Bookdating

Während ihm eine völlig fremde Person gegenüber sitzt, juckt Herrn Nipp das linke Knie. Kein angenehmes Jucken, eher das Gefühl eines überflüssigen Dauerreizes, welcher jeden Menschen auf kurz oder lang , wohl oder übel, früher oder später, auf jeden Fall aber mit absoluter Sicherheit in den fassungslosen Wahnsinn treiben kann. Vergleichbar vielleicht mit der Gewissheit, während man unbedingt und ganz nötig zum stillen Örtchen muss, dass der Vorgesetzte sein einberaumtes Dienstgespräch noch lange nicht als beendet betrachtet. Ein Jucken also, welches mit jedem Moment noch schlimmer wird. Man stelle sich einen Gefesselten vor, dessen vorher mit Salzlake bestrichene Füße nun von einer Ziege abgeleckt werden. Der Leidende kann nichts tun und ergibt sich seinem geradezu pathetisch schicksalhaften Leiden, wird im wahrsten Sinne des Wortes passiv, eben leidend. Herr Nipp erträgt die vom Schicksal auferlegte Bürde heldenhaften Mutes, wird weder die Beine gegeneinander reiben, noch das vielfältigste Werkzeug auf diesem Erdenrund  zum Kratzen benutzen, die Hand. In dieser Situation sich zu kratzen, sich kratzen zu müssen, wäre es nicht nur unhöflich, sondern geradezu ein Vergehen, ja, vielleicht ließe sich ein solches Handeln gar zu einem gewissenlosen Verbrechen am Intellekt des Anderen stilisieren. . Lieber diese innere Unruhe ertragen, als ein solches Fehlverhalten riskieren. Daran musste er in diesem Moment des wahrhaftigen Martyriums denken und sah sich schon als heldenhaften Überwinder sämtlicher Fährnisse, die dem Menschen entgegen kommen. Mit grauen und flatternden Haaren wie verzaustem Bart steht er auf der Brücke des alten dreimastrigen Segelschiffes und kämpft gegen die Unbilden der Natur. In Anbetracht  einer Buchhandlung mit den Ausmaßen eines Supermarktes.

Sein Gegenüber erzählt von seinem Lieblingsbuch, hat genau zwei Minuten Zeit, ihn zu überzeugen. Bookdating. Sogar der Erfinder ist erschienen, um den Erfolg dieser allerersten der geplanten und noch zu planenden Veranstaltungen selbst zu sehen. Sich im Licht des Erfolges zu sonnen und die Seele zu bräunen, als läge er an einem Strand in der Karibik oder im Sonnenstudio. Er will sehen, ob sich ein einfacher Gedanke trägt, ob er demnächst in seinem in Dortmund zu gründenden Laden ähnliches anbieten kann. Immerhin sind nach einem leisen Aufruf rund 14 Leser erschienen. (Der Leser wird sich fragen, warum rund 14 Leser, denn Menschen kann man eindeutig zählen, sie stellen keine abzuschätzende Masse dar. Zumal, wenn es sich um solche geringe Zahlendimensionen handelt. Nun, das wird sich noch im Laufe dieser kleinen Geschichte erklären, denn nicht jede anwesende Figur ist das, was sie auf den ersten Blick scheint.) Ein kleines, selbst ausgedrucktes Plakat hatte auf diesen Termin verwiesen und daneben wurde von irgendjemandem in irgendeinem sozialen Netzwerk irgendeine Werbung gemacht. Die Anwesenden hatten das Gefühl, endlich mal ein oder zwei Leuten ganz persönlich ihre liebste und ans Herz gewachsene Lektüre vorstellen zu können. Es ist einfach ein Unterschied, ob man in irgendeinem Forum recht anonym über irgendetwas schreibt, oder beim Vortrag einem Menschen aus Fleisch und Haut in die beweglichen, bewegten und bewegenden Augen schaut. Das ist kein Zwischennetzmarktplatz, auf dem nur mehr oder weniger, aber sicher doch irgendwie gelangweilte Nerds auf Input warten. Hier wird niemand für ein missbräuchlich gebrauchtes oder missverstandenes Wort mit üblen Kommentaren überhäuft, hier wird sich kein Shitstorm entwickeln, nur weil ein sogenannter Troll mal wieder Lust hat, Stunk zu machen. Hier kann der Vortragende direkte Reaktionen sehen und die gehen von ehrlicher Abneigung gegen das vorgestellte Buch bis hin zur völligen Faszination, und sei es nur, weil das Gegenüber an den stechenden Augen des Gegenübers hängen bleibt.

Während Herr Nipp also dieses oben  für die Verhältnisse des Schreibers breit beschriebene, vor allem aber immer noch unangenehme Jucken am Bein hat, während er sich quälen lässt von einem Stören. (Näher lässt sich der Auslöser nicht beschreiben, weil weder der Betroffene noch der Leser, wahrscheinlich auch nicht der Erzähler weiß, worum es sich handelt, nur wer selber schon solcher Situation unterlag, weiß worüber hier geschrieben wird, stellt ihm ein Gegenüber sein Buch vor.)

Nein, um an dieser Stelle nicht missverstanden zu werden oder gar künstlich irgendwelche Missverständnisse aufzubauen, der hat es natürlich nicht selbst verfasst, aber ist in der Verfassung, es als seines zu begreifen, da er mitten drin steckt oder steckte, seine Seele vielleicht sogar angerührt war, so es eine Seele gibt oder zumindest dieser hier eine solche sein eigen zu nennen behauptet. (Der geneigte Leser wird sicherlich verspüren, dass der Texter immer wieder versucht, egal an welcher Stelle, jeglichen Hauch einer Missverstehensmöglichkeit auch schon im Keim zu ersticken. Niemand soll auch nur ein Bruchstück einer Zeile in seinen Mund legen können. Kein Wort ist hier von irgendeiner Form der leichten oder angreifenden Ironie geprägt. Jeglicher vielleicht vom Leser erwartete Sarkasmus soll von diesem Moment an verbannt sein. Kein Angriff, auch noch so leiser Natur, soll hier in Zukunft gefahren werden. Niemals noch wird der Nebelstreifen einer angedeuteten Kritik in Zukunft spürbar oder sichtbar sein. Das können andere viel besser, sie kaschieren dies dann allerdings als Unruhe. Engel sind immer gerecht, im Recht, echt und ehrlich, aber manchmal etwas unruhig, das können sie mir glauben. Wir können es einfach an keiner Stelle hinnehmen, wenn unser klarer Verstand, unsere sicher strukturierte Welt durch abseitigen oder schrägen Humor verwässert wird. Gerade heute ist dies nicht zu dulden.)*

Mit absoluter Begeisterung, einem tiefen Leuchten in den Augen, schildert das Gegenüber intelligent und umfassend präzise, warum er sich die Gespräche von Truffaut und Hitchcock ausgesucht hat. Und tatsächlich lässt sich Herr Nipp für diese zwei Minuten völlig in den Bann schlagen und vergisst die Malaisen. Dieses Buch wird er sich besorgen. Wo auch immer, das ist klar. Nach dieser Vorstellung, die ihn völlig mitgenommen hat, muss er selber etwas vortragen. Er hat sich Jasper FFordes Buch „Grau“ ausgesucht. Sein Fazit: Brillantes Stück Literatur mit dem Entwurf einer abstrusen Gegenwelt als Spiegel unserer gesellschaftlichen Erwartungen und Realitäten. Die anwesende Buchhändlerin hat ihm übrigens mit Schalk im Blick offenbart, dass das Werk im Original „Shades of Grey“ heißt, aber gar nichts mit diesem SM-Softporno für frustrierte Frauen, die sich auch gerne einem jungen, dominanten, reichen und natürlich wahnsinnig gut aussehenden Mann sicher so selbstlos unterwerfen würden, zu tun hat. **

Nach diesem weiteren Minuten ist der erste Teil des Spuks vorbei. Zügig zieht sich Herr Nipp auf die im anderen Stockwerk befindliche Feuchträumlichkeit mit Spülkasten und Sitzmöglichkeit zurück, lässt dieses Mal nicht intellektuell die Hosen herunter und muss entdecken, dass sich am rechten Knie tatsächlich ein kleiner Splitter festgesetzt hat, es mag auch ein kleiner Dorn sein. Das Jucken lässt mit dem Entfernen durch die langen Fingernägel fast abrupt nach.

Unten bei den anderen 13 angekommen, füllt er sich ein Glas mit Rotwein, rein biologischer Anbau, er wartet darauf, dass eine nächste Runde beginnt, ein anderer für den Vortrag frei wird. Jetzt erfährt er etwas über die ganz persönliche Perspektive einer jungen Leserin auf den eher schon klassischen Roman „Das Bildnis des Dorian Grey“ *** Mag auch sein, dass der Protagonist , der sich selbst zum Antagonisten wird, Dorian Gray heißt, das tut aber hier nichts zur Sache. Schon hat er wieder diese eigentümliche Geschichte eines Portraits vor Augen, welches sich mit jeder Untat des Portraitierten verändert und diesem so ermöglicht, egal was er macht ewig jung zu bleiben. Das Thema der ewigen Jugend scheint so gesehen nicht nur eines der heutigen Zeit zu sein. Ja, auch dieses Buch muss er unbedingt lesen, zum dritten Mal, jetzt nach Jahren wieder. Diese beiden Bücher und natürlich die Reise des Elefanten von Jose´Saramago.****

Dieses Mal sitzt er mit zwei anderen auf dem Sofa, einer hört nur zu, ist gar kein Leser, sondern will sich aus dem Gespräch einfach nur Anregungen holen. Auch das geht also. Wenn folglich von den 14 Beteiligten nur 11 vortragen und 3 zuhören, so muss man tatsächlich von ungefähr oder rund 14 Lesern sprechen, denn die 3 zuletzt Genannten sind noch nicht, vielleicht aber bald Leser. Und dieses „vielleicht“ macht ein genaues Zählen fast unmöglich, genau deshalb musste der Schreibende auf dieser Seite des Bildschirms oder der gedruckten Seite rein spekulativ vorgehen.*****

Insgesamt 16 Bücher werden vorgestellt, denn einige Leute haben mehr als ein Lieblingsbuch und wer weiß, ob es eine solche Veranstaltung noch einmal geben wird. Und jetzt weiß er schon, dass es enden wird wie er von einem Speeddating hörte. Mit der Hälfte der Präsentierten wird er im Bett landen, und wieder juckt es ihn.

Nach anderthalb Stunden geht es nach Hause oder in ein nahe gelegenes Atelier um dort noch weiter zu reden. Herr Nipp lässt die anderen sich selbst und die Idee feiern, er selbst wird mit einem Elefanten zu Bett gehen.

*Die versprochenen Fußnoten werden kommen, dabei bleibe ich. Wer kann mir denn noch mal erklären, wie das geht?

**Ich möchte aber auf keinen Fall ein frauenfeindliches Werk anzweifeln oder gar angreifen, welches von einer Frau höchstselbst verfasst wurde. Nein da sollte man ganz integer sein. Vor allem jedoch dann, wenn es unglaublichen Erfolg hat. Man merke sich den Gemeinplatz: Erfolg hat immer Recht!

***Der viel zu offensichtliche Zufall einer Häufung von Titeln mit dem Wort Grey ist natürlich wirklich der Realität geschuldet. Vielleicht auch ein wenig, um den Spannungsbogen aufrecht erhalten.

****Auch Elefanten sind grau.

*****Entschuldigen Sie bitte, dass aus dem gerade mal anderthalbseitigen Entwurf nun schon wieder ein Wortgetöse geworden ist, bei dem ich mich mal wieder selbst viel zu gerne und natürlich ekelhaft selbstverliebt schreiben sehe. Wenn einem gute Worte oder Inhalte fehlen, dann muss man das Wenige wenigstens in die Länge ziehen und dem Leser vorgaukeln, man hätte etwas zu sagen.

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Zufriedenheit

Egal wo er auch Leute trifft, trifft ihn die Erkenntnis, dass wohl eine Zeit des Umbruchs sei. Traumpaare der letzten Dekaden trennen sich oder proben ein neues Leben in trauter Trennung und unerwarteter Unordnung. Die Bistros und Clubs füllen sich wieder mit Menschen seines Alters. Bei einem gemütlichen Bier, Cocktail oder wahlweise Wein versucht man neue Freundschaften aufzubauen, wenn die alten versagt haben oder abgenutzt scheinen. Man ist den alten Zeitläuften überdrüssig und erkennt seine zweite Jugend.  Frauen lernen plötzlich Fremdsprachen, die sie wahrscheinlich ständig gebrauchen werden und nur sehr selten für den hiesigen Kulturkreis fast überflüssig sind. Schließlich reist man in diesem Alter  regelmäßig nach Island oder Zentralafrika, dort kann man dann auch die verschiedenen Suaheli-Sprachen endlich in freier Wildbahn testen oder an einem italienischen Restaurant bei einem Geysir auf Isländisch eine Pizza ordern. Ein neues Selbstempfinden zeigt sich allerorten. Männer machen mit Mitte vierzig endlich ihren Motorradführer-, Flug- oder Segelschein. Kaufen sich entsprechende Werkzeuge, sprich Boote, Anteile an einmotorigen Fluggeräten und schwere zweirädrige Kisten gerne amerikanischen Fabrikats. Dann rauschen sie als virtuelle Freiheitskämpfer in schwerer Lederkluft durch die Landschaft und treffen sich an markanten Punkten, gerne an Stauseen, bei einschlägigen Lokalen zum gemeinsamen Pommes und Currywurstessen.

Andere aber entdecken ihre bisher verborgene wahre Männlichkeit, ihre Urinstinkte werden wach, so generieren sie sich zu staatlich geprüften Jägern und fallen mit neu erwachter Leidenschaft und der frisch erworbenen Lizenz zum Töten in gemeinschaftlich gepachtete Reviere ein. Eine Wildsau ist da das Mindeste, ein kapitaler Hirsch noch besser. Hauptsache endlich mal Herr über Leben und Tod sein.

Ganz spezielle Herrschaften belegen allerdings auch Kochkurse, werfen sie alte Küche aus dem Haus und gestalten sich ein Erlebnisparadies mit allen Finessen. Da wird dann pochiert und gebrutzelt, gebacken und püriert, feinste Creationen verwöhnen den Gaumen der geladenen Freunde. Natürlich haben diese Herren auch einen Sommelierkurs mit Auszeichnung bestanden. Der Abend wird zu einer Entdeckungsreise ins Land der kulinarischen Genüsse.

Die Gesellschaft passt ihre Hobbies und Leidenschaften dem Portmonee an. Ebenso die zu fahrenden Autos und die Kleidung, die Kommunikationsgeräte und schließlich auch die neuen Partner. Alle fühlen sich mit Sicherheit 10 Jahre jünger, Männer wie Frauen. Und wenn alles nicht hilft bricht ein neuer sportiver Ehrgeiz aus, der sich zunächst in kleinen Runden äußert, recht shcnell aber zu stundenlangem Joggen ausartet und irgendwann will sich der Neusportler beweisen, sucht den fairen Wettkampf mit den Anderen. Dann melden sie sich zu Marathons und Halbmarathons an. Sie werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nächstes oder übernächstes Jahr auch mal einen Triathlon bestreiten und üben jetzt schon in Kursen das Kraulen, damit man sich im Wasser schneller bewegen kann. Und wer weiß, vielleicht reicht es irgendwann sogar zum Ironman. Andere suchen nun regelmäßig das Fitnessstudio auf und drücken, was Zeug hält. Was sind da schon 60 Kilo? Spätestens alle zwei Tage steht der Kraftsportler nun auf der Matte und wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit (siehe oben) später dann ganz entspannt in der angeschlossenen Sauna liegen.

Nur bei den Anderen ist das Alter zu sehen, und wer in den Spiegel guckt, weiß, dass er unwiderstehlich wirkt. Zur Not legt die eine wie andere Seite mehr oder weniger geschickt etwas Farbe auf. Und wenn wirklich jemand wesentlich jünger aussieht, dann weiß jeder sofort, dass da nachgeholfen wurde. Ein Schnitt hier, eine Spritze dort und ja, das Blond ist natürlich Natur.

Aber wenn Herr Nipp abends seine Spaziergänge durch die Stadt macht und feststellen muss, dass letztlich doch die meisten Neujungmenschen, weil dieses jung Leben einfach anstrengend ist,  wieder die meisten Abende nur vor der Glotze oder dem Rechner in Datingforen hängen, dann weiß er sich ganz zufrieden, dass er sich genauso alt fühlt wie er ist.

 

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Stehbiertischphilosophen

Sie stehen zusammen mitten im Ausstellungsraum, haben sich einen sehr dekorativen Stehbiertisch hinzugezogen, der sonst normalerweise als Ständer für Prospekte und Zeitungen dient. Da liegt normalerweise diese wahnsinnig innovative Kunstzeitung, irgendwelche Veranstaltungskalender aus der näheren Umgebung. Manchmal finden sich dort sogar Freikarten für das Theater in der nächsten Großstadt, die allerdings dann meist keiner haben will, weil es zu Hause einfach interessanter ist. Oder Einladungskarten zu Ausstellungen aushäusig.

Der Abend ist weit fortgeschritten und unbeobachtet wie unbeachtet haben die meisten Expositionsbesucher seit einigen Stunden das Weite gesucht. Solche Veranstaltungen werden normalerweise als gesellschaftliches Muss betrachtet, da hat der gebildete Bildungsbürger, der Politiker und natürlich auch ein Fabrikant zu erscheinen, zu zeigen, dass man da ist, was und wer. Dann werden die neuesten Garderoben oder zumindest Krawatten und selten auch Fliegen ausgeführt.

Lediglich mit einem der beiden Mitstehenden ist unser Protagonist lose befreundet. Der Andere ist ihm durchaus, allerdings nicht näher bekannt. Genaues wissen die drei übereinander allerdings nicht. Die zwei sind rund zwanzig Jahre jünger, was Herrn Nipp allerdings ganz offensichtlich nicht stört. Er hat sich in der letzten Zeit daran gewöhnt, mit sehr unterschiedlichen Menschen sehr verschiedenen Alters etwas sehr Schönes zusammen zu machen. Es gibt kein Normal. Da sind Altersunterschiede von insgesamt 50 Jahren keine Seltenheit. Ja, sie betrachten diese Form des Zusammenlebens als Privileg, wenn junge Leute um die Zwanzig mit den sogenannten Alten um die 40, 50 oder gar 70 zusammensitzen, zusammen sprechen, sich manchmal sogar Gedichte vortragen und ihre Lieblingsmusik auflegen. Auf Augenhöhe versteht sich. Wir wollen allerdings jetzt keine Sozialidylle und billige Generationenromantik aufkommen lassen, nein, das funktioniert nicht immer und mit Sicherheit nicht überall. Aber es gibt Orte, da muss das einfach so gehen. In der Kunst lernen nicht nur die Jungen, wer bis ins hohe Alter weiter machen will, der muss stets am Puls der Zeit sein. Sonst verliert man sich dekorativen Belanglosigkeiten. Plötzlich entgleitet dann die durchaus einmal ambitionierte Kunst zur hübschen Pittoreske.

Ganz entspannt tauschen sie ihre Meinungen, keiner hat etwas zu gewinnen oder verlieren. Ja, es wird zuweilen schon mal etwas lauter, aber das kann man nicht übel nehmen, weil im Nachbaratelier gerade einer die musik aufgedreht hat, das Lieblingslied muss die Ohren einfach zum Explodieren bringen. Jetzt gerade vielleicht irgendwas von Nick Cave. Inzwischen sind sie über die Philosophie mit intensivem Vergleich von Schiller und Kant zur allgemeinen und speziellen Physik gekommen. Kein Wunder, der Herrn Nipp nicht befreundete Mensch hat beide Fächer studiert, im letzten gar promoviert. Nicht ganz ohne Stolz mit summa cum laude.

Nipps sozialem Imperativ, „Im Wissen darum, wie weit du gehen kannst, teste aus, in welcher Weise das Gegenüber mit- und hinnehmbar ist.“, kann der Doktor nicht zustimmen. Er hält den für unmenschlich, und versucht gar eine irrationale Beweisführung, indem er Weizenbaums Thesen über die Computermacht mit einfließen lässt, die allerdings keiner so recht nachvollziehen will oder kann. Möglichkeiten der ungetrübten Informationsaufnahme haben sich inzwischen leicht eingetrübt. Der Andere sorgt nämlich dafür, dass die Kontrahenten bei ihrem scheinintellektuellen Pingpongspiel bleiben. Er hat sich selten so köstlich auf Kosten anderer amüsiert und dabei muss er sich fast krampfhaft am etwas wackligen Tisch festhalten. Inzwischen hat sich eine erkleckliche Batterie an geleerten Weinflaschen versammelt und auch die Augen spielen Pingpong, die Blicke können nicht immer gehalten werden, sondern gleiten zuweilen ins leichte Schielen ab.

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Der zweite Nipp erscheint 2013

Der zweite Band mit Geschichten von Herrn Nipp erscheint leider erst 2013, nehmt es mir nicht allzu krumm, aber manchmal geht es nicht so, wie man es gerne hätte. Die Auflage soll wieder als Subskription / Fundraising- Aktion laufen. Deshalb hier ganz ultimativ die Frage, wer Interesse am neuen Nipp hat?

Alle, die bis zum 31.12.2012 bestellen, werden das Buch als Sonderauflage erhalten. Wer das Buch allerdings schon dieses Jahr virtuell zu Weihnachten verschenken will, kann sogar einen Optionsschein erhalten. Das macht Literatur doch glatt zum Spekulationsobjekt.

„Von Mittelmäßigen und Übermaß – andere Geschichten von Herrn Nipp“ von Haimo Hieronymus. Ein weiteres Buch mit Geschichten von Herrn Nipp, die meisten wurden schon veröffentlicht oder werden in den nächsten Wochen zu lesen sein. Auch dieses Buch ist demnächst in zwei verschiedenen Versionen erhältlich. Die Sonderauflage von 200 Exemplaren wird wieder einen Umschlag als Originalgrafik erhalten. Natürlich nummeriert und signiert. Die Subscriptionsfrist hierfür startet am 04.10.2012. Vorbestellungen können unter haimo-hier@web.de oder im Atelier (DER BOGEN, Möhnestraße 59 in 59755 Arnsberg-Neheim) eingehen, dort liegt eine Liste aus.

Der Preis für die Sonderauflage bei Vorbestellung liegt bei 15 Euro für 200 Seiten und Originalgrafik.

Das Buch erscheint 2013 und wird dann 12,- Euro ohne Grafik kosten, 45 Euro mit Grafik.

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wummern

Man mag darüber in gewisser Weise noch lächeln können, dachte er, als die Tür geschlossen war. Seltsamer Weise gehörte Herr Nipp zu den Menschen, die das Außergewöhnliche am Menschengeschlecht anziehen, wie ein Magnet den Eisenschrott auf dem Umladeplatz der Autoverwertung. Einer seiner Freunde hatte es in letzter Zeit irgendwann auf den Punkt gebracht: „Verrückte Hühner.“ Damit war allerdings nicht Herr Nipp gemeint, sondern all die Leute, die mit am Tisch saßen und zum wiederholten Male wirr durcheinander gackerten. Vor allem ein Hahn tat sich dabei hervor, als wenn er zum Weckruf auf dem Misthaufen krähen würde. Nein, es ging nicht nur um Frauen, wie der vorurteilsbeladene Leser vielleicht vermuten könnte. Auch Männer schaffen es immer wieder, sich wie Insassen eines großen Hühnerstalls zu benehmen, sich dabei sogar wohl zu fühlen, wenn sie selbstverliebt völlig sinnfrei aber großspurig gackern.

 

Während sich dabei die Männer eher gockelhaft in Szene setzen, bezeichnen sich die Frauen dann nicht als  nur sensibel, sondern als besonders sensitiv und geben dies in Wortsalven von sich, die eher an das Einschlagsmuster von Maschinengewehren erinnern. Bei hohem Ton, der sich ins Schrille steigern kann. Und die normale Welt reicht auch nicht aus, wenn Erklärungsmuster für die tieferliegenden Schichten dieses Verhaltens gefunden werden wollen. Überhaupt will diese hier anwesende Gesellschaft gerne Möglichkeiten finden, alles zu erklären. Sie leben in einer Welt, die alles erschließen möchte. Alles muss transzendental sein, alles mit höherer Macht versehen.

 

Alle Versammelten finden mit Sicherheit etwas, das dahinter liegt. Ein allmächtiges Etwas, das allerdings auf keinen Fall als göttliche Person bezeichnet werden darf, das wäre doch zu profan. „Hach nein, du, das ist doch ein altes Weltbild. Da sind wir schon viel weiter, du. So Institutionen oder Sekten, das brauchen wir nicht, nein du, wir sind da ganz frei“, hatte Herrn Nipp kurz vor dieser hach so spontanen Versammlung einer der Teilnehmer mit gezierter Stimme gesagt. Unterstrichen von dezent choreographierten Bewegungen der Hände.

Hier wurden andere Kräfte thematisiert.  Eher eine Form des allumschließenden Pantheismus, einer grundsätzlich göttlichen Wirkkraft. Ja, im Leben dieser Menschen wirken ganz besondere Kräfte und selbstverständlich muss die Heilung grundsätzlich durch Handauflegung geschehen, zur Not, aber auch nur, wenn nichts anderes mehr hilft, werden starke Medikamente eingesetzt. Dann müssen die Globuli der Homöopatie in höchsten Potenzen ihre Arbeit tun. Also doch eine Sehnsucht nach Glauben? Nein, denn wenn die Lösungen von Problemen erträumt oder in einem höheren Zustand (im Sauerland sagt man dazu Rausch) erfahren werden, dann sind auch bestimmte Orte mit besonderer Energie aufgeladen.

 

„Ich habe es gespürt. Da hat sich mir ein Energiestrom erschlossen, der große Macht hatte.“ Die energetische Sensiblität ist ein Grundmerkmal dieser Gesellschaft. Andere Leute würden solche Orte daran erkennen, dass dort eine Kapelle steht, oder ein prähistorischer Altarhügel aufgeschüttet wurde. Dann ist es ziemlich wahrscheinlich, dass dort schon immer gebetet wurde. (Die armen Esotheriker der Zukunft, welche in hunderten von Jahren die symmetrischen Schlackeberge und Abraumhalden des Saar- und Ruhrgebietes als Kultplätze mit besonderer Ausstrahlung ausmachen werden. „Da waren besondere Energien.“ Wieviel Energie darin tatsächlich steckt oder steckte, können sie ja nicht ahnen. Die Hauptenergieträger des 20. Jahrhunderts, Kohle.)

 

Findet man solche Orte in den Alpen, weiß jeder sofort, dass sie vorchristlichen Ursprungs sind. Übrigens normalerweise an Stellen, die aus dem Tal gut einsehbar sind. Es hatte schon früher einen guten Effekt, an solchen Punkten ein Feuer oder Feuerwerk zu entfachen. Das beeindruckt. Da sprachen dann natürlich die Götter zu den Menschen.

 

An der Art dieser Herrn Nipp umgebenden Menschen erkennt man sofort, was ihnen in ihrer intrinsisch intensiv inszenierten Vergangenheit wahrscheinlich passiert ist. Was müssen diese Kreaturen doch alles erlitten haben, um zur wahren Erleuchtung zu gelangen. Sie haben einen Läuterungsprozess durchlaufen, in dem sie erkannten, dass in ihnen ganz besondere Fähigkeiten stecken, Talente, die mit dem Diesseits wenig zu tun haben. – Letztlich sollte man sich einfach die Lebensgeschichte der großen Gurus zu Gemüte führen und daraus eine eigene Geschichte mit einschneidenden Erlebnissen zimmern. –  Aber darüber äußern sie sich nur hinter vorgehaltener Hand, erst dann, wenn die erfahren haben, dass tatsächlich irgendetwas Besonderes in ihrem Schicksal liegen muss – und dieses Besondere steckt einfach immer hierin.

Natürlich sind sich diese Menschen ihrer inneren Schönheit völlig bewusst. Sie sind künstlerisch interessiert und malen oder töpfern. „Nein, ich bin autodidaktisch an die Kunst gekommen, habe aber sehr viele Erfahrungskurse in der Toskana und der Provence gemacht. Das will alles aus mir heraus, da gibt es kein Halten.“ Sehr beliebt auch: „Ich beschäftige mit freien Formen und ganz wichtig ist mir dabei der Einsatz von Gold. Da steckt eine gaanz besondere Energie drin, die kann kein anderes Material haben.“ (Da derzeit die Goldpreise allerdings etwas hoch sind, wird von gleichen Leuten auch gerne Schlagmetall verwendet, das ganz ähnlich aussieht, allerdings wesentlich billiger ist.)

 

Auch an diesem Abend, er wollte eigentlich nur aus Höflichkeit an einem Versammlungsabend teilnehmen, passierte es. Nur an einem Tisch war ein Platz frei geblieben. Sie waren schnell ins Gespräch gekommen, nach seinem Gefühl vielleicht etwas zu schnell. Die gut gekleideten Herr- und Damschaften auf der anderen Seite des schlichten Holztisches hatten nach der Höflichkeitsfloskel direkt ein tiefschürfendes Gespräch begonnen. Über das Besondere des Augenblicks an diesem Ort. Die nachhaltige Bedeutung des Erlebens und bewussten Durchlebens wurde beschworen. „Sehen sie nur, dass gerade hier die stolzen und doch so feinen Rosen eine solche Reinheit und Schönheit, eine solche Pracht entwickeln können.“ Herr Nipp hatte gerade zu einer Antwort ansetzen wollen, in der er auf die völlig überzüchtete Sorte, den übermäßigen Einsatz von Dünger und Pestiziden verwiesen hätte, als die Frau schon viel weiter und inniger in das Thema eingedrungen war. „…nur an ganz [besonders gedehntes a] außergewöhnlichen [besondere Höhung auf dem ö] Orten können Rosen so [siehe a] werden. Sie erspüren ganz [siehe oben] sensibel die positiven Schwingungen.“

 

Die nächste halbe Stunde erduldete Herr Nipp brav den spirituellen Monolog, er hatte keine andere Wahl, es wäre den Gastgebern gegenüber unhöflich gewesen, frühzeitig aufzustehen. Die auserlesenen Speisen wollten vertilgt, der schmackhafte Rotwein aus biologischem Anbau getrunken werden. Plötzlich allerdings zogen fette, dunkle Regenwolken auf und entluden sich ohne Rückhalt, ohne jegliche Rücksicht auf bewusstseinserweiternde Gesprächsinhalte. Fluchtartig verließen alle Gäste den Außenbereich, strömten nach innen ins Sichere und Warme. Herr Nipp erkannte die plötzliche Gelegenheit, seine Chance auf Flucht, wurde etwas langsamer, verließ den Ort und suchte sein Auto auf. Der Treibende Rhythmus der Musik aus den Lautsprechern ließ alles zu, nur keine Esoterik.

 

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