Abschied nehmen

Klar, das Jahr ist mal wieder zu einem Ende gekommen. Wieder einmal ein denkwürdiges Jahr natürlich, zumindest für heute. Wir haben eigentlich immer denkwürdige Jahre. Nicht wegen der schlimmen und guten Ereignisse, nicht wegen der Kriege, der Korruption, der kleinen Siege und der tragischen Verluste, nicht wegen der vielen, sagen wir mal Menschen, obwohl es da eher einer anderen Kategorie bedürfte, die anderen Leid, echtes Leid zufügen, nicht wegen der Krankheiten, der Impfstoffe, der Meinungsunterschiede und des Ablebens berühmter Berühmtheiten, die wahrscheinlich keiner richtig kannte, nicht wegen der Energiekrise, vielleicht noch wegen der Krise der Klimaumwandlung und des Artensterbens, die in keiner Weise zu beschönigen sind, nicht wegen der rechten, linken oder all der anderen Aktivisten, nicht wegen des Terrors, von allen Glaubensrichtungen gegen alle anderen Glaubensrichtungen, nicht wegen all der politischen Gipfel, die mal hier, mal dort auf der Welt stattfinden, nicht wegen der Regierungsbildungen, Krönungen oder Abgänge, natürlich auch nicht wegen aller anderen ja so wichtigen Sachen, die uns von den verschiedensten Medien vorgeführt werden.
Das Jahr ist denkwürdig, weil du, liebe Leserin, lieber Leser, dieses Jahr gemeistert hast, weil du gelernt hast, damit umzugehen. Dieses Jahr ist denkwürdig, weil du angefangen hast, darüber nachzudenken und zu handeln, weil du vielleicht angefangen hast, dein Handeln umzustellen und zu hinterfragen. So kannst du von diesem Jahr Abschied nehmen, auch in der Gewissheit, das nächste wird wieder eine Herausforderung sein und du wirst die oder der sein, der es rocken muss. Ich wünsche dir Mut und Kraft, Gesundheit und ein gutes Stück Humor dazu.

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Faustisch

Eine ganze Gruppe junger Menschen sitzt auf den Stufen eines Kaufhauses der Kleinstadt, in welcher er wohnt. Ganz ernsthaft unterhalten sich die drei Jugendlichen offenbar über jemanden. “Nein, das kann doch nicht sein.“ “Doch die nicht!“ “Man kann es sich gerade gar nicht vorstellen, dass gerade unserer kleinen Heiligen sowas passiert.“ Immer wieder schreiben sie zwischendurch irgendetwas in ihr mitgeführtes I-pad. Zwischendurch kichern sie. Empörung und Spaß an der Sache scheinen sich ständig abzuwechseln. Völlig in ihr Ding vertieft zeiht die Welt an ihnen vorbei. Herr Nipp hat sich inzwischen einen Kaffee bei der gegenüberliegenden Bäckerei bestellt und hat sich einen unauffälligen Ort gesucht, von dem aus er alles überblicken kann. Hier eine Kleinfamilie mit quengelndem Kind, dort die Jugendlichen, einige Rentner hat er auch schon ausgemacht, die seit inzwischen gut zwanzig Minuten da sitzen, in aller Ruhe ihren Kuchen Stück für Stück genießen und sich aktiv anschweigen. Bei den Jugendlichen wird es manchmal lauter, dann hört er auch Gelächter, nicht fies, sondern echt belustigt und manchmal irgendwie wissend. Aufgeschreckt wird er, als er von einer weiteren Gruppe Jugendlicher angesprochen wird. “Wir sind Schüler des Deutsch-Leistungskurses. Haben Sie eventuell Zeit, einige Fragen für ein Unterrichtsprojekt zu beantworten?“ “Natürlich werde ich euch unterstützen, wenn es mir möglich ist. Ich habe nicht so viel Ahnung von Literatur.“ “Nein, nein, das sind nur ganz allgemeine Fragen, für die man nichts über Literatur wissen muss. Wir machen eben ein Projekt. Unser Lehrer ist der Meinung, wir sollten Unterricht auch mal außerhalb der Schule machen, damit wir nicht nur in einer Blase leben, sondern auch die Realität erleben.“ “Na dann, man tau.“ “Bitte?“ “Dan man zu, fangen wir an.“ “Also, wenn sie nicht antworten wollen, weil es eventuelle peinlich ist, dann ist das völlig in Ordnung.“ Er wundert sich, dass Jugendliche dieser Tage tatsächlich in der Lage sind, ganze Sätze ohne Digga und Alta und Anglizismen zu formulieren. “Nein, fangen wir an.“ “Was halten Sie davon, wenn ein alter Mann eine junge, vielleicht sogar minderjährige Geliebte hat?“ “Ihr meint so ein Suggardaddyverhältnis?“ “Sie kennen das Wort?“ “Hey, ich bin zwar alt, aber nicht aus der Welt gefallen.“ “Entschuldigung, das war jetzt ein Schock. Die meisten älteren Leute sprechen so etwas nicht so offen an.“ Es entspinnt sich letztlich ein richtig gutes Gespräch, irgendwann setzen sich die drei Schüler dazu und Herr Nipp gibt ihnen ein Getränk aus. “Ist Sex vor der Ehe in Ordnung?“ “Wie kann man Jugendliche am besten vor grundlegenden Fehlern schützen?“ “Ist Abtreibung in Ordnung“ “Darf man die eigenen Eltern hintergehen?“ “Was ist schlimmer: Fehlverhalten oder Bigotterie?“ usw. Die Fragen werden abgearbeitet und nach bestem Gewissen beantwortet und plötzlich haben die Schüler so viele andere, neue Fragen, die ihnen ganz spontan einfallen. Vielleicht gerade, weil sie nicht mehr in ihrer Schulblase sind und sich mit einem Menschen aus der realen Welt unterhalten. Gut gelaunt bedanken sie sich und wollen gerade gehen, als Herrn Nipp noch eine Frage auf den Nägeln brennt: “Gehören die drei da drüben auch zu eurem Kurs?“ “Ja, aber die haben ein ganz anderes Thema, die entwerfen einen Dialog zwischen zwei Freundinnen von Gretchen in der Alltagssprache.“ “Thema?“ “Gretchen ist schwanger geworden, dabei war sie doch immer die zurückhaltendste und gläubigste von allen.“ “Jetzt verstehe ich, was ich da eben gehört habe. Ich dachte schon, ihr wäret noch genauso engstirnig wie die Menschen zu meiner Jugend.“ “Das sind wir, aber meistens geben wir das nicht zu.“

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Natürlich kratzt es

Eine neue Hose zu kaufen ist für Herrn Nipp immer so eine Sache. seit Kindheitstagen ist ihm dies einfach lästig. Da war zum einen das Erlebnis, bei dem die Verkäuferin zur Mutter gesagt hatte, aber das wurde hier ja schon besprochen, dass er einen dicken Popo habe und es deswegen gar nicht so einfach sei, eine Hose für ihn zu finden. Was ihn letztlich jahrzehntelang dazu gebracht hatte, nicht über ein bestimmtes Gewicht zuzunehmen, komme, was da wolle. Zum anderen die Leidenschaft eben seiner Mutter zu nähen. In regelmäßigen Abständen nähte diese in den siebziger Jahren zu Geburtstagen oder Weihnachten dann Tweethosen und die kratzten. Im Sinne von KRATZEN. Eigentlich fand er den Stoff ja sehr cool vom Aussehen und ist auch heute noch der Meinung, dass Tweet wirklich toll aussieht. Seitdem hat er jedenfalls nie wieder Tweet getragen und als er letztens ein Jacket mal anprobierte meinte der Verkäufer mit einem leicht süffisanten Lächeln: „Natürlich kratzt es.“ Für Herrn Nipp auf jeden Fall ein Grund, dieses Stück hängen zu lassen. Stattdessen hat er sich eine flauschig weiche Stoffhose gekauft.

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Was heute ist

Die Gedanken, denkt er, sind viel schneller, als sie zu erfassen wären, darum ist jedes Schreiben auch nur so etwas wie die Ahnung von etwas Einfangen, damit uns nicht alles verloren geht. Dabei ist es vielleicht gar nicht so wichtig, überhaupt irgend etwas davon aufzuschreiben, wenn er an die Endlichkeit alles Seienden erinnert wird. Also sitzt er in seinem Sessel, wir wissen ja, der schwarze Lebersessel gegenüber dem Kamin, versucht möglichst nichts zu denken und fühlt sich schon ein Stückchen freier.

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Ruhig vor dem Turm

Seit Stunden gefühlt wartet er nun schon und die Reihe wird nicht kürzer, ja sie scheint sich gar nicht zu bewegen. Dabei möchte er diesen Besuch nutzen, um auf den Turm zu kommen. Erst abends wird er bemerken, dass er nicht in der Besucher-, sondern der Beobachterreihe steht.

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