hier

Jedes Mal und damit wirklich jedes Mal, wenn er hier steht und die Szenerie beobachtet, sieht er sie. Sie ist einfach wunderschön mit ihren grünen Locken, dieser fast perfekten Figur und dem Blick, der ihm ins Innerste zu blicken scheint. Er stellt sich vor, wie es wohl wäre, sich mit ihr zu unterhalten. Herr Nipp ist ein großer Fan dieser Skulptur.

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Möglichkeiten

Als er an diesem Morgen aufwacht, hat er genau diese Worte im Kopf. Er setzt sich an den Tisch, kramt in der Schublade „Wenn nicht da, wo sonst!“, in der alles zu finden ist, was man an Kleinteilen eben so braucht, auch drei Kistchen aus Holz, in denen die Stifte sortiert sind. Faserschreiber, Bleistifte, Kugelschreiber. Er nimmt einen der Kugelschreiber und beginnt zu schreiben.

Möglichkeiten

Als ich heute morgen aufwachte,
gab es die Welt nicht mehr
ich war ganz allein
auch das Bett schien nicht vorhanden zu sein

Als ich heute morgen aufwachte
gab es dich nicht mehr
ich fühlte mich seltsam alt
auch das Bett neben mir war kalt

Als ich heute morgen aufwachte
war ich ein Kind
die Welt war ein Leuchten und Glimmen
und die Vögel hatten ganz konkrete Stimmen

Als ich heute morgens aufwachte
schien die Sonne ins Zimmer herein
die Sterne waren längst vom Himmel gefegt
auch der gute alte Mond hatte sich schlafen gelegt

Als ich heute nachts aufwachte
musste ich an dieses Lied denken
Ich werd mich nie verändern
ich werd immer derselbe sein

Als es heute nicht erwachte
gab es mich nicht mehr
alles war gleichgültig
und wird es immer sein

Eigentlich seltsam denkt er, als Herr Nipp den Stift beiseite legt, warum wache ich morgens so früh auf, habe dieses unstete Gefühl des Vergehens in mir, dabei ist der Garten grün und lediglich durch den Druck weniger Tasten wäre der nächste Mensch erreichbar. Und dann fällt ihm wieder ein, was ihn so aus der Bahn gworfen hat. Einige Tage zuvor hatte er sich ein Album, in Vinyl natürlich, gekauft und es einige Male auf dem Plattenteller laufen lassen. Die seltsam verschwurbelten Texte jener Band hatten sich mal wieder in seine Gedanken gedreht und zweifeln lassen, dabei handelte es sich doch um Jugendlyrik, die man nicht mehr ganz so ernst nehmen sollte. Oder steckte vielleicht doch mehr dahinter?

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Landschaft

Geradezu sanft leuchtet das abendliche Licht der Sonne auf die vor ihm liegenden Felder. Herr Nipp hat sich auf einen Stein gesetzt, der zwischen zwei Weizenfeldern die Grenze markiert. Die Stofftasche ist gefüllt mit Holunderblüten, aus denen er später noch Sirup machen will. Für den Sommer. Einfach lecker, wenn etwas davon mit Wasser verlängert wird. Auf dem ganzen Weg, den er nachmittags gegangen war, hat er gesammelt. Mal hier, dann wieder an anderer Stelle. Die Beine sind ihm dabei zerkratzt und zerstochen worden. Aber was soll es, demnächst, beim Genuss der süßen Leckerei, wird er daran nicht mehr denken, nur an die schöne Landschaft und dass ihm heute dieser gottserbärmlich schlechte Werbeslogan wieder einfiel. Da leben, wo andere Urlaub machen.

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Namenlosigkeit

Nein, er will nicht beleidigen, aber kürzlich hat Herr Nipp sich ernsthafte Gedanken über Namen gemacht, nämlich als er erkannte, dass sein eigener Hermann Nipp letztlich ein Imperativ ist. Und wie es bei solchen Gedanken so geht, kommt er natürlich vom Hölzchen aufs Stöckchen und irgendwann hat er einen ganzen Parkettboden gelegt. Natürlich weiß auch der Erzähler, dass es Figurengedanken gibt, die sollten geheim bleiben, weil die Figur, die ja gar nicht weiß, dass sie eine solche ist, sonst nackt da stehen würde und es fiele dem Erzähler, der bekanntlich ja auch letztlich nur wieder eine Figur ist, die von außen gesteuert wird, wahrscheinlich sehr schwer, sie wieder anzukleiden, ohne dass es Autoritätsverluste gäbe. Andererseits gibt es eben auch Gedanken, die dürfen formuliert werden. Vielleicht auch, weil es den Befriff Name-Shaming noch nicht gibt. Namensscham wäre dabei doch ein wunderbarer Neologismus.
Es gibt Namen im Deutschen, die möchte man nicht wissen und kann nur froh sein, dass die eigenen Eltern und anderen Vorfahren schlau genug waren, sich in ungefährliche Namensgefilde zu begeben. Berufsbezeichnungen und Herkunftsorte waren da immer sehr beliebt. Der Klassiker Rosa Blume will hier nicht genannt werden, aber auch Andie Wand, Rainer Zufall, Matt-Eagle, Ernst Haft oder Timo Beil wissen, dass es nicht immer fair läuft im Leben. Herr Nipp, der damals einmal einer Veranstaltung beiwohnte, bei der ein Junge namens Johannes (kurz Hans genannt) Wurst geehrt wurde, der später, wie er erfuhr, auch noch Dr. med. Wurst heißen sollte, konnte sich kaum vor Lachen halten und fand dies später mehr als gemein. Aber auch Rinderwurst, Hartwigsen, Wimmer, Flenner, Morgenschweiß, Bratfisch, Glaswand, Fischbier und andere Ausrutscher der Nachnamen kommen ihm immer wieder unter. War es früher vielleicht eine Ehre, ist es heute ein Debakel. Was wird demnächst mit solchen wie Bischof, Kaplan oder Mönch sein? Menetekel? Dabei können die heutigen Träger dieser Bezeichnungen doch nun wirklich nichts dafür, dass Wörter im Deutschen sich in ihrer Bedeutung ändern. Und dann gibt es noch immer Eltern, die ihre Kinder ein ganzes Leben lang mit einem Rattenschwanz vier- oder gar fünfsilbiger Erst-, Zweit- , Dritt- und Viertvornamen quälen. Gut, das sind meistens irgendwelche Adlige, die immer noch glauben, man müssen auch im 21. Jahrhundert den ganzen Ballast der eintausendjährigen Familiengeschichte mit sich herumschleppen. Anastasia Friederike Amalia Charlotte Burghulda Ottilie Gräfin von und zu Kutschenbächlein-Freudendorf hört sich dann auch schon wie eine Parodie an und ist es auch, andere würden vielleicht auch sagen, wie ein ganzer Roman. Dabei gäbe es doch auch Möglichkeiten, in die Namenlosigkeit zu entschwinden, wie zum Beispiel der Nachname O. Man stelle sich den schönen Namen A O vor, wie schnell ginge es zu unterschreiben. Hach ja.Lediglich einige Lehrer würden sich wahrscheinlich einige Zeit darüber ärgern, weil sie annähmen, dass dieses unmögliche Kind schon wieder nur die Initialen verwendet habe, dabei wurde doch mehrfach darüber gesprochen.

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Dach der Welt

Den ganzen Morgen schon schaut er immer wieder nach unten zu den Leuten, die aussehen, als hätten sie nichts mit ihm zu tun. Sie bemerken ihn auch nicht, starren auf die grauen Betonplatten des Gehweges. Keiner schaut, keiner wird hinauf schauen. Da die alte Therme nach einem viertel Jahrhundert und drei Jahren den Dienst quittiert hatte, muss eine neue eingebaut werden. Herr Nipp steht folglich auf dem Dach und schiebt von oben ein neues Kunststoffrohr in den Schornstein. Muss sein, hat der Heizungsbauer gesagt. Da Herr Nipp keine Angst vor Höhe oder je nachdem Tiefe hat, war beiden schon vorher klar, dass er diesen Job übernehmen würde. Er fühlt sich ein Stück weit erhaben hier. Wie schnell wie weit weg die Welt sein kann. Da braucht es nur acht oder zehn Meter. Er mag es wirklich, hier oben zu stehen, über seiner Welt, auf dem Dach der Welt.

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