Notizzettel

Als Herr Nipp die alte wiederentdeckte Jacke aus den achtziger Jahren angezogen hatte, stutzte er. In der linken Tasche fand sich ein Zettel, den er vor vielen Jahren geschrieben haben musste. „Ich ziehe dein benutztes T-shirt an, streife mir deinen Geruch über und kann in den Schlaf gleiten, ohne nachzudenken. Du bist um mich und schützt meine Träume.“ Der Text kam ihm vor wie ein Gebet. Auf der Rückseite war einer jener Träume aufgezeichnet, der zugegebener Weise etwas schrullig daher kam. „An mir hüpfte eine Amsel vorbei, hatte ein Rotschwänzchen im Schnabel, im aufgerissenen Maul, schien es. Sie blickte unschuldig und der halbverschlungene Vogel schlug noch hektisch mit einem Flügel. (Traum)“Die Erdnussschalen, die er erfühlen konnte, zeigten, dass sich sein Geschmack nicht grundlegend geändert hatte.

Glücklicherweise fand sich in der rechten Tasche neben einer alten Packung Buccaneertabak mit Blättchen auch noch ein Zwanzigmarkschein. Auf dem stand zufällig ein weiteres Wort: Zufrieden.

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Vertrauen

Die Situation einem Menschen zu vertrauen, dachte Herr Nipp, wird immer seltener. Und bestimmte von diesen Leuten möchte man am liebsten nie wieder sehen. Dabei war ihm ganz klar, dass er noch den Schlüssel brauchte, glücklicherweise würde die Überwachungskamera jede Bewegung festhalten.

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Messevergnügen

Draußen regnet es in Strömen, nein, das kann man nicht als Sommerwetter bezeichnen. Da in den Räumlichkeiten nicht geheißt wird, ist die Temperatur über Nacht in den Keller gegangen. Glück haben diejenigen, die ihren Stand in der Nähe der Cafeteria haben, dort wird der Backofen regelmäßig geöffnet, dann kommt schon mal ein Hauch von Wärme hinüber. Sie sitzen auf der Messe herum, warten auf Interessenten für ihre Arbeiten. Es kann sein, dass von Zeit zu Zeit Sehleute halten, interessiert schauen, wahlweise dann die linke oder rechte Hand zum Kinn führen. Manchmal vielleicht ein Gespräch suchen. Meistens aber verschwinden sie genau in dem Moment, wenn die Wartenden den Augenkontakt suchen. Irgendwann beginnen die wartenden Standbesitzer dann eine imaginäre Statistik zu führen. Vier Kategorien von Frauen werden dort erfasst, die man auf Kunstmessen finden kann. Zunächst sind da die Normalen zu nennen. Sie haben sich gut, aber eben nicht besonders auffällig gewandet. Meist sehr angenehme Gesprächspartner, die interessiert fragen und oft durchaus gewisse Kenntnis besitzen. Dagegen heben sich die Rucksackträgerinnen ab. Oftmals treten diese erstens in Rudeln auf, sie machen sich zweitens ein Vergnügen daraus, eine unglaubliche Flut von Fragen zu stellen, oder aber völlig stumm zu sein. Diese Kategorie hat die meisten Unterkategorien, denn es gibt die Frauen mit kleinen Rucksäckchen aus Leder, was ziemlich albern aussieht, denn hinter dem oft massigen Rücken hängt dann ein glänzendes winziges Päckchen, das realiter nicht nutzbar ist. Andererseits gibt es diejenigen mit Tourenrucksäcken. Diese Gerätschaften sind zwar sehr zweckmäßig, sie wirken allerdings auf Indoorveranstaltungen seltsam deplatziert. Speziell auf Kunstmessen aber finden sich die zwei weiteren Kategorien, die diese Events als Laufsteg nutzen. Einerseits jene, welche sich hauptsächlich in dunkelgrau und schwarz gewanden und dazu einen meist roten Farbtupfer, sei es mit Hilfe der Brille, eines Schals oder Gürtels, der Tasche oder der Schuhe setzen. Sie zeigen ihr so wahres und ungeheuer existenzialistisches Interesse an der Kunst an sich, machen oft selber zu Hause „etwas“, oder gehen häufig ins Museum, einige wenige haben auch eine Galerie. Sie müssen durchaus ernst genommen werden. Wirklich ernst, das zeigt schon die schwarze Farbe. Andererseits allerdings gibt es noch die Extravaganten, die jedes Mal drei Stunden früh morgens vor dem Messebesuch vor dem Kleiderschrank stehen und ihre Komposition zusammenstellen, da stimmt dann aber auch wirklich alles, sogar Lippenstift und Nagellack sind dann zu hundert Prozent stimmig. Wunderbar. Sie sehen exotischen Gewächsen nicht unähnlich, die sich im Dschungel ihren Weg ans Licht kämpfen müssen, ihre Existenznische suchen und diese in der Ungewöhnlichkeit finden.  Ein Glück, dass es regnet, dachte Herr Nipp, dann muss ich nicht gießen.

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Unsichtbare Mächte

Die unsichtbaren Mächte, die uns umgeben, die uns prägen. Ganz unesoterisch: Luft, Strahlen, Wellen, Bits und Bytes, Gefühle und die Zeit. Alles andere lässt sich wohl darunter zusammenfassen. Aber bitte – lasst das Gefasel von unsichtbaren Kräften, von Erd- und Orgonstrahlung, von den Geistern und Engeln, das haben wir hoffentlich endlich hinter uns gelassen.

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Die 15 Gebote oder Strategien zum Erfolg

Nach allen Beobachtungen, die Herr Nipp gemacht hatte, sah er, dass immer wieder die gleichen Prinzipien funktionieren würden. Er machte sich in seinem Notizbuch tiefschürfende Gedanken und schrieb auf, was sich als geballte Informationen herausstellte. Dabei hatte er wohl nicht den Anspruch, alle Mittel beschrieben zu haben.

 

  1. Nutze jede Beziehung, die dir nutzen bringen kann. Mit jedem Mittel. Bedenke dabei immer: Es gibt keine Moral, sollte dir jemand nicht mehr von Nutzen sein, distanziere dich von ihm.
  2. Wenn du eine kleine Idee hast, dann blähe sie auf. Ob nun das Format einer Fotografie ins Unermessliche vergrößert wird oder ein Text, völlig egal.
  3. Sei peinlich.
  4. Betreibe bei all deinen Handlungen ein effektvolles Patzieren bekannter Namen. Hauptsache, du wirst mit ihnen in Verbindung gebracht, mit ihnen in einem Atemzug genannt. Verleugne dabei aber auf jeden Fall Vorbilder, distanziere dich im Gegeteil ganz bewusst, kritisiere und ziehe sie in den Dreck. Stelle dich zumindest auf eine Stufe mit den Großen.
  5. Erkläre jeden eigenen Fehler zur Kunst, du hast alles genau so gewollt, verurteile allerdings jeden noch so kleinen der Anderen.
  6. Falle auf, um jedem Preis, und sei es, dass du Geschmacklosigkeiten verwendest. Mn knn ch vllg nvrstndlch rgmntrn. (Man kann auch völlig unverständlich argumentieren.)
  7. Behaupte, dass du in der obersten Liga spielst, auch wenn du Kreisklassenniveau hast.
  8. Zeige, was du hast, auch wenn es auf Pump basiert. Sei dabei niemals bescheiden.
  9. Fordere mehr, als du erwarten kannst und sei beleidigt, wenn weniger geboten wird.
  10. Nutze jedes Medium für deine Zwecke.
  11. Klaue anderen Leuten ihre Ideen und behaupte, es seien deine. Zeige dabei deinen Avantgardestatus.
  12. Sei ungerecht.
  13. Setze die Ellenbogen ein, auch wenn du abends mit Bandagen schlafen musst.
  14. Alle eingesetzten Werbemittel zahlen sich aus.
  15. Beobachte die konkurrenz genau und finde einen Weg, ihr zu schaden.

 

 

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