Herbstwind

Ein herber Sommerwind bringt das Laub, die Bäume in rhythmische Bewegung, lässt die Blätter nach oben klappen und plötzlich erscheint die Natur silbrig. Einiges Grün wirbelt durch die Luft, erst einige Monate alt, wurden die kleinen Sauerstofffabriken bereits vom Baum ihrer Aufgabe entbunden, abgestoßen. In der modernen Arbeitswelt hieße es dann wohl geoutsourced, früher hieß es abgestoßen.  Sie haben ihren Job getan, werden in Tagesfrist verwelken und schnell wieder zersetzt. Als Herr Nipp aus dem Fenster schaut, sieht er gerade noch das Rotschwänzchen in die Tiefe stürzen, den Schnabel voll Futter. Eigentlich ein Frühlingsanblick, Futter für die Brut. Im Nachbarhaus bewegt sich noch nichts, die Rollläden befinden sich noch im Heruntergezogenmodus. Als müssten sie das Haus vor dem Tag schützen, als schliefe das gesamte Gebäude. Lediglich die Toilettenfensterchen auf den Treppenabsätzen haben keine Verschlussmöglichkeiten. Diese anachronistischen Räumchen für Einzeltopf, eventuell mit wahnwitzig winzigen Waschbeckchen haben einfach keinen Platz für einen Schließmechanismus. Ganz spartanisch, Tür, Sitz, Becken, Fenster und Rollenhalterung für das hoffentlich weiche Papier. Nicht wie ganz früher fein säuberlich gerissene Zeitung oder dieses harte graue Zeug, auch Schmirgelpapier geschimpft, mit dem man sich einen Wolf rieb. Erst gegen zehn werden die Verdunklungen automatisch betätigt. Was die Bewohner wohl in der Zwischenzeit machen? Irren sie in tastenden Bewegungen fast blind durch die Räume, schlafen sie gar?

Bis dahin ist der Beobachter, unser kleiner Held des Alltags bereits längst mit seiner selbst auferlegten Arbeit fertig. Dann hat er bereits gefrühstückt und steht bereit für die anfallenden Outdoor – Aufgaben. Der Garten muss dringend gemacht werden, die mit Kompost gedüngten Beete haben die etwas unangenehme Eigenschaft innerhalb weniger Tage Unmengen an Biomasse zu produzieren. Was für Gemüse und gepflanzte Stauden ja sicherlich wünschenswert wäre, kann in Bezug auf die verschiedensten Wildkräuter allerdings nur bedingt gutgeheißen werden.

Ein Jahr lang hat Herr Nipp eine gewissenhafte Statistik geführt, jeden Eimer, jedem Gartensack mit (Un-/ Wild-)Kräutern, Gartenschnitt, Laub und Grasrückschnitt auf die Waage gestellt und hatte ermittelt, dass insgesamt mehr als 2 Tonnen jährlicher Biomasse im Garten zusammenkamen. Daraus wurde dann jedes Jahr zwischen 200 und 300 kg feinster, weil gesiebter Kompostdünger. Durch Verdunstung und biologische Verwertung durch Kleinstlebewesen, durch Zersetzung und Verwesung baute sich wohl ein gehöriger Teil der Biomasse ab. Letztlich zu Kohlendioxid und seinem liebsten Gartendung. Nein, das war keine wissenschaftliche Studie im strengen Sinne gewesen, er wollte sich einfach einmal Sicherheit über geleistete Arbeit verschaffen. Einfach Beobachtung eines dilettierenden Hobbygärtner, der mehr über seinen Garten wissen wollte, als in den einschlägigen Fachzeitschriften stand. Woraus andere vielleicht ihre Dissertation gemacht hätten, war für ihn nur Sache des eigenen Ehrgeizes – sich selbst gegenüber – ohne jegliche akademische Konsequenz.

Draußen wurde also gerupft und geschnitten, was das Zeug hielt, die Beete mussten frei werden für neu besorgte Stauden. Dazu ging man übrigens niemals in ein Geschäft, das wäre gegen die Ehre, sondern man ließ sich solches von anderen Kleingärtnern schenken. Inzwischen wurde also einer der drei derben Komposter beschickt. Schön in Schichten, damit es zu einer guten Durchmengung kam. Immer mal wieder wurde eine Schaufel aus dem ältesten Haufen dazwischen geworfen, zur Impfung. Die Kleinstlebewesen  sollten sich möglichst schnell verbreiten. Einer der drei Haufen musste immer ein ganzes Jahr lang ruhen, wurde dazu mit etwas Mutterboden abgedeckt und mit Kartoffeln und Kürbis bepflanzt.  Über den Sommer sackte dieser dann um ein Drittel bis zur Hälfte in sich zusammen, worüber sich die Ranke des Hokkaido freute, denn sie konnte sicher in die freigelegten Holzstreben greifen und sich festhalten. Einer wurde aktuell bestückt und den ältesten von vorletztem Jahr trug er im Laufe der Zeit ab. Zum Düngen oder Impfen genutzt, eine Wohltat für jeden Garten. In bis zu drei Zentimeter Dicke konnte der Dünger auf die Beete aufgetragen werden. Hervorragender Humus und Nährstofflieferant, vor allem auch schön, wenn ordentlich gesiebt war.

Über den Winter wurden sämtlich alle drei mit flachen Steinen abgedeckt, das hielt die entstehende Wärme besser und sorgte dafür, dass eine konstante Feuchtigkeit vorherrschte. Damit konnten die Kleinlebewesen, wie Schimmel, Pilze, Asseln, und Springschwänze, Würmer, Schnecken, Scheinskorpione und Tausendfüßler ziemlich lange arbeiten und sorgten für eine schnelle und vor allem radikale Zersetzung. Außerdem hatten die Mäuse auf diese Art ein sicheres und warmes Zuhause für die kalte Jahreszeit. Wer glaubt, dass letztere nur schädlich seien, der täuscht sich gewaltig. Herr Nipp hatte irgendwann eingesehen, dass Mäuse wichtig waren, sogar nützlich, denn sie zerlegten die harten Schalen von Pflaumen- und Kirschkernen. Wer im Garten Mäuse jagte, war für ihn ein Umweltsünder, genauso wie jeder Vogelfänger. Das hatte die Natur zu besorgen, dafür gab es schließlich Katzen, Wiesel, Marder und Elstern.

Die Reste vom Sieben, die dicken Zweige, die Steinchen und Wurzeln, wurden einfach auf den nächsten Haufen geworfen und hatten ein weiteres Jahr Zeit sich zu entwickeln.

Herr Nipp war wieder einmal ins Grübeln geraten, hatte das Gartenjahr Revue passieren lassen und vergessen weiter zu arbeiten. Er stand auf den Schüppenstiel gestützt und starrte in das Grün. Von außen betrachtet gab er das Paradebeispiel für ein Arbeiterdenkmal. Wie oft kann man solche Skulpturen auf Autobahnbaustellen sehen. Da stehen dann ganze Gruppen auf den Stiel gestützter Arbeiterdenkmale (oder heißt es Denkmäler?) zusammen, als hätte ein Künstler seine Arbeiten dorthin geschafft. Hyperrealismus a´ la Duane Hanson.

Als er gerade wieder anfangen wollte zu jäten, wurde ihm bewusst, dass es angefangen hatte wie aus Eimern zu regnen. Das würde ihm heute zumindest das Gießen ersparen. Er trabte gemächlich zur überdachten Terrasse, setzte sich zufrieden in einen der weißen Holzsessel und freute sich über die Perspektive, die sich ihm bot. Zwischen den Regenschauern leuchteten zuweilen fast vorsichtig die Strahlen der Sommersonne. Vielleicht würde es diesen Tag irgendwann aufhören zu regnen, dann wäre er sicherlich bereit.

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Sichtopfer

An solchen Abenden, wenn er allein ausgeht, vielleicht um neue Leute kennen zu lernen, vielleicht auch nur, um andere zu beobachten, kann er sich oft nur wundern. Leute, die kein Problem damit haben, wenn sie beobachtet werden, es sogar darauf abzielen. Sie haben die entsprechende Kleidung angezogen, auffällig und etwas abseits der Norm. Manche legen ein besonderes Verhalten an den Tag, das anzeigt, hier wird geschauspielt. Einige beziehen ihre Selbstachtung, ihr Ego gerade daraus, dass sie gesehen werden, fremdbeurteilt und bewertet. In diesen Situationen kann aus der Selbstzuschaustellung und expliziter Außenwahrnehmung tatsächlich eine Form von Reibungsenergie entstehen, die nicht zu unterschätzen ist. Dann springen Funken über, die Epidermis wird zur Gänsehaut. Die Beobachter wie scheinbaren Sichtopfer können von diesem Vorgang durchaus profitieren; die einen laben sich am Gesehenen. Die anderen? Ohne gesehen zu werden, verliert sich der Selbstwert. Zu wissen, dass tausend Blicke an einem Menschen hängen, kann auch der schwächsten Kreatur die innere Stärke eines Löwen geben, für ein paar Minuten.

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Alt gegen jung

Gerne macht er bei seinen Fahrradtouren Pause an abgelegenen Bolzplätzen. Dort kann Herr Nipp immer wieder Kinder und Jugendliche beobachten, die noch wirklich Freude am Fußball haben, ja sie eifern sicher auch ihren Vorbildern nach, doch vor allem wollen sie selber spielen, in wechselnden Mannschaften, wollen jubeln und sich in den Armen liegen, wenn sie ein Tor geschossen haben.

Dieses Mal sieht er dort ein Fußballspiel zwischen Erwachsenen und ihren Kindern. Die Alten gegen die Jungen. Sie strahlen alle, versuchen sich gegenseitig auszuspielen, erschöpfen sich. Eine fast wunderbare Atmosphäre, gibt es so etwas wirklich noch in einer Zeit, in welcher eigentlich alle von einander getrennt vor ihren Bildschirmen sitzen und spielen, virtuell versteht sich.

Er kann sich noch daran erinnern, dass der Nachbarsvater früher jeden Samstag mit den gesamten Kindern der Nachbarschaft zum Fußball fuhr. Der Fordkombi wurde mit bis zu acht Kindern vollgepackt und dann ging es zum nächsten freien Sportplatz, dort wurde ordentlich gespielt. Es ging damals das Gerücht, der habe in seiner Jugend in einer bekannten Mannschaft gespielt. Tatsächlich konnte er so manche Tipps und Technicken weitergeben. Dieser Mann hatte die Hochachtung der ganzen  kindlichen Nachbarschaft.

Die Jungen zeigen sich hier agil, ständig in Bewegung, mit vielen kleinen Tricks versuchen sie die eher behäbigen Alten auszuspielen. Mit Taktik, mit einem engagierten Torwart, der offensichtlich keine Angst vor dem Ball hat, der versucht, jeden Ball zu erwischen. Jeder Ball wird erkämpft. Die Alten bauen auf Größe und Überblick, bauen auf ein solides Stellungsspiel, Stationen werden besetzt und angespielt. Allerdings werden diesen unbeweglichen Titanen die Bälle einfach flink geklaut. Völlig überrumpelt finden sich die Alten schon nach 10 Minuten bei einem soliden 1:4 Rückstand wieder. Peinlich. Sie erschienen völlig verdutzt, müssen sich ein- und umstellen, werden selbst agiler, beginnen die Statik aufzulösen und erkämpfen sich nun Bälle zurück.

Herr Nipp fühlt sich erinnert an den Kampf zwischen den alten und jungen Göttern in den Mythologien des  antiken Griechenlands. Die Jungen spielen die Elterngeneration gewitzt aus. Die Alten merken es zu spät, versuchen, können sich allerdings nicht mehr wehren und werden wohl letztlich abgesetzt und auf das Altenteil verbannt.

Aber die Tore fallen nun auch auf der Gegenseite, zum Ende steht es 6:6. Das nächste Tor soll die Entscheidung bringen. Das ist der Unterschied zwischen geregelten Spielen und solchen freundschaftlichen Angelegenheiten, wenn man erschöpft ist, beendet man das Spiel mit einem golden Goal. Einer der Jungen schießt den Ball auf das Tor, trifft einen der Herren versehentlich mit voller Wucht mitten ins Gesicht. Der steht etwas benommen auf der Linie. Der Ball kullert ins Tor.  „Sorry, Papa“

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Ameisen

Auf einer Lieferempore sitzt Herr Nipp und lässt seine Beine baumeln. Normalerweise würde er in das Gebäude gehen, allerdings hat er seinen Schlüssel verliehen und niemand ist da, der ihm öffnen könnte. Er hat ein kleines Buch aus seiner schwarz-weiß gestreiften Tasche geholt und angefangen zu lesen. Das Druckwerk ist nicht besonders dick, vielleicht an die 120 Seiten stark und die Textblöcke sind großzügig aufgeteilt – es scheint sich von außen betrachtet um Gedichte zu handeln. Immer, wenn er einen dieser Texte gelesen hat, kann ein Innehalten beobachtet werden. Die sonst so klaren braungrauen Augen irren ins Leere, bleiben an einem undefinierbaren Fixpunkt haften. Ja, der Blick wirkt etwas leer und sogar unbeholfen. Dann scheint Erkenntnis aufzuflammen. Ein fast scheues Lächeln erobert das Gesicht. Dies dauert nicht allzu lange, vielleicht ein bis zwei Minuten. Dann wird weitergeblättert, die nächste Seite gelesen. Ganz anders als man heute auf Bahnhöfen und an Bushaltestellen beobachten kann, wo junge und alte Menschen mit gebeugtem Nacken auf einen kleinen Bildschirm schauen und versuchen sich der Welt mitzuteilen, ohne allerdings die Welt um sich wahrnehmen zu können. Anders als jene Leser der neuen E-books , die keine Seiten mehr zu blättern brauchen. Er greift in die Seiten, blättert um, in echt. Er spürt das Papier zwischen den Fingerspitzen, jene sanfte Rauheit eines guten Papiers für Texte, nichts Glattes ist daran, alles scheint sich mit der Haut verbinden zu wollen. Er liest konzentriert, auf den Text bezogen, in sich zurückgezogen. Zunächst stummes Nichtreagieren, irgendwann sachtes Kopfschütteln, dann ganz plötzlich bricht es aus ihm heraus, dieses feine, fast nicht sichtbare Lächeln. Die Stirnhaut entspannt sich und auf der rechten Wange bilden sich zwei leichte Furchen, die Augen werden mit einem feinem Gespinst von Lachfältchen umgeben. Dieser Vorgang wiederholt sich einige Male. Einige Stunden.
Plötzlich springt er von seinem Ansitz herunter, hinkt ein wenig und reibt sich die Oberschenkel. Ein Bein zumindest scheint eingeschlafen zu sein. Gerade wenn man so sorglos auf kaltem Beton sitzt und weltvergessen dort seine Zeit verbringt, kann das passieren. Er massiert immer heftiger, reibt die Haut. In Italien sagt man nicht eingeschlafen, sondern verameist, hatte ihm mal eine gute Freundin verraten, jene ferne Sehnsucht. Dieses Wort fasst den Zustand wirklich treffend. Es fühlt sich an, als würden tausende Ameisen unter der Haut ihre verwirrenden Wege ziehen, ohne Start und Ziel, orientierungslos. Er geht einige Schritte im Kreis, stabilisiert sich. Das Bein scheint seine Funktion wieder aufzunehmen. Auf der Rampe liegt noch immer das Buch, er wird sicherlich gleich weiterlesen und darauf warten, dass irgendwann irgendjemand kommt, um ihm aufzuschließen.

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Ehemannzipation

Dieses Wetter ist genau nach seinem Geschmack, nicht zu warm und manchmal kommt ein erfrischender Schauer. Wenn es dann einen ganzen Vormittag regnet, kann ihn das auch nicht weiter stören, weiterhin geht Herr Nipp davon aus, dass es nur schlechte Kleidung gibt, nicht aber solches Wetter. Außerdem fühlt man sich durch das regelmäßige Aufsuchen der Sauna durchaus gesundheitlich gestärkt. An diesem Tag muss unbedingt der Gemüsegarten gemacht werden. Mitte Juli wird es Zeit, dass die Mohnstrünke und Erbsenranken herausgerissen werden und neues Gemüse gesetzt wird, Porree und Steckrüben wahrscheinlich, vielleicht auch Grünkohl.

Auf dem Weg nach unten in den Garten liegt auf einem kleinen Höckerchen eine Emma. War das nicht die Zeitschrift von jener streitbaren Dame, die allerdings inzwischen sogar Werbung für eine große Boulevardzeitung machte? Das Flaggschiff der deutschen Emanzipation, hier wurden die großen Genderdiskussionen geführt, hier regte man sich über die Girliebewegung Anfang des 21. Jahrhunderts auf, diesen vielbeschriebenen und bekrittelten Rückschritt auf dem Weg zur wahren Gleichberechtigung. Hier kämpften intelligente Frauen gegen die Diskriminierung des weiblichen Geschlechts. Herr Nipp konnte sich noch gut daran erinnern, dass die Leitartikel während seines Studiums immer wieder zu heftigen Diskussionen unter den Studierenden führten. Letztlich landeten die coolen Jungs und jungen Frauen dann doch zusammen im Bett, aller Emanzipation zum Trotz.

Auf der halbverrotteten weißen Plastikbank liegt eine Papiertüte mit zwei Mehrkornbrötchen, daneben eine PETflasche mit anderthalb Litern Mineralwasser, medium versteht sich, das kann man schneller trinken. Und bei der Gartenarbeit ist es wichtig, viel zu trinken, nichts Alkoholisches versteht sich. Wasser oder akoholfreies Weizenbier sind angesagt. Manchmal hilft auch ein Tee oder Saft. Die Brötchen sind nicht mehr unversehrt, Herr Nipp hat einige Stücke herausgebrochen und sie zwischendurch in den Mund gesteckt. Er liebt es, wenn man manchmal etwas zu kauen bekommt. Seine Füße zieren ziemlich zerfurchte und abgetragene Lederschuhe, ehemals hatte er sie braun gekauft, irgendwann dann schwarz umgefärbt, inzwischen stehen sie kurz vor der Auflösung. Nach spätestens sechs Jahren sind solche Schuhe einfach abgetragen.  Sie gehen in den Zustand des Zerbröselns über. Das ist allerdings auch nicht weiter schlimm, denn sie haben kaum im Regal gestanden und damit ihren Zweck hinlänglich erfüllt. Der fette dunkle Boden hat sich dickklumpig an die Sohlen geheftet und erschwert das Gehen etwas, Herr Nipp muss die Füße höher nehmen, als es ihm normalerweise gefällt. Letztlich macht das allerdings nichts aus, denn er ist völlig auf seine Arbeit konzentriert.

Nebenan streitet ein Ehepaar im Haus, das stört die Idylle des allgemeinen Vogelgezwitschers ein wenig, inzwischen geht das Gekeife in die dritte Runde, Türen werden geknallt, manchmal dann wieder Ruhe. Herr Nipp kennt die beiden vom Sehen. Sie sitzen gerne auf der Terrasse, haben dann meist den Grill angeworfen und braten sich ein Kottlett nach dem nächsten. Dementsprechend haben die beiden auch einen beträchtlichen Umfang entwickelt, Biomasse aufgebaut. Man sagt ja gerne, dass Dicke gemütlich sind.Das obligatorische Bierchen rundet die Sache im wahrsten Sinne des Wortes ab.

Zur abgeschnittenen Jeans passt Herrn Nipp das ausgefärbte, ehemals schwarze T-shirt ausgezeichnet. Tief in der Hocke reißt er büschelweise Vogelmieren und die Reste des Frühsommergemüses aus, Spinat und Möhren, einige ausgeblühte Radieschen. Die Ranken der Erbsen zieren noch vereinzelte Schoten. Er pflückt sie und steckt diese entweder ganz in den Mund oder öffnet sie und lässt die grünen Kugeln in diesen rollen. Die jungen Erbsen zerplatzen süßlich zwischen Zunge und Gaumen. Ältere haben einen eher schärferen, fast metallischen Geschmack. Die verdorrten Mohnstrünke werden in einen Eimer gestopft und regelmäßig zum Komposter gebracht. Die Kapseln hat er bereits geerntet, aus dem bläulichen Mohn wird er wohl einen Kuchen backen. Die leeren Samenschoten an ihren langen Stielen bringt er später einer bekannten Floristin, die sie für Gestecke verwenden wird. Ein Busch an Beinwell wird entfernt, der hat im Gemüsebeet nun wirklich nichts zu suchen. In den Staudenbeeten mag man ihn gerne sehen, hier aber macht sich Beinwell einfach zu breit.

Wieder flammt vom Nachbarhaus die Lautstärke herüber. Wenn die Nachbarskinder streiten und sich angiften, dann ist das noch erträglich, hier aber werden die Nerven aller Ruhesuchenden arg strapaziert. Wieder knallen Türen. Wieder Ruhe, Herr Nipp ist gespannt, wann die Komödie weitergeht.

Der Boden wird gemacht, geharkt und von lästigem Wildkraut befreit. Am nächsten Tag sollen auf dem Wochenmarkt neue Gemüsepflanzen gekauft werden. Dort kann man auch einige nette Gespräche führen. Manchmal bekommt man auch gute Gartentipps von anderen Kleingärtnern, die aus Liebhaberei immer noch kleine Parzellen bewirtschaften und nicht alles dem Diktat der Zierschönheit, des Ziergartens unterworfen haben. Gerade im ländlichen Bereich findet man solche liebevoll angelegten Gemüsegärten noch. Zwischen den Bohnenstangen stehen dort in ordentlichen Reihen die verschiedenen Lieblinge, die letztlich doch geernet und gegessen werden. Auch wenn die Ernten nicht ganz so üppig aussehen wie aus Industrieherstellung, so haben diese Gemüse doch einen ganz besonderen Geschmack. Hier wird oft noch mit Kompost und Pferdemist gedüngt. Nicht mit Kunstdünger und Gülle. Man achtet auf hohen Humusgehalt des Bodens, tauscht untereinander Tipps und Pflanzen. Zwischendrin finden sich alte Bauernstauden, Alant und Kreuzkraut, auch der giftige Eisenhut, der verspielte Flox, nicht vergessen sollte man die Iris und verschiedene alte Asternsorten für den Herbst. An den Beeträndern wuchert der Frauenmantel. Schnecken werden auf dem Land mit Bierfallen und Schere bekämpft, manchmal auch mit blauem Korn, aber man weiß um den Nutzen der Igel, denen immer einige Haufen aus Zweigen und Gartenresten zur Verfügung stehen. Einige Kartoffeln, die ganz knapp unter der Oberfläche liegen und vom Dauerregen freigespült wurden, klaubt er noch aus dem Boden heraus, sie werden am nächsten Tag als Pellemänner gegessen, Pellkartoffeln. Mit frisch gemachter Kräuterbutter immer ein Genuss.

Die Lautstärke im Nachbarhaus schwillt an, die Terrassentür wird aufgerissen, der wirklich dicke Mann tritt heraus, dreht sich um und ruft mit seiner Bassstimme ins Haus: „…und übrigens; mein Bauch gehört mir!“

 

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