Neojobs

Unter der neuen Rubrik Neojobs findet man zukunftsträchtige Berufe, die heute jene ergreifen sollten, die später einmal ein sicheres Einkommen wünschen. Und das ist eine ernste Sache!

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Kurznovellen sind da

Dank der großen Hilfe der Redaktion aus dem Verlag DAS LABOR konnte in dieser Woche das neue Buch „Unerhörte Möglichkeiten – Kurznovellen aus dem Nippiversum“ fertig gestellt werden. Jetzt liegt es also endlich in einer Auflage von 100 nummerierten Exemplaren und einigen e.a. vor. Durch den individuellen Coverdruck mit Ameisen (eine gemeinsame Entwicklung von Peter Meilchen und mir aus dem Jahr 2004) sieht jedes Exemplar anders aus. Verkaufsstart ist der 25.11.2012 bei der Jahresausstellung in der Ateliergemeinschaft DER BOGEN. Das signierte und nummerierte Buch kostet 12,- Euro. Wer sich frühzeitig eins oder mehrere sichern will, sollte eine Mail schicken: b-sucher1@web.de. Die Bücher können dann zur Jahresausstellung abgeholt werden oder sie werden zugeschickt. Wem das zuviel ist, dem kann geholfen werden: die Texte sind natürlich kostenfrei auf dieser Seite unter Kurznovellen zu lesen.

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Kleiner Kläffer

Neben dem Haus ist ein größeres Grundstück mit Stallungen, welches von einem kleinen, gescheckten Hündchen bewacht wird. Jeder vorbei  Ziehende wird aufgeregt und zornig angekläfft. Der Hund läuft frei auf dem Grundstück herum und wird glücklicherweise durch eiserne Gitter im Zaum gehalten, man wüsste bei diesem kleinen Fiesling nicht, ob die alte Weisheit von den bellenden Hunden, die nicht beißen, bei ihm auch stimmen würde. Und die Zähne wirken ziemlich spitz. Scheinbar hat er sonst wenig zu tun, sonst würde er nicht jedes Mal wie ein geölter Blitz um die Ecke fegen.

Jeder Wanderer weiß natürlich auch, dass diese kleinen Kläffer nicht so lange leben, zu viel Aufregung für einen so kleinen Körper, so ein kleines Herz. Herr Nipp wartet eigentlich schon seit geraumer Zeit darauf, dass das Viech irgendwann einmal Schnappatmung bekommen würde und dann wie vom Blitz getroffen einfach umkippt. Dann würde er vielleicht noch zwei drei Mal zucken und es wäre vorbei. „Eigentlich schade“, denkt er noch im Weitergehen. Über die letzten Jahre hat sich eine gegenseitige Sympathie aufgebaut, die man daran erkennen kann, dass der Kläffer noch schneller am Tor ist und fast darauf wartet, dass Herr Nipp zurückbellt. Außenstehende können sich überhaupt nicht vorstellen, welchen Spaß es macht sicher hinter dem Zaun zu stehen und zurück zu bellen. Aber wehe der Wolfsnachfahre kennt die Lücke im Zaun, dann könnte es doch peinlich werden. Oder spektakulär. Wer läuft wohl schneller? Wie weit traut sich des Menschen bester Freund? (Man beachte, dass nicht nur der Hund als Freund des Menschen betrachtet wird, sondern auch die Polizei)

Das gemeine Zurückbellen aber geschieht natürlich nur, wenn gerade niemand anders anwesend ist, es wäre doch zu beschämend. Er stellt sich vor, was andere wohl denken mögen, wenn sich ein erwachsener Mann auf das Niveau eines Hundes begibt.  Andererseits wundert sich kaum jemand, wenn durchaus studierte Menschen, Männer wie Frauen, sich plötzlich in einem ernsthaften Gespräch, gar Disput mit einem Vierbeiner befinden. Sie reden dann entweder wie mit einem kleinen Kind, welches gerade erst das Sprechen gelernt hat, oder aber wie mit einem schwerhörigen Erwachsenen, der außerdem auch noch ignorant ist.

Als Herr Nipp vorüber gegangen ist, sieht er gerade noch aus dem Augenwinkel, dass hinter ihm eine Gruppe mit Kindern zum besagten Haus kommt. Der erwartete Überfall bleibt aus. Winselnd und schwanzwedelnd steht der Feind aller Wanderer zitternd vor dem Tor und freut sich ganz offensichtlich.

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Koppel

Auf dem Weg zum nächst gelegenen Stausee kommt er an einer Pferdekoppel vorbei, am Ende einer ausgebauten Straße. Der asphaltierte Weg biegt von dort in einen Ortsteil ab, der nach jenem Wald benannt wurde, der sich dort zu früheren Zeiten erhob. Einem Bruchwald. Man sagt, dass zur Zeit des Nationalsozialismus dort eine Art Lager aufgebaut worden sei, man schweigt allerdings darüber, um welche Art von Lager es sich wohl gehandelt habe. Herr Nipp kann sich daran erinnern, dass seine Mutter davon sprach, ihr Vater habe immer Angst gehabt, eines Tages dorthin zu kommen. Lediglich eine immer noch bewohnte Baracke erinnert daran, dass dieser Ort eine zweifelhafte Geschichte hat. Doch dieses Unwissen, welches er Zeit seines Lebens mit sich führt, hat ihn nie dazu verleitet, auch nur zarte Forschungen anzustellen. Der Ortsteil ist von Rest des kleinen Städtchens, welches Herr Nipp bewohnt, abgeschnitten, wie ein nach außen gelagertes Organ, vielleicht eine Leber oder Niere , die er beim Schlachten auf dem Bauernhof des Onekls gesehen hatte, erschien er ihm als Kind immer. Damals ging man sonntagmorgens nach dem Kirchgang noch eine Runde über den Friedhof, dahinter lag eine Gehege mit Tieren, Hühnern und Ziegen, die gefüttert wurden mit mitgebrachten Leckereien. Dann erklärte der Vater einiges über die dort gehaltenen Wesen, darüber, dass er selbst früher Hühner und Ziegen gehalten habe, während die Mutter zu Hause das Mittagessen vorbereitete. Wie es sich damals gehörte, Vorspeise, Hauptgang mit Fleisch und Nachspeise. Friedhof und dieses Tiergehege hatten das Städtchen vom eben genannten Ortsteil getrennt oder verbunden, außerdem ein kleiner Streifen Eichenwald. Heute ist nur eine Erinnerung geblieben, Hunde werden dort abgerichtet.

An der Abbiegung liegt weiterhin ein Forsthaus, das im Volksmund immer nach dem dort aktuell residierenden Förster benannt wird, die älteren Leute allerdings führen den Namen aus ihrer Kindheit im Mund. So wird über denselben Ort mit verschiedensten Bezeichnungen gesprochen und niemand regt sich darüber auf, dass ständig eine neue Benennung stattfindet. Über alle Maßen würde man sich echauffieren, wenn denn andere Dinge des täglichen Lebens und Gebrauchs auf solch infame Weise ihren Namen wechseln würden. Hier aber wurde ein Ort gleich dem Bewohner gesetzt. Andererseits gab es Häuser in der Stadt, die auch nach Jahrzehnten noch den Namen eines dort gelebt habenden Bürgers hatten, manchmal obwohl der dieses niemals besessen hatte, sondern lediglich ein Mieter war.  Dann gingen die Kinder zu einem Haus, dessen Namen nichts mehr mit den aktuellen Bewohnern zu tun hatte, und nicht die aktuellen Mieter oder Besitzer wurden genannt, sondern der Hausname.

Dort bei der Pferdekoppel gegenüber des Forsthauses sieht Herr Nipp regelmäßig auch Mädchen im Alter zwischen neun und vierzehn Jahren stehen, die den meist braunen edlen Einhufern mit sehnsüchtigen Blicken in jeglicher Bewegung folgen. Sie haben sich Reitstiefel angezogen und warten nur darauf, dass irgendwann einmal jemand aus dem Haus trete und ihnen erlaube, die Pferde zu liebkosen und eventuell sogar zu besteigen. Dann fühlten sie sich wie junge Göttinnen, allem Weltlichen enthoben. Herr Nipp lächelt, dass er das gleiche Bild mit wechselnden Figuren schon seit Jahr und Tag kennt und es sich nicht verändern wird. Dieses Jahr etwa tragen sie dicke Loopschals, die den Hals verschwinden lassen und aus dem Torso und Kopf eine homogene Masse machen. Das erinnert an den Halsschmuck einiger Eingeborenenstämme Afrikas, so wundervoll dokumentiert in den Fotografien von Leni Riefenstahl, die nach dem Krieg nicht geläutert, aber im Gefühl, niemals in irgendeiner Weise korrumpiert gewesen zu sein,  nicht mehr politische, sondern eingeborenenkulturelle sowie unterseeische Szenen fotografierte. Zwar immer umstritten, doch sehr erfolgreich. Einige Künstler finden sich eben in jedem System zurecht, finden ihre Kunden. Letztlich hatten auch Arno Breker nicht anders gehandelt.

Zu den abgelichteten Initiationsriten werden ganze Massen von Mädchen und jungen Frauen sich mit ihrem Halsschmuck in Trance tanzen. Die glänzenden Körper von rotem Tuch verdeckt oder sogar unverschämt unbekleidet.

Aber diese Rituale sind den Mädchen an der Pferdekoppel wahrscheinlich völlig fremd und unbekannt. Ihre Möglichkeiten in die Welt der Erwachsenen hinüber zu wechseln sind andere und jetzt befinden sie sich in der Zwischenzeit, in der sie sich selbst kaum verorten können, in der sie all ihre Sympathien an die Pferde verschenken und die Eltern, ja die ganze Erwachsenenwelt einfach nur als störend und völlig „doof und bescheuert“ empfinden. Auch sie werden sich in Zukunft in Trance tanzen und dann ihre Pheromone versprühen, auch sie werden ihre zukünftigen Partner mit großer Wahrscheinlichkeit von einem dieser Massenmärkte der erotischen Vielsamkeit mit nach Hause nehmen, aber das hat noch Zeit. Die Diskos, Tanzbuden und Megaevents mit angesagten DJs werden noch folgen. Jetzt begnügt man sich noch mit einem heimlichen Kuss in einem versteckten Winkel des Schulhofes und verdrängt den Mundgeruch des anderen durch das Kauen künstlich parfümiert riechenden Erdbeerkaugummies. Die verträumten Blicke schauen dann aus einer Stofffestung hervor, die romantisch wirken will. Die stark getuschten Wimpern, welche mit kräftigem Lidstrich die Strahlkraft der Augen verstärken und jeden gleichaltrigem Jungen die Gewissheit geben, dass diese Mädchen unerreichbar sind, werden auf und zu geklimpert, in der Hoffnung, die Pferde erliegen ihrem Mädchencharme. Vielleicht wechseln die Moden, doch die Situation bleibt gleich.

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Schmierzettelassoziationen

Vor ihm liegt ein Satz auf dem Tisch, irgendwann auf einen Schmierzettel gekritzelt. Er kann sich genau an dieses Irgendwann erinnern, saß damals in der Bahn. Auf dem Weg in die Bundeshauptstadt Berlin. Zwischen den vielen Gesprächen, die er hatte führen müssen, denn die Mitgereisten wollten vieles wissen, das eigentlich viel zu persönlich war, hatte er die Kopfhörer aufgesetzt, Stöpsel in die Ohren gesteckt, hatte Musik angemacht. Nick Cave. Schutzschirm, Schutzhöhle gegen die Außenwelt. So kann die Welt aus einer anderen Perspektive betrachtet werden, ohne Verantwortung für das Geschehen, vor allem von außen. Er hatte vor sich hin gesummt und irgendwie war dabei ein Text entstanden, Gedicht, Miniatur, nicht aufgeschrieben und doch da: „Übergleisen – über Gleisen rollen – dem Tag entgegen – Bäume, Häuser Pfosten – Bilder wechseln – bilden Erinnerung – Blitzlichter wittern – verhaltenes Geh-Lächter – und Geh-Schnatter – und aus Ohrstöpseln tropfend – ein Musikbrei.“

Aber das war eben nur die eine Seite seiner fehlenden inneren Anwesenheit. Die Seite, die ihm sagte, dass er letztlich Wege würde alleine gehen müssen. Er war damals auf dem besten Weg, sich zu professionalisieren, dachte er. Herr Nipp würde in Zukunft wohl noch mehrfach in diese Falle laufen. Tatsächlich wird er niemals diese Professionalität des Abhandelns von Menschen haben, des Abfackelns von gespielten Hilfsweisheiten. Sicherlich wird es besser sein, wenn man die Türen hinter sich schießt und nichts mit nach Hause nimmt. Aber dafür würde er immer zu laienhaft sein, zu persönlich verwickelt. Nur für Momente hatten ihn damals die Kopfhörer aus seiner Realität herausgerissen und eine neue aufgebaut. Nur Stunden in der Woche fand er die Ruhe, völlig abzuschalten und zu vergessen, welche Rolle gespielt werden musste. Meistens steckte er einfach zu tief darin.

Er liest den Zettel immer wieder und fragt sich, was wohl gemeint sein könnte, aber hier versagt seine Erinnerung. „Zwischen Vision und Utopie stehend scheint es egal, ob es es schon gewesen sein könnte.“ Dazu ist es zu lange her. Dazu hat er vielleicht zu viel von diesen Lebenskomponenten eingebüßt.

Als er aufblickt, sieht Herr Nipp die Avocadopflanze auf der Fensterbank, zerknüllt den Zettel und wirft ihn in den Papierkorb, er hat keinen Sinn mehr.

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