Grüne Igel

Unter dem Baum liegt etwas, was da wohl liegt. Ein grüner Igel, diese braunen Samen im Stachelmantel. In der Erinnerung sammeln. Damals in den Bergen. Käschten. Maronen. Esskastanien. Hier aber liegt nur einer dieser Igel. Noch nicht ganz reif. Herr Nipp kann nicht anders, er bückt sich, hebt ihn behutsam auf, betrachtet, bestaunt ihn. Und weiß, demnächst wird er wieder dorthin reisen, wenn es wieder sicher ist. Danke, kleiner grüner Igel, für die Erinnerung daran.

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Käsebrötchen

„Kein Käsebrötchen dabei, Herr Nipp!“, ruft die Dame am Tresen ihm zu, als sie sein Gesicht auch nur im Türrahmen sieht. Die freundliche Bedienung weiß von jedem ihrer Kunden, vor allem aber von allen Kundinnen, was diese regelmäßig essen und trinken. Herr Nipp liebt es, zwischendurch ein Käsebrötchen mit Senf zu essen, mit scharfem Senf. Das ist für ihn ein sogenannter Klassiker, welch ein Genuss, wenn dieser ganz spezielle Duft in die Nase zieht und ein gewisses Prickeln verursacht. Aber heute gibt es kein Käsebrötchen mit oder ohne Körner für ihn. Schade. Bedröppelt bestellt er eben einen Milchkaffee, setzt sich und kommt einfach runter, für einige Minuten, dann geht es wieder los.

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Fenster

Der berühmte Blick hinaus
Sich zurücknehmen
Im Dunkel
Vielleicht in das Tal
In den Garten
Anrühren lassen
In Gedanken versinken

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Wow

Ja. Mehr kommt ihm nicht in den Sinn. Einfach das Wort „Ja“. Und das passiert ihm nicht oft, wenn Herr Nipp andere Menschen betrachtet. Normalerweise findet er immer irgendetwas, das ihn stört. Mal mag es der Gesichtsausdruck sein, der einfach nicht zu der Rolle passt, die sich jemand mit seinem sonstigen Gehabe oder der Kleidung ausgesucht hat. Mal ist es ein Detail der Kleidung, etwa diese echt bescheuerte Haarspange mit braunmeliertem Hornersatzbesatz.
Er glaubt nicht, dass heute noch jemand in eine bestimmte Rolle gezwungen wird, zumindest hat jeder die Chance irgendwann auszubrechen, auch wenn dieser Prozess schmerzhaft ist und es zuweilen scheint, als würden dadurch gewisse Beziehungen für immer zerstört werden. Für die meisten Menschen ist des die Zeit der Pubertät. Da liegt ein Aufbegehren in der Luft, ein Abwenden vom Elternhaus und das geht ohne Konflikte eben nicht ab. Trotzdem überstehen die meisten Familien auch diese Zeit irgendwie, wenn auch oft getrennt. Irgendwann raufen sich die Beteiligten wieder zusammen, dann ist das Schlimmste überstanden. Er selber hat es in dieser Zeit zwischen 14 und 19 Jahren mit allem Möglichen probiert. Haarschnitte von der Glatze bis zur Langhaarigkeit, selbst genähte Klamotten oder alte Schlafanzüge aus den Sechzigern als Tageskleidung. Langes Rausbleiben oder Übernachten bei irgendwem und natürlich die Kriegsdienstverweigerung, die familiär alles in den Schatten stellte. Er hat die Beleidigungen und seltsamen Kommentare überstanden, die Verschickung mit dem Onkel. Das hat ihn stark gemacht, ein Stück weit und letztlich vor allem Identität gegeben. Er hat den Mut gehabt, das Fach zu studieren, welches ihn wirklich etwas anging, welches er lebte. Ja, alles gegen den Willen der Eltern und musste irgendwann dann doch feststellen, dass diese eben doch stolz auf ihn waren, auch wenn sie es nicht zeigen und schon gar nicht sagen konnten.
So betrachtet er denn also Menschen, hat sozusagen eine gewisse Sucht, sie zu beobachten und ein Stück weit auch deren Authentizität zu bewerten. Eine ganze persönlich definierte Skala, nicht mit Zahlen oder feststehenden Begriffen, sondern von öarg bis ja. Und dieser Anblick Hier und jetzt schlägt alles, was er bisher gesehen hat. Ja.

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Tastatur

Nach langer Zeit mal wieder, hat er sich seinen Klapprechner unter dem Regal hervorgeholt. Er will nichts besonderes damit machen, aber irgendwie hat er das Gefühl, dass seine Kenntnisse der Nutzung langsam aber sicher zum Erliegen kommen. So ruft er das weltweite Gewebe auf und gibt eine ihm bekannte Adresse ein. Sie erscheint nicht. Natürlich, konnte ja nicht anders sein. Die gibt es bestimmt gar nicht mehr, sagt Herr Nipp und erschrickt, hatte er doch eigentlich das Gefühl gehabt, das nur zu denken. Wie weit muss es mit ihm inzwischen gekommen sein, wenn er Selbstgespräche führt. Irgendwo hatte er einmal gelesen, Selbstgespräche seien ein Indiz für absolute Vereinsamung- Oh nein, nicht das, sagt er und erschrickt sofort ein zweites Mal. Da aber auf dem Bildschirm ein großes amerikanisches Suchportal automatisch angezeigt wird, das seine Adressangabe auf stichhaltigkeit überprüft hat und die Seit gefunden hat, nutzt er dieses auch gleich für eine Recherche zu Selbstgesprächen. Dort findet er allerdings neuere Untersuchungen, die herausgefunden haben wollen, dass Selbstgespräche zum Finden von Lösungen eher von Intelligenz und Genie zeugen, als von Vereinsamung. Puh, noch mal Glück gehabt, sagt ein anderes Ich von Herrn Nipp und jetzt ist er wirklich verwirrt. Nochmal tippt er die gesuchte Adresse ein und wieder erscheint stattdessen die Suchmaschine mit der Lösung. Auch nach einem dritten Mal das gleiche Ergebnis. Nun ja, damit muss er leben. Aber auch bei anderen Adressen, die er in Folge eintipp erscheint immer diese Suchmaschine. Also schaut er genau hin, und achtet auf die Reihenolge der Zeichen, alles richtig. Er liest noch einmal nach und jetzt endlich hat er den Fehler. Die Taste mit dem Punkt ist funktionsuntüchtig. Sie klemmt nicht. Er nimmt sie heraus. nichts zu sehen. Sie geht nicht. Mist.
Herr Nipp schwingt sich irgendwann am gleichen Tag noch auf den mal wieder platten Drahtesel, der folglich erst geflickt werden muss, fährt zum nächsten Laden, der solches anbietet, und kauft eine externe Tastatur. Die funktioniert und in diesem Moment rutscht ihm ein Freudenruf heraus. „Da sieht man es wieder“, sagt er ganz bewusst laut, „du bist einfach ein verdammt intelligentes Genie. …Und vielleicht manchmal auch ein ganz klein bisschen einsam.“

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