Füße und Tische

Erlebnis aus Herr Nipps Kindheit:

Die zwei Jungen sitzen sich gegenüber, beide mit verschiedenen Mienen, der eine grinst unverschämt, der andere brummelt vor sich hin. Der Lehrer beobachtet das einige Zeit. Erst als er unter den Tisch guckt, versteht er. „Steht mal bitte beide auf!“ „Wieso?“ „Damit ihr die Plätze wechseln könnt.“ „Wieso?“ „Wie ich sehe, hast du deine Füße unter seinem Tisch stehen. Wenn du dich umsetzt, wärest du näher bei deinen Füßen.“ Der frech grinsende Junge wird rot. Tomatengleich rot, vollreif. Aber er versteht.

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Café au lait

Er könnte sich natürlich auch einen Kaffee an dem Automaten brühen, der in der kleinen Kaffeeküche oben steht. Dort müsste er sich eben kurz an den fünf bis sieben Kollegen vorbei mogeln, die den Ort zu ihrem Treffpunkt auserkoren haben, um über geheime und vielleicht sogar gaaaanz schlimme Vorkommnisse zu reden, von denen niemand etwas mitkriegen soll. Zumindest keiner von den Nichteingeweihten, vom inneren Kreis. Über Affären vielleicht oder wer gerade warum beim Chef sitzt. Also wirklich heikle Informationen, die nur hinter vorgehaltener Hand weiter gegeben werden. Weitergegeben werden können. Aber vielleicht ist das schon zu viel gesagt, denn wer weiß, wer das hier liest. Herr Nipp hat sich dagegen entschieden, keine Gerüchte, Grüppchenbildungen oder gar Seilschaften, Beruf ist und bleibt bei ihm Beruf, fertig. Er verbringt seine Pause lieber in der Cafeteria, das kostet zwar etwas dafür aber kann er ein nettes Pläuschchen mit einer der ebenso netten Damen hinter dem Tresen halten. Da geht es nicht um Verschwiegenheiten und Bündnisschwüre, sondern vielleicht um die Erlebnisse am Wochenende oder den gelungenen Kuchen, den die eine von ihnen als Thementorte gebacken hat. Möglicherweise zum 90. Geburtstag oder zum Start der Fußball-EM. Natürlich trinkt er sich hier eine der erträglichen Kaffeekreationen aus dem aufgestellten Automaten, aber dafür hat er um diese Zeit Platz und Ruhe für sich. Er wird die Tageszeitung durchblättern, welche jeden Tag ausliegt, vielleicht sogar einen lesenswerten Artikel finden, was sehr selten vorkommt. Er wird einfach ein paar Minuten vor sich hin stieren und ohne Gedanken und Stress dort sitzen. Kleine Freiheiten jedes Mal. Und er weiß, dass da oben in der Kaffeküche eigentlich eine Gerüchteküche eingerichtet wurde, die ihn selbst nur marginal betrifft.

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Befürchtung

Das könnte er jetzt wirklich nicht akzeptieren. Eine Überschrift, die mit ung gebildet ist, hat so etwas Festlegendes. Das Schreiben Existenzialisten oder Thrillerautoren. Ernsthaftigkeit und Schund kommen sich im Ung nahe. Allerdings nur in diesem Wortanhang. Nein, Herr Nipp zieht da einfache Wörter vor, die nicht auf Biegen und Brechen nominalisiert sind, aber er hat ja auch keine Ahnung.

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Mal wieder langweilig

Warten. Er sitzt und wartet, gefühlt macht das Warten ein Drittel seines Lebens aus, warte, was natürlich nicht so ist, aber jeder weiß ja wartend, dass das Warten genauso langweilig ist und damit mehr wahrgenommene Zeit kostet, wie (oder heißt es als?) einen Text zu lesen, der alle paar Wörter wörtliche Wiederholungen bietet. Die Zeit zieht sich wie ein Kaugummi, in das man versehentlich im Sommer auf der Marktpassage getreten ist. Die meisten Menschen nutzen solche Situationen für: genau, für nichts. Andere essen sich eine Portion Currywurst Pommes oder zwei, wieder andere zücken ihren Taschencomputer, lassen sich von Filmchen berieseln, welche die einschlägigen „Asozialen Netzwerke“ in rauen Mengen liefern, von hübschen wie nichtssagenden Menschen, den sogenannten Influencern, von Misshandlungen an Tieren, von sportlichen Unglaublichkeiten und unglaublich schlecht gefälschten Entdeckungen und was auch immer. Herr Nipp liebt ja diese laufenden Bilder, in denen innerhalb weniger Sekunden unglaublich effektvolle Gemälde produziert werden, inhaltsleer und ähnlich denen, die man in Rom und Paris anredet Straßenecke für wenige Euro erwerben kann. Es lebe der Hübschismus. Er findet es auch toll, wenn Urlauber angeblich am Strand Seeungeheuer entdecken oder in einer Baustelle das Skelett eines echten Riesen. Mindestens zehn Meter hoch. Neuerdings findet er immer wieder Abbildungen von Meerjungfrauenskeletten, die angeblich schon 1000 Jahre alt sind. All das wird natürlich von der Wissenschaft verschwiegen. Gerade hat er beschlossen, endlich sein Smartphone aus der Tasche zu ziehen, da kommt die erwartete Person um die Ecke, ebenfalls ein Endgerät in der Hand und schwachsinniger Weise gestikulierend in ein Gespräch vertieft. Er wird noch einige Minuten das Gespräch ertragen müssen. Wie? Natürlich wartend.

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Der Tag

Der Tag neigt sich dem Ende zu. Herr Nipp sitzt auf einem seiner beiden schwarzen 60er Jahre Ledersessel bequem nach hinten gelehnt. die Augen hat er geschlossen. Er lauscht. Nichts zu hören, lediglich das Plätschern des Wassers im Aquarium, sonst ist alles soweit still. Kein Wind draußen, niemand, der ihn anruft oder stören möchte. Es scheint ihm fast, dass dieser Tag zu Ende gehen möchte ohne irgendein Ereignis, ohne irgendeine Spitze. Aber ist ist auch eine wahre Kunst und zeugt von Selbstbeherrschung, von morgens bis abends fast ohne Bewegung auf diesem Sessel zu sitzen.

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