Apokalypse

Oh nein, das das darf nicht wahr sein. So bitte nicht, nicht so. Alles, aber auch wirklich alles geht irgendwann zu Ende! Ein Aufschrei und wach ist Herr Nipp. Er selber hat gerufen, hat sich aus diesem Alp befreit. Auf dem Sofa war er vor einer Dokumentation über Amerika eingeschlafen. Über das trumpeske Amerika der letzten Monate. Reporter und andere Intellektuelle sprachen über das Unmögliche dieses Präsidenten, über seine Politik der Zweiteilung, statt einer des Konsenses. Sie waren auch noch fast einhellig der Meinung, dass der Untergang einer Supermacht bevorstehe. Geradezu apokalyptische Vorstellungen mit Auswirkungen auf die Machtverhältnisse der gesamten Welt. Mag sein, dachte Herr Nipp in den letzten Sekunden vor Verlieren seines Bewusstseins und Abgleitens in den Schlaf, das Problem ist einfach, dass niemand in den USA zum Staatsbundlenker gewählt werden darf, der dort nicht geboren wurde. Er selbst könnte sich gut vorstellen, wie schön es wäre, wenn ein waschechter Russe das Land steuern würde oder ein Inder. Zwar würde es auch dann keinen Konsens geben, aber vielleicht wären die Präsidentenscherze dann wirklich lustig.

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Regentänze

Als er sich auf seinen angestammten Platz da im Wald setzt, weiß er wohl, dass sich das Wetter nicht halten wird. Aber so schlimm wird es schon nicht werden, denkt Herr Nipp. Diese Zeit der Unsicherheit mag er besonders. Wenn die Winde beginnen, die von einigen so bezeichneten Geister der Luft an den Bäumen rütteln. Der Wind, der Wind, das himmlische Kind, heißt es in einem Märchen. Dieser Tage allerdings wehen dabei viele grüne Nadeln durch die Luft, die normalerweise in Tagen des Borkenkäferbefalls leise vor sich hinrieseln. Da können sie dann schon mal durch die bewegten Lüfte beschleunigt zu winzigen Geschossen werden. Zwei mal schon ist ihm eine Nadel in der Haut stecken geblieben. Nicht besonders schwerzhaft, zugegeben, aber eben doch unangenehm. Er hat seinen Ort eigentlich gut gewählt, sitzt unter Buchen, die normalerweise alles abhalten, sogar leichtes Nieseln. Am Tag zuvor hatte er noch mit einem Freund telefoniert, der ihn halb ernst, halb spaßhaft aufgefordert hatte, Regentänze für regelmäßige Niederschläge zu machen, weil es sonst in der Landwirtschaft schwierig würde. Tatsächlich hat Herr Nipp noch in der gleichen Stunde eine wunderbare alte Platte mit durchaus tanzbarer Musik aufgelegt, die auch noch mitsingbar erschien. Violent Femmes. “ I hear the rain – I hear the rain- I hear the rain. Got to kill the pain. I hear the rain – I hear the rain – I hear the rain. Got to kill the pain.“ Allein schon die Bassläufe sind phänomenal. Tatsächlich hatte er auch die Rollläden heruntergelassen, eine Flasche Bier geöffnet und sich der Musik zunächst stehend, dann mit halbwegs rhythmischen Bewegungen hingegeben. Ganz versunken, mitsingend von Zeit zu Zeit. Dann war einer der Miotbewohner hinein gekommen, hatte ganz verwundert vor ihm gestanden und gefragt: „Was machst du denn hier, das sieht ja sehr seltsam aus? Ich habe dich noch nie Tanzen sehen.“ Herr Nipp hatte erklärt, dass er aufgefordert worden sei, einen Regentanz zu machen. Er hatte weiterhin das Gegenüber ebenso aufgefordert, mit zu tanzen, damit es auch funktioniere, was dieser allerdings mit verschämten Grinsen ablehnte. Nun scheint es jedenfalls, als habe der körperliche Einsatz gefruchtet. Das leichte Tröpfeln nimmt langsam zu und innerhalb einer halben Stunde hat sich daraus ein veritabler Landregen entwickelt. Endlich Regen, vielleicht hilft er den Landwirten, vielleicht hilft er, den Rest des Waldes doch noch retten. Herr Nipp zieht sich die Kapuze tiefer in die Stirn, denn er hat das Gefühl, dass die Tropfen fast waagerecht fliegen. Jeder fünfte ein Treffer in die Augen. Vor ihm scheint sich der Weg aufzulösen, die wieder hoch spritzenden Tropfen erzeugen ein Bild, das vermuten lässt, es gäbe keinen sicheren Halt, sondern ein Zwischending von gasförmig und flüssig. Hat er sich allerdings einmal an diesen Zustand gewöhnt, ist auch das sehr schön. Die Elemente am eigenen Körper zu spüren und plötzlich kann er sogar verstehen, was Menschen in die extremen klimatischen Zonen dieses Planeten zieht. Dort spürt man das Leben ganz aktiv. Und so nimmt er absichtlich den falschen Weg, der nicht direkt nach Hause führt. Dort wartet niemand, warum also sollte er diesen Zustand nicht auch genießen. Und tatsächlich entwickelt sein Gang einen ganz absonderlichen Rhythmus, wie kürzlich erst daheim, als würde er zu einer nur ihm bekannten Melodie den Regen tanzen.

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Grundrauschen

Eigentlich immer sind wir davon umgeben, denkt er, diesem Grundrauschen, das uns auch ein Stück einlullt. Dass er sich über dieses Rauschen Gedanken macht, immer wieder, ist uns Lesern natürlich klar. In dieser Nacht jedoch war es besonders vorhanden. Spät nach Hause gekommen, war er quasi schlafend ins Bett gefallen. Diesen Zustand des schnell Abtauchens in Morphois Arme liebt er, nicht quälend lang hin und her wälzen, von sorgenschweren Gedanken geplagt oder nie erfüllbaren Sehnsüchten, die er sich normalerweise niemals selber zugestehen würde, nur in diesen schwachen Momenten. Dann steht er oft auf, trinkt sich noch ein Glas eisgekühlten Wassers oder liest in einem langweiligen Buch, das eben auch irgendwann endlich mal zu Ende gelesen werden muss. Irgendwann freut er sich dann, dass er das Wissen daraus nutzen kann. Vor allem sieht er aber den direkten Nutzen, müde zu werden. Ärgerlich ist es aber, wenn er aus einem traumvollen Schlaf durch das Ansteigen des Grundrauschenspegels geweckt wird. So heute Nacht. Gegen drei Uhr ging es los, der Wind frischte auf, schlug die noch immer lachsrosafarbenen Blüten der Strauchrose, die sicherlich auch einen bedeutenden Namen hat, welcher in Rosenzüchterkreisen ein Raunen hervorruft, gegen die Fensterscheiben des Schlafzimmers. Das Licht der Straßenlaternen malte verwegene Schatten. Stete Bewegung. Sobald der Wind abflaute, schlief Herr Nipp wieder ein. Wohlig sich unter die Decke kauernd. Als gegen fünf dann allerdings der Regen einsetzte, der lange erwartete Regen, hielt ihn nichts mehr im Bett, er stürzte nur mit einer knappen Hose bekleidet heraus auf die Terrasse, schloss das Wasserfass an die Dachrinne an und war zufrieden und nass. Ein neues Grundrauschen erklang, leicht plätschernd immer, aber sehr sehr schön. Er blieb wach dieses Mal, las kein langweiliges Buch, duschte schnell, zog sich an und lauschte dann in eine braune Decke mit Ärmeln gehüllt dem Regen, in Gedanken bei all jenen, die den Regen so herbeigesehnt hatten.

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Wechselgeld

Immer noch zahlt er am liebsten mit Bargeld, auch wenn die Banken und andere „Player“ ihm ständig einzureden versuchen, es sei doch viel besser, wenn bargeldlos bezahlt würde. Außerdem ist ja nicht zu vergessen, dass in Coronazeiten auf dem Geld Viren kleben könnten. Ja, denkt Herr Nipp, das macht auch stutzig. Die Frage ist, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, sich mit Geld anzustecken. Es gibt für ihn zwei Gründe, mit Bargelb zu bezahlen. Erstens möchte er nicht zum gläsernen Konsumenten werden und zweitens hat er einen besseren Überblick über das Haben auf dem Konto. Das aber scheint genau das Ziel zu sein, das Eine möchten die Player und das Zweite geht zu Lasten des Konsums. Das einzige Problem, welches sich manchmal stellt, ist die Frage nach dem Wohin mit dem Wechselgeld. So hat er in jeder Tasche einige Münzen klimpern und immer, wenn er eine Hose auszieht, rollen sie durch das Schlafzimmer.

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Unlogisch oder?

Unsere Gesellschaft ist auf dem besten Weg zu zerfallen. Dabei ist Bildung nachweislich das wichtigste Instrument gegen eine mögliche Verarmung. Für Autos bekommt jeder einen zinsfreien Kredit, aber Studienkredite kosten Geld. Die Studierenden oder deren Eltern müssen das Studium selbst finanzieren. Erst wenn gar nichts mehr geht, ein Studiumsabbruch der einzige Weg, dann bekommen die gleichen Menschen plötzlich eine monatliche Förderung, aber nicht mehr,wenn sie selbst initiativ werden und wieder ein Studium beginnen.

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