XVI 7

Es knackt in jedem Fingergelenk. „Die Bilder, die sie da zeigen, können gar nicht von heute sein. Die sind von vor zwei Wochen, habe mich damals schon über den blauen ford Taunus gewundert, da hinten den, kriegt man auch nicht mehr alle Tage zu sehen. Die verarschen uns, wetten?“ „Quatsch, man muss nicht hinter allem eine Verschwörung sehen.“ „Hm ja, vielleicht haben sie sich auch nur vertan. Haben das falsche Band abgespielt oder nutzen die inzwischen Dateien?“

 

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XVI 6

Die Gelenke schmerzten etwas, sie hatte es in den letzten Tagen wohl mit dem Sport übertrieben. Aber um den tief sitzenden Fruststau abzubauen, bedurfte es schon außergewöhnlicher Mittel. Einige Kollegen waren ihr persönlich bekannt, die es mit Alkohol versucht hatten, mit Drogen und exzessivem Sex, die regelmäßig an ihrem Leiden scheiterten. Ein Schauspieler, mit dem sie kurze Zeit eine Bettbeziehung geführt hatte, um die zwei Wochen, und die meiste Zeit davon wirklich im Bett, war ins Boxstudio gegangen. Er war wohl der Meinung, dass nur außergewöhnliche körperliche Betätigung  zur Befreiung des Geistes vom äußeren Druck führen konnte. Allerdings hatte das bei ihm dazu geführt, dass wohl der Körper wirklich ansehnlich gestaltet war. Fein formulierte Muskeln in allen Bereichen, die intellektuelle Beschäftigung hatte allerdings darüber einen Prozess der Verkümmerung durchgemacht. Eventuell ist es eben doch nicht ganz optimal, wenn man täglich etwas vor den Kopf bekommt. Auch wenn er wirklich gut aussah, ein optischer Traummann, seine platt als Dummheit zu bezeichnende Persönlichkeitsstruktur war ihr schnell auf den Geist gegangen. Vögeln mag eine Zeit lang ausfüllen, auf die Dauer reicht das allerdings nicht. Bei all seiner Phantasie im Bett, fehlte ihr das Wort. Am Ende dieses zweiwöchigen Dopaminrausches hatten sie noch gut zusammen gebruncht und waren dann freundschaftlich auseinander gegangen. Das war inzwischen vier Jahre her. Manchmal traf sie ihn noch auf irgendwelchen Benefizveranstaltungen oder Filmpremieren, er war auch auf einigen ihrer Konzerte gewesen, wenn es eben passte. Manchmal sahen sie sich auch monatelang nur auf irgendwelchen Magazintitelseiten. Das ist ihr inzwischen ganz egal geworden. Es war einfach keine Liebe, nur Lust.  Das war ihr der jetzige Schlagzeuger, der manchmal die Nächte und Kopfkissen mit ihr teilte, schon lieber, der zwar meistens schwieg, der aber in seltenen Momenten scharfsinnige Dinge in den Raum trug, die sie anrührten. Ein Mann wie ein Metronom, der die Welt hinter seinem Schlagwerkzeug genau beobachten konnte und seine Schlüsse zog.

 

Bei Tourneen musste sie außerdem körperlich fit sein, da war der ganze Künstler verlangt. Mit Haut und Haar. Wer sich da Schwächen erlaubt, der kann ganz schnell aus dem Tourrhythmus fliegen und dann geht alles schief, bis zur Absage von einzelnen Terminen, weil die Stimme versagt oder was auch immer. Jeder Teil muss dann funktionieren, die Stimme, der Kopf, der Körper, sonst lässt man sich irgendwann gehen und versinkt vielleicht wirklich im allabendlichen Suff. Fünfzig Auftritte in einer Reihe sind die Hölle, für alle Beteiligten, da konnte man sich alles noch so schön reden, irgendwann kommt der Koller. Alle zwei Tage in einer anderen Stadt, man muss mitnehmen, was zu holen ist. Wer weiß denn schon, ob man im nächsten Jahr immer noch so gefragt ist. Und so lange wie die Toten Hosen stehen nur wenige im Rampenlicht und machen ihr Ding. Und Festivals sind noch anstrengender, weil dort immer nervende Rockstars ihre ach so bedeutende Männlichkeit heraushängen lassen müssen und so tun, als würden sie jede Frau, die sich nur in ihre Nähe traut, ins Bett kriegen. Sie ziehen dann unter allen Umständen ihre Baggernummer ab und ertränken später die Abfuhr mit Schnaps oder schnappen sich für die nächste Nacht ein williges Groupie. Nur weil man selber nicht den größten Namen hat, weil man als sinnlich gilt, ist eine zarte Sängerin in ihren Augen ein zu nutzendes Opfer. Opfer, was für ein Wort.

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XVI 5

Durchaus intelligent sollte sie erscheinen, aber wenn die Songs zu intellektuell wirkten, dann wurden sie einfach nicht veröffentlicht. Dann kamen sie nicht auf die nächste Platte. Schon seltsam, dass sie noch immer in dieser Kategorie dachte, dabei wurden die meistens Alben inzwischen rein virtuell aus dem Netz geladen. Die User kaufen nicht mehr ein handfestes Produkt, sondern ganz platzsparend nur noch die Daten. Wenn die Lieder nicht passten, wurden sie in den Giftschrank eingeschlossen. Da blieben sie auch, bisher für immer. Wie viele solcher Sachen hatte sie in den letzten Jahren schon aufgenommen. Damit ließen sich einige Vinylplatten füllen. Vielleicht sollte sie das irgendwann mal machen, gerade das Verbotene tun. Ein Dreieralbum in limitierter Auflage unter Pseudonym, vielleicht ihrem echten Namen, den sie tatsächlich noch immer geheim halten konnte. Warum ihr das gelang? Die Familie war desinteressiert, alles sogenannte Akademiker, die sich nicht mit Trivialkultur beschäftigten, die hatten noch nicht einmal vom Erfolg der Tochter erfahren, ihre Schwester hielt dicht und Kontakte in die Vergangenheit waren schon vor Jahren abgebrochen worden. Außerdem hatte sich damals wirklich niemand interessiert. Sie galt als Mauerblümchen und von ihrer Stimme wusste kaum jemand.

Nur 500 Exemplare oder als rheinischen Humor vielleicht doch sogar nur 111. Irgendein Verlag aus Mühlheim an der Ruhr war bekannt für solchen Unfug. Erst einige Jahre später würde dann bekannt werden, dass diese unglaublich verschrobenen Klänge, die expressiven Texte von ihr sind. Plötzliche Raritäten der Popkultur. „Hey, ich habe da eine Originalpressung des Dreieralbums, was biste bereit zu zahlen?“ hörte man dann auf Plattenbörsen. Wahrscheinlich aber würden die Scheiben bei Ebay zu astronomischen Summen versteigert. Vor einigen Jahren hatte sie selber eine seltene Maxisingle von Profil dort ersteigert: „Berühren“. Neue Deutsche Welle. Beginn der achtziger Jahre. Eigentlich ein banales Liedchen, aber es hatte immer dieses seltsame Gefühl von Sehnsucht in ihr ausgelöst. Dabei klang die Stimme des Sängers eher arrogant und gefühllos. „Ich möchte dich berühren, ich möchte dich verführen.“ Dass allerdings so viele Leute mitbieten würden, hatte sie nicht erwartet, damit wäre nur zu rechnen gewesen, wenn sie eine Ahnung gehabt hätte, wie selten diese Pressung ist.

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XVI 4

Morgens hatte sie noch am Schreibtisch gesessen, an einem Song gearbeitet, der aber nicht recht funktionieren wollte. Der Rhythmus der Worte konnte sich der Melodie nicht fügen. Zu faulen Kompromissen nach dem Vorbild der Toten Hosen war sie nicht bereit. Lieber keinen Song fertig kriegen, ihn über Wochen liegen lassen, als das. Wenn Campino, das alte Lutschbonbon sang, hatte sie immer das ungute Gefühl, dass die Texte in das Korsett, die Rüstung des Liedes gestopft würde. Die widerborstigen Worte werden dann zu dampfender Presswurst gedrängt. Hauptsache die Hörer, die Fans, die Hörigen, die auch im Alltag sich mit den bedruckten Devotionalien, den Shirts, Taschen und Bändchen kleideten, so wie man im Mittelalter Reliquien verehrt hatte, würden auf den Openairkonzerten bei irgendwelchen verregneten Festivals mitgröhlen können. Die Aussage musste ihnen stimmen, die Botschaft sollte ins Herz treffen, wen interessiert da denn schon die Ästhetik. Da konnten dann auch die kitschigsten und nichtsagendsten Phrasen vor ihren Augen zu Leuchttürmen der gelebten Alltagskultur werden. Jung und alt verbunden im postpunkigen Geschunkel und Gehopse, das immer noch Pogo genannt wurde. Als wäre es eine Kulturtechnik, die sich noch nicht verbraucht hatte. Die Toten Hosen waren zum Event geworden, eigentlich unerträglich, aber so schön, dass man sich nicht entziehen kann. Da lagen sich dann sechzigjährige Expunks mit neunzehnjährigen Hipstern in den Armen und vergaßen alle Schranken, wenn „An Tagen wie diesen“ über das matschige Konzertschlachtfeld mit pumpenden Bässen intoniert wurde. Nein, das war ihre Sache nicht. Dann lieber das Lied nicht beenden, als so etwas zu schaffen, auch wenn es Erfolg versprach und Geld einspielen würde. An dem Satzfragment „aber das ist kein Grund für Sentimentalität“ war sie letztlich wohl gescheitert. So ein schöner Satz, aber nicht singbar, nur mit Problemen überhaupt zu sprechen.

„Aber irgendwas stimmt hier doch nicht.“ „Habe auch das Gefühl, als sei diese nummer hier ganz anders.“ Die Leute, die rauchend auf der Fahrbahn stehen, haben sich eben erst kennen gelernt. Dabei fachsimpeln sie, als wären sie seit langem Bekannte, über den Stau, als seien sie über Jahre geläufig. 

Sie steigt aus und dehnt ihre Gliedmaßen. Eigentlich fühlt sie sich viel zu dünn. Man kann so einfach nichts dagegen machen. Ihre Manager wollen das so, damit kann sie zur Not noch einige Jahre leben. „Dürres Skelett“, hatte letztens noch ihre Schwester gewitzelt, die einige Pfunde mehr auf die Waage bringen konnte. Die gerne schlemmte und darauf einen samtigen Rotwein aus Italien am liebsten trank. Negro amaro. Aber der Musikzirkus verlangt von ihr die fragile Schönheit, die Menschen mussten das Gefühl haben, dass sie jeden Moment zusammen klappen konnte.

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XVI 3

Die Gespräche wecken ihre Neugier, sie öffnet klickend den Sicherheitsgurt und steigt ebenfalls aus. Niemand wird sie hier erkennen, so ganz ungeschminkt und ohne besondere Klamotten. Da braucht gar keine Sorge zu bestehen. Ist eigentlich noch niemand zu Bewusstsein gestiegen, dass wir einen ganzen Haufen A-, B- und C-Promis in unserer direkten Nachbarschaft herumlaufen haben, die einfach deshalb nicht erkannt werden, weil sie sich ganz normal kleiden? Niemand erwartet gerade dies von einem Popstar: private Normalität. Aber mal ganz ehrlich, vor den Toren der Konzerthalle kreischende Teenies ertragen zu müssen geht ja noch so gerade, aber auch noch in der Privatsphäre so einen Blödsinn zu erleben, das braucht wirklich niemand. Zumindest fast niemand. Es soll ja auch ein paar Stars geben, die sich gerade daran so aufgeilen können. Die Menschen erwarten Pomp und Luxus, Goldketten und Stretchautos, aber nicht einen verbeulten Micra, der schmutziggold in der Landschaft eiert. Schon mindestens ein Audi A8, besser noch ein Z4 oder ein Lotos in Orangegelb. Dieser Micra ist ihr ans Herz gewachsen, warum ist dabei nicht von Bedeutung, vom ersten Moment an war es eine ganz besondere Beziehung. Der Verkäufer bekam damals die Karre nicht an und ging schon deshalb ohne zu klagen auf ihr wirklich kleines Gebot ein. Dann hatte sie sich hinter das Steuer geklemmt, kurz und fast beiläufig über die Armaturen gestreichelt, hatte den Schlüssel gedreht und dieser völlig lächerliche Motor machte sein Ding. Dieses Auto macht unsichtbar, ist so albern, dass sich jeder Betrachter schon fast automatisch fremdschämt, wenn er den Blick länger auf ihm ruhen lässt.

 

Außerdem schaut wahrscheinlich niemand einer Frau hinterher, die mit Schlabberklamotten aus diesem Wagen steigt. Ist dann wahrscheinlich so eine Altalternative, die nicht bemerkt hat, dass die achtziger Jahre jetzt schon über zwanzig Jahre vorbei sind. Aber sie hat einfach keine Allüren, wozu auch. Hier muss sie auch niemandem etwas beweisen, sie weiß ja, was sie kann. Und die Menschen zu bannen, macht am meisten Freude, wenn man auf der Bühne steht, hört, wie die Masse einen trägt. Ihr feingezeichnetes Kinn verschwindet fast völlig in dem luftigen Tuch, welches lose um den Hals und die Schultern liegt. Ein sich ständig veränderndes Raumfeld, das den Hauch von absoluter Sanftheit verbreitet. Ohne auch noch mit aufdringlich zartem Parfum um sich schlagen zu müssen. Alles ist bei ihr zurückgenommen. Die Lippen, welche sich klar von Gesicht absetzen, haben eine unauffällige Farbe, wirken vielleicht trotz des fehlenden Lippenstiftes etwas hart konturiert, aber das ist nun mal echt. Ihre sonst sehr weiße Haut hat sich in den letzten Tagen sogar leicht ins Sommerhafte gefärbt, sehr leicht. Vor den klaren und kristallblauen Augen trägt sie eine Sonnenbrille im Look der Neunziger, nicht diese neumodischen Riesenbrillen, die jede Frau zu Puck dem Fliegenmann aus der Serie Biene Maja machen. Die junge Frau wird diese mit Sicherheit nicht absetzen, weiß inzwischen um die Wirkung ihrer Sehorgane, weiß, dass vor allem Frauen ihnen verfallen. Seltsamer Weise sind es gerade Frauen, die sich ihren Blick nicht entziehen können, nicht wollen. Die fasziniert sind und schnell zu Mitläufern werden, Freunden auf Zeit.

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