Was ist ist

Warum nur hatte er das getan? Alle Jahre wieder stellt er sich diese Frage. Warum hatte er nicht einfach warten können, das war doch immer seine Stärke gewesen. Einfach abwarten und nichts tun. Die Zeit verstreichen lassen und und sehen, was sich ereignet. Ein paar Tage nur, vielleicht sogar nur Stunden. Der Künstler schaut auf den Zettel in seiner Hand, jene Notiz, die er damals selber verfasst hatte. Aber es war nun einmal geschehen. Mit all den Konsequenzen auf die Zeit, auf das jetzt. Letztlich aber weiß er, was ist ist.

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Baumarktopfer

Seit einigen Wochen hat Herr Nipp ein neues Hobby. Als schlichtes Gemüt, das er ja eigentlich ist, fällt es ihm normalerweise schwer, wirklich gefallen an einer Tätigkeit zu finden. Ist das aber einmal passiert, dann richtig. Was hat er schon alles in seinem Leben ausprobiert und es niemals zu echter Könnerschaft gebracht. Mineraliensammlung, Sammeln überhaupt, da gab es Briefmarken als Kind und Jugendlicher, Münzen auch eine gewisse Zeit und dann kamen irgendwann Druckgrafiken dazu, niemals in der Hoffnung, dass diese mal wertvoll sein würden, aber es war ihm spannend etwas über das Erschaffen von all dem zu erfahren. Aber sobald dieses Wissen dann zu speziell zu werden drohte, gab er sein Hobby auf. Eine Zeit lang hatte er natürlich auch Pflanzen gesammelt und eigene Fotos von möglichst vielen Pilzen. Darüber hätte er vielleicht auch gerne ein Buch geschrieben, musste jedoch feststellen, dass er einfach zu wenig Ahnung hat. Zumindest immer dann, wenn er sich mit echten Spezialisten unterhielt. Spannend hätte er es auch gefunden, vermutet er, Apfelsorten und andere Bäume zu sammeln. Aber dafür braucht man nun einmal einen Park oder ein riesiges Grundstück, und sein Fleckchen Erde, das er sich irgendwann zugelegt hatte, ist einfach zu klein. So hat er irgendwann etwas entdeckt, das er gerne macht, wahrscheinlich bis zum Ende gerne machen wird. Es ist ein Garten, der jedem Außenstehenden anmuten muss wie unerträgliches Chaos. Vermutlich werden sich vor allem seine Nachbarn mit Grauen abwenden. Das Gras vor dem Haus ist Ende Juni immer noch nicht gemäht, weil die Margeriten aussähen sollen. Und dazwischen stehen inzwischen viele Stauden, die er nicht kürzen will. Alant und Akeleien, Malven und Stockrosen. Erträglich wird es tatsächlich auch erst, wenn man von ihm über die Zusammenhänge aufgeklärt wird, die er sich denkt und manchmal ganz bewusst zusammenspinnt. Das kann er ganz gut, denn das meiste, was er in Büchern liest, behält er irgendwie, nur keine lateinischen Namen, das hat wahrscheinlich etwas mit seiner schulischen Abneigung gegen Latein und andere Fremdsprachen zu tun, die er immer nur als lästig empfunden hat. Dann redet er von Pflanzensoziologie und den Zusammenhängen zwischen Insekten und Pflanzen, von Vögeln und Kleinsäugern spricht er auch und irgendwie, das muss man ihm einfach zugeben, scheint auch alles Hand und Fuß zu haben. Nicht unbedingt, wenn man sich die Fachliteratur anschaut, denn er hinterfragt diese und bezweifelt oft, aber offensichtlich ist er ein ganz guter Beobachter, der Zusammenhänge herstellen kann. Schlichtheit besteht manchmal auch in klaren Blicken. Und vor allem ist er jemand, der nicht einfach sofort alles vernichtet, was ihn stört. Ja, er sieht wohl, dass die Schnecken ihm wieder einmal über Nacht die Kohlrabipflanzen verwüstet haben, das war im alten Garten nicht passiert. Dann fragt er nach den Zusammenhängen und ist sich sicher, dass nicht die Schnecken Schuld sind, sondern er selbst etwas falsch gemacht haben muss. Er sucht und findet nicht. Er findet keine Tigerschnegel und genau das muss es sein. Der Igel, der unter der Eibe haust, kann nicht alles leisten. Die Schneckengelege findet der nämlich mit Sicherheit nicht, das macht der Tigerschneck. Und, so seine These, wenn der fehlt, dann werden die anderen Weichtiere machen, was sie müssen. Fressen. Sie sind nicht boshaft. Er wird in so einem Fall mit Sicherheit nicht mit Schneckenkorn arbeiten. Warum sollte er sich den eigenen Garten vergiften, er hat schließlich sogar aufgehört zu rauchen, um die eigene Vergiftung niedrig zu halten. So schlimm ist es schließlich nicht, dass mal ein paar Pflanzen zu schaden kommen. Wenn das Ganze nicht stimmt, kann mit Einzelheiten nicht geholfen werden, dann muss seiner Meinung nach, das Ganze stimmig gemacht werden. Mit Gift geht das nicht. Er begreift auch den Garten als eine Form der Natur, eine künstliche Natur, soviel ist sicher, eine in gewisser Weise gebändigte und menschlich geregelte Natur, aber eben nur funktionierend, wenn gewisse Regeln des Zusammenlebens der Pflanzen und Tiere beachtet werden. Dann kann sich der Mensch gewiss sein, dass er dort immer wieder Erstaunliches entdecken kann. Und auch das ist Herrn Nipp wichtig. Jeden Tag, wenn er seine Tour durch den Garten macht, hier oder dort einige Samen erntet und an anderer Stelle wieder aussäht, einige auch in die Tasche steckt, um sie im nächsten Jahr zu nutzen. Jeden Tag, wenn er durch den Garten schreitet und hier oder dort ein Kräutchen zupft, es in den Mund steckt, wohlig in Gedanken darauf herumkaut. Jeden Tag wenn er sich im Garten bückt und irgendeine Pflanze betrachtet, die ihm bisher vielleicht noch nicht aufgefallen war oder ein Insekt, das ihn erstaunt. Alles das gehört nicht ihm, das ist klar, er weiß, dass er nur die unglaublich schöne Gelegenheit hat, sie als Gäste begrüßen zu dürfen. Pflanzen wie Tiere. Auf die Frage einer Freundin, warum er denn keine Bienenhotels im Garten habe, antwortet er genau so einfach, wie er simpel denkt. „Wo ich genügend Strukturen habe, die Insekten nutzen können, braucht es kein Insektenhotel. Es kann nicht aufgeräumt aussehen, wenn die ein Chance haben sollen. Insekten brauchen kein Hotel, das ist nur eine modische Oberfläche. Es braucht Blüten als Nahrung und natürliche Strukturen als Wohnung. Alles andere ist Baummarktmarketing.“ In seinem Garten kann man stolpern, weil er nicht so genau darauf achtet, dass alles ebenerdig ist. Überall liegen Steine oder Holzstücke, an verschiedenen Stellen hat er Hochbeete aus verschiedenem Stein aufgebaut. Bienen können sich auch Lehm holen, der an verschiedenen Stellen offen daliegt. Zwischen den Pflanzen allerdings ist kaum mal Braun zu sehen, weil er meint, dass offener Boden durch die Sonnenstrahlung geschädigt wird und außerdem mehr Wasser durch Verdunstung gebraucht wird. In seinem Garten findet sich fast gar kein Beton, kein sichtbarer auf jeden Fall. Die Waschbetonplatten aus den frühen Sechzigerjahren hat er bei einer Tauschplattform verschenkt und durch gebrauchte Natursteine ersetzt, die er über Monate auf einem Schuttplatz zusammengesucht hatte. Für ihn grenzt es an Wahnsinn, dass solche Werkstoffe einfach zu Split verarbeitet oder in der Deponie entsorgt werden, anstatt die wiederzunutzen. Die alten Waschbetonplatten liegen nun als Fundament eines Gartenhäuschens irgendwo in der Nachbarstadt. Das freut ihn. Die Einfahrt zur Garage wird gerade mit altem Steinen gepflastert, die er sich im Internet zusammenstoppelt. Hier 580 Steine, dort 300. Und genau das ist sein neues Hobby. Er sucht, findet oder besser noch wird ihm gefunden. Von einer Freundin dann meistens. Wenn der Preis akzeptabel ist. Gestern hat er wieder Steine abholt, Grauwacke, gebraucht. Leider ist die Oberfläche noch nicht glatt, aber das kommt mit den Jahrzehnten, da ist er sich sicher. Dass er dafür eine halbe Stunde fahren musste, findet er akzeptabel. Die Landschaft um Lippstadt herum ist durchaus mancherorts idyllisch, immer dort, wo die Landwirtschaft behutsam versucht, eine Lösung zwischen Landschaftsschutz und Wirtschaftlichkeit zu finden. Also fuhr er aus seinem geliebten Sauerland dorthin. Er fand auch das Haus, an sich ganz hübsch, rot gestrichen. Der Rest bescherte ihm blankes Entsetzen: Abgegrenzt durch einen Metallzaun, mit dunkelgrauen Plastikstreifen durchflochten, ein abgezirkelter exakter Rasen, kein Unkräutchen, klar unter zwei Zentimeter gemäht. Außen herum durch dunkelgraue Betonpflastersteine begrenzt. Auf einem Stück zwischen Haus und Zaun stehen zwei dunkelgraue Wellblechschuppen, Baumarktqualität, auf dunkelgrauem Betonpflaster. Alle Geh- und Fahrflächen ebenso exakt mit dunkelgrauen Betonsteinen belegt. Alles ist neu gemacht, kein Busch, keine Blume, keine Blüte, an keiner Stelle weicht etwas von Akkuratesse und Sauberkeit ab. Man kann es sehen, es wird sich nicht ändern, auf Jahre hin festgelegt, Jahrzehnte vielleicht. Die Maße wurden eingehalten, keine Unebenheit, keine Buckel. Die Natur ist ausgeschaltet. Der Rasen wird durch einen leise surrenden Roboter gemäht. An keiner Stelle ist Platz für ein Beet eingeplant. Alles sonstige lackiert, dunkelgrau, glänzend. So hat sich Herr Nipp immer die Tristesse eines Gefängnisses oder Arbeitslagers vorgestellt. Aber hinten in der Ecke, da entdeckt Herr Nipp ein Insektenhotel. Er lädt mit den zwei Helferinnen, die mitgekommen sind, ganz schnell das einzig Natürliche auf, was geblieben war, die Grauwackesteine. Auf der Heimfahrt meint eine der Mitfahrerinnen: „Baumarktopfer.“

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Wirre Träume

Die Nacht war unruhig gewesen, immerhin hatte Herr Nipp bis halb sieben geschlafen. Aber immer wieder hatten sich wahre Abgründe in seinen Träumen aufgetan. Einer von diesen war hängen geblieben. Ein Gespräch mit seinem ältesten Freund. Codename „Hase“. Was wäre, hatte dieser gesagt, wenn ich euch alle Energieprobleme ein für alle mal lösen würde? – Absoluter Wahnsinn, eine ganze Industrie würde kollabieren. Die Weltzerstörer müssten endlich ihr Werk einstellen. – Dabei ist es so einfach, ich wundere mich nur, dass noch niemand drauf gekommen ist. – Willst du vielleicht die Grätzelzelle neu erfinden? – es geht um Weitreichenderes. – Transmission von Energie nach Tessla? – Hör zu und lerne. Raum, Zeit und Energie sind eine Einheit. Wenn ich eine Komponente verändere, muss sich jede andere mit verändern. Stellen wird uns vor, ich stauche den Raum, was passiert? Änderung der Zeit und Energie. Alle drei wirken kontinuierlich, sind es aber nicht. Ich werde die Zeit anzapfen, um Energie zu gewinnen.

Leider war Herr Nipp an genau dieser Stelle aufgewacht und hatte nicht mehr erfahren, wie es wohl möglich wäre, die Zeit anzuzapfen. Schade eigentlich.

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Flasche

Klar, die Flasche ist leer. Und tatsächlich ist es eine italienische Flasche. Die gehört auch nicht in den Wortschatz eines Fußballtrainers, sondern ist eines der Andenken von Herrn Nipp. Normalerweise fährt er ja, das ist sozusagen ein Ritual, ins Sehnsuchtsland der Deutschen, nach Italien. Manchmal auch in die Mitte, meist jedoch in den Norden. Rom ist der südlichste Ausläufer, den er auf dem Festland bisher besucht hat, eher aber zieht es ihn schon nach Florenz, am häufigsten war er wohl in Südtirol, das viele Südtiroler nicht als Italien ansehen. Aber auch sie müssen den Realitäten ins Gesicht sehen. Eigenständig wird diese Region wohl so schnell nicht werden. Zu sehr eingebunden ist man in die nationalen italienischen Strukturen. In der besagten Flasche bewahrt Herr Nipp Nägel auf. Im Keller hat er ein ganzes Regal mit solchen Flaschen, in denen er Nägel und Schrauben aufbewahrt, dort sind es Bitterinoflaschen, die er so zweckentfremdet. Im Schlafzimmer in seinem Regal aber steht eine Zitronenlimonadeflasche, deren grüngewellte Oberfläche das Licht reflektiert. Jedes Jahr kauft er sich diese Limonade, die ihm einer der liebsten Menschen, die er kennt, entdeckt hat. Jedes Jahr bringt er sich einige davon nach Hause mit. Leider gibt es diese Limonade in Deutschland nicht, die schmeckt, als habe man den Geschmack und die Sonne einer Zitronenbaumpantage eingefangen und abgefüllt. Die schmeckt. Einfach lecker. Wenn er dann zu Hause eine solche Limonade öffnet, dann ist das wie die Verlängerung des Italienaufenthaltes. Dieses Jahr wird es davon wohl keinen Nachschub geben, aber immerhin besitzt Herr Nipp diese leere Flasche und jedes Mal, wenn er sich auf den Geschmack ganz doll konzentriert, dann ist er plötzlich da und das Wasser läuft ihm im Mund zusammen. So genau weiß er gar nicht, warum diese Flasche entweder in seiner Bibliothek oder im Schlafzimmer zwischen den Büchern steht, aber er wird sie nicht wegräumen, denn so hat er jeden Tag seinen italienischen Moment.

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Der Tisch

Draußen auf der überdachten Terrasse steht ein Tisch, ein alter Tisch, aus einer Zeit, als Herr Nipp noch nicht da war. Also sehr alt. Der Tisch hatte früher bei seiner Großmutter gestanden. Es war der Küchentisch. Nach deren Tod hatte sein Vater ihn übernommen, klar, der hatte ihn schließlich auch gebaut. Der Tisch ist sehr schlicht, gefertigt aus dem Holz der Ulme. Früher hieß der Baum meistens Rüster in dieser Gegend. Sehr schönes Holz mit regelmäßigen Strukturen. Wer an diesem Tisch sitzt, wird schnell feststellen, dass irgendetwas nicht stimmt. Seine Mutter wollte ihn auf der Terrasse haben und dort standen die alten Sessel, das alte Sofa. Der Tisch war zu hoch. Da konnte es nur die alte Radikalkur geben. Beine ein Stück ab und von den Querstreben musste auch was weg, sonst hätten die Beine wohl nicht drunter gepasst. Da hatte seine Mutter keine Probleme mit. Nie gehabt. Schließlich war das nicht der erste Tisch gewesen, den der Vater zu kürzen hatte. Mit der Handsäge natürlich. Der alten Schreinersäge, ohne Motor, nicht schnell, aber sehr präzise.
Jetzt ist der Tisch eben zu klein und Herr Nipp wird sich über kurz oder lang etwas einfallen lassen müssen, wie die Beine zu verlängern sind. Jeden Tag schaut er seit geraumer Zeit schon auf verschiedenen Tauschplattformen im Netz, ob irgendjemand Ulmenholz zu verschenken hat. So leicht wird das nicht. Rüster ist dieser Tage selten geworden. Spätestens seit der UImenkrankheit.
Wer weiß, vielleicht besorgt er sich auch einfach ein paar alte Sessel und ein Sofa, die sind wahrscheinlich leichter zu bekommen, dann passt es schon.

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