Zukunft

Über die Vergangenheit denkt Herr Nipp oft nach und deren Beziehung zur Gegenwart sowieso, denn meist ist ja die Gegenwart und deren Erleben Anlass für den Blick zurück ins Jetzt. Sowohl eben dieses Jetzt als auch Vergangenheit relativieren sich dabei immer wieder. Sie stehen zwangsläufig in Relation. Wer sagen kann, was die Wahrheit ist, scheint Herrn Nipp ein Lügner, je mehr er sich damit beschäftigt, desto mehr. Wahrheit ist wie Vergangenheit ein Konstrukt. Geschichte ist somit erst Realität, wenn sie interpretiert wurde. Das mag auch einer der Gründe dafür sein, dass er sich wenig mit der Zukunft beschäftigt, zumindest in den Texten, die er verfasst, denn diese ist lediglich spekulativ. Zwar macht es ihm ungeheuren Spaß, mit seinen besten Freundinnen über das Was-wäre-wenn ganze Theorien zu entwickeln, vor allem, wenn sie gemeinsam am Tisch sitzen, Fritten essen und dazu selbst gebrautes Bier trinken oder eine Bullibullitour in den Sonnenuntergang machen, aber bisher war er sich der Grenzen immer bewusst. Denn die Annahme einer unerwartbaren Zukunftsmöglichkeit ist letztlich damit verbunden, sie doch anzunehmen und letztlich den Versuch zu wagen, diese auch zu realisieren. Das kann dann wiederum immer nur in Verbindung mit Erlebtem oder Erlebendem geschehen. Als neulich eine Freundin beim Entwickeln solcher Pläne meinte, dass diese Pläne ja bereits so konkret wären, sie könne sich deren Realisierung nicht nur vorstellen, sondern sie wisse um deren bereits vorhandene Realität, war er dann doch relativ schockiert. Ja, die Zuknuft ist in dem verankert, was passiert gerade und passiert ist.

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Hör mal

Da steht einer vor ihm, vielleicht ist es auch eine, die mal ganz deutlich etwas sagen muss. Ganz klar. Herr Nipp nimmt sich die Zeit, hört zu, obwohl er eigentlich Wichtiges zu tun hätte. Obwohl er eigentlich mal wieder gar keine Zeit für Nebensächlickeiten hat. Aber da es dem oder der so wichtig ist, nimmt er sich zurück, bleibt stehen und gibt mit dem Augenzwinkern dem oder der Anderen ein Zeichen zu beginnen. Augen über der Maske mögen viel verraten, aber natürlich nicht alles. Viel der inneren Gefühle lässt sich auch erfolgreich verstecken. „Du muss dich endlich mal entschuldigen oder besser um Entschuldigung bitten. Bei all denen, die du in den letzten Jahren benutzt hast für deine Zwecke. Ich will das hier nicht näher ausführen, denn ich weiß, dass du gerade viel zu tun hast und dir sicherlich angenehmere Themen vorstellen kannst, aber es muss einmal gesagt werden. Und damit wünsche ich dir auch schon ein gutes Wochenende.“ Na super, damit kann ein ein wirklich schönes Wochenende beginnen, mit Grübeln, was hier eigentlich gemeint ist. Vielleicht geht es ja um die Geschichten, die er in den letzten Jahren geschrieben hat, die meist an tatsächliche Fälle angelehnt waren, an Begebenheiten, die er mit diesen beschriebenen Menschen erlebt hat. Mit Freunden, Familie, mit Männern und Frauen und Kindern, mit Fremden und Bekannten. Oje, wie sollte er sich bei allen entschuldigen und vor allem wofür? Für das Aussprechen seiner erlebten Wahrheit? Er schüttelt den Kopf, nein, dafür muss er sich nicht entschuldigen und Karriere, für die er andere hätte benutzen können, ist nicht sein Ding. Er hat in den letzten Jahren zugunsten eines guten Lebens darauf verzichtet und wird das wohl auch in Zukunft tun. Lieber die eigenen Ideen verwirklichen. „Hör mal!“ ruft er der oder dem Anderen hinterher, „Ich glaube, du verwechselst mich“, dreht sich um und geht.

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Unordnung

Zuerst ist einer seiner Söhne gekommen, kurzer Besuch. Er hat das leer getrunkene Glas auf dem Tisch stehen lassen und die Kopfhörer vergessen, dann kam der nächste, hat einen Teller mit zwei Gabeln am Spülbecken abgestellt. Hat etwas aus der Schublade geholt und diese offen stehen lassen. Ein Freund hat einige Bücher vorbei gebracht, eine ganze Kiste voll. Eine Freundin liest in der da liegenden Wochenzeitung und faltet sie nicht wieder zusammen und die Flaschen und Kanister mit Malz für den nächsten Brauabend, die er bestellt hat, stehen auch noch auf dem Tisch. Als Herr Nipp abends nach Hause kommt, muss er erstmal aufräumen und fragt sich, warum es bei ihm immer so unordentlich ist. Er muss an Genie und Chaos denken und weiß genau in diesem Moment, dass es auch Chaos ohne Genie gibt.

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Den Moment halten

Das hatte sich Herr Nipp so einfach vorgestellt, eine Situation herbeiführen, den Moment halten und ihn zu genießen. Mit allem. Damals war er allerdings noch Kind gewesen und es gelang ihm folglich auch, man musste nur daran glauben. Er konnte diese von außen betrachtete Ereignisleere leben. Vielleicht unterbrochen von Essen, Schule, Schlaf. Sich aber in die Situation des hemmungslosen Lesens, Malens, Streifens durch die Natur zu begeben, war für ihn das Größte gewesen, größer als mit den Freunden Fußball zu spielen, denn er war nie der Stürmer gewesen, der die Tore schoss. Eher der Ausputzer hinten am Tor. Vielleicht auch, weil all die sogenannten Kindheitsfreunde ihn damals niemals für das annehmen konnten, was er wirklich war, ein Träumer. Heute hat Herr Nipp diese Fähigkeit längst verloren, er rast durch die Tage und die Zeit und findet kaum einmal Halt. Nur manchmal gibt es einen Menschen, der ihn darauf hinweist, beim Kaffee vielleicht und dann kehrt manchmal ein innere Ruhe ein.

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Anruf

„Hallo!“
„Hallo?“
„Wie geht es dir?“
„Schlecht.“
„Oh, das hatte ich jetzt nicht erwartet, hm ja, da kann man nichts machen. Ich rufe dich morgen noch einmal an.“
„Nein, schon gut, war ein schlechter Scherz, erzähl mir nur, was los ist.“
„Ein Glück, dass ich dich habe, ich brauche jetzt jemanden, der zuhört.“

Die Zeilen findet Herr Nipp auf ein Blatt Papier gekritzelt, welches auf der Straße lag. Er kann sich gut vorstellen, wie es dem oder der Angerufenen in dieser Situation geht, bleibt vor seinem Vorgarten stehen, sieht die Blumen und lächelt, während er die Notiz zerknüllt, ohne weiter darüber nachzudenken.

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