Gezeitengespräch XXXI

Zeitnah: Ja, die Mütter, unsere Mütter und deren Mütter, immer hängt es doch wieder an ihnen. Die Bilder im Kopf kommen von den Müttern. Ha, hereingefallen, das stimmt so nicht. Mütter. Mama, nie wäre ich darauf gekommen, sie Mutter zu nennen. Sie hat beschützt, ja, aber für die Informationen war der Vater zuständig, Papa. Hatte eine harte Hand. Das ist völlig unromantisch, wenn man sich nach seinem Verständnis sehnt. Immer dann hoffe ich, es anders zu machen. Die Bilder, lieber Zeitfern, sind da, sie wollen heraus. Auf das Papier. Und ich stehe da und sehe, die weiße Oberfläche, die sich nicht rühren will.

Zeitfern: Ich gehe auf dieser weißen Oberfläche, die sich nicht rühren will, wie immer beim Hexenkreis gehen, und plötzlich stehst du vor mir, als Stier ohne Hörner. Eine Sphäre, weißes Rauschen. Ein Orakel sagt: Alles Liebenswerte wird am besten in der Nacht herausgefunden. (Peter Handke)

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XXX

Zeitnah (hier und dort):   Es ist Frühling, ich weiß wohl, da kochen die Säfte wieder langsam auf. Da wäre das Verliebtsein schön, jenseits der üblichen Selbstverliebtheit, ohne die Kunst nicht geht. Das Spiegelbild ist dann nicht ganz so nötig wie sonst. Im Verliebtsein stehen die Bilder im Raum, fangen ihre Schleiertänze an. Aber du weißt, letztlich liegt der Kopf auf dem Silbertablett, unsere Bilder. Die Selbstoffenbarung des Lebenwollens und –könnens und stetigen Versagensgefühls. Dann reden wir von Spielerei. Diese, die es gleichzeitig niemals ist, weil sie Disziplin einfordert, für jede Arbeit, die ihr eigene Regel zu finden. Und dabei gleiten wir, wenn es ganz schlecht läuft, auch in Routinen ab. In Bildgefüge, von denen von Vorneherein bekannt ist, dass sie funktionieren werden. Die Verhältnisse, ich brauch dir nichts von Harmonien und Kontrapunkten zu sagen, von den vielfältigen Möglichkeiten des goldenen Schnitts. Du trägst es in dir, die Formzusammenhänge, die Balance der Volumen und Farbqualitäten. Doch die Aussagen der Lineaturen sind Teil geworden. Die Kunst ist vielleicht die einzige Art, die Gegenwart festzuhalten. Kurz vor dem Sturz ins Vergessen. Diese Gedankenpartikel zu jonglieren und auf das Blatt zu werfen. Das ist wohl diese perfide Erotik des Augenblickes, in dem du das absolute Glück der geglückten Linie fühlen kannst. Wir sind keine Wissenden, weil so die Bruchstücke einer allgemeinen Erkenntnis gefunden, sortiert und neu arrangiert werden. Ja, das Schaffende, das Göttliche in uns, das antreibt, um weiter zu machen. Wenn die göttliche Liebe Kunst ist, dann ist die absolute Liebe wohl das Momenthafte, Begreifende des Ganzen als Kunst.

Zeitfern: Ach, ich bin kein Wissender. Ich zeichne, mal, schmiere das auf die Leinwand, das Papier, das was ich bin. Das, was ich war. In der Nacht. Alles Liebenswerte, alles Schreckliche wird in meinem Kopf in der Nacht erfunden. Alles Dialog, was wir hier führen. Wie ein Spatzengeschwader. Komm, jetzt, es ist Frühling, spring. Eine Welle aus Kraft in dieses Geschwader. Welle leidend. Der Schatten nicht malbar. Die Passhöhen sind die Versuche. Fangeisen lauern. Herrlich. Die kenne ich. Was schön machen. Und die Frage: Wie gefällt euch das? Antwort: „Du hast bessere Bilder gemacht. Ich weiß es, ja, ja.“ Versuchen als Versuch. Vom Bild gerichtet, vom Betrachter gerichtet. Nachtfinster gerichtet. Frühling, die Hummel brummt auf gelben Blüten. Und ich habe das Licht in der Nacht vom Licht unterschieden. Die Bienen schweigen noch. Ich schweife ab, ja, die Bienen sollen etwas Falsches sammeln. Soll ungesund sein. Gelesen, nicht geglaubt.  Zurück auf das Spatzengeschwader, und dann zurück in die Erinnerung. Da fällt mir Mutter ein. In meinem Leben ein Defizit. In Jahrzehnten aufgelaufen. Die Jahre ohne die Hände der Mutter. Ohne Augenblicke. Nur die Angst, vieles Schönes nicht erlebt zu haben. Zurückgedrängt in Träume, die plötzlich wecken in Schrecken. Weiß nicht, welcher Schrecken. Defizit. Den Wunsch wachrufen, alles zu erleben, in wenigen Sekunden. Mit ihr, der Mutter. Dem absoluten Universum. Sich drehen und wärmen im Uterus der Blüten. Behütet immer. Und außerhalb sie sehen. Ihre Gesichtsfalten durchwandern, in ihren Augen verweilen, und sich selber sehen. Das gleiche erleben wie sie. Lächeln, leben und umarmen. Ohne diese Angst der Gewohnheit. Wird nicht mehr sein. Einen Moment nur, mein lieber Zeitnah, den ich sagen wollte: Defizit gleich Sehnsucht. Keine Romantik. Und schon wieder lauert der Pinsel vor der fastleeren Leinwand. ———————Und auch tote Mütter lieben. Das Rautenherz habe ich durchgeblättert. Nun ist deine Zunge beredt, bereit?

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XXIX

Zeitfern: Sollten wir also mal über das reden, was in unseren Herzen ist. Unsere Berufung, um uns auszudrücken. Zu zeigen, wie wir denken, ohne Wörter geschrieben zu haben. Sollen wir? Malen enthält Malen und Malen enthält Schreiben. Stumm geht nicht. Würde eventuell doch. Dann mit Bild. Also schweigen wir mal für einige Minuten.—————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————-Und reden wir über Schwänze. Schlangen. Fischschwänze. Grasschlangen. Unkaputtbare Menschen, die es nicht gibt. Die Fangeisen der Malerei. Da, wo man beginnt, nett zu sein. Dem Auge schmeicheln will. Die größte Versuchung nach diesen Adam und Eva und Schlange. Ihr nicht zu erliegen ist wohltuend. Bilder, die nicht schmeicheln. Natürlich, weil nicht im System, keine Verkäufe. Aber Zufriedenheit. Selbst die Vulva eröffnet nicht das Geschäft. Ich will mich darin verlieren. Ich bin. Was bist du?

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Gezeitengespräch XXVIII

Zeitfern:  Ist Magie Heimat? Ich stelle mir unter Magie was Großes vor. Hokuspokus. Doch du hast Recht, Magie entsteht nur im inneren Kreis des Lebens. Dem Erlebten. Also schließe ich daraus, wir sind alle, in irgendeiner Form, Magier. Das mit dem Kalibrieren hat leider nicht geklappt. Also begeben wir uns in die Zwischenreiche, wie immer.

Zeitnah (hier und wieder): Dieses Gefühl hier wieder, alles sei mit allem Verbunden, magisch. Banal könnte ich vom Zauber der Situation sprechen, dem schräg roten Lichteinfall beim Sonnenuntergang. Den tanzenden Frühjahrsschwärmen der Mücken, die versehentlich durch zu große Wärme geweckt wurden. Das Lächeln dieser Frau, wenn sie denn einmal lächelt. So kurz bevor ihr Zug geht. Sie legt mir einen Stein in den Magen und verschließt alles. Ja, magisch wohl auch das. Die überschwappenden Gerüchte, die mich zu verschlingen drohen. Wie nah die Menschen der Realität doch kommen und so weit entfernt liegen, von allem was ist und sein wird. Da sitze ich auf jener Bank unter der Autobahnbrücke und sehe zu zweit  den gelborangenen Sonnenball wandern, den Horizont entlang. Kann die Bewegung sehen, die mich unvorstellbar lähmt, sitzenbleiben und ganz plötzlich kommen Dunkelheit und empfindliche Kälte, lassen zittern. Und im Hintergrund spielt eine Band ihre Songs. So seltsam vertraut, auch wenn ich sie nicht kenne. Diese Augen in einem zukunftsvollen Gesicht. Das ist vielleicht die Magie des Au(g)enblicks und genau dann zur Leinwand gehen, weil das Bild vor Augen steht.

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Gezeitengespräch XXVII

Zeitfern: Die Dualität ist unser Leben. Hier wird alles, fast, gefestigt. Die Pole Anfang/ Ende. Punkt. Also reden wir über das „Dazwischen“. Wie immer. Ich sehe was, was du nicht siehst. Ich ziehe umher mit meinen Gedanken. Suche Orte. Was bleibt nach vielen Jahren. Alles wächst. Wirft Schatten. Will neue Orte suchen, mit freier Sicht. Neue Lichtungen. Ich brauche Sichtbarkeit. Rundum. Schatten schmerzen.  Schattenmale im Kopf. Doch noch mal dazwischen das Schöne. Dualität: Weißes Blau, Anmut und Azur, Italiener nehmen keine Butter, Begonien haben oft Läuse. Harte Schwämme. Ohne Wasser, Cerberus hat drei böse Gesichter. Ich nehme meine Augenbinde ab. Will wieder hier sein. Sorry, Zeitnah, habe mich verzettelt. Und nichts gesagt. Kalibrieren mal. Zum Hören.

Zeitnah (im Raum- und Zeitkontinuum verlaufen): Wieder einmal wolltest du mich auflaufen lassen. Das Schiff meiner Vorstellungen und liebgewordenen Gewohnheiten hinterrücks zum Kentern bringen, von wegen verzettelt. Du hast die Zettel stapelweise geworfen und gleichmäßig über die Gedankenlandschaft verteilt, wissend, dass ich das nicht so hinnehme, nicht so stehen lassen kann. Es gibt nicht nur das Ja und das Nichtja. Da finden sich auch das Fastja und das Geradenochja, all die Schattierungen des Fragwürdigen, die nicht so einfach zu kontern sind, die sich nicht in unsere wohlgebauten und samtgefütterten Schubladen und Sortenkästen einordnen lassen. Immer dann nämlich, wenn ich die semantische Unabwägbarkeiten, jene paradoxen Ungenauigkeiten entdecke, in den Argumentationen und hochtrabenden Betrachtungen und Erläuterungen der Hochgelehrten. In den banalen und flapsigen Äußerungen des gemeinen Volkes ebenso. Nein, du kannst mich nicht narren und so mir nichts dir nichts in die Irre führen. Ich glaube nicht an dieses einfache System.

Zeitfern: Ja, ja, natürlich beinhaltet das Denken die große Bandbreite des Lebens. Anfang und Ende. Jeder weiß es, jeder spürt es. Ich denke, alles wiederholt sich. Nicht gleich, aber unter anderen Ereignissen. Zum Beispiel: Ich werfe vor vierzig Jahren einen Stein irgendwohin. Was geschieht danach? Ok, das ist Kleinfritzchendenken. Nur anders. Ich meine auch nicht die berühmten Schmetterlingsschläge am Amazonas, die irgendwo auf der Welt Sturm auslösen. Ich meine, man tut etwas, eben diesen Stein werfen. Nach zirka vierzig Jahren wiedergefunden. Habe lange gewühlt im Wald. Aber gefunden. Er hatte sich nicht verändert. Waldmeister war darüber gewachsen. Doch die Erinnerung weiß ich noch. Dieser Ort, nah am Weg. Den es heute nicht mehr so gibt. Da, wo wir gesessen haben, gelegen, im Wald, geliebt. Auf der Hut, weil am Weg. Es war Sommer. Ich nahm einen Stein. Da lagen nicht viele griffbereit. Warf ihn ein paar Meter weg. Sagte: Das soll unser Glück sein. Sie lächelte, sagte: Den findest du nicht wieder. Uns, unser Geruch war einst. Wir waren glücklich. Erinnerungen dazwischen. Ich habe den Stein noch mal geworfen. Es gibt immer Orte, da ist was Magisches dran geheftet. Im Kopf verankert, ganz tief. Komme ich an diese Orte, springt die Vergangenheit mir ins Gesicht.

Zeitnah (Raum Zeit): Du siehst das Magische, nicht weil es ist, sondern weil du bereit bist, es zu sehen. Ja, es ist. Natürlich gibt es das. Es kann ein Ort sein, eine Zeit vielleicht. Es kann in einer Situation liegen oder ganz mit einer Person verbunden. Das große Magische ist nicht fassbar, sondern stellt sich in ganz unbedachten Augenblicken in den Weg, stellt ganz unverblümt eine bestimmte Sicht auf die Dinge in den Raum. Manchmal denke ich, das eigentliche Wort hierfür ist „Heimat“.

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