Banker

Eigentlich hatte er ja vorgehabt, im Garten eine ergonomische Holzliege zu bauen, wie man sie von Seen kennt. Da sitzt man dann zu zweit drauf und lässt es sich gut gehen, wenn denn eine freie zu ergattern ist.Aber bisher hat die Zeit gefehlt. Mal kam dies dazwischen, mal das. Will heißen, im Grunde schiebt er das Projekt ein wenig vor sich her. Der richtige Schnüff

fehlt. Dabei weiß er gar nicht, warum. Egal, jetzt liegt er auf der einfachen harten Holzbank ohne Polster und hat sich einen dünnen Pullover unter den Kopf gezogen. Die Wolken ziehen, bilden Bilder, Mal abstrakt, dann wieder scheinbar gegenständlich, das alte Spiel. Die Vögel, als ginge es um was. Und zum ersten Mal seit Tagen kommt er runter, fühlt sich trotz der unbequemen Latte sauwohl. Und nein, er schläft jetzt nicht, wie vielleicht erwartbar, ein. Er fällt auch nicht von dem schmalen Sitzbrett. Aber als er sich nach einer halben Stunde erheben will, ist er so steif, dass es schwer fällt hochzukommen.

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Autofahrt

Er weiß wohl, dass er vor kurzer Zeit eingeschlafen sein muss, weggenickt, selbst in diesem Zustand der nicht-Wahrnehmung, der scheinbaren Abkapselung von der Außenwelt ist der Zustand bekannt. Er schreckt hoch, da muss ein Geräusch gewesen sein, vielleicht ein Rütteln. Das Auto fährt noch in der gleichen Spur. Glücklicherweise. Er ist nur Beifahrer.

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Tänzer

Da stehen dreißig Menschen um eine Person herum und schauen ihm völlig gebannt zu, was er da macht. Sie können es nicht fassen. Ein Tänzer bewegt seinen Körper, ohne hörbare Musik und doch scheint es, als habe er sie sich aus der Luft gegriffen, die Füße, die Hände, jeder Körperteil zeigt exakte Bewegungen, Rhythmen werden abgezirkelt durch den Körper gepulst. Jeder Knochen hat ein einzelnes Leben, jede Sehne eine eigene Funktion. Der Mann ist völlig in seine Welt verstrickt, versunken, als gäbe es kein Außen. Irgendwann stoppt er, der Körper wird zu einem normalen Körper unter anderen, die Menschen applaudieren. Und da bemerkt er sie. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich sie gestört habe, ich musste mich eben aufwärmen.“

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blumennämlich

Jeder Leser dieser Seite weiß es, jede Leserin hat mir gesagt, dass es langsam etwas viel wird mit all den Geschichten aus dem Garten oder der Natur. All diesen Beschreibungen von Pflanzen‘ Tieren und Steinen. Und dann diese Pilzgeschichtchen im Herbst. Es geht dem Erzähler ehrlich gesagt genauso, aber der ist einfach zu einfach strukturiert, um mal eben so eine neue Figur zu erfinden. Sie müsste ja mit all ihren Besonderheiten, den Tücken und Macken, dem sozialen Umfeld und der Vorgeschichte mühsam konstruiert werden. Das könnte dann vielleicht ein Motorradfahrer sein, dessen Erlebnisse auf dem Bock seines Zweirads weitläufig thematisiert wurden. Vielleicht handelte es sich auch um den Lastwagenfahrer, der gerade jetzt mal wieder ein Heidenspaß (Vorsicht Falle: laut einiger Neusprachler steht das Wort Heide auf der Liste der verbotenen Wörter, übrigens wie das durch den Diminutiv -ling abwertende Wort Häuptling. Nein, ich verbeiße mir hier jede Bissigkeit.) daran hat, die Autobahn durch ein quälend langes Überholmanöver über Zahn Kilometer Lange zu blockieren. Er könnte sich vielleicht auch mit jener Frau befassen, die sich dazu entschieden hat, ihren Mann als Hausmann daheim zu lassen, um selbst Karriere zunächst in der Wirtschaft, dann in der Politik zu machen. Ein wirkliches Themenfeld, das zu eruieren wäre. Stellen wir uns einfach vor, was sie alles zu erzählen hätte von ihren Geschäftsreisen und den Anmachversuchen der erbärmlichen Kollegen und den parteipolitischen Tiefschlägen bei internen Sitzungen. Vielleicht könnte Herr Nipp auch durch einen durchschnittlichen Lehrer ersetzt werden, der jeden Tag brav über seinen Heften sitzt, um zu korrigieren und zu benoten. Der sich ùber Eltern ärgert und darüber, dass er eben keine Karriere macht, weil er sich der falschen Seilschaft angeschlossen hatte. Alle die Möglichkeiten von anderen Figuren aus der Literaturgeschichte und dem wahren Leben. Zahnärztin, Bibliothekarin, Wirtin, Künstlerin, Pilot, Schriftsteller, Ingenieur, Maurer und Architektin, Musiker und Musikerin, Referent, Architektin, Grundschullehrerin, Designer, Trockenbauer, Sekretärin, Chirurgin, Physiotherapeut, Apothekerin und jede Menge an Studenten aller Fachrichtungen. Mannigfaltig wären die Möglichkeiten. Aber er bleibt bei seinem Herrn Nipp, alle anderen wären ihm zu real. Und in gerade diesem Moment denkt unser Alltagsheld über Blumennamen wie „Jelängerjelieber“, „Vergissmeinnicht“und „Gedenkemein“, wie „Löwenzahn“, „Knoblauchsrauke“ und „Nelkenwurz“nach und muss erfreut feststellen, dass diese zwischen Poesie und klarer Sachbeschreibung irrlichtern. Genau wie er selbst.

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Vor dem Raum

Sicherlich hätte dieser Text auch einfach „warten“ oder „warten auf“ heißen können, aber nein, bei der ersten Überschrift hätte die geneigte Leserin mir via Sprachnachricht zugerufen, dass es mindestens vier Geschichten von Herrn Nipp gibt, die ebenso heißen, bei der zweiten wären sämtliche Theaterkritiker dieser Welt auf die Barrikaden gegangen und hätten mit wutschäumenden Lefzen Brandsätze des Spottes auf mich niedergeschmettert, das gehe ja nun überhaupt nicht. Wir wissen ja, dasserste zur Statistik, letzte zur Theatralik neigen. Vor Literaturkritikerin muss ich persönlich weniger Angst haben, die beschäftigen sich gemeinhin nur mit solchen Schriften, die ihnen was einbringen. Herr Nipp gehört leider oder glücklicherweise nicht dazu. Nein, ich will sie natürlich nicht der Kungelei, der Schiebung oder gar der geistigen Vetternwirtschaft wie der Bestechlichkeit bezichtigen. Wir wissen schließlich alle, das darf und daher kann es das auch nicht geben. Niemand hat die Absicht solche Mauern zu bauen. So also zwei Worte einer Überschrift eines von mir verehrten Schriftstellers, der letztlich für uns alle unerreichbar bleiben wird. Auch wenn es ungezählte Adepten gibt, die aber letztlich medioker scheitern. Einer der schönsten Sprüche eines Freundes seit Jahrzehnten: „Da gehst du auf eine Ausstellung nach der anderen und musst meistens feststellen, dass die sogenannten Künstler am Mittelmaß gescheitert sind.“

Was also tun, wenn wir warten? Wenn wir darauf warten müssen, dass uns jemand die Türe öffnete. Wenn wir nicht wissen, wann und ob derjenige, der für eben diese Tür zuständig sei auch tatsächlich kommen werde, um uns aus dieser fast schon verdächtigen Situation zu entlassen und damit zu unserer persönlichen Freiheit beizutragen. Herr Nipp hat schon von vielen Lösungsansätzen gehört, immer wieder selbst auch neue praktiziert, aber seine Begleitung geht neue Wege. Mit einem Stück weißen Steins, den sie gefunden und eingesteckt hatte, niemand weiß schließlich, wozu er nützlich sein würde. Vielleicht zum Zeichnen, vielleicht auch, um ihn auf das Grab eines viel zu früh verstorbenen Freundes zu legen, irgendwann, aber wie es heißt, Steine und Kinder kann jemand nie genug haben, ja, sie hätte sicherlich auch Kreide nehmen können, wenn diese denn zur Verfügung gestanden hätte, zeichnet sie mit lediglich einer Linie eine durchaus komplexe Figur auf den Boden vor der Tür, lässt sich Zeit dabei, als habe sie es nicht nötig irgendwann einmal fertig zu werden. Herr Nipp beobachtet jede Bewegung, jede Kurve und gerade Strecke aufmerksam, gerät dabei wahrlich in einen zeitlosen Gedankenzustand. Gerade als sie mit ihrer Linie endet, kommt die Frau mit dem Schlüssel, grüßt freundlich und schließt auf.

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