Neue Kategorie: Kurznovellen

Sie bestehen oft nur aus zwei Sätzen, beinhalten aber alles, was eine Novelle braucht, ein unerhörtes neues Thema, ein Falkenmotiv und eine klare lineare Zeitstruktur. Ab heute werden sich unter dieser Rubrik pointierte Texte aneinander reihen, die es in sich haben. Das sind Texte für alle, die keine Zeit haben, einen ganzen Roman, eine Novelle oder auch nur eine Erzählung zu lesen. Am 14.05.2012 (kalte Soffi, ach nein, die ist ja erst am 15.) um 20 Uhr geht es los, für Rückmeldungen wäre ich dankbar.

Die ersten Texte dieser kurzen Literaturschnipsel habe ich übrigens auf der diesjährigen Huntenkunst in Ulft (NL) geschrieben, kurz vorher hatte ich in Karls Atelier noch ein Buch mit solchen Texten gelesen, dort benannt als Kürzestromane. Dieser Titel schien mir etwas unpassend, fehlten mir dort die verschiedenen Entwicklungsstränge. Die Idee grundsätzlich aber finde ich so gut, dass nun eigene Texte folgen.

Rund 30 Texte sind bereits fertig, so kann jeden Tag ein neuer eingestellt werden. Viel Spaß!

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Pausensnack

Schmausend stand das versammelte Kollegium in der Pause um den liebevoll bestückten Tisch. Dort lagen einige Hartbrote mit und ohne Cerealien, mit Schinkenstückchen oder auch schwarzen Bröckchen, die sich klar als Oliven erwiesen. Daneben standen einige unbeschriftete Gefäße mit köstlich duftender Pastete. Ein Lehrer hatte aus der Küche einige Teller und das wichtige Messer besorgt, das Brot gebrochen, die Gefäße geöffnet, sich von beidem  reichlich genommen und war zu seinem Platz gegangen. Es stellte sich gar nicht ernsthaft die Frage, wer der noble Spender sei, alle anderen Kollegen griffen auch zu. Bestätigten sich gegenseitig den hervorragenden Geschmack, diese besondere Note. Das musste wohl schon ein runder Geburtstag sein. Es fehlte eigentlich nur das geeignete Getränk, vielleicht Sekt mit Orangensaft. Eventuell noch ein Nachtisch mit frischen Erdbeeren. Aber hier hatte der werte Spender wohl nicht zu Ende gedacht. Es konnte sich also nur um einen der Jüngeren handeln. Vielleicht eine Beförderung? Die Fragen und Gerüchte machten ihre Runde, niemand fand die richtige Antwort und der Chef schwieg sich vielsagend grinsend aus.

Über dreißig wohlig schmatzende Lehrer, zwei hurtig hinzu gekommene Sekretärinnen. Ein visuell-akustisches Bild mit besonderer olfaktorischer Note, das man nicht vergisst, wenn man es einmal erlebt hat. In solchen Situationen konnten die Schüler an die Lehrerzimmertür klopfen wie sie wollten. Da sperrte man die Ohren Richtung Serviceleistung zu, schließlich wusste jeder einzelne, dass das Festmahl nur zu schnell zu Ende sein konnte. Zwanzig Minuten Zeit, auch die materiellen Ressourcen waren beschränkt. Man hatte schließlich Hunger. Und in solchen Situationen ist sich jeder selbst der nächste. Großzügig gab man wohl dem Nachbarn etwas vom Brot ab, doch die Pastete schmierte man sich fast gleichzeitig fingerdick auf die eigenen ergatterten Stücke. Gegen Ende der Pause sah die angerichtete Tafel schon  gerupft aus, nur noch spärliche Reste waren zu finden. Einige Kollegen hatten noch Pastetenreste gleichmäßig auf der Krawatte und um den Mund verteilt, einige Teller wiesen noch Krümelpuren auf, die allerdings zufrieden lächelnd säuberlich mit dem feuchten Finger zu Mund geführt wurden.

Als Herr Nipp vom dringenden Gespräch mit dem Hausmeister ins Lehrerzimmer  zurück kam, musste er feststellen, dass irgendwer die selbst gemachten Hundekuchen und die neuen Katzenfuttervarianten, welche kurz dort abgestellt waren, unauffindbar weggeräumt hatte. All die Mühe umsonst. Ärgerlich vor allem, wissend, wie es riecht, wenn man aus leicht angegammelten Schlachtabfällen, die sich in den Restecontainern des Schlachthofes finden, für die Haustiere kocht.

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Auf Anrufe warten

Es ist durchaus gewagt, ein mobiles Telefon mit zur Badewanne zu nehmen. Wenn man jedoch ganz dringend auf einen bestimmten Anruf oder zumindest auf eine Meldung wartet und diese partout nicht kommen will, wird einen auch das Wasser und die damit verbundene Feuchtigkeitsgefahr nicht davon abhalten, das technische Gerät mit den vielen Funktionen auf den Badewannenrand zu legen. Man kann viel über die Multifunktionalität von solchen technischen Errungenschaften nachdenken, es ist auch schon viel spekuliert worden, wie es weiter gehen könnte, was noch aufgesattelt werden könnte. Ja, sogar Philosophen haben sich inzwischen mit dem Mobiltelefon beschäftigt, da es sich nun anschickt, zu einem weiteren, zu einem externen Organ des Menschen zu mutieren. Schnittstelle in die andere Welt, die der Daten. Wir leben inzwischen in zwei Welten, ob die Politik das nun einsehen will oder nicht. So gesehen kann hier sogar von einer Art säkularem Schisma gesprochen werden. Darüber aber wollte er gar nicht nachdenken. Dies überließ es lieber dem eintönigen Geplänkel der neudeutsch genannten Nerds. Das größte Manko war in seinen Augen sowieso die Tatsache, dass die drei wichtigsten Funktionen immer noch nicht installiert waren: Bügeleisen, Küchenmixer und Bohrmaschine.

Ein Buch befand sich in seiner linken Hand. Ein ausgiebiges Bad ohne Lesen wäre für ihn nicht denkbar gewesen. Dieses von Wärme umspült sein musste einfach von einer inneren Befriedigung begleitet werden. Manchmal taten es dann einfach Romane, manchmal ein Gedicht. Oder ein Essay mit starkem Inhalt. Das wirkte dann wie die erste Zigarette, die man wie im Rausch inhaliert.

Herr Nipp hatte diverse Anrufe getätigt und niemand war dran gegangen. Versuchsaufgeber. Er hatte auch schriftliche Kurzbotschaften versendet, ohne Erfolg. Der Kanal blieb einfach leer. So saß er also in seiner Schaumburg ohne Palais und lenkte sich mit einem netten kleinen Roman namens „VORN“ von der schnöden Realität des Wartens ab. Warten an sich prägt zwar unser Leben zu großen Teilen (Hatte es eigentlich schon eine wissenschaftliche statistische Erhebung zum Thema warten gegeben? Wieviele Jahre des Lebens verbringt man im Wartemodus?), hoffnungsloses Warten aber ist eine kaum erträgliche Marter und nicht immer entspringt ihr eine Welterkenntnis wie beim Warten auf Godot. Auch so werden Märtyrer geboren. Diesen Abend würde nichts mehr kommen, so sehr er auch an sie dachte. Nein, die kleinen Indizien sprachen eindeutig dagegen. Da er nachmittags nicht bei ihr erschienen war (und dafür hatte es wohl gute Gründe gegeben), würde sie sich auch nicht melden und seine stumme Bitte erst mal ignorieren.

Dass das Vibrieren, dieses verheißungsvolle regelmäßige Summen, das den gesamten Untergrund in Schwingungen versetzt, ihn aus der Welt der Buchstaben riss, verwunderte nicht. Wer genau hinschaut, der wird sofort verstehen, welche Faszination das in ihm auslöste. Die Wellen wurden über die Badewannenwand (alte Gussbadewanne aus Kruppstahl) ins Wasser übertragen. Der ganze Körper so mit einer feinen Schwingung geflutet. Nach dem vierten Mal, öffnete er seine Schiebetelefon und nahm an. Schon auf dem Display konnte er den Namen lesen und schlagartig hellte sich sein Gesicht auf. Damit war nicht zu rechnen gewesen. Kaum zu hoffen gar. Der besonderste Mensch aus anderen Tagen. Ein Stützpfeiler, immer wenn es darauf ankam. Ein langes Telefonat folgte, mit all den Haken und Ösen, mit versteckten Schlingen und Fallgruben, Frotzeleien, kleinen Spitzen und Verfänglichkeiten, die sich nur in langer, echter Freundschaft aufbauen können. Vertrautes Geplänkel und Seelenbalsam. Genau die richtige Medizin für diesen Abend.

Nur dann, wenn man ohne Eifersucht liebt, auf einer Ebene, die nicht zu erklären sein würde. Metaphysik? Nein, es gibt Zufälle, nicht umsonst ist im Griechischen das Wort Schicksal gleich Zufall.

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Invasionär

Kaum der Tristesse des allgemeinen Alltags entronnen, kümmerte er sich liebevoll um den Garten. Auch wenn Außenstehende sicherlich vermutet hätten, dass er eine gewisse Wut im Bauch haben musste, denn wütend, geradezu grob sah das Geschehen wohl aus, er arbeitete mit einer unglaublichen inneren Freude. Wieder einmal hatte Herr Nipp entdeckt, dass sich in einem kleinen Seitenbeet seines ebenso kleinen Grundstücks der Giersch ausgebreitet hatte. Nun gibt es nur zwei Möglichkeiten diesem Gärtnerfeind Nr. 1 Herr zu werden. Entweder man konterminiert den ganzen Boden großflächig mit Unkraut-Ex oder man trägt die obere Bodenfläche ebenso großflächig ab und hofft, dass alle Rhizome mit erwischt werden. Dann füllt man das Ganze in schwarze Plastiksäcke und gibt großzügig ungelöschten Kalk darauf. Zwar kann man davon ausgehen, dass damit so ziemlich alles im Mutterboden abgetötet wird, immerhin lässt sich dieses Gemisch, welches nun mindestens den ganzen Sommer über in praller Sonne liegen muss, dann im nächsten Jahr als Zwischenstreu für den Komposter nutzen. Da er grundsätzlich gegen alle Gifte im Garten ist (sogar die Schnecken werden nicht mit blauen Körnern zum kulinarischen, aber langsamen Tod verführt, sondern eigenhändig mit der Gartenschere und Nackenschnitt ermordet.) , wählte Herr Nipp die zweite Methode. Die alten Johannisbeer- und Josterbeerbüsche wurden ausgegraben und durch heftiges Klopfen auf den Boden von jeglicher Krume befreit. Alles Abfallende war als Abfall zu betrachten, mehrere Säcke füllten sich, übereinandergestapelt nicht gerade eine Augenzier, trotzdem dann demnächst ganz praktisch. Die Büsche mussten nun nur noch auseinander gerupft werden, alte Holzteile entfernt. Nach getaner Arbeit pflanzte Herr Nipp die Pflanzen in neue Pflanzerde, die er käuflich in dem nahe gelegen Gartenzentrum erworben hatte, schlämmte alles mit mehreren Eimern voll Regenwasser ein. Schon acht Wochen später sollte er sich wundern, statt des Gierschs würden sich unter den vertrockneten Obstgehölzen explosionsartig Ackerwinden  ausbreiten, die er mit der neuen Erde eingeschleppt hatte.

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Schattenwurf

Im Vorbeigehen, aus dem Augenwinkel fast, bemerkte er die Wucht des Schattens und wurde an die Bilder erinnert, die ihm vor Jahren Anstoß gegeben hatten. Anlass des Reflektierens. Es war nicht relevant, woher dieser Schatten stammte, was er abbilden wollte, es zählte nur die Erscheinung. Und in diesem Sinne kam Herr Nipp dann zu einer kleinen Erkenntnis, ohne überhaupt etwas über jene berühmte Höhle zu wissen, in der die Menschen noch heute vom Feuer abgewandt freiwillig an die Wand starren und sich weigern ans Sonnenlicht gezerrt zu werden.

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