Tisch wachsen

In seinem Garten hat Herr Nipp einen Tisch stehen. Ein Tisch aus alten Gerüstbohlen, teilweise sind sie angesammelt, aber nicht besonders schlimm, teilweise kann der aufmerksame Beobachter noch Farbreste entdecken, obwohl Herr Nipp alles recht sorgsam mit dem Bandschleifer gereinigt hatte. Einige Düllen, Quetschungen und Macken hat das Holz über die Jahre auch schon mitbekommen. Aus vier nebeneinander liegenden Bohlenstücken hat er den Tisch gebaut. Abends sitzt er dort gerne noch, schaut in seinen Garten, sieht langsam die Farben verschwinden, trinkt sich eine Orangensaftschorle und manchmal ein selbst gebrautes Bier vom Typ „Golem umbra“, dunkel und süffig. Zuweilen hat er dann auch Besuch von Freundinnen und Freunden, auch seine Familie besucht ihn alle Jubeljahre, die das Bier auch gerne mögen Fast alle, sein Bruder nicht, der mag kein Alkohol. Auf Abstand sitzen sie dann, versteht sich, haben aber ihren Spaß, glücklicherweise hat der Tisch eine genügende Größe, dass vier Leute dort ohne Platznot mit anderthalb Metern zwischen sich sitzen können. Wenn es dunkel wird, holt er eine oder manchmal auch vier Kerzen und stellt sie auf das Holz. Manchmal läuft eine Kerze aus, der Wachsfluss verteilt sich über die Oberfläche und wird irgendwann erstarren, meist bevor er den Tischrand erreicht. Herr Nipp entfernt solche Abendreste normalerweise nicht, lässt das Material über die nächsten Tage in die Tischplatte einziehen, Das gelingt immer dann, wenn einige Tage lang die Sonne scheint. Das Holz dunkelt dann plötzlich ab. Heute aber hat er den Tisch mit lauter Wachsspänen bedeckt und gewartet, dass die Sonne das Wachs so weit erweicht, dass es mit einem Tuch einzuarbeiten ist. Er hat ja Zeit, die nächsten Tage wird der Fixstern genügend Energie schicken, dass eine Holz-Wachs-Verbindung entsteht. Wenn es klappen sollte, denkt Herr Nipp, dann ist das Gartenmöbelstück für die nächsten Jahre vor der Totalverrottung geschützt. Und wenn nicht? Na, dann wird das Holz mit Sicherheit besser brennen.

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