Wartezeit

Draußen tanzen die Märzflocken und drinnen schlägt die Einsamkeit hohe Wellen. Der Wind scheint zwischen den Häusern dauernd zu drehen und aus den Lautsprechern plärrt deutscher Punk. Auf dem Tisch steht ein Kuchen und nirgends ein Gast. Die Bücher fallen aus den Regalen und im Keller ist es kalt. Die Sofakissen erscheinen zerknittert und die Vögel verkriechen sich im Gebüsch. Ein Regenschirm taucht auf und verschwindet wieder. Alles scheint sich zu bedingen.

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Kneipentour 2020

Vor zwanzig Jahren konnte Herr Nipp in seinem Ort noch von Kneipe ziehen. Am Ende des Abends war er damals sturzbetrunken! Schließlich gab es an jeder Straßenecke eine. Letztes Jahr hatte er mit Mühe und Not noch vier Lokale in der gesamten Stadt gefunden. Das Jahr 2020 brachte dann eine Innovation. Wegen der Ausgangssperre muss er die Dosen Bier auf alle Zimmer verteilen und dann in jedem Zimmer eins trinken. Na denn Prost zu dieser Kneipentour.

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Auf dünnem Eis

Schon beim ersten Aufwachen war ihm klar gewesen, dass dieser Tag schlecht laufen würde, zumindest aber nicht so gut, dass er sich in irgend einer Weise wohl fühlen würde. Eine Stunde vor der üblichen Zeit war er aufgewacht, war kurz aufgestanden, um zur Toilette zu gehen, unter völligen Schmerzen zusammengezuckt, weil ein Steinchen auf dem Teppichboden sich tief in den Fußballen grub. Keine zehn Sekunden später war der kleine Zeh am Türrahmen hängen geblieben. Er hatte sich zwar noch die letzte Stunde Schlaf gegönnt, war aber schon zu diesem Zeitpunkt schwer entnervt. Das Frühstück hatte er im Stehen einnehmen müssen, da der gestern eingeölte Tisch sich noch immer ölig zeigte, ohne Kaffee, denn die Dose stellte sich als leer heraus, während des Wegs zur Arbeit begann es plötzlich zu regnen und er hatte natürlich gerade an diesem Morgen keinen Schirm dabei. Auf einem Fußgängerübergang hatte ihn ein Elektrofahrrad fast umgesäbelt und in der Garderobe war kein Bügel mehr frei. Als das erste unnötige Widerwort kam, hätte er schon platzen können, hielt sich aber zurück. Er ging in die Kaffeeküche, kochte sich Wasser für den selbstgemachten Apfelminzetee, nahm die rosafarbende Prinzessinnentasse aus dem Schrank, denn alle anderen Trinkgefäße waren offensichtlich in der Spülmaschine und plötzlich musste er nach dem ersten Schluck Tee laut lachen. Das kann doch nicht sein, dass ein winziger Stein, der sich irgendwie auf mysteriöse Art und Weise auf dem Schlafzimmerteppich eingefunden hatte, einem erwachsenen Menschen den Tag so vermiest.

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Sofa

Auf dem Sofa ist es wirklich bequem, ja, das kann er nicht verleugnen – Aber den gesamten Tag auf dem Sofa zu verbringen, kann er sich normalerweise nicht vorstellen – Abgesehen davon, dass es wirklich langweilig ist, verlässt ihn mit der Zeit das Gefühl der Bequemlichkeit – Nachdem er am Vortag wirklich dumm auf das Knie gestürzt war, nachdem das Knie dann im Laufe des Tages aufgrund innerer Blutungen ziemlich stark geschwollen war und ein kurzer Krankenhausbesuch des abends folgte, liegt er nun auf eben diesem Sofa, bandagiert – Das Knie ist hoch gelagert, damit das Blut abfließen kann oder so ähnlich – Eigentlich will er es auch gar nicht genauer wissen -Vor ihm steht wohl sein Aufknierechner, er hat sich bei Arte die Mediathek aufgerufen und schaut einige Dokus über Natur und Archäologie, kann auch gewisse Zeit die Schmerzen ignorieren, kann den allgemeinen Zustand, der ihn zu einem alten Mann macht, der er , wenn er ehrlich wäre, ja auch ist, völlig verdrängen – Das Ameisenleben, das Insektenleben, das Baumleben, das Leben der Ägypter und Nubier und so weiter können ja so spannend sein, wenn er dabei zumindest die Disfunktionalität des eigenen Körpers vergisst – Er muss Ruhe haben, sagen zumindest alle diejenigen, die immer wieder einmal reinschauen, die sitzen bleiben, eben einen Kaffee trinken und auf jeden Fall auch einen zweiten und dritten, da sie ja nun mal ein Stück Kuchen mitgebracht haben oder diejenigen, die abends fragen, ob er denn nicht einen Wein offen stehen habe oder die lieber ein Bier trinken wollen – Als hätten sie einen genauen Zeitplan, wechseln sich die Freunde ab – Erst abends gegen zehn ist er also allein – Völlig erschöpft, denn die vielen Gespräche in seinem Zustand strengen an, die vorige Nacht hat er vor Schmerzen genau von 6 bis 10 nach 6 geschlafen, geht er zu Bett – Wahrscheinlich schläft er bis zum nächsten Morgen, wahrscheinlich wird er gegen acht Uhr den ersten Besuch bekommen, gegen 9 den zweiten und um spätestens zehn den dritten und wenn er dann einmal keinen anderen Menschen in seiner Wohnung hat, wird er sich auf das Sofa zurückziehen, das Bein hochlegen und ganz undankbar denken, dass er es wirklich schlecht in seinem Leben angetroffen hat, weil niemand an ihn denkt – So also werden die Prophezeiungen wahr, dass er irgendwann ein sehr einsames Leben führen wird bis um halb zwölf die Türklingel geht

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Ein innerer Monolog

Sie sitzt neben ihm, wie immer etwas extravagant gekleidet, nicht aufreizend, auf jeden Fall aber auffallend. Eine junge, eine selbstbewusste, eine sich selbst bewusste Frau. Ihr zierliches Gesicht ist konzentriert, die Hand hält ein zerlesenes Buch, eine dieser gelben Lektüren, die wohl jeder aus seiner Vergangenheit kennt. Schullektüre. Auf jeden Fall von Reclam. Billige Ausgabe, die nach der Pflichtlektüre, nach dem Durchackern mit Bleistift und Textmarker vielleicht noch einige Monate, mag sein einige Jahre im Regal stehen und kurz nach dem Abitur ohne den Hauch eines schlechten Gewissens im Altpapier landen wird. Genau das ist das Reclamvermarktungsprinzip: Literatur to go.
Sie gibt immer wieder irgendwelche Geräusche von sich. Während alle anderen um sie herum belanglos erscheinende Gespräche führen, ist sie offensichtlich recht vertieft, lebt in und zwischen den Zeilen, die sie schon so oft gelesen. Sie liest und kommentiert, spricht vielleicht mit den Figuren, kommentiert und liest. „Boah ey.“ Schweigen, Kopfschütteln. „Wie mies.“ Wieder schweigen, wieder Kopfschütteln. Über längere Zeit nichts. Konzentriertes Nichts. Kaum zu glauben, denkt er, dass die Marquise von O…. heute noch immer aufregen kann.

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