Kaffeepot und Vogelschiss

Es bleibt dabei. Lange Schlafen ist nicht sein Ding. Er wacht einfach früh auf, ob die Nacht lang war oder nicht. Er hat dann auch keine Lust liegen zu bleiben. Drei vier Mal wälzt er sich im Bett hin und her, dann greift er nach seinem Buch auf dem Nachttisch, liest ein zwei Seiten und muss dann schwungvoll die Decke zur Seite schlagen, seine Beine aus dem Bett schwingen. Zack, steht er schon, die Welt mag kommen! Er ist bereit.

Ein Kaffe wird gekocht, während er unter der Dusche steht. Das ewige Gebrabbel des Deutschlandfunks läuft im Hintergrund. Noch halb nass, denn richtig abgetrocknet hat er sich noch nie, gießt er sich den ersten Schluck aus der Edelstahlbialetti ein. Würzig stark, das macht wach. Er schlüpft in die Leiderpantoffeln und geht in den Garten. Die Sonne scheint, die Vögel konzertieren um die Wette. Auf dem Gartentisch ein Vogelschiss. Herr Nipp stellt den Pot daneben ab, lässt seinen Blick über die Hochbeete schweifen, stolz, gute Arbeit. Er setzt sich auf die morgenfeuchte Bank, da wird ihm bewusst, dass er vergessen hat, sich anzuziehen.

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Zeiten

Die Vergangenheit ist konstruiert, die Gegenwart ist nichtig, die Zukunft Projektion.

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Unzufrieden, aber glücklich

Der Himmel ist streifenfrei blau. Schon seit Wochen fliegen kaum noch Flugzeuge. Die Menschen bleiben zu Hause, haben keine andere Wahl, dürfen nicht mehr die Welt bereisen, die Staaten haben die Freiheiten begrenzt. Aufgehoben sind auch die Bürgerfreiheiten, für die eine Gesellschaft Jahrhunderte gekämpft hatte. Versammlungsverbote allenthalben. Ohne Murren haben Milliarden eingesehen, es geht wohl nicht anders, damit mehr überleben können. Pandemische Zeiten. So denkt er jetzt über das verlorene Jahr, wie es später genannt werden wird. Die Zäsur.

Herr Nipp ist früh aufgewacht, hat geduscht, die Arbeitskleidung angezogen, das Frühstück in aller Ruhe genossen, immer wieder den Blick auf seinen Garten gerichtet. Ruhender Blick, entspannt und liebevoll auf den knospenden Pflanzen, den Bäumen, die bald ihre Blütenpracht vollends zeigen würden. Kirsche und Äpfel jedenfalls, auch die Quitte, die er arg hatte beschneiden müssen, nur die vorlaute Pflaume hatte bereits begonnen, ihre schlohen Blütenblätter im Garten zu verteilen, schade eigentlich, dass die Bäume niemals gemeinsam blühen, dachte er. Andererseits hatte der Garten auf diese Weise eine längere Blütezeit. Zwei widerstrebende Gedanken. Genau diese Momente, wenn die ersten Frühlingssonnenstrahlen langsam die feuchte Morgenkälte vertrieb, genoss er, trank dabei seinen bescheidenen Milchkaffee und aß Löffel um Löffel das viel zu süße Müsli. Momente des Glücks. Wer hätte in dieser Zeit schon solche Morgenstunden? Wer könne sie denn dann überhaupt genießen? Wer sähe denn wohl die vielen Kleinigkeiten, die verschiedenen frühen Blüher, die Leberblümchen, den violetten und weißen Lärchensporn, die sattblauen Scilla, die gelben Schlüsselblumen? Wer beobachtete denn wohl die unscheinbaren Vögel, bemerkte die Reste der Farne vom letzten Jahr, die jetzt ihre Sporen verteilten? Herr Nipp war unzufrieden, gleich aufbrechen zu müssen, aber er hatte den anderen versprochen zu helfen. Das war allerdings letztlich genau sein Lebensgefühl, unzufrieden, aber glücklich.

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Gottesfrage

Manche können eine tiefe Religiösität verspüren, ohne an irgendetwas zu glauben.

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Eintüten

Auf dem Tisch steht ein Kuchen. Seit gestern schon beobachtet Herr Nipp den Gugelhupf. Der verändert sich nicht. Doch, eben, als er spazieren war, ist ein Stück verschwunden. Sauber herausgeschnitten, das Messer liegt noch daneben. Es ist jenes Messer, welches Herr Nipp vor einigen Jahren selber geschmiedet hatte, welches mit einem viel zu leichten Kirschholz geschäftet wurde. Er kocht sich einen Kaffee, stark, schwarz und bitter. Nimmt das Messer auf und schneidet das nächste Stück heraus. Ja, das ist wirklich gut. Irgendwer hatte dieses Gebäck hereingereicht und war wieder gegangen, ohne gemeinsam zu essen, ohne das sonst übliche Gespräch, ohne jede Berührung. Es ist eine antikörperliche Zeit. Aber der Kuchen schmeckt, auch das ist wichtig. Und den Rest wird er eintüten und einfrieren. Und das nächste Mal, wenn die edle Spendern kommt, wird er selber einen Kuchen haben, den er servieren kann.

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