Zeitung lesen

Das gibt es doch nicht, denkt Herr Nipp, da hat jemand über mich geschrieben. Wem fällt denn sowas ein? Aha, ein Lehrer natürlich, das liest er schon in der Überschrift, der hat auch genug Zeit, was machen diese Zeitgenossen denn auch sonst nachmittags? „Lehrer schreibt über Herrn Nipp“ steht da in der Zeitung als Überschrift. Herr Nipp weiß beim zweiten Lesen gar nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Lehrer schreibt, hm, ja, das gehört wohl mit zu den Aufgaben eines Lehrers, schreiben. Die meisten Lehrer beherrschen diese Technik, also eigentlich selbstverständlich. Würde da wohl auch stehen, „Hausmeister schreibt über Herrn Nipp“? Oder noch besser „Schmied schreibt über Herrn Nipp“, vielleicht auch „Totengräber schreibt…“. Herr Nipp sieht da ganz neue Möglichkeiten. Demnächst sollte auch in der Zeitung stehen, „Hausfrau macht Ausstellung“ oder „Metzger züchtet neue Hühnerrasse“, vielleicht „Friseurin erstellt Blog über Lyrik“. Nach dem dritten Lesen legt Herr Nipp die Zeitung zur Seite und schaut auf der im Artikel herausgestellten Internetseite, was der Lehrer denn dort wohl über ihn schreibt.

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Rollläden

Er weiß nicht, ob es Rollläden eigentlich überall gibt, er kann sich allerdings vorstellen, dass diese mal wieder eines der typisch deutschen Phänomene sind. Abends wird die eigene Burg sichtdicht verschlossen. Nicht mit wallenden Vorhängen etwa, nein mit Rollläden, die um pünktlich 6 Uhr automatisch herunterfahren. Alle zusammen. Herr Nipp hat auch solche Sichtverhinderer an seinen Fenstern angebracht, nicht automatisch, und ganz ehrlich nutzt er nur eine Rolllade, um abends das Wohnzimmer unsichtbar zu machen. Er weiß noch nicht einmal warum, vielleicht einfach aus Gewohnheit, denn ehrlich gesagt passiert nicht viel in seiner Wohnung. Zumindest nichts, was irgendwen interessieren könnte. Entweder sitzt er da und liest oder er sitzt da und schaut irgendeine Sendung auf seinem Klapprechner aus irgendeiner Mediathek, sprich entweder bei Arte oder ARD. Es gab auch mal eine Zeit, da hat er Netflix geschaut, aber das Angebot war ihm einfach zu groß und verführerisch. Da konnte es tatsächlich passieren, dass er nicht in der Lage war, sich wieder aus dem Sessel zu erheben. Glücklicherweise hat er aber den Fernseher samt Firestick verschenkt. Manchmal allerdings sitzt er auch mit Freunden zu Hause, genießt die Gespräche und ein selbstgebrautes Bier. Dann vergisst er auch schon mal, die Raumversperrer herunterzulassen, weil man den Übergang zwischen hell und dunkel einfach verpasst hat. Und mal ganz ehrlich, es hat schon etwas sehr Lächerliches, wenn das Fenster im Dunkeln verschlossen wird. Vor allem aber im Sommer, wenn im Garten unter dem Walnussbaum gesessen, getrunken, geredet und gegessen wird, ein Lagerfeuerchen flackert, in dieser besonderen Vorrichtung, die sich ein Freund ausgedacht und Herr Nipp nachgemacht hat. (Darüber später, versprochen.) Während dann an den Nachbarhäusern die Jalousien herunterfahren, ganz schonend und gemächlich, ist an eigene Verschlusstätigkeit also nicht zu denken. Wozu auch. Und wenn er dann irgendwann schlafen geht, weiß er wirklich nicht, welches Sinn es haben könnte, die Bänder jetzt noch zu betätigen. Viel wichtiger ist es, schnell das Waschbecken und dann das Bett zu finden.Wir wissen ja, dass er morgens meist sehr früh aufsteht. In seiner Straße, einer Nebenstraße ohne Durchgangsverkehr glücklicherweise, gibt es übrigens auffällig viele Häuser, die keine Kurbelautomatik besitzen. Eines der Nachbarhäuser ist seit Jahrzehnten dafür bekannt, dass die klapprigen Rollläden aus Holzleisten morgens genau um sieben Uhr schwungvoll hochgezogen werden. Viermal hintereinander, immer mit rund zehn Sekunden Pause, in denen die Besictzerin oder der Besitzer den Raum wechselt. Herr Nipp weiß spätestens dann, dass er aufstehen muss. Aber nur am Wochenende. In der Woche heißt das für ihn, dass es langsam Zeit wird loszugehen.

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Was soll denn das? Herr Nipp in WR und WP

Danke an Frank Albrecht für den schönen Artikel in WP und WR. Jetzt wissen auch die nicht so regelmäßigen Leser dieser Seite, dass Herr Nipp mal wieder in Buchform erschienen ist. Aber jetzt heißt es wirklich schnell zu sein. Die Mayersche hat die Türen weit geöffnet. 100 Exemplare sind schließlich schnell vergriffen.

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Futterhaus

Noch einmal hat die Sonne ihre Kraft gezeigt, auch wenn die Strahlen schon sehr schräg über die Landschaft streichen. Obwohl es Mitte November ist, mag man sich in den Strahlen aalen. Herr Nipp sieht die Vögel im Garten tanzen, eine ganze Schar Spatzen, die sich seit kurzem über die Straße wagen, das ganze Jahr über gegenüber in der Weißdornhecke verbracht haben, zwitschernd und tschilpend, ein munterer Haufen, wahrscheinlich restlos untereinander verwandt, sie flattern, quengeln und raufen. Aber in den leergefegten Gärten der Nachbarschaft werden sie kaum noch etwas finden, also hat er ein Futterhaus gebaut, das durchaus futuristisch anmutet, nicht aus rohem Holz mit Rinden. Aus Resten, die er im Keller gefunden hat, entstand so dieses schicke Teil, mit halbrundem Dach und fünfeckigem Boden, zwei Seitenwänden und einer Tragstütze in der rechten Mitte. Archtitekten, die besten, der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts wären vielleicht glücklich über die Inspirationskraft gewesen. Aber das ist Herrn Nipp nun wirklich egal, er wollte einfach kein neues Holz kaufen und dafür verbrauchen. Er hat gekramt und letztlich gefunden, was halbwegs zusammenpasst. Dabei musste er nur den Tragpfeiler sägen, alles andere blieb so wie gefunden. Ungefähr 20 Schrauben hat er benötigt, auch die aus dem Kellersammelsurium. Das Wichtigste zum Schluss, nachdem er den Pfosten in den Boden gerammt und das Futterhaus damit verschraubt hat, streut er lächelnd die Körner ins Trockene. Es dauert keine fünf Minuten und der Spatzenschwarm (Es sind über dreißg Tiere.) hat den Futterplatz für sich okkupiert, da hat keine Amsel eine Chance. Hm, denkt Herr Nipp, egal was die anderen über Spatzen denken, ich mag sie.

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Ja nicht

Glaubt nicht, ihr wäret etwas Besseres, denkt er. Glaubt ja nicht, ich sei ein völlig Verkorkster, das bin ich wahrhaftig nicht. Nur weil ich euch so scheine, heißt es nicht, dass es so ist. Ich bin, denkt Herr Nipp, eher wie eine Sonne, ich scheine und bleibe doch unsichtbar, weil es niemand erträgt, mich zu erblicken. Nur abends und morgens, wenn ich schräg stehe und mildes Licht verteile, dann könnt ihr mich anschauen, ihr solltet aber Sonnenbrillen tragen, nicht aus Coolness, sondern weil ihr sonst verbrennt.

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