lange Reihe

Aus der langen Reihe seiner Schallplattensammlung hat er sich die erste Soloplatte von Beth Gibbons gezogen. Gleich mit den ersten Tönen der Instrumente und Klängen ihrer außergewöhnlichen Stimme driftet er in eine andere Welt. Ja, aus der langen Reihe der Sänger und Sängerin tritt sie heraus und fährt ihm immer, wenn sie hören hören ist, durch sämtliche Nervenzellen und Synapsen.

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Melencolia

Den alten Druck von Albrecht Dürer hat er vor Augen, wenn es ihn manchmal überkommt. Dieses Gefühl verlorener Zeit oder besser gesagt Jugend, die irgendwann eben einfach abhanden gekommen war. Dann erfasst ihn zuweilen eine gewisse Melancholie, alle Dinge scheinen ihm verstreut herum zu liegen. Man müsste alles nur aufheben und in eine Ordnung bringen und schon könnte Weltbewegendes entstehen. Kunst vielleicht oder Musik, ein Text oder gar eine Erfindung, die alles ins Wanken bringt. Und er sitzt nur da, denkt nach oder hat das Gefühl, dass er diese Nacht unbedingt noch nach draußen muss, die Beine bewegen. Alles nimmt er intensiv, geradezu körperlich wahr, die Klänge, die Farben, Dunkelheit und Kälte, alles ein Stimulus, den er nicht zu fassen bekommt, nicht zu ordnen. Und manchmal fragt er sich dann, wann das wohl anfing, dass ihm die Jugend entglitten ist.

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Arbeitskreise

Es geht und gilt noch immer die alte Weisheit „Wenn du nicht mehr weiter weißt, dann bilde einen Arbeitskreis.“ Meist ergibt das durchaus Sinn. Wo einige Menschen zusammen kommen, finden sich Ideen, die kombiniert Zugkraft entwickeln und Probleme lösen. Zuweilen sitzt auch Herr Nipp in solchen Gruppen, die sich meist weniger freiwillig, dafür aber motiviert zusammentun. Die Aufgaben gestalten sich dabei manchmal angespannt bis diffizil, je nach Gemengelage, je nach Themenfeld. Und nicht zu vergessen, je nach Menschenzusammensetzung. Am besten sind Gruppen, die zielorientiert oder produktbezogen interagieren. Das schlimmste Konglomerat sind Häufutngen von narzisstischen Selbstdarstellern. Dann geht er irgendwann unter einem Vorwand. „Mein Hund- ihr wisst schon- hat Durchfall.“ Niemand wird dann fragen. Dann arbeitet er letztlich allein am Thema, ohne Garantie und mit Freude.

Als gerade eine Kollegin zur Rede ansetzt, weiß er schon, das wird den Prozess um Stunden zurückwerfen. Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommend, verlegt sie ganze Parkettböden. Eine halbe Stunde später steht er draußen. Er war aufgestanden, hatte etwas vor sich hingemurmelt, das sich irgendwie nach Zahnschmerzen angehört hatte.

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Schreiben, nicht zählen

Da sitzen zwei von diesen jungen Menschen vor ihm. Da er gerade nichts zu tun hat, hat Herr Nipp die Aufsicht übernommen. Er soll einfach nur da sitzen und darauf warten, dass die Mädchen ihre Arbeit schreiben und nicht mogeln. Das wäre schließlich verwerflich und führt zur Abwertung. Dabei sieht er immer wieder, dass beide zwischendurch die Wörter zählen. Offenbar schreiben sie noch einige Wörter dazu, wenn es nicht reicht. Bei jeder Aufgabe mehrfach zählend, Kopfschütteln, weiterschreiben, am Ende weinen beide vor Erschöpfung. So wenig haben sie wahrscheinlich noch nie geschrieben. Eigentlich auch klar, wenn sie die meiste Zeit damit verplempern zu zählen.

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Rhythmus

Nach und nach wurden die Rasenmäher und sämtliche weitere motorisierte Gartenbewaffnung angeworfen. Heckenschneider, klar, die Gebläse natürlich auch und nicht zu vergessen das Gerät mit hohem Wasserdruck, mit dem jeder Gartenstuhl von winterlichen Hausstaubresten befreit wird. Manchmal kommen noch Freischneider oder Rasentrimmer, selten auch Mulchgeräte und anderer Schabernack. Am effektivsten dabei ist das Gerät , welches den größten Lärm erzeugt. Der Rhythmus der Motoren bestimmt an die drei Stunden dieses wundervollen Frühlingstages die Geräuschkulisse der Nachbarschaft. Vögelrufe und Gezwitscher werden ausgeblendet, alles unterliegt dem Ratterrhythmus der Gartenhelferarmee, der eher an die Musik der frühen Einstürzenden Neubauten, denn an Idylle erinnert. Als alle Nachbarn fertig und die ersten Grills schon angefeuert sind, wartet Herr Nipp noch ein halbes Stündchen genüsslich. Dann schmeißt auch er seinen knatternd stinkenden 70er Jahre Rasenmäher an und freut sich darüber, was die lieben Nachbarn denn nun denken mögen.

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