Aus der Decke schlagen

Ein Freund hat ihm ein Reh geschenkt, kein lebendes, schon klar. Das junge Tier (Wobei bei Jägern natürlich nur weibliche Hirsche Tiere sind, aber hier soll es nicht um die wunderbar euphemistische Fachsprache der jagenden Zunft gehen, das hatten wir schon.) das hatte irgendwann bei einem Unfall wohl einen Fuß verloren. So ging es wahrscheinlich schon ein Jahr hinkend durch die von Harvestern kahlrasierte Landschaft. Sein Freund, der Jäger, hatte es nun geschossen und da die eigene Kühlkammer voll war, wurde Herr Nipp gefragt, ob er es haben wolle. Die Innereien waren schon entfernt, der Kopf und das Fell noch dran. Eines muss man ja wirklich sagen, Rehe haben einen schönen Körperbau, vor allem aber wirklich schöne Köpfe, was mit den ausdrucksstarken Augen zu tun haben mag. Also war der Körper bei ca. 7 Grad an anderer Stelle gelagert worden. Abends hatte er sich dann mit einem anderen Freund getroffen, das Reh untern dem Balkondach aufgehängt, ihm das Fell über die Ohren gezogen und es zerlegt (Jägersprache: zerwirkt). Alles unter Einhaltung sämtlicher Hygienevorschriften natürlich. Wenn die Räume in denen Tiere verarbeitet werden, nicht zu klein sind, ist die Geruchsbelastung sehr gering. Nach dem Vertüten tranken die beiden dann ein kühles Bier, das musste einfach sein. Sinnierend in den Garten zu blicken ist dann eins, aber zusätzlich ganz trocken zu sagen: „Ein Jäger würde jetzt wahrscheinlich von sich geben, dass wir das Schmalreh recht zügig aus der Decke geschlagen haben.“, das hat schon was. Auch deswegen wusste Herr Nipp, was er an diesem Menschen hat.

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Texte schreiben

Manchmal, ganz selten, so zwei drei mal pro Jahr, um genau zu sein, macht auch Herr Nipp mal kurze Fortbildungen. Einige sollen seinem beruflichen Werdegang Unterstüzung bieten, die meisten sieht er allerdings als Privatvergnügen an. Etwa Theaterworkshops mit durchaus bekannten Schauspielern, die er auch schon einmal im Theater erlebt hatte oder letztens die Schreibwerkstatt mit einer ihm bis dahin völlig unbekannten Bestsellerautorin, manchmal lässt er sich allerdings auch Pflanzengemeinschaften erläutern oder im Herbst auch schon mal Pilze.
Die Autorin jedenfalls hat sein Weltbild ein Stück weit erschüttert. Am ersten Tag hat sie doch tatsächlich nicht mit den Ausbildungswilligen geschrieben, sondern einige markante Texte der Weltliteratur zerlegt, so in etwa, wie Jäger in aller Sorgsamkeit ein erlegtes Stück Wild zerwirken oder so, wie es Lehrer in der Oberstufe machen, wenn sie denn Ahnung davon haben. Sie haben dann herausgearbeitet, auf was man alles so zu achten hat, wenn denn dann ein Text wirklich verfasst werden soll. Ihm klingelten schon fast die Ohren als die Autorin auch in der doch so offensichtlich belanglosesten Wortkombination noch Stilelemente ausmachte. Alles hatte einen Namen bei ihr, man kann sie kaum wiedergeben, wirken sie doch fast schon selbst wie ein Gedicht in einer seltsamen Fremdsprache:

Zeugma, Vergleich, Synästhesie, Symbol und die Parataxe
Aktiv, passiv, Vorgangspassiv, Zustandspassiv und die Hypotaxe
indirekte Fragesätze
Gliedsätze – Nebensätze
Attribute – Komparativsätze – Subjektsätze – Objektsätze
Kausalsätze – Konditionalsätze – Konsekutivsätze – Finalsätze
Modal und Adverbialsätze, Komparativsätze und Lokalsätze
Adverbiale und Adjektivattribute
Genitivattribute und präpositionale Attribute
direkte und indirekte Rede
Indikativ und Konjunktiv, aber Imperativ für jede
Personalform, Tempusform und Handlungsart
Infinite Verbformen, Zitate und Gegenwart
Rhetorische Frage und Personifikation
Anapher und Alliteration, Ellipse und Ellision
….

Und dann erklärte sie, dass jede Geschichte immer vier Elemente berücksichtigen müsse, nämlich Figuren, Handlung, Zeit und Ort. Und damit gehe er Zirkus erst richtig los, schließlich müsse all das auch noch sinnvoll zusammengebracht werden. Und mit Zeit sei eben nicht gemeint, dass man wisse, wann etwas geschehe, sondern auch um die Beziehung zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit, um Stauchung, Deckung und Dehnung, natürlich auch darum, welche der sechs Zeitformen wann zu verwenden sei. Und man müsse auf jeden Fall beachten, dass die Figurencharakterisierung nicht nur über die Personendarstellung an sich, sondern auch durch deren Handlung und zum Beispiel die Beschreibung des Wohn- oder Lebensumfeldes geschehe. Und zu bedenken sei auch, dass selbst der Erzähler so etwas wie eine Figur sei, auch wenn dieser nicht aktiv thematisiert werde. So viele Dinge auf die zu achten ein guter Schriftsteller sich anschicken sollte. Am zweiten Tag des Onlinekurses war nur noch die Hälfte der Angemeldeten da. Einigen war das wohl alles zu hoch gewesen. Nun ging es von kleinen Übungen bis hin zu einem längeren Versuch. Als Herr Nipp ganz stolz seinen mehrseitigen Text vorlas, wurde dieser erbarmungslos zerpflückt, das war durchaus zermürbend. Immerhin war nach der eingehenden Kritik der zweite Versuch wirklich gelungen. Er hatte seine Erzählung auf das Nötigste reduziert und war dabei einem Theaterstück, einer Tragödie nämlich, vielleicht auch einem bürgerlichen Trauerspiel, schon sehr nahe gekommen, ein wahres Dramulett:

„Ich gehe jetzt!“, sagte der Mann – resigniert die Tür öffnend. „Mach das!“

Die Dozentin war begeistert und musste für ihre Kritik Vergleiche bemühen, die ihm schon fast peinlich waren, aber mit Kafka wegen des nahezu parabelhaften Charakters, mit Brecht wegen der Lakonik und mit Kleist bezüglich des Bindestriches verglichen zu werden, fand er dann doch ganz angemessen.

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Guppys

Den Winter über hatte Herr Nipp seine Guppys ins Haus geholt, in einem Aquarium sollten sie dort die kalten Monate überdauern. Irgendwann hatte ihm zwar ein Freund gesagt, zur Not könnten die auch draußen überwintern, aber das schien doch zu abseitig. Ein Aquarium im Haus einzurichten ist auch nicht weiter problematisch. Es ist eigentlich keine Schwierigkeit bei Zimmertemperatur, auch ohne Heizung, denn wenn der Deckel geschlossen ist, entweicht recht wenig Wärme. Die kleinen Fische haben ihrem Namen Millionenfisch allerdings alle Ehre gemacht und sind viele geworden. Keine Millionen, klar, das hätte das zunächst eine Becken wohl kaum verkraftet, aber aus den drei Guppys wurden über die langen Monate sicher an die 120. Ja, ist verkraftbar, wenn man die Flossenträger auf mehrere Becken verteilt. Drei zum Ende, um genau zu sein. Und zur genetischen Diversifizierung hat er noch ein neues Weibchen eingeschleust. So sind jetzt rotschwarz gefärbte mit schwarzer Flanke und gelbschwarze mit Leopardenmuster aus den völlig verkrauteten Becken in die neue Freiheit entlassen worden. Als das Wetter wieder seine sonnigen Seiten zeigte, als die Wassertemperaturen im Regenfass draußen (ein mit Wasserpflanzen liebevoll bestückter IBC-Tank) nicht mehr unter 15 Grad lagen, hat er sich wieder einmal zum Umsiedeln entschlossen. Man soll ja nicht glauben, wie schnell Tiere ihre neuen Lebensräume annehmen, erkunden und sich zu eigen machen. Allerdings müssen sie sich nun wieder wirklich behaupten. Gegen die Libellenlarven natürlich, die sich gerne mal so ein Fischchen fangen. Festspeise. Vermutlich. Allerdings hat Herr Nipp das noch nie selbst beobachten können, wahrscheinlich weil es zu tief unten im Bottich stattfindet. Neuerdings haben sich allerdings auch einige Molche dort angesiedelt und die sind noch einmal so gefräßig. Langsam kommen sie heran oder lassen sich in Richtung Opfer treiben, um dann mit einem fixen Stoß nach vorne zuzuschnappen. Aber auch hier sollten Guppys nicht unterschätzt werden. Meistens haben die Vierbeiner mit dem langen Schwanz das Nachsehen. Klar, immer wieder einmal wird auch ein Jungfisch erwischt, aber das bringt das Gleichgewicht nach und nach in Ordnung. Ein gutes Aufmerksamkeitstraining allemal. Sagt man nicht, nur die Harten kommen in den Garten? Und im Übrigen halten die Zahnkarpfen den Sommer über den Kleinstteich von Mückenlarven frei. Am Ende des Sommer wird Herr Nipp den Bestand dann wieder einfangen, mal sehen, was herauskommt. Ausnahmsweise alle wird er dann wieder ins Haus nehmen. Eines jedenfalls ist gewiss, alle Fische, die er dann ins Haus holt, sind sehr robust.

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Vasen

Auf dem Terrassentisch zwei kleine, bunte Vasen. Darin einige Gartenblumen, wie von Kinderhand gepflückt. Einige schon trocken. Herr Nipp lächelt. Als die Besitzerin kommt, zupft sie daran herum und plötzlich weiß er, daß war kein Kind.

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altes Ding

Immer wenn die Mutter unten im Keller gesessen hatte, damals als er noch ein kleines Kind war, um dort Blaumänner irgendwelcher großen Firmen mit dem Firmenlogo zu besticken, hatte sie diese weiße Lampe an. (Dann war er auch gerne dort, nicht wegen der Lampe, sondern weil er dann gerne bei seiner Mutter war, hat sich aus den blauen Paketen der Werksanzüge eine Rutsche gebaut. „Sei vorsichtig damit, die müssen ordentlich bleiben.“) Ein runder Schirm an einem beweglichen Hals. Das „alte Ding“, wie sein Vater immer gesagt hatte, hat damals viele tausend Stunden geleuchtet. (Wie fern ihm diese Zeit doch heute scheint, so als wäre die Zeit aus dem Rahmen gefallen.) Sie konnte in jede Stellung gebracht werden, ein tolles Spielzeug, wie er damals fand. Irgendwann konnte sie nicht mehr gut sticken, weil die Augen schlechter wurden, die Mutter, irgendwann blieben auch die Aufträge aus und der Nähkeller, der heute ein Werkkeller ist, lag brach. Als Herr Nipp dann einzog, die Eltern waren vor einigen Jahren gestorben, hat er den Raum entrümpelt. Mit den meisten Sachen konnte er wirklich nichts anfangen und hat sie verschenkt oder anderweitig entsorgt. Nur das „alte Ding“, diese wunderbare Schwanenhalsleuchte von Kaiser Idell, das nutzt er immer noch.

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