Dosen

Über das Impfen wird Herr Nipp nicht sprechen, nicht solange die Bundesländer ihre Impfdosen lieber einlagern, als sie restlos an die Bevölkerung zu verimpfen. Er würde sich einfach zu sehr aufregen und das führt zu Bluthochdruck und jeder weiß ja, dass Bluthochdruck gar nicht gut ist, vor allem wenn er immer noch ungeimpft durch die Landschaft läuft. Er hat festgestellt, dass er selber einige Dosen besitzt, nicht irgendwelche Vakzine, sondern Bohnen. Leckere Bohnen mit roter Schale. Zwar ist es nicht seine Sache, mit solchen Lebensmitteln zu kochen, hier aber wird er eine Ausnahme machen müssen, Damals hatte er in England immer gerne baked beans gegessen. Am Straßenrand gab es Imbisse, die diese Nationalspeise anboten; weiße baked Beans in Sauce, dazu einige Scheiben Weißbrot. Die Folgen solcher Malzeiten sind hinlänglich bekannt. Egal, allein die Erinnerung an den Geschmack lässt ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen. Abends wird er am Herd stehen und vorher hat er sicherlich auch noch im Supermarkt um die Ecke ein extra weißes geschnittenes Weißbrot gekauft.

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Schrott

Vor Jahren war all der Schrott in diesen Raum unter der Treppe geschoben worden, abgeschoben wegen Unbrauchbarkeit. Irgendjemand war wohl zu faul gewesen, das alles zu entsorgen, Pappkisten voll mit Schallplatten und einige Elemente einer alten Musikanlage. Wer wollte in und nach den Neunziger Jahren schon noch Platten hören. CDs waren angesagt, heißer Scheiß. Klein und auch im Auto hörbar. Die alte Kassette hatte sowieso ausgedient. Zu oft hatte es Bandsalat in schlechten Recordern gegeben und das Wiederaufrollen mit Hilfe eines Bleistiftes war nicht gerade eine erfüllende Aufgabe. Später waren die kompakten MP3 Dateien dazu gekommen. Schallplatten schienen auszusterben.
Als Herr Nipp jetzt diese Tür wieder öffnete, durch das staubige Licht und die Spinnweben sah, schien ein wahrer Schatz vor ihm zu liegen. Hunderte von Vinyltonträgern aus den Sechziger bis Achtziger Jahren, einige zig Kassetten. Abspielgeräte von Braun. Darauf hatte er die letzten Jahre gewartet, ein neue Ära sollte jetzt anbrechen. Banal gesagt: „Analog ist besser!“

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Augen

Während er da sitzt, sich eigene Gedanken macht und die Augen über das Tal schweifen lässt, leuchtet die Sonne, lässt die Zweige der Birken violett erstrahlen und die Schatten ins Blau abgleiten. Dann muss er sich an Adalbert Stifters Naturschilderungen erinnern, wenn dieser biedermeierliche Autor bis ins Feinste beschreibt, welche farblichen Wirkungen verschiedenste Konstellationen haben, auch dieser spricht von blauen Schatten, lange bevor dies die Impressionisten für ihre dahingehauchten und getupften Bilder entdecken. Kein Schatten wandert grau gegen das Licht, sondern wird von ihm als Spiegelung des Himmels erzeugt. Herr Nipp liebt solche Tage, an denen er gar nicht zu tun hat und fernab von allem sehen und beobachten kann, ohne den Druck im Nacken zu spüren, dass jemand etwas von ihm will. Zeit ist sein größter Luxus und der muss genossen werden. Eine Selbstverständlichkeit von Luxus aber führt zur Gewöhnung und damit Entwertung. Während er also da sitzt und dieses Geschenk genießt, bemerkt er mit einem Mal, dass er angestarrt wird, offenbar schon seit längerer Zeit, denn die Bewegung, die ihm dies offenbart, ist minimal. Aus einem wunderschönen Gesicht schaut ihn ein Mäuschen an und die kugelrunden Augen lassen ihn an ein Mädchen denken, das er einmal gekannt hat, das aber für ihn natürlich niemals erreichbar war. Man kann ja nicht gerade behaupten, dass Herr Nipp in irgendeiner Form auffällig war. Kürzlich hat er sie wieder gesehen, inzwischen eine Frau mittleren Alters, gefühlt hatte sie inzwischen einige Jahre länger gelebt als er, mit einem mürrischen und lebensverneinenden Blick und er konnte nicht verstehen, was er damals an ihr gefunden hatte. Vielleicht waren es damals tatsächlich nur diese wunderschönen Augen, die dunkel strahlten. Vanitas vanitatem.

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Hafermilch

Seit einiger Zeit verzichtet Herr Nipp auf Milch. Kaffee trinkt er wieder schwarz wie früher einmal, als er noch ins Jugendbegegnungszentrum neben der alten Schule ging. Dort hatte er einmal flockende Milch bekommen und seitdem war er vorsichtig geworden. Wenn er also dort rauchen wollte (Man kann es sich gar nicht vorstellen, aber das war damals in Jugendzentren noch tatsächlich erlaubt.), Kaffee trank und ein zwei Partien Backgammon, meist gegen seine beste Freundin, gegen die er eigentlich immer verlor, oder Billard spielte (Worin er auch nicht besonders gut war.), trank der den Pott Kaffee für 60 Pfennige (vielleicht war es auch schon eine Mark irgendwann) schwarz. Er sagte damals dann immer: „Schwarz wie die Seele“. Das war durchaus ernst gemeint. Seit einiger Zeit also hat er sich diesen alten Brauch wieder angeeignet, vor allem, um nicht mehr so viel von diesem Bittergebräu zu trinken, aber auch, weil er es nicht so toll findet, dass die Milch viel zu billig ist, aber auch aus Mitgefühl zu allen Lactoseintolleranten, die er persönlich kennt. Letztlich egal warum, für sein morgendliches Müsli hat er Hafermilch entdeckt, die nicht mehr Hafermilch genannt werden darf, weil es ja schließlich keine Milch ist, die stammt schließlich von Kühen und nicht vom Hafer. Auch wenn es sicherlich Kühe gibt, denen Hafer beigefügter wird, deren Milch also auch Hafermilch genannt werden könnte. Er hat also das Hafergetränk für sich entdeckt, welches in vielen Supermärkten inzwischen neben Sojadrink und Haselnusstrunk und Mandelgetränk angeboten wird, beachtlicherweise etwas teurer als echte Milch, obwohl die Produktion viel günstiger ist. Aber über den Wahnsinn der Lebensmittelproduktion und -bepreisung macht er sich schon lange keine Gedanken mehr. (Macht er schon, aber der Erzähler, der die Figur durch die Geschichten führt, versteht davon zu wenig, als dass er das hier in irgendeiner Weise ausführen könnte oder möchte. Und seien wir einmal ehrlich, der Erzähler hat immerhin noch etwas mehr Ahnung als der Autor, aber das zu verstehen, ist auch für den an dieser Stelle eingesetzten Kommentator zu schwierig.)
Herr Nipp braucht also dieses Hafergetränk jeden Morgen für sein Obstmüsli, damit er mit gutem Gefühl in den schweren Arbeitstag gehen kann. Nur an diesem Morgen muss er feststellen, dass der Kühlschrank leer ist. Der oder das dort abgestellte Tetrapack enthält nichts als Luft und einige Tropfen Restmilch. Er kann nur vermuten, wer diesen Zustand so hinterlassen hat, aber das nutzt schließlich auch nicht viel. Also nimmt er den Tipp eines Sohnes auf und stellt sich eigene Hafermilch her. Haferflocken wässern, mit etwas Öl und Sojalecitin mischen und voila, schon ist der gewünschte Trunk fertig. Gut, Sojalecitin hat er nicht, dann ist auch das Öl überflüssig, denn es würde sich nicht mischen lassen. Vielleicht reicht es ja auch aus, wenn man die Haferflocken wässert, gut umrührt und das Ganze durch ein Sieb abseiht. Das Ergebnis ist optisch tatsächlich umwerfend der Milch ähnlich und schmeckt…mehlig. Etwas Zucker dazu…immer noch mehlig.
Aber wenn man nicht anderes hat, dann geht es wirklich. Und während Herr Nipp sein Müsli mit selbst gemachter Hafermilch genießt, denkt er doch bei einigen gelöffelten Löffeln an die gute alte Bio-Weidevollmilch zurück.

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Mitbürger

Er freut sich mal wieder auf den Hobbyabend. Heute noch mehr, was nicht immer so ist, denn unten an der öffentlichen Treppe zu seinem Hobbyraum treffen sich seit jüngerer Zeit regelmäßig jeden Abend einige Junkfoodjunkies aus der Autotunerszene und andere, die einfach ein Auto haben. Dann stehen die Wagen dort Fenster an Fenster nebeneinander und die mitgebrachten Tüten mit Junkfood, die Becher mit to go -Getränken und andere mitgebrachte Nahrungsbehältnisse werden genussvoll schmatzend geleert. Fressorgie. Da reicht es dann nicht, wenn wenn ein oder zwei Hamburger hinter den Kaureihen verschwinden, es muss schon etwas mehr sein. Und zum Schluss wird dann der obligatorische Eistee mit was auch immer getrunken. So sieht für diese, naja, nennen wir sie mal Menschen das Paradies aus. Ja, Paradiese können so einfach sein. Und das Schönste daran ist, dass nach der großen Fresssause das Fenster auf der Beifahrerseite nur noch geöffnet werden muss, um die Reste zu entsorgen. Die werden herausgeschoben, man muss sich das vorstellen wie bei Küken im Nest, die ihren Kot herausdrücken, und fallen gelassen. Der Müll liegt dann fest verpackt in der braunen Tüte neben dem Auto und wenn man Glück hat, bleibt er auch in diesem Zustand. Ärgerlich wird es eigentlich erst, wenn entweder das Auto darüber fährt, damit diese Tüte dann platzt oder wenn kurz vor der Abfahrt weiterer Müll im Wagen entdeckt wird. Der wird dann lose entsorgt. Natürlich durch das Fenster, denn keiner dieser, naja, nennen wir sie mal Menschen, denn ihre Gestalt ähnelt dieser Spezies am meisten, wird sich die Mühe machen, kurz auszusteigen und alles im extra dort aufgestellten Mülleimer entsorgen. Das Auto muss nicht erst gezündet werden, da der Motor die letzte halbe Stunde im Dauerbetrieb lief. Also rollt man fröhlich und gefüllt vom Platz, vielleicht fliegt auf halbem Weg noch die Plastikflasche vom Eistee heraus.
Herr Nipp jedenfalls ist inzwischen glücklich, wenn er nur drei oder vier dieser McKotz-Tüten nebst Trägern für die Pappbecher aufheben muss. Einige dieser, naja, nennen wir sie mal Menschen, denn sie sehen rein äußerlich so aus, haben großen Spaß daran, alle Einzelteile unverpackt aus dem Fenster zu befördern, das ist dann schon eine echte Zumutung. (Hehe, das müssen die anderen Idioten dann eben aufräumen.) Aber irgendwie kriegen sie es einfach nicht anders hin.
Und Herr Nipp kann davon ausgehen, wenn er diese, naja, nennen wir sie mal Menschen, denn sie scheinen tatsächlich so etwas wie eine Sprache neben den Essgrunzlauten zu haben, auf ihre Rituale anspricht, dass es später noch schlimmer aussehen wird.
Diesen Abend aber ist alles aufgeräumt, zwei nette Herren vom Ordnungsamt waren da, haben in aller Ruhe die Situation beobachtet, die Autonummern säuberlich notiert und später die Personalien aufgenommen. Und man soll es nicht glauben, diese, naja, nennen wir sie mal Mitbürger, sie wurden schließlich aktiv, haben ganz freiwillig ihren Müll selbst weggeräumt.

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