Himmelblau

Die Fenster stehen auf Kipp. Die Augen sind seit geraumer Zeit geöffnet. So liegt er im Bett, das Morgengezwitscher ist längst abgeebbt. Nur die Spatzen von gegenüber, zuweilen eine gurrende Taube und natürlich die unermüdliche Amsel lassen noch etwas von sich hören. Auch die große Blüte der Rose vor seinem Fenster ist schon vorüber. In den nächsten Tagen wird er sie schneiden müssen, dann blüht sie vielleicht noch einmal in einigen Wochen. Der Sommer ist da. Er schaut in den Himmel, keine Wolke zu sehen, auch kein Kondensstreifen von Flugzeugen. Kaum ein Flieger ist noch unterwegs. Kein Auto macht sich diesen Morgen auf den Weg. Kein Fußgänger ist bisher zu hören. Er mag diese Zeit kurz vor sechs morgens. Niemand stört ihn in seinen Gedanken und Erinnerungen. Bald wird sein Wecker klingeln. Solange kann er noch liegen und über alles nachdenken. Was heute zu tun ist natürlich, was gestern gut geklappt, was nicht. Wichtiger ist es, über das Gelungene nachzudenken, aber er bleibt meist an dem hängen, was nicht so sehr toll war. Das macht wohl die Erziehung. Er kann sich dem einfach nicht erwehren. Kurz schließt er die Augen, nur kurz und wird eine halbe Stunde später vom Wecker geweckt. Er schaut Heraus, der Himmel ist blau, die Fenster stehen auf Kipp. So liegt er im Bett, das Morgengezwitscher ist längst abgeebbt. Nur die Spatzen von gegenüber, zuweilen eine gurrende Taube und natürlich die unermüdliche Amsel lassen etwas von sich hören. Am Himmel keine Wolke zu sehen.

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Die Tasche

Sie war ihm geschenkt worden. Einfach so. Mit einem freundlichen Gesicht in die Hand gedrückt. Mit leuchtenden Augen. Ein Stück weit generös. Handgemacht, nicht die Tasche an sich, sondern das Bild darauf. Zwei Hände mit einer Pflanze in ihrer Mitte. Hände, die die Pflanze schützen und leicht anheben, wie zum Gebet. Darüber der Spruch „Lehrer pflanzen Samen des Wissens“.
Das hatte ihn umgehauen. So ein einfacher Text, wenige Wörter und doch in der Lage, sein Denken über Lehrer völlig umzukrempeln. Ja, stimmt. Lehrer setzen keine Bäume, auch keine Wälder, das wäre zu viel für das Kind, das empfindliche und empfindsame Wesen und das wissen sie. Aber die Grundlage schaffen sie, der Boden wird urbar gemacht und besäht. Genau dafür. Damit das beschulte Wesen und später der Mensch, der das Schülersein offensichtlich längst hinter sich gelassen und aufgegeben hat, irgendwann in der Lage ist, Profit aus diesem entstandenen Wald zu ziehen. Verknüpfungen erkennt und später eben ein kleines Stückchen dankbar ist. Für diese Samen, die lange schlummerten, die er längst vergessen hatte zu gießen und die trotzdem gewachsen sind. Ganz unbemerkt und mächtig.
Mit dieser Tasche geht er gerne einkaufen, auch wenn er selbst kein Lehrer ist.

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Deine Geschichten

Zugegeben, in dieser Zeit geht er nicht ganz so gerne in die Stadt, nur wenn er wirklich etwas braucht oder eben wenn es günstiger ist als außen herum zu fahren. Zu viel Gedränge, zu viele Menschen und viel zu viele unmaskierte „istschonnichtsoschlimms“. Normalerweise geht er in die andere Richtung, in den Wald möglichst, aber das weißt du ja sicherlich schon, ist ja nicht die erste Geschichte, die du liest. Da es ja nur dich gibt, der hier reinschaut, weißt du sicher alles über Herrn Nipp. Und tatsächlich geht es ja auch heute um dich ganz persönlich.
Gestern jedenfalls musste er in die Stadt und da ist er dir über den Weg gelaufen. Nein, er hatte durchaus das Gefühl, du hättest ihm aufgelauert. Zufälligerweise weiß ich , dass es ein Stück weit auch so ist. Wer Langeweile hat, der sucht sich eine Bschäftigung. Das ist ja das Schöne, der Erzähler kann das wissen, weil er sich zuweilen herausnimmt in seine Figur hinein zu sehen. Alles wird ja auch nicht ausgeplaudert, aber manchmal ist die neutrale Rolle einfach nicht angebracht. „Das ist ja schön, Sie endlich mal wieder zu sehen. Ich bin ja so froh, dass ihr Blog immer noch existiert.“ Überschlagende Stimme. Lieber Leser, du solltest wissen, dass Herr Nipp es etwas nüchterner mag. Kein Getue, keine Übertriebenheiten, nichts Gestelztes. Er mag es ehrlich und beiläufig. „Und so tolle Geschichten, da kann man gar nicht aufhören. Wann erscheint endlich wieder mal ein Buch?“ „Ein Buch?“ „Ja, so wie damals eben.“ An dieser Stelle, lieber Leser, wäre ich fast sauer geworden. Mal ehrlich, woher soll denn Herr Nipp wissen, dass er lediglich eine Figur ist, die in Blogs und Büchern herumläuft. Stell dir mal vor, ich würde dir jetzt und hier sagen „Hallo Leser, du bist ein toller Hecht, denn ich weiß alles über dich. Ich habe dich erfunden und daher bist du nur eine literarische Figur, nicht einmal eine Matrix!“ Du würdest doch ausrasten. Wer will schon eine Figur sein. „Ihr seid doch alle Individuen.“ heißt es schon bei Brian – oder so ähnlich. Und alle antworten „Ja!“. Nur einer nicht. der sagt „Ich nicht“. So geht es uns eben, die wir hier verfasst werden. Wir scheinen Individuen und sind doch nur erdacht. Also sind Herr Nipps Geschichten letztlich sogar deine Geschichten, denn du bist nur die Fiktion der Buchstaben am anderen Ende der Geschichten, nicht erwähnt und doch implizit immer da. Man man man. Damit hast du nicht gerechnet. Ich weiß wenigstens, dass ich nur Pulp Fiction bin. Das ist mein Vorteil. Jetzt ist mir die Geschichte zwar völlig aus dem Ruder gelaufen, aber das macht jetzt auch nichts mehr. Offenbar wollte das der Autor so, leider kann ich gerade in den nicht hereinschauen oder hineinführen.

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Tisch wachsen

In seinem Garten hat Herr Nipp einen Tisch stehen. Ein Tisch aus alten Gerüstbohlen, teilweise sind sie angesammelt, aber nicht besonders schlimm, teilweise kann der aufmerksame Beobachter noch Farbreste entdecken, obwohl Herr Nipp alles recht sorgsam mit dem Bandschleifer gereinigt hatte. Einige Düllen, Quetschungen und Macken hat das Holz über die Jahre auch schon mitbekommen. Aus vier nebeneinander liegenden Bohlenstücken hat er den Tisch gebaut. Abends sitzt er dort gerne noch, schaut in seinen Garten, sieht langsam die Farben verschwinden, trinkt sich eine Orangensaftschorle und manchmal ein selbst gebrautes Bier vom Typ „Golem umbra“, dunkel und süffig. Zuweilen hat er dann auch Besuch von Freundinnen und Freunden, auch seine Familie besucht ihn alle Jubeljahre, die das Bier auch gerne mögen Fast alle, sein Bruder nicht, der mag kein Alkohol. Auf Abstand sitzen sie dann, versteht sich, haben aber ihren Spaß, glücklicherweise hat der Tisch eine genügende Größe, dass vier Leute dort ohne Platznot mit anderthalb Metern zwischen sich sitzen können. Wenn es dunkel wird, holt er eine oder manchmal auch vier Kerzen und stellt sie auf das Holz. Manchmal läuft eine Kerze aus, der Wachsfluss verteilt sich über die Oberfläche und wird irgendwann erstarren, meist bevor er den Tischrand erreicht. Herr Nipp entfernt solche Abendreste normalerweise nicht, lässt das Material über die nächsten Tage in die Tischplatte einziehen, Das gelingt immer dann, wenn einige Tage lang die Sonne scheint. Das Holz dunkelt dann plötzlich ab. Heute aber hat er den Tisch mit lauter Wachsspänen bedeckt und gewartet, dass die Sonne das Wachs so weit erweicht, dass es mit einem Tuch einzuarbeiten ist. Er hat ja Zeit, die nächsten Tage wird der Fixstern genügend Energie schicken, dass eine Holz-Wachs-Verbindung entsteht. Wenn es klappen sollte, denkt Herr Nipp, dann ist das Gartenmöbelstück für die nächsten Jahre vor der Totalverrottung geschützt. Und wenn nicht? Na, dann wird das Holz mit Sicherheit besser brennen.

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Gut Kirschen essen

Wenn er nach draußen schaut, leuchten ihm die Kirschen rot entgegen. Früher sagte man , du sollst nach den Kirschen kein Wasser trinken, das gibt Magenkrämpfe. Das lag nicht an der Kombination, soviel ist heute klar. Es kam vom Wasser, das war früher oft nicht so klar.

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