Bäume

Als er diesen Morgen mit einer Kollegin zur Arbeit geht….

Ja, tasächlich geht er fast jeden Morgen zu Fuß zur Ausübung seines beruflichen Lebens, das geht aber auch nur, weil er sich einen Arbeitsplatz gesucht hat, der in der Nähe seiner Wohnung ist. Und später, als er umzog, hat er eine Wohnung in Nähe des Arbeitsplatzes gefunden und irgendwann noch mal, aber das sollte eigentlich nicht Inhalt dieses Tatsachenberichtes werden. Nur muss manchmal einfach geklärt werden, dass es nicht unbedingt notwendig ist, möglichst weit weg vom Arbeitsplatz zu wohnen, nur damit man eine gute Ausrede hat, jeden Tag mit dem SUV zu kommen oder eben mit einem Bulli. Er kennt sogar KollegInnen, die extra weggezogen sind, so in etwa 20 bis 60 Kilometer Entfernung, um nicht jeden Wochenend- und Urlaubstag an die Arbeit erinnert zu werden. Die nehmen es einfach in Kauf, dass sie jeden normalen Arbeitstag teilweise über eine Stunde Fahrtzeit (bzw. Staustandzeit) haben. „Hach ja, das ist gar nicht so schlimm, ich höre dabei immer irgendwelche Hörspiele, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viele Bücher ich mir schon habe vorlesen lassen.“ Gut, die Fahrt zur Arbeit scheint für diese Menschen so etwas wie eine Auszeit zu sein, in der sie sich kulturell weiterbilden. Ach so, wenn das so ist, dann sollte vielleicht auch Herr Nipp weiter weg ziehen.

Aber zurück zur Geschichte, es ist ja klar, dass die weiter erzählt werden muss, denn deswegen hat sich der Autor ja schließlich zu Tisch an den Rechner gesetzt. Ganz ehrlich bleibt gerade allerdings gar keine Zeit mehr, denn er muss los zur Arbeit. Vielleicht hat er ja später noch Zeit zu schreiben.

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Lust

Die Lust am Leben kann alles für sich vereinnahmen, ebenso die Unlust.

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Weihnachtsmorgen

Lange geschlafen hat er an diesem Tag. Warum hätte er auch vor neun aufstehen sollen. Nach dem „Heiligabend mit Freund und Hirsch“ weiß er ja, dass bis Mittag niemand hier erscheinen wird. Er hat den Iron Dog, seinen Kaminofen, schon ausgefegt und darin ein Feuer neu entzündet. Innerhalb von zehn Minuten war die Wohnung, die er vorher per Durchzug gelüftet hatte, wieder warm. So warm, dass er sogar vergessen hat, seine Socken anzuziehen. Als er sich irgendwann endlich an den Frühstückstisch begibt, sieht er die Weihnachtssocken, die ihm gestern von den beiden Söhnen geschenkt wurden, und zieht sie an. Er muss lächeln, oben steht da „MERRY christmas DAD“ eingewebt. Ansonsten ein Norwegermuster mit roter Zehenspitze. Und bequem sind sie auch noch. Herr Nipp gießt sich einen Kaffee ein, schmiert sich ein Stück vom gestrigen Baguette mit selbst gewürztem Frischkäse und liest in einem der Bücher, die ihm auf den Gabentisch gelegt wurden. Gedichte von A.J. Weigoni. Mal so chiffriert, dass er mehrfach lesen muss, mal vor Ironie oder Zynismus triefend, so eben wie dieser Rheinländer-Ungar war, immer aber ein poetisches Ab- und Auftauchen von Wörtern und Zeichen. Er beißt in sein Brot, schaut in den Garten, in dem die ersten Vögel schon ihr Futter aufpicken, zwei Türkentauben, wundervolle graue Wesen mit einem schwarzen Halsring, die immer paarweise hier auftauchen. Und während am gegenüber liegenden Haus die Rollläden langsam automatisch geöffnet werden, muss er feststellen, dass das Baguette hart geworden ist über Nacht. Vielleicht hätte er es doch nicht auf dem Tisch liegen lassen sollen. Und da kommt ihm der alte Spruch in den Sinn, der früher bei Bäcker Hillebrandt in Brot gebacken im Schaufenster stand und den die Mutter so oft zitiert hatte: „Altes Brot ist nicht hart. Kein Brot, das ist hart.“ Und so isst er sein hartes Brot und kann dabei vor sich hin grinsen, gleichzeitig.

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Sterne

Heißt es nicht für die drei Weisen vom Morgenland, sie sollten dem Stern folgen, der sie zum Erlöser, dem Messias führen würde. Nein, nicht Brian, das wissen wir inzwischen, sondern Jesus, dem Kind in der Krippe. Früher hat Herr Nipp sich oft gefragt, was das denn nun zu bedueten habe. Dem Stern folgen. Es hat einige Jahrzehnte gedauert, aber jetzt weiß er es.

Vor einigen Tagen hatte jemand ihm ein Geschenk überreicht, ganz unerwartet, will er doch eigentlich dieses Jahr nichts an die Leute verschenken, die sowieso schon alles haben. Er wird wohl besser etwas spenden, vielleicht einem Kulturverein, den er sehr schätzt oder einer Umweltorganisation. Und seien wir ehrlich, er selber ist auch mit allem, was ihm wichtig erscheint, bedient. gut, manchmal kauft er sich eine Schallplatte, keine CD oder einen Stream, das ist aber auch ein Stück weit seiner Sammelleidenschaft geschuldet. Wirklich braucht er sie nicht. Aber er freut sich dann doch sehr über jene Vinyl, die er damals Anfang der Neunziger verpasst hatte zu erwerben, weil er damals noch nicht verstanden hatte, dass Vinyl eben doch irgendwie besser ist als ein Plastiksilberling. Jeder Kratzer erzählt eine Hörgeschichte. Jedenfalls war ihm mit auf den Weg gegeben worden, das Geschenk vorsichtig zu öffnen, es könne empfindlich werden. Über die Formulierung hatte er sich zwar gewundert, aber nicht so sehr, dass er sein Verhalten angepasst hätte. Zu Hause angekommnen, hatte er die Verpackung rasch entfernt und ein Taschenbuch entnommen, eine Satire über seinen Berufsstand. Er hatte auch geglaubt, jetzt verstanden zu haben, worum es bei der Vorsicht ging. Die Schenkende Person war wohl davon ausgegangen, dass er empfindlich reagieren würde und hatte ihn besser schon mal vorgewarnt. Ganz nach dem Motto „Hey, ich hoffe, du verstehst Humor, der ist nicht gegen dich zu verstehen, sondern als Möglichkeit Distanz zu schaffen.“. Ja, hm, gut, Humor hat Herr Nipp, auch wenn er selber diesen nicht so gerne zeigt. Und zum Lachen muss er nun wirklich nicht in den Keller gehen. Er kann über sich und andere herzhaft lachen.

Seit diesem Tag aber hat sich etwas in seinem Haus verändert, wo er geht und steht findet er kleine glitzernde Sternchen, die wohl aus der Verpackung gefallen sind, da kann er saugen wie er will. Und seit diesem Geschenkauspacken weiß Herr Nipp nun endlich, was es heißt, dem Stern bis Weihnachten zu folgen.

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Waldspaziergang

Offenbar verändern andauernde Waldspaziergänge den Menschen und öffnen ihn für die Belange, die er sonst vielleicht nie auch nur ahnen konnte. Seit Herr Nipp sonntäglich mit seinem Freund um zehn Uhr seinen Sonntagswaldspaziergang unternimmt, hat sich definitiv etwas verändert. Der Freund informiert sich über die heimischen Wälder und sieht sie inzwischen auch nicht mehr als Natur an, sonmdern als das, was sie sind, Holzplantagen. Und mit jeder Woche verschieben sich auch die Gespräche. Plötzlich sieht der Andere ähnliche Dinge wie er selber und gerät über den Eichhörnchenkobel ebenso in Verzückung wie über die Frage, um welche der sechs einheimischen Spechtarten es sich bei dem Klopfen, das da gerade oben aus der vertrockneten Fichte erklingt, handelt. Er kann sich ebenso wie Herr Nipp über selbsternannte Meisterförster erregen, die glauben, die Formel für die Gesundung der Wälder in der Tasche zu haben. Ja, er betrachtet das Fichtensterben in gewisser Weise auch als Chance für das Sauerland. Und mit schmutzigen Schuhen nach Hause zu kommen, ist für ihn dabei normal geworden. Noch vor anderthalb Jahren wären solche Gespräche unmöglich gewesen, damals war ja auch noch alles Natur.

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