhaus, wenn ich einmal erlebt habe, wie ein Original das Leben beeinflusst. Wer das Gefühl kennt, mit Kunst zu leben, der weiß, dass genau hierin eine besondere Lebensqualität steckt, Luxus. Es ist ja auch etwas anderes, ob man Musik aus der Konserve hört oder ein Konzert erlebt. Einen Film im Kino oder im Fernsehen sehen. …außerdem,  wenn der nächste Winter kalt werden würde, hätte ich in der größten Not wenigstens was zu heizen. Mutig verhandelte ich stemmbare Ratenzahlungen. Genau hier zahlt es sich aus, dass ich kaum wahrgenommen werde. die Leute nehmen mich auch nicht ernst. Wenn du dann einen Preis herunterhandelst, tut es ihnen noch nicht einmal allzu weh, weil sie mich auch ganz blad vergessen haben. Man muss allerdings die Objekte der Begierde selber abholen, niemals bringen lassen, sonst verbinden die Verkäufer einen Ort mit dem Verkauf. Und das ist wirklich schlecht.

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Der Stau (IV / 2)

Da habe ich mir ein gutes Leben aufgebaut und brauche jetzt auch gar keine anderen Arbeitgeber mehr. Handle bei den verschiedenen Internetauktionshäusern und tatsächlich funktioniert das, man darf nur nicht denken, dass ein Achtstundentag ausreicht. Wer da Geld verdienen will, der muss schon Ahnung haben und Zeit investieren. Kofferauktionen bei den Flughäfen sind auch nicht schlecht. Da braucht man schon Gespür. Habe echte Schnäppchen gemacht. Da kann auch keiner meine Karte übersehen, die wissen ganz genau, wenn das so wäre, hätten sie ganz schnell eine Anzeige am Hals, können die von ausgehen. Ein Koffer für 30 Euro hört sich erst mal nach einem miesen Geschäft an, erst recht für 200, aber man weiß doch, dass die Leute eigentlich viel Wert drin haben. Ich meine Klamotten. In den Urlaub nimmt man nicht gerade die ältesten Sachen mit. Und wer tatsächlich mal einen Koffer liegen lässt, der hat sowieso den Überblick verloren. Das vergessen die meisten Leute. Habe erst einmal einen üblen Fehlgriff getan, waren gebrauchte Socken drin, ekelhaft.

Ist auch eine ziemlich eingeschworene Gruppe, die dabei mit steigert. Fast alle sind bei ebay unterwegs, kenne sie alle, teilweise kaufen wir auch untereinander oder tun zumindest so. Alles im realen Leben Außenseiter. Das passiert eben, weil man sich gegenseitig die Preise hoch treibt. Glaubt doch wohl keiner, dass die einfach so entstehen. Wir wollen uns ja nichts gegenseitig wegnehmen. Aber Wert muss man erzeugen, sonst kann es sein, dass die teuersten Sachen eben nichts kosten. Der ruf einer Marke entscheidet über den Verkauf. Wer vor fünf Jahren eine Kaiser-Idell Leuchte gekauft hat, musste zehn bis 20 Euro bezahlen, heute kostet das gleich Gerät 200 bis 400. Das ist unser Verdienst. Das hat nicht nur was mit der neu entfachten Bauhaus-Hysterie zu tun. Die sogenannten Schnäppchen aber sind genauso Mache. Und heute werde ich wohl den Start verpassen, muss gleich das Headset aufsetzen und per Phon mitbieten. Sonst gehe ich leer aus und da würden die anderen nur feixen. Dabei ist alles auch da ein abgekartetes Spiel. Wer schon drei Koffer hat, hält sich erst mal zurück, damit sie anderen auch `ne Chance haben. Nur die Gelegenheitsbieter, die das noch als Abenteuer sehen, können noch einen Strich durch die Rechnung machen. Das Leben kann so einfach sein. Die verschiedenen normalen Auktionshäuser arbeiten auch mit uns zusammen, wissen ganz genau, dass sie ohne uns nichts mehr los werden. Wir kaufen da und versteigern es virtuell weiter. Habe für Kunstwerke extra einen eigenen Shop eröffnet, unter einem anderen Namen natürlich, kann überhaupt niemand herauskriegen, welche Mantelgeschäfte man da machen kann. In diesem Sinn hatte meine Oma wohl doch recht. Meine Zeit ist wohl schon gekommen.

Wenn ich nur wüsste, welche Nummern die nebenan haben, würde sie glatt anrufen.

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Der Stau (IV/1)

Die beiden Frauen neben mir sehen echt gut aus, scheinen aber so mit selbst beschäftigt, die bemerken mich gar nicht, werden mich wohl auch niemals bemerken. Wie alle anderen auch. Egal wo ich auftauche, keine kennt mich und meistens werde ich auch gar bemerkt. Könnte wahrscheinlich nackt über das Spielfeld bei einer Begegnung zwischen Schalke und Dortmund laufen und keiner würde es merken. Wahrscheinlich würde genau zu diesem Zeitpunkt der Strom ausfallen oder einer bekannten Schönheit risse gerade der linke Träger ihres Tanktops und auf allen Leinwänden würde das zufällig gezeigt. Sogar die Polizei wäre dann abgelenkt und würde mich laufen lassen. Weiß auch nicht woher das kommt. Alle möglichen Leute kenne mit Namen und weiß meistens auch ziemlich viel über ihre Geschichte, aber eigentlich ist das ohne Belang. Sollte vielleicht mal ein Buch darüber schreiben, hätte viel über die Anderen zu erzählen. Alle anderen Leben sind so gesehen interessanter als meines. Habe früher immer Literatur über die Außenseiter gelesen, die nicht wahrgenommen werden, weil sie irgendeinen Makel haben. Mein größter Held war Grenoille im Parfum. Der hatte neben seiner Geruchlosigkeit wenigstens ein Talent, das er für seine Zwecke nutzen konnte. Er hat die Welt verändert, wenn auch nur vorübergehend, für einen Moment, flüchtiger als die vorüberziehenden Wolken. Aber immerhin.

Gestern wieder so eine Begegnung mit einer Frau, die ich schon seit Jahren kenne, die mich tatsächlich nach meinem Namen fragte, dabei sind wir schon zusammen in die Schule gegangen. Sie konnte sich beim besten Willen nicht an mich erinnern. Das kann doch eigentlich nicht wahr sein. Andere schlagen ihr Kapital daraus. In der Literatur und im Film steigen sie wenigstens zu Agenten auf, die alles herausfinden, ohne je selber entdeckt zu werden. Aber talentfreie Zonen können die auch nicht beim Geheimdienst gebrauchen. Hatte mich tatsächlich schon mal für den Staatsdienst beworben, aber niemals etwas von denen gehört, bin wohl übergangen worden, auch die vielen zig Bewerbungen, die ich an andere Firmen verschickt hatte, waren nicht von Erfolg gekrönt. Weiß nicht, woran das liegt. Wenn andere zumindest zum Bewerbungsgespräch geladen werden oder eine Absage bekommen, schickt man mir noch nicht einmal die Unterlagen zurück, obwohl ich jedes Mal frankierte Rückcouverts beigelegt hatte. Mal ehrlich, das ist doch echt nicht fair. Was ist es, das mich unsichtbar macht oder zumindest nicht wahrgenommen. Habe es ausprobiert, kann genauso wie jeder andere Geruch entwickeln. Und schreien kann ich auch. Aber das merkt auch keine.

Die beiden Mädchen nebenan, nein, das sind schon echte Frauen, toll sehen sie aus. aber auch angestrengt. Die gefallen mir echt. Aber was nutzt es, keine Gedanken darüber machen, wird nichts helfen. Oma hat immer gesagt, meine Zeit werde schon noch kommen, ich muss nur Geduld haben. Aus jedem hässlichen Entlein wird irgendwann ein stolzer und vor allem schöner Schwan. Aber ich war nie richtig hässlich, nicht einmal das. In der Pubertät hatte ich weder Pickel noch eine Zahnspange. Meine Haare, na, die waren eben mittellang, hat niemanden interessiert, blassblond. Die Augen blassgrau und nichtssagend, Und nie von irgendwem besungen, von wegen „pale blue eyes“. Schade, wenn man dieses Urteil über sich selbst fällen muss. Glücklicherweise gibt es ja das Internet, da werde ich erkannt. Da bin ich schon wer. Da habe ich eine Identität.

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