Kurznovellen erscheinen zum 25.11.2012

Und er hat es doch getan.

Jetzt werden die Kurznovellen doch tatsächlich vor dem nächsten regulären Herr Nipp – Buch veröffentlicht.

Am 25.11.2012 wird das Buch (Titel: „unerhörte Möglichkeiten – Kurznovellen aus dem Nippiversum“) zur Jahresausstellung der Ateliergemeinschaft DER BOGEN vorliegen. Die Auflage beträgt 130 nummerierte, signierte und bedruckte Exemplare sowie einige sogenannte Künstlerexemplare, die an diverse Stellen gehen. Preis: 12,- Euro. Es kann sein, dass zum Erscheinungstag noch nicht alle Bücher mit einer Graphik versehen sind, in diesem Fall bitte nicht böse sein, ich gebe mir Mühe.

Sollte irgend jemand unbedingt ein Buch haben müssen, dann kann sich die betreffende Person gerne bei mir melden: haimo-hier@web.de

Sollte das Buch tatsächlich erfolgreich sein, dann erscheint auch noch eine zweite Auflage im Jahr 2013, diese ist allerdings nicht mit einer Originalgraphik versehen, sondern ganz konventionell bedruckt.

 

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Geliebte Arbeit

Da reden die Drei wieder über diese schmerzhafte Krankheit, die sich Arbeit schimpft. Beklagen sich über den unglaublichen Stress und die fehlende Zeit, die Finanzierung und was ihnen alles nicht passt. Das fängt bei eventuell entstehenden Gerüchen zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten an, geht über die schlimmen Kollegen bis hin zum Essen, das weder lecker, noch gesund zu sein scheint. Dabei wird keiner von ihnen freiwillig auf den Markt gehen und frisches Gemüse für das Mittagessen kaufen. Die Kühltruhe wird geöffnet und das Fertiggericht eben in der Mikrowelle aufgewärmt. Fertig. Und das ist wirklich lecker, ist schließlich immer ein guter Geschmacksverstärker drin.

Und dann dieser eine Kollege, der einen schweren Eingriff in das eigene Wohlbefinden darstellt, so etwas könne man doch nicht auf die Menscheit loslassen, der gehöre verboten. So eine verkorkste Existenz könne doch niemand ernst nehmen. Herzlich lachend werden kleine Anekdötchen getauscht. „Wisst ihr noch letztes Jahr, als wir ihn in Münster auf dem Weihnachtsmarkt gesehen haben, als er sich den Glühwein über den Mantel kippte?“  „Und dann im Sommer, als ihm das Eis herunterfiel und er auch noch darauf ausrutschte.“ „Und wie peinlich es aussah, als ihm die Flasche Mineralwasser über die Hosse gelaufen ist und er aussah, als wenn…“ Sie steigern sich in ihre Schadenfreude und müssen manchmal den anderen am Arm festhalten, um den Gedanken Nachdruck zu verleihen.  Man merkt, die drei Kollegen sind inzwischen durchaus angeheitert, haben einige Gläser Bier geleert, als Herr Nipp dazu kommt. Sofort verstummt das Gespräch. Man lächelt höflich und verliert sich nach peinlichem Schweigen in höflichen Floskeln.

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Worte

„In solchen Situationen geht es nicht um Stringenz oder gar eine irgendwie entschlüsselbare Kontinuität, sondern um den Genuss am Umgang mit dem Anderen, mit den Anderen“, dachte Herr Nipp. Er reflektierte vor dem flackernden Kamin sitzend über die Kunst des reden Könnens, über gute und vor allem einfache Gespräche. Über den Austausch der Wörter und die Veränderung der Bedeutung. Über was nicht alles gesprochen wurde.

In einer modernen Gesellschaft kann alles zum Thema werden, ohne dass man Angst haben muss, dass irgendjemand aufschreit. Jeder hat das Recht, sich von einer Gesellschaft zu entfernen, wenn einem nicht passt, was die anderen sagen, jeder kann auch dagegen sprechen. Aber keiner hat das Recht andere für ihre Gedanken zu verurteilen. Wenn Rapper das Wort Respekt in den Mund nehmen, als Jugendliche, dann sieht jeder, dass dieser Gedanke ob bewusst oder nicht in der Gesellschaft angekommen ist. Gedanken und Handlungen dürfen ihre Wege gehen, solange nicht andere schwerwiegend beeinträchtigt werden. Sollte ein Sprecher jedoch über das Ziel hinausschießen, so hat er gefälligst den Mut aufzubringen, um Entschuldigung zu bitten. Wenn ehrlich gemeint, dann sollte dies auch angenommen werden.

Gedanken wie diese werden gewälzt und weiter gesponnen. Manchmal aber auch kommt der  heimliche Genießer zu den eigentlichen Wurzeln seiner sich stets verzweigenden Gedanken zurück. Die Möglichkeiten, die sich mit jedem neuen Wort ergeben, manchmal schon allein mit der grammatischen Form, sind immens, wahrscheinlich sogar unendlich. Und sei es, dass er wie jetzt abschweift zur Entwicklung der Sprache. Er sinniert über das stete Genörgel nach, diese würde sich zu schnell verändern. Jeder, der etwas eigenständig denken kann, wird allerdings auch begreifen, dass die Sprache sich wahnsinnig schnell verändern muss, nur allein, um sich den Entwicklungen der Gesellschaft und Technik anzupassen. Da gibt es Menschen, die sich über Anglizismen aufregen. Sie wollen zurück zu einer rein deutschen Sprache. Aber was ist denn das. Gerade dieses Deutsch hat doch  immer davon gelebt, dass sie Fragmente, Vokabeln und Floskeln aus anderen Sprachen adaptiert hat. Die germanischen Wurzeln sind doch relativ gering. Da wurde das Latein adaptiert, dann das Französische, auch Hebräisch finden wir und Aztekisch, Ungarisch, Italienisch. Die Niederländer haben ihre Fußabdrücke hinterlassen, die Dänen auch. Aus dem Indischen, dem Griechischen und wahrscheinlich auch den slawischen Sprachen sind uns die Wörter geschenkt oder geliehen worden. Aber sie klingen uns inzwischen so deutsch, das wir es kaum noch merken, denkt Herr Nipp. Wer denkt beim Kellner an cellera, wer bei der Schokolade an cocoatl? Manchmal ist es ganz schön, sich ein etymologisches Hand zur nehmen und man wird feststellen, dass unser heutiges Gesprochenes und Geschriebenes ein enges Geflecht ist. Der Kitt dieses Mauerwerks (murus) ist die Grammatik und auch die verändert sich langsam. Und so kann letztlich auch jedes Wort aus jeder Sprache  eingedeutscht werden. Wenn nun das Englisch zur Weltsprache geworden ist, dann wird es eben auch seine Spuren hinterlassen. Und keine Sorge, dadurch wird nichts zerstört, lediglich verändert.

Irgendwann schlummert Herr Nipp ganz zufrieden ein, im Wissen, auch morgen noch verstanden zu werden. Aber auch im Wissen, auf der Höhe der Zeit bleiben zu müssen.

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Bunt

„Wenn er nachts plötzlich aus dem Schlaf hochschrickt, nicht weil er etwas gehört hat oder schlecht geträumt, sondern weil dieser stechende Schmerz seinen Tribut fordert. Dann muss er sich unter der Bettdecke zusammenkrümmen und atmet stoßweise, als sei er in den letzten Stunden ein um die andere Runde gelaufen. Morgens ist das Bett klamm. Ohne Halt, als werde er von den griechischen Göttern gejagt, oder von den Furien und nordischen Asen gleichzeitig. Die finden nie etwas Gutes an den Menschen, es sei denn, sie können ihn ausnutzen und gleichzeitig so tun, als sei dies eine Gnade. Das ist wohl eine der erfolgreichsten Taktiken der Götter vieler Religionen. Sie tun so, als würden sie beschützen, letztlich aber zürnen sie viel lieber und versuchen aus der Schwäche der Menschen Kapital zu schlagen. Und alle paar tausend Jahre wird ein Pakt, ein Bund und Bündnis geschlossen. Und die Menschen, immer wieder auf das Neue bauend und vertrauend, schließen voller Hoffnung den Kontrakt oder werden mit roher Gewalt und drohender Auslöschung gezwungen, ihn zu schließen. Aber wir wissen aus unserer Gegenwart alle, dass Verträge brüchig sind, von beiden Seiten. Da muss nur eine schlechte Laune kommen und schon haben wir den Salat. Irgendeine Ausrede zum Bruch findet sich immer. Da wird versprochen, die Menschen seien in alle Zukunft von aller Last und Plage verschont und im nächsten Moment oder einfach aus Langeweile wird eine bisher unvorstellbare Epidemie zwei Drittel der Bevölkerung auslöschen. Wahrscheinlich nicht aus Bosheit der Götter, sondern aus Gleichgültigkeit und Experimentierfreude. Da hat einer der kleineren eben einige Stücke liegengebliebener DNA zusammengeworfen und will mal im Labor Erde ausprobieren, was passiert. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, Pein zu verursachen. Neuerdings haben sie ein völlig anderes Betätigungsfeld entdeckt, sie spielen an der Börse und verursachen Staatszusammenbrüche. Aber das kann derzeit noch nicht bewiesen werden.“

Herr Nipp hatte den ausschweifenden Ausführungen eines Bekannten aufmerksam zugehört, wartete darauf, dass dieser zum eigentlichen Thema, dem Schmerz zurück kommen würde. Aber so ist das mit dem Gesprächen nun einmal, manchmal lässt ein Wort, eine Assoziation, den Sprecher, die Gruppe einen neuen Weg gehen. Das ursprüngliche Thema wird dann der Einfachheit halber einfach vergessen und hinterher war es wieder eine bunte Unterhaltung.

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Nusskuchen

Nur dafür war er so früh aus dem Haus gegangen, hatte sich nicht an den Rechner gesetzt, um die Mails der letzten Stunden abzurufen. Zügig fertig gemacht stand Herr Nipp schon gegen sieben Uhr auf der Straße. Das T-Shirt saß nicht gerade optimal, aber das war jetzt nicht so wichtig. Das rote Fahrrad, welches er in der vergangenen Woche wieder flott gemacht hatte,  war gerade richtig aufgepumpt. Die Luft wehte ihm um die Nase. Erst auf halber Strecke merkte er, dass er sowohl die obligatorische, gestreifte Tasche als auch den dunkelgrauen Schutzhelm vergessen hatte. Das war jetzt vielleicht ein bisschen ärgerlich, aber er wusste auch, wenn er nun zurückfahren würde, wäre es vielleicht schon zu spät. Manchmal ist der richtige Zeitpunkt ausschlaggebend für den Erfolg. Das gilt für alle Bereiche des Lebens. Jeder weiß es, doch meist versuchen wir es zu verdrängen: Der richtige Zeitpunkt kann über ganze Lebensentwürfe entscheiden, über Männlichkeit und Weiblichkeit, über Armut und Reichtum, Erfolg und Scheitern. Über nass und trocken, über Freund- und Partnerschaft, über Liebe, Gleichgültigkeit und Hass. Wahrscheinlich auch über Krieg und Frieden, wobei das fast schon fraglich ist, geht es doch beim Krieg fast ausschließlich um wirtschaftliche Interessen und menschliche oder gesellschaftliche Hybris. Die Auflistung könnte aber trotz des letzten Punktes sicher bis fast ins Unendliche fortgesetzt werden. Jeder Leser weiß das. Kennt er doch Situationen, die einschneidend für das eigene Leben sind, sei es, dass man beim Zwiebelschneiden abgelenkt das Messer versehentlich durch die Fingerkuppen versenkt, auch weil man den Krallengriff mal wieder nicht angewendet hatte. Sei es, weil man beim Käseschneiden an der guten Maschine von Graef nicht bemerkt, dass das Stück schon am Ende ist oder man es falsch angefasst hat. Schon beim flüchtigen Gedanken daran mag sich einigen Menschen einiges zusammenziehen, als würde man in viel zu kaltes Wasser springen.

Einige Minuten später stand er schon auf dem Marktplatz. Die Bauern, welche ihre Ware  selbst vermarkten, zeigten wieder ein üppiges Angebot in allen Farben. Man darf nicht unterschätzen, was die heimische Landwirtschaft bis in den späten Herbst zu produzieren vermag. Da gibt es nicht nur Zwiebeln und Kartoffeln, auch die vielen verschiedenen Kohlsorten und Salate, die Möhren, Rüben und Pastinaken, auch Kürbisse, Rote Beete, Tomaten. Ja, jetzt läuft sicher einigen das Wasser im Munde zusammen und die einschneidenden Erlebnisse von vorhin sind vergessen.

Also zunächst an diesem einen Stand einen Beutel voll Rosenkohl erworben. Dann schnell weiter. Wer die Regeln des Samstagmorgenmarktes, von einigen auch Wochenmarkt genannt, kennt, der weiß, dass es an einigen Ständen nur ganz früh morgens bestimmte Waren überhaupt noch gibt. Dazu gehören frisch geerntete Rosenköhlchen und vor allem Bruchwalnüsse. Die kosten nämlich die Hälfte. Tatsächlich fand er am Walnussstand, der eigentlich sonst nur Eier und Äpfel verkaufte, allerdings im Herbst die Walnüsse, manchmal auch Haselnüsse, vom eigenen Hof und aus der Nachbarschaft, das Gewünschte. Da die heutigen Wirtschaftsbauernhöfe gut gepflastert sind, kann man davon ausgehen, dass ein Teil der Ernte bei Aufprall zerbricht. Der normale Kunde möchte nun allerdings unversehrtes Material erwerben. Also werden die Früchte mit zerstörter Schale aussortiert und günstig abgegeben. Ein Jahr zuvor hatte ein Kilogramm heiler heimischer Fettlieferanten noch 3,50 Euro gekostet, inzwischen hatten die Händler wohl den wahren Wert ihrer runden Schätze erkannt und den Preis um 50 Cent herauf gesetzt. Nur die Bruchnüsse kosteten immer noch 2 Euro. Anderthalb Kilo konnte Herr Nipp an diesem Morgen noch ergattern. Die Frau, die neben ihm stand und die gleichen hatte erwerben wollen, hatte das Nachsehen. Mit leicht vorwurfsvollem Blick sah sie, wie die grüne Plastiktüte gefüllt wurde und diese über den Tresen ging. „Der frühe Vogel fängt den Wurm“, hätte Herr Nipp nun sagen können, verbiss sich die Floskel jedoch. Er würde niemals Würmer essen wollen. Außerdem wäre ihm dies sicher als schändliches Fehlverhalten ausgelegt worden. Dabei hatte er doch lediglich eine gewisse Unruhe und wollte nach Hause kommen.

Zu Hause würde die Beute direkt geknackt und daraus ein Kuchen gebacken. Nusskuchen ist manchmal das Größte. Vor allem jedoch im Wissen, schneller als andere gewesen zu sein.

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