Schlagzeilen der letzten Woche

  • arg listig – Polizei hat neue Strategie
  • gestreift – Ernie touchiert Berts Auto
  • Backfischträume – Biologen erforschen das Schlafverhalten von Dorschen
  • duden – falsch war“dichden“
  • Telefonbuch – Der neue Katalog sämtlicher Smartphones ist über 100 Seiten stark
  • Mehrwertsteuer – Popstar lässt sich Lenkrad vergolden
  • Motorblock – riesiger Fels stürzt auf Autofront
  • Aus dem Nähkästchen geplaudert – Papagei hat ungewöhnlichen Lieblingsplatz
  • Kapselriss – Astronauten stürzen ohne Fallschirme ins Meer
  • Steinreich – Mann entdeckt Wüste Gobi
  • Aufgefallen – Frau stürzt Treppe hoch
  • Schleierhaft – Braut sitzt im Knast
  • Sau, na – beim Schwitzen Herrenwitze erzählt
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Apfelbäume

Abends sitzt er bei lauem Wetter gerne an der nahen Ruhr, die einst so tot dalag, nun aber ein neues Leben erhalten hat. Wenn in den anderen Teilen der Republik die Flüsse über ihre Ufer treten und die Innenstädte fluten, kann er hier sitzen. Renaturierung macht es möglich. Am Strand, wie er es gerne nennt. Über ihm fliegen die nächtlichen Fledermäuse, drehen ihre ausgezackten Runden und schnappen all die Insekten, die in der Hoffnung der Dunkelheit dort flattern. Neben sich hat er eine Flasche Rotwein stehen und eine nette Frau sitzen. Eine echte Freundin, von denen gibt es nicht viele.

Die Worte wechseln, unterbrochen von einigen Telefonaten lassen die beiden die letzten Tage, ihre Erlebnisse und Taten Revue passieren. Gemütlich aneinander gelehnt können sie ihre Nähe spüren, wissen, dass dies wahrer Luxus ist. Der Wein aus dem Friaul schmeckt herb und gewöhnungsbedürftig. Mit dem zweiten Schluck allerdings hat sich der Gaumen an diesen Genuss gewöhnt, will mehr.

Herr Nipp hat vor einigen Tagen einige Apfelbäumchen gekauft, nicht einfach so, das könnten wir uns bei diesem Kauz auch kaum vorstellen. Er muss hiervon erzählen und lässt sich durch keine Unterbrechung davon abhalten. „Die beiden züchten alte Apfelsorten, die kennt man noch nicht einmal von Namen. Habe sie gefragt, ob sie was für meinen Vorgarten haben und tatsächlich wurden mir verschiedene Sorten angeboten. Da ich nicht weiß, wie sie schmecken könnten, Geschmacksbeschreibungen sind schließlich immer fraglich, musste ich wohl oder übel nach den Namen gehen und die finde ich so klasse, dass ich nicht anders konnte. Da gibt es dann keinen Braeburn oder Cox Orange, keine Pink Lady. Die kann man schließlich auch in jedem Kaufhaus erwerben. Die schmecken alle gleich – gleich langweilig und geben uns nur eine Erinnerung an das, was Apfel eigentlich ist: eine Geschmacksexplosion.“ Er steht auf, geht näher an das in der Nacht blinkende Wasser heran, betrachtet eingehend die Reflexionen und ihren Rhythmus. Verliert sich in der eintönigen Vielfalt, denkt an seine neuen Vorgartenbäume und wie er sie gepflanzt hat. Die Hibiskusbüsche waren im Winter eingegangen, hatten das Zeitliche gesegnet. Bis Ende Mai hatte er ihnen noch die Chance gegeben, sich zu erholen, zumindest einen Trieb zu zeigen. Dann wären sie stehen geblieben, so aber musste er endlich handeln. Die Strünke wurden ausgegraben und der Boden durch Pflanzerde ersetzt, dann die neuen Bäumchen eingepflanzt und eingeschlämmt. Der eine Züchter hatte ihm noch den Tipp gegeben, den Boden gut zu düngen, damit die neuen Mitbewohner auch gut gedeihen könnten. Im Herbst sollten sie zum ersten Mal beschnitten werden und Stützen würde er noch schweißen lassen, damit die Form erhalten bleibt. Zumindest für die nächsten Jahre war das wichtig. „Ich habe mich also für eine Rote Walze und eine Weiße Schnauze entschieden, alte seltene Sorten. Bin total gespannt auf die Früchte. Und als ich sie abgeholt habe, stand da noch so ein schöner U-förmiger Baum herum, den habe ich gleich auch noch genommen. Einen Zuccal Magglio aus dem Rheinland.“ Dass seine Gesprächspartnerin zwischendurch ein langes Telefonat geführt hat, ist ihm gar nicht aufgefallen. Inzwischen ist es beiden kalt geworden, sie stehen auf und schlendern langsam den Wohnungen entgegen. Plötzlich gleitet Herr Nipp aus, verliert den Halt und liegt lang auf dem Boden. Irgendjemand hat einen Apfelnürsel weggeworfen. Granny Smith.

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Kellerleiche

Der öffentliche Nahverkehr ist immer wieder eine Einladung zum Studium gesellschaftlicher Strukturen. Zogen die Anthropologen vor Jahren in den jetzt nicht mehr vorhandenen Urwald, um noch nicht beschriebene Kulturen zu entdecken und zu erforschen, so finden sie sich heute in den Metros, den U- und S-Bahnen dieser Welt, rasen von einer Haltestation zur nächsten, heimlich bewaffnet mit Diktiergeräten und modernen Kameras. Dabei fallen sie niemandem auf. Ein Paradigmenwechsel hat eingesetzt. Braucht es heute keiner Geheimdienstler mehr, weil diese fiese Tätigkeit jetzt von den sozialen Netzwerken übernommen wird – und das sogar viel effektiver, als dies jene zu leisten imstande waren. Ja, die meisten Klienten geben so viel über ihr Privatleben preis, dass man schon von privatem Exhibitionismus sprechen kann. Es gibt so etwas, wie die innere Entkleidung. Also haben die alten BND- und Stasispitzel jetzt auf Anthropologie umgeschult und nutzen ihre Techniken des Abhörens in den Bussen und Bahnen dieser Welt. Und wie beim Walfang gilt hier: Nur zu wissenschaftlichen Zwecken! Die Erkenntnisse dabei sind schon fast unglaublich, denn in einer faktisch multikulturell geprägten Gesellschaft müssen besagte Wissenschaftler nicht nur inhaltlich bewandert sein, sondern auch noch eine Vielzahl an Fremdsprachen beherrschen. Idiome und Dialekte sollen hier gar keine Erwähnung finden, vielmehr aber jene Kauderwelschsprachen, Kanaksprak oder Soziolekte genannt, die der Einfachheit halber zwischen Her- und Abkunftssprache mischen. So muss sich der Sprecher oder die Zuhörerin nicht auf einen Schlag alle Wörter lernen, sondern kann in allen Situationen auf die Homebase zurückgreifen. Dem unbedarften Zuhörer springen dann aus dem Türkischen Wörter entgegen, wie Benzinpreiserhöhung oder Champions-League-Finale. Neben den sprachwissenschaftlichen Entdeckungen des gestalteten Pluralismus wurden dabei auch die Sprechstrukturen eingehend untersucht.

Herr Nipp hat sich in den Monaten der inhaltlichen Abstinenz zu einem Hobbyanthropologen entwickelt. All das, was ihn früher überhaupt nicht interessiert hat, zum Beispiel die Gerüchte, ihre Entstehung und Verbreitung, können ihn jetzt faszinieren. In einer Gesellschaft, die endlich entdeckt hat, dass die Fortbewegung in Großstädten mit dem ÖPNV abgekürzten öffentlichen Personennahverkehr viel einfacher ist, als mit einem auch noch unverhältnismäßig teuren Auto, treffen sich in den Fahrwaggons Menschen aus allen Schichten. Die Statussymbole haben gewechselt. Man legt Wert auf das richtige Smartphone und hochwertige Schuhe, nicht mehr auf das Zeichen auf der Motorhaube. Das braucht man nur, wenn es in die autofreie Provinz oder in den alpinen Urlaub geht. Und für diese Wochen ist das Leihen eines fahrbaren Untersatzes insgesamt billiger. Da darf es dann auch mal der 500er sein. Man bedenke nur den Wertverlust.

Herr Nipp sitzt seit kurzem oft tagelang im Bus, fährt von einer Station zur nächsten und hört den Menschen zu, wenn er denn die Sprache versteht. Seltsamerweise fühlt sich niemand belästigt oder beobachtet in diesen Räumen der Öffentlichkeit. Die Sprache, welche früher zum intimen Plausch in der Lautstärke gesenkt wurde, ist heute für jeden klar vernehmbar. Wenn jeder glaubt, die Leute hinter oder vor mir können mich eh nicht verstehen, dann gibt es auch nichts zu verbergen.

Eine sehr schöne Aufnahme gelingt ihm an diesem Tag: „…und habe die beiden… getroffen…“ „Und?“  „…saßen dort herum ….mit den anderen Leuten…du weißt schon….“ „Und?“   „Der Neue stimmt nicht.“ „He?“ „Der hat eine Leiche im Keller. Wetten, das geht nicht gut.“ „Wieso?“ „Na, der ist nicht echt, die ganze Art, das geht überhaupt nicht. Hat meine Frau auch gesagt.“ „Hm?“ „Naja, der hat was zu verbergen, das ist schon mal ganz klar. Das wird nicht gut gehen mit den Beiden.“ „Die Beziehung wird ungebremst vor die Wand gefahren.“ „Das wäre schade.“ „Na, die hat es nicht anders verdient!“

Einige Stunden später zwei andere Mitfahrer, das gleiche Gespräch. Gleiche Worte oder Inhalte, andere Leute. Erst abends findet Herr Nipp heraus, dass es um einen Trainer einer Fußballmannschaft geht.

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Das Pilzgericht

Dass die Sonne so früh durch das Fenster scheinen würde, hatte er nicht erwartet, überhaupt nicht. Die Strahlen des Zentralgestirns sammelten sich auf seiner Bettdecke, schienen sich gar auf seinem Gesicht zu bündeln, eine Konzentration aus Licht und Wärme. Eine brutale Blendung und üble Überbeanspruchung sämtlicher Sinne. Also drehte er sich erst einige Minuten unwohlig hin und her, stand dann auf. Keine Hausschuhe vor dem Bett zu finden, die Hose auch nicht. Gut den Pullover hatte er immerhin an. Strümpfe würden sich wohl finden lassen. Auch wenn das Haus völlig unbekannt erschien, er würde sich zurecht finden.

In der Küche hatte schon jemand eine Kanne kräftigen Kaffees gekocht – kalter Kaffee. Musste wohl von gestern Abend übrig geblieben sein. Gestern Abend! Gestern Abend? Was war da noch gleich geschehen? Herr Nipp blickte auf seine bemalten Hände – Kugelschreiberkritzeleien. Fast scheu suchte er den nächsten Spiegel, sah sein arg ramponiertes Gesicht, ein Faltenwurf von einem Mann und plötzlich wusste er, was passiert war. Schemenhaft. Er war eingeladen worden – zum Pilzeessen.

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Staumeldung

Wegen grundsätzlicher Zeitlosigkeit (das Schreiben an einem Langtext erfordert Muße) muss die Weiterarbeit am Stau vorübergehend eingestellt werden. Das bedeutet keinen Abbruch, sondern eine Verschiebung weiterer Teilstücke in den Herbst. Zwar liegen noch zwei Kapitel ganz exklusiv vom Autor hier fertig vor, die allerdings müssen noch mal überarbeitet werden. So geht das nicht.

Um die Zeit jedoch nicht zu lang werden zu lassen, finden sich in den nächsten Wochen in unregelmäßigen Abständen wieder kleine Geschichten von Herrn Nipp auf dieser Seite.

Zu empfehlen sind übrigens auch andere kurze Texte unter der Rubrik TEXT. Die Floskeln beispielsweise werden in und unter anderen Umständen auch Aphorismen benannt, das klingt aber doch recht hochgestochen oder wie ein bedeutungs – trächtiges Wort. Die Kurznovellen und Schlagzeilen werden unregelmäßig aktualisiert.

Weiterhin viel Vergnügen bei Herrn Nipp!

gez. Das Redaktionsteam

 

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