Promibonus

Die Dolomiten will er endlich einmal wieder sehen, will die Berge spüren, jenem unbeschreiblichen Ruf nachkommen, von dem die Menschen seit Urzeiten sprechen. Sehnsuchtsmotiv. Es ist eine eigentümliche Mischung aus dünner, duftiger Luft, aus dem steten Übergang zwischen den verschiedenen Vegetationszonen, den Steinen und dem eigenen Klang. Er weiß gar nicht, wie er das in Worte fassen könnte und beginnt einen langen und umständlichen Text, Brief wohl. Herr Nipp ist müde von der langen Fahrt. Hatte sich auf das Navigationsprogramm eines mitgeführten Mobiltelefons verlassen und wurde von diesem auch verlassen. In die Irre geführt. Einige Abfahrten wohl verpasst und drei Stunden länger gebraucht. Wer will schon durch die bayrische Dorflandschaft geführt werden, bei plästerndem Regen? Am nächsten Tag sieht er die wahren Berge, zerreißt den Brief, alles vergessen und weiß, dass in seinem Zimmer schon der berühmte Reinhold geschlafen hat – Promibonus.

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Zwei

Sie sitzen sich gegenüber. In gegenseitiger Bestätigung. Während der Andere ganz selbstverständlich große Pläne für die Zukunft schmiedet, bleibt Herr Nipp ganz ruhig und bescheiden, trotzdem euphorisch. Eine ausgleichende Wirkung. Er hat eine ungefähre Ahnung von dem, was wohl wahrscheinlich kommen könnte. Es ist nichts Spektakuläres mit ihm, denn das können andere weit besser. „Besonders berühmte Berufspessimisten behaupten breitbeinig blasiertes Blendwerk, wann wohl wieder wichtige Wendungen weiterführen würden.“

Man versteht sich. Wenn Herr Nipp seine einfachen Gedanken formuliert, ganz bescheiden, manchmal eine selbstgedrehte Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger der linken Hand, versucht sich sein Gegenüber in ausgefallenen Wortwendungen. Man merkt ihnen an, dass diese schon mehrfach durchdacht wurden, so glatt gehen auch schwerste Konstruktionen über die Lippen. Werden dadurch zu scheinbaren Lebensweisheiten, die besser nicht hinterfragt werden sollten, man würde sich in ihrer Tiefe verlieren.

Die beiden Männer verputzen ihre kleinen Köstlichkeiten, trinken einen guten Wein. Sie wissen um das Außergewöhnliche ihrer Freundschaft, um die Umwege und Zufälle. Für andere würde die Situation wohl eher anstrengend wirken. Genau deshalb ziehen sie sich ja zurück.

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Fensterrahmen

Im Haus gegenüber dem kleinen Getränkemarkt steht der Mann wieder in den Fensterrahmen gelehnt. Er hat eine aufgerollte Badezimmermatte unter den aufgestützten Armen liegen und betrachtet die unter ihm liegende Szene zufrieden mit abgeklärter Neugier. Was bewegt sich unten auf dem Bürgersteig. Die Haut hat eine satte Solariumbräune, der Schädel ist sauber und glatt rasiert. Das Kinn ziert ein sehr gepflegter Fünftagebart, der nicht nur ein wenig an das große Vorbild eines ewig nörgelnden Bürohengstes aus dem Fernsehen erinnert. Zwischen Zweige und Mittelfinger seiner rechten Hand hält er eine selbstgestopfte Zigarette. Wenn junge und mittelalte Frauen mit tiefem Ausschnitt vorbeiziehen, in ihren ewigen Handyplausch vertieft, dann reckt er den Hals etwas und lächelt, wenn er etwas schön Gerundetes zu sehen bekommt.

Jedes Mal wenn Herr Nipp Mineralwasser und alkoholfreies Weizenbier einkauft, dann sieht er vor der Kasse stehend dieses Schauspiel und muss an die alten Frauen denken, die in seiner Kindheit in der gleichen Pose im Fenster saßen. Sie hatten sich ein Kopfkissen untergelegt und unterhielten sich über drei oder vier Stationen über die Straße hinweg. Da es keine Durchgangsstraße war, ging das auch ganz gut, ohne von lästigen Autos gestört zu werden. Jeden Samstagmorgen, wenn er die Brötchen von der sogenannten Hausbäckerei holen musste, konnte dieses Schauspiel erlebt werden. Eine saß immer vor dem Haus auf der Treppenbank. Die Frauen waren sehr alt und sprachen damals noch in Plattdeutsch. So schnell, dass er nichts verstehen konnte. Vielleicht einzelne Brocken. Keine ganzen Zusammenhänge.  Er war immer etwas neidisch auf diese Geheimsprache gewesen, die inzwischen kaum noch eine Überlebenschance hatte. Auch die Plattdeutschvereine lebten nicht gerade vom Nachwuchs, sondern verzögerten nur den Niedergang dieser schönen Kultur. Einige Sätze hatte er wohl auswendig gelernt, allerdings handelte es sich hierbei eher um einen familieninternen Running Gag, den niemand sonst ohne großes Erklärwerk verstehen konnte. Wenn die alten Leute von früheren Zeiten erzählten, wurde immer wieder ganz stolz erwähnt, dass jede Stadt, ja jedes Dorf ein etwas anderes Platt „gekuiert“ hatte. Ja, inzwischen gingen sogar die sauerländer Eigenheiten der deutschen Hochsprache durch die Allgegenwart der Unterhaltungs- und Informationsmedien langsam zurück. Vielleicht wurden alle Wortendungen mit „-er“ immer noch „a“ ausgesprochen, auch das lange „ie“ aus „diese“ wurde zu „i“ verkürzt, die „Karte“ hieß „Katte“, aber das war es inzwischen auch schon fast. Fernsehen und Radio sei Dank. Trotzdem sind Münsterländer (nicht die Hunde) immer noch in der Lage, einen Sauerländer zu erkennen. Ein spanischer Tanzstudent, der im Sauerland Deutsch gelernt hatte, ermutigte seine Kommilitonen dann auch folgerichtig, alle „-er“ als „-a“ auszusprechen, alles andere sei Blödsinn. Man hört, das sei ihm heute noch peinlich.

Als ein Mann unter dem Beobachtungsposten des Glatzkopfes hergeht, den dieser ganz offensichtlich nicht mag, denn das gesamte Gesicht verfinstert sich augenblicklich, kann Herr Nipp plötzlich Gedanken sehen. Innerhalb einer Sekunde. Eine Veränderung in Böshaftigkeit und fieses Grinsen. Er schnippst an der Zigarette. Die Asche fliegt dem Gehenden entgegen und landet zielsicher auf dessen Haaren.

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Vorstellung

„Stellen Sie sich einmal vor, sie hätten die nächsten Jahre kein mobiles Telefon mehr, könnten sie ohne leben?“ Unerwartet war Herr Nipp in der Stadt angesprochen worden, hatte kurz nachgedacht und dann klargestellt, dass er erst seit kurzem ein Handy habe. Er denke wohl, das sei kein Problem.

Zu Hause angekommen jedoch musste er feststellen, dass sein Kommuniaktionsgerät weg war. Den gesamten weiteren Abend verbrachte er mit aufgeregtem Suchen.

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Freiheit

Auf dem Weg war ihm schon häufiger aufgefallen, dass einige Passagen eine überproportionale Ermüdung zur Folge hatten. Er fühlte sich einfach ausgelaugt, wenn bestimmte Abschnitte dieser Strecke befahren wurden. Da konnten noch so viele Kurven wie aus dem Nichts auftauchen und die Strecke zum Abenteuer machen, es half alles nichts und er begann zu gähnen. Dann musste er sich recken und natürlich die Seitenscheiben des Wagens öffnen, man kennt es. Der Wind steigt wie ein Beifahrer ins Auto ein und scheint neben dir Platz zu nehmen. Manchmal schlug er sich auch mit flacher Hand auf die Oberarme und hatte dann für einige Sekunden das Gefühl absoluter Wachheit. Manchmal hängen Schmerz und Wachsein elementar zusammen. Herr Nipp hatte vor grauer Urzeit einmal einen Film gesehen, in dem der Protagonist eine Schraube oder einen Nagel in der Hand hielt und diese immer weiter in das Fleisch bohrte, um ja auch wach zu bleiben. Sicherlich eine etwas seltsame Vorstellung, aber doch nachvollziehbar.

Oft, gerade wenn Herr Nipp seine starken Kopfschmerzen hatte, dann kam ihm schon mal der abstruse Gedanke, dass beides unabdingbar zusammenhing. Und trotzdem schickte der Schmerz ihn immer in eine andere Welt, wach ja, aber in einer Parallelrealität. Hier aber, in dieser Welt, wusste er seit seiner ersten Fahrt, dass diese scheinbar unendliche Kurvenstrecke durch die südwestfälische Hügellandschaft zur Erschöpfung führen musste. Und das ging ihm seit rund 20 Jahren so. Er ließ das Fenster ein weiteres Stück herunter. Früher hatte er in seiner alten Citroén 2CV4 Ente noch die Scheiben hoch klappen können – in der Hoffnung, dass die Arretierung halten würde. Gerade bei rasant hohen Geschwindigkeiten um die hundert km/h war dieser Vorgang durchaus schwierig. Eine unerwartete Böe konnte die Sicherheit einer solchen Höllenmaschine durchaus gefährden. Wenn der Wind in den Innenraum schlug, wackelte das Gefährt oft bedenklich. Immer war dieses sehr urtümliche Auto der perfekte Kompromiss zwischen einem praktischen Transporter, einem durchaus funktionablen Regenschirm und einem Cabriolet gewesen. Leider half kein Tricksen und Schrauben, der Solexvergaser schickte den sprittigen Schreckenshauch des Treibstoffs bis in die Fahrerkabine, da konnte es schon mal gefährlich werden, eine Zigarette anzuzünden. Manchmal konnte die Nachbarschaft dann schon einmal an der Haustür klingeln und sich über den unverschämten Benzingeruch, der sich um das Auto verteilte, beschweren. Auch wenn der Verbrauch auf hundert Kilometern damals durchaus gering gewesen war, die Verdunstungsrate bei Stillstand glich das wieder aus. Aller entenromantik zum Trotz; diese Autos waren einfach ungesund. Und die Konfrontation mit einer Leitplanke oder gar einem Mercedes hätte wohl kaum ein Fahrzeughalter überlebt.

Bei den neuen Fahrzeugen allerdings konnte man getrost davon ausgehen, dass der Schalter des Fensterhebers  seine Arbeit machen würde, den Befehl an einen kleinen Elektromotor übertrug und das Fenster wie von Geisterhand geöffnet wurde. Auch die Musik war inzwischen auf höchstes Maß verändert worden. Auf anschlag gedreht, der Rückspiegel vibrierte im Takt der Bässe. Mächtiges Wummern in den Ohren und vor allem die Bauchgegend wurde gereizt. Zwar konnte er die Musik von dieser CD kaum noch ertragen, weil er sie in der letzten Zeit zu oft gehört hatte, doch jetzt war sie einfach sehr hilfreich. „Lehrkörper und Theisten haben sich hoffentlich tot gelacht und nicht wie sonst ins Fäustchen gemacht.“ Wenn Herr Nipp dann mit schräger Stimme und immer etwas neben der angesagten Tonlage mitsang, dann konnte er trotz all seiner tief steckenden Müdigkeit ein Gefühl von der Freiheit entwickeln. Dann wurde er zu einem Nippie auf Zeit, um genau zu sein für anderthalb Stunden und sieben Minuten.

 

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