Endlich

Über den Gartenzaun hinweg hat Herr Niopp immer wieder gute Gespräche. Mal anregend, zuweilen auch informativ, immer aber hat er dabei das Gefühl, dass es schön ist, mit den Nachbarn zu allen Seiten einen Plausch zu halten. mal wird ein Teller mit Eiserhörnchen über den Zaun gereicht, mal gibt es Äpfel, zuweilen auch verteilt Herr Nipp die anderen Früchte des Gartens, Kirschen und Walnüsse etwa hat er letztes Jahr eimerweise verteilt. Mal hält auch jemand an, wenn er im Vorgarten zugange ist und man hat einen unerwarteten Schnack. Vielleicht ist es das Wichtigste für eine funktionierende Nachbarschaft, wenn gesprochen wird. Über Kinder, den Garten natürlich und die Politik kommt gar nicht so selten vor. Eigentlich glaubt man ja immer zu wissen, was der Andere so wählt und ist dann ganz überrascht, dass einer tatsächlich nicht die FDP oder die CDU will, sondern zur Zeit eher in linken Gefilden seine politische Heimat entdeckt. Vielleicht aber gibt es auch Menschen die ganz rechts außen etwas für sich entdecken. Das kann Herr Nipp dann gar nicht verstehen. Aber auch dann muss man im Gespräch bleiben, meint er. Kürzlich meinte jemand aus dem Bekanntenkreis, man solle sich doch einmal überlegen, dass Deutschland immer nur in die EU einzahlen würde und nichts herausbekomme. Als Herr erwähnte, dass die EU für Deutschland immerhin der größte Handelsplatz sei und es ganz nebenbei noch niemals in den letzten Jahrhunderten eine so lange Friedenszeit in Mitteleuropa gegeben habe, wurde dies einfach mit einem Handflattern abgetan. Da kann man noch so viel reden, es wird nichts bringen. Also Fakten auf den Tisch – Oh!
Heute meinte die eine Nachbarin, sie könne endlich mal wieder die Tochter besuchen, jetzt wo alle geimpft seien. So ein Glück. Ja, und Grüße bitte. Nach einem halben Jahr sei es wirklich wichtig, die Kinder zu sehen, sagte sie mit glücklichem Gesicht. Endlich.

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Andere Themen

„Was mich echt nervt, das muss ich ja mal ganz offen und ehrlich zugeben, sind die immer wieder gleichen Themen. Garten und Natur, der Wald gerne und alles Kleinstädtische und die Begegnungen dort. Na super, hast du nie mal was anderes erlebt?“ Hm, denkt Herr Nipp, schon… Andere Länder, andere Sitten, andere Frauen, andere Trinksprüche, andere Autos und natürlich Toppthema Nr. 1 in BRD: Fußball. Aber mal ehrlich, Großstädte sind nichts für Herrn Nipp, Autos müssen für ihn fahren und transportieren, viel transportieren. Nichts langweiligeres als Fußball fällt ihm ein, andere Länder sieht er im Urlaub; Österreich, Italien, Schweiz, Frankreich, Britannien, Ungarn, Tschechien, Spanien, Niederlande, Belgien, Dänemark, Schweden, das war es auch schon so ziemlich, aber darüber schreiben doch noch mehrere tausend andere viel besser. Frauen, ja, kennt er auch, abgespeichert unter Beste Freunde. Jedesmal wenn er darüber schreibt, macht er was falsch, irgendwie. Das gibt immer Ärger. Also Finger davon lassen. Jaaaa keine Andeutungen machen. Und seine Hobbys? Ja gut, könnte man machen. Was ihn aber wirklich interessiert, ist der Alltag mit seinen kleinen Erlebnissen, Erinnerungen und Erwartungshaltungen und all die Leute, denen er begegnet und da ist es doch wohl völlig egal, welcher Minderheit sie angehören, ob nüchterne und objektive Fußballfans oder ungestresste Jungmütter, ob Menschen mit Sauerlandhintergrund oder sogar tiefgehende Rheinländer, das ist ihm völlig egal, was zählt ist ihm die Begegnung. Ja, andere Themen wären schon was, aber nicht für ihn.

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Baumleichenwald

Zu dritt sind sie ziellos gewandert. Jeder mit Rucksack und Proviant. Jeder mit einer Jacke gegen den Regen und vor allem mit guter Laune. Eigentlich sollte es ja nur ein Spaziergang werden, wer jedoch nach dem Prinzip geht, dass bei jeder Abzweigung neu entschieden wird, in welche Richtung zu gehen ist, kann tatsächlich, ohne zu wissen, wohin es tatsächlich geht, stundenkang weiterlaufen, ohne auf eine siedlung zu treffen. Die drei Spontanen haben auf diese Weise tatsächlich mehr als drei Stunden durch die ehemaligen Wälder des Arnsberger Waldes bewegt. Bewegt waren sie auch, weil die Wälder so ehemalig schienen. Überall Kahlflächen, dort wo noch vor zwei Jahren Fichten standen, teilweise auch Baumleichenwälder. Abgestorbene Bäume, die noch nicht gefällt wurden oder nicht mehr werden. Ob nun, um den Tieren Nahrung zu bieten oder um zukünftigen Wäldern Humus zu liefern, klar wird das nicht so ganz. Gewinner des Waldsterbens haben sie jedoch schon jetzt ausgemacht. Farne, Fingerhut und Ginster sind auf dem Vormarsch, an manchen Stellen wirft sich, dank des Daueregens der letzten Tage, auch weiteres Grün ins Zeug, die Diasporen, welche 70 Jahre und länger unterdrückt wurden, weil sie kein Licht bekamen, werden aktiv und plötzlich sprießt es überall. Herr Nipp sagt da immer wieder, dass in jeder Krise auch eine Chance auf Neues steckt. Das weiß er ja bekanntlich aus eigener Erfahrung. Zwischendurch ein Stopp in dem Schuppen eines alten Jagshauses mit wunderschöner Tür, ganz in der Nähe der ehemaligen dicken Buche, die leider vor Jahren gestorben ist. Getränke, Kuchen und Kekse und natürlich der saftige Apfel vom Markt. Halbe Stunde Pause, schöne Gespräche über Freunde und die Welt. Vor allem darüber, wie sehr sich die eigene Welt verändert hat, seitdem die Pandemie so deutlich ins Leben getreten ist. Es gibt eigentlich keine Begenung, seien wir ehrlich, in der das Thema nicht in irgendeiner Weise vorkommt. Alle drei vermissen, was vor anderthalb Jahren noch als selbstverständlich galt. Konzerte und Kneipe, Museum und Kino, Theater und einfach abends raus gehen, wohin auch immer. Freunde und Bekannte treffen, ohne Bedenken, sich in den bulli setzen und wohin auch immer fahren, einfach so. Solche Pausen tun einfach gut und irgendwann geht es weiter. Als es nach drei Stunden wieder einmal anfing zu regnen war alles noch soweit in Ordnung, erst das Aufkommen stürmischen Windes und als sie einen Baum in ihrer Nähe brechen, bersten und fallen hörten, machten sie sich auf den schnellsten erwartbaren Weg in Richtung Straße, um sich abholen zu lassen. Es erschien ihnen irgendwie richtig, dass die Bäume nicht gefällt werden, aber auch ziemlich gefährlich, sich dort in der Nähe aufzuhalten, wenn es stürmisch wird.

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Siepenteich

Kleine Kerbtäler, in denen tröpfchenweise kleinste Quellen ihr sickerndes Wasser mit Bedacht und wohldosiert an die Oberfläche schicken, werden in dieser Gegend auch Siepen genannt. Oft idyllische Rückzugsgebiete für seltene Pflanzen und Tiere. Orte, die früher gerne zugeschüttet wurden. um Baugrundstücke zu schaffen, manchmal zeugt allerdings ein Straßenname noch davon, wie es einst ausgesehen haben könnte. So eine Straße heißt dann vielleicht Im Siepen oder Am Siepenteich. Sofort werden bei solcher Bezeichnung bestimmte Assoziationen von Herrn Nipp wach. Kürzlich war er mit einem Freund spazieren und hat einen solchen Siepenteich entdeckt. Eine Stelle im Siepen oder Kerbtal, an der sich eine größere Pfütze gebildet hat, vielleicht weil ein umgestüzter Baum den Abfluss versperrt oder ein Rohr unter dem Wanderweg verstopft ist. Darin stehen dann mit Sicherheit einige abgestorbene Bäume und wenn welche noch leben, dann sind es mit absoluter Sicherheit die Erlen und Weiden. Das Wasser erscheint oft dunkel und bei manchen solcher Teiche steigen auch regelmäßig Blasen auf, die Produkte der anaeroben Verrottungsprozesse, also Methangas. Einige dieser Teiche und dazu gehörte der gerade entdeckte, wimmeln allerdings geradezu von Leben. Herr Nipp hockte sich nieder, um zu sehen, was es denn zu sehen gibt. Neben Kaulquappen einige Molche, Wasserläufer, Käfer und allerhand Kleingetier, dessen Namen er nicht weiß. Trotzdem eine tolle Entdeckung für ihn und irgendwie kommt er sich wie ein Kind vor, als er einen der schwarzen Bergmolche mit dem gebänderten Aalstrich auf die Hand nimmt. Ganz vorsichtig versteht sich. Er betrachtet ihn wie damals, als er noch fast täglich in den Wald gegangen ist, um solche Lebewesen zu entdecken, und setzt ihn dann ebenso sorgsam wieder ins Wasser. Der Freund ist derweil weitergegangen, steht an der nächsten Weggabelung und reckt sichtlich zufrieden die Nase in die frische Luft. „Seit ich hier wohne, bin ich glücklich“, meint er, als die beiden sich wieder auf den Weg machen und Herr Nipp denkt zufällig das Selbe.

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Straßenrandbegrünung

(Vorsicht, dieser Text sollte nicht von Mitarbeitern des Rathauses oder sonstigen empfindlichen Gemütern gelesen werden, denen zwar sonst alles egal zu sein scheint, aber die es überhaupt nicht haben können, in irgendeiner Weise auch nur annähernd kritisiert zu werden. Auch Steingartenbesitzer sollten ihre Augen spätestens jetzt abwenden, da es sein kann, dass sie sich beleidigt fühlen werden. Dies ist wahrhaft ernst gemeint, auch wenn es satirisch erscheinen sollte.)

Dafür braucht es wohl keiner Begründung. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein, so etwa die Worte irgendeines Mitarbeiters des Rathauses, wahrscheinlich des Grünflächenamtes, das dann wohl eine Unterabteilung des Straßenbauamtes ist. Übliche Floskeln an einem Schreibtisch, eines Mannes, der offenbar die Welt, von der er gerade redet, niemals mit eigenen Augen gesehen hat. Vielleicht ist er auch einer, der den Verstand abschaltet, sobald er das Rathaus verlässt und mit einer rosagrünen Brille durch die Statdt nach Hause radelt. Auf den Lippen „Ja, wir sind mit´m Radel da.“ Herr Nipp wundert sich wirklich. Und genau an dieser Stelle beginnt die Glosse. Ja stimmt, da werden die Straßen seiner kleinen Stadt neu gemacht. Ja stimmt, da werden neuerdings auch Bäume gesetzt. Ja stimmt, zumindest die Straßen an sich werden demnächst viel grüner aussehen. Dass es sich bei den Straßenrandbepflanzungen um sogenannte Architektenpetersilie handelt, davon muss hier nicht weiter gesprochen werden, Bäumen also, die für die in der Stadt lebenden Tiere überhaupt keinen Nutzen haben. Amberbaum, Gingko und Co. . Ganz nebenbei reduziert man die Parkplätze im öffentlichen Raum, in der Absicht natürlich, dass die Menschen ein Einsehen haben und in dieser Großstadt von 20.000 Einwohnern vom Auto umsteigen auf die öffentlichen Verkehrsmittel, die sich vielleicht alle Jubeljahre an den Hauptstrecken mal zeigen lassen, also dort, wo man erstmal hinkommen muss. Folge davon ist, dass die Häuslebesitzer sich umstellen müssen. Parkplätze auf dem eigenen Grundstück werden notwendig, ja sie sind städtischerseits sogar gefordert. Pro Wohneinheit 1,25 Parkplätze. Also Vorgtärten zerstört und mit Schotter oder Verbundsteinpflaster versehen. So geht das, lieber städtischer Mitarbeiter, genau, selbstverständlich, das ist die Realität, Folge ist eine stete Überhitzung im Sommer. Neben den Schottergärtnern, die offenbar noch nichts davon mitbekommen haben, dass die grünen Gärten, und nur die, zu einem guten Klima beitragen, nicht aber mit Steinen vollgestopfte, müssen also auch die anderen, die eigentlich lieber Grün um sich hätten, solche Parkplätze anlegen, egal, wieviele Autos von den Bewohnern tatsächlich genutzt werden. Und die Krönung des Ganzen ist dann der städtische Wettbewerb zu artenreichen Vorgärten. Ja, stimmt, wenn die Parkplätze hinter das Haus verlagert werden, dann gäbe es tatsächlich die Möglichkeit von artenreichen Vorgärten. Hurrah. Und vielleicht, wenn man Glück hat, werden diese Kleinstoasen der Straßenrandbegrünung dann auch nicht von nächtlich trunkenen Randalierern verwüstet, denkt Herr Nipp.

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