Der Stau X / 3

„2. Konstruierendes Argumentieren oder was die Philosophie damit macht

„Argumentation, eine Rede mit dem Ziel, die Zustimmung oder dem Widerspruch wirklicher oder fiktiver Gesprächspartner zu einer Aussage oder Norm […] durch den schrittweisen und lückenlosen Rückgang auf bereits anerkannte Aussagen bzw. Normen zu erreichen. Jede im Verlauf einer solchen Rede erreichte Zustimmung zu einer weiteren Aussage oder Norm (über Aussagesätze hinaus) kennzeichnet einen Schritt der Argumentation; die einzelnen Schritte heißen die für (bzw. gegen) die zur Diskussion gestellte Aussage bzw. norm vorgebrachten Argumente.“ (Enzyklopädie der Philosophie und Wissenschaft)

[Hier sieht man es wieder einmal, die Jungen können streiten, können sich bedienen, aber einen ordentlichen Zitatnachweis zu bringen, sind sie nicht in der Lage. Das überfordert sie schlicht weg. Man muss sich wundern, wird ihnen das in der Schule oder spätestens in der Einführungsphase hier an der Uni  denn nicht beigebracht? So schaufeln sie sich vor Beginn der eigentlichen Karriere das eigene Grab. Zuerst wird sinnentstellend verkürzt, dann auch noch die Quelle nicht vollständig angegeben, wie sollen sie demnächst ihre Dissertation schaffen?]

Das wohl bekannteste Beispiel für die philosophische Argumentation ist das Höhlengleichnis des Platon (Im Anhang beziehe ich mich auf etwas andere Art noch mal auf dieses Beispiel.). Indem Schritt für Schritt die Bedingungen erklärt werden und auf Glaukons ständige Zustimmung gerechnet wird. Hier wird herausgearbeitet, dass die Möglichkeit, die Menschen zur Erleuchtung zu führen, nur mit einer gewissen Gewalt durchgesetzt werden kann.

Auf dieser Argumentation, Schritt für Schritt, basiert die gesamte philosophische Argumentation. Sie kann nicht rekonstruierend arbeiten, sondern muss selbst konstruieren, so realisiert sich im philosophischen Akt die Bezogenheit des Menschen auf die Totalität des Seins. Philosophieren richtet sich auf die Welt als Ganzes. Dem Menschen wird eine Wirklichkeitsdeutung gegeben. [Diese Sätze sind schon fast druckreif, als hätte er bei einer meiner Vorlesungen mit notiert und nun gibt er das als eigene Formulierung aus, Frechheit. Aber letztlich kommt man ohne diese auch nicht weiter. Muss nachschauen, vielleicht kann ich daraus auch eine Floskel für einer der nächsten Vorlesungen entwickeln.]

Der Mensch soll durch die philosophische Argumentation zu einer eigenen Einsicht gelangen, die sich von den Erfahrungswerten seiner Vorfahren unterscheidet. Denn nur durch neue Erkenntnis verändert sich der Mensch. Philosophie beruht in diesem Sinne auf dem Mündigwerden der ratio gegen die Überlieferung. Die
Auflehnung gegenüber der Tradition gehört zum Wesen der Philosophie.“

Als Professor mit langjähriger Erfahrung kannte er solcherart Texte, die gefüllt waren mit Gemeinplätzen, Selbstverständlichkeiten. Auch solches Zeug musste man akzeptieren. Das Kapitel sollte folglich nur noch quergelesen werden, einfach um die grundsätzliche Stimmigkeit zu ersehen. Er würde keine Notate mehr machen müssen, es würde ihm letztlich reichen, wenn ein abschließender Kommentar noch einmal kurz auf die Mängel einging und ansonsten klarstellte, ob auch irgendwelche Besonderheiten zu sehen wären.

„[…] Platons Argumentation entwickelt sich aus dem Betrachten der Umwelt, der vor Augen liegenden Erfahrungswirklichkeit. […]dass die Verhältnisse der Höhle nur ein schwacher Abglanz der Wirklichkeit sind, um nicht zu sagen eine Verzerrung […] Der ins Licht verschleppte ist der Philosoph, der die Aufgabe zugeteilt bekommt, auch den Rest der Menschheit ins Licht der Erkenntnis zu führen. Eine Argumentation, die durchaus gewaltsame Züge aufweist. […] verlässt er den Raum der Unkenntnis […] Einer solchen Argumentationskette kann kaum jemand eine negative Entgegnung […] Da der Mensch bekanntlich nicht Gott ist, kann er nie zur absoluten Erkenntnis gelangen. […] Argumentation erschließt in diesem Sinne die Welt. […] Der Rhetor schließt aus seinen vorgebrachten Argumenten einen Syllogismus, eine Konklusion […] im Unterschied zur Eristik oder Sophistik, die letztlich nur darauf abzielen, den Redner als besonders gebildet darzustellen, nicht aber zwangsläufig zur Wahrheit zu führen. [… Ja, gestern noch erlebt, als dieser eine Ästhet seine Scheinargumente mit Scheinbeobachtungen vorbrachte, damit versuchte, seinen Willen durchzusetzen und die anderen dazu zu bewegen, das Geld doch mit sicheren Zinsen anzulegen, statt es für sinnvolle Anschaffungen zu verwenden, die viel nachhaltiger sind. Er hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass die anderen ihn schon lange durchschaut hatten, also ging er dazu über, die anderen zu beleidigen  oder als zu unerfahren zu verunglimpfen und als auch das nichts half, verzog er sich schmollend in seine Räumlichkeiten und war auch von hier nach wenigen Minuten verschwunden.] versuchen einen Konsens zu finden, immer in gegenseitiger Anerkennung der Partner.“

Er las auch die nächsten Seiten noch zügig und war endlich doch einmal für eine gewisse Zeit zufrieden. Das dritte Kapitel der Hausarbeit stellt sich als überaus begründet und sachlich distanziert verfasst heraus, was es dann auch schon wieder fast langweilig macht, darauf einzugehen, dachte er. Hier ging es um die Rekonstruktion, an sich schon ausreichend Stoff für eine Dissertation. Aber die jungen Leute wollen ja erst einmal einen Überblick verschaffen, selber erhalten.

Der Verkehr rollte weiter, wieder um einige Meter.

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Der Stau X / 2

„Überlegungen zur Argumentation

  1. Vorwort

Die Argumentation oder argumentative Beweisführung nimmt innerhalb der menschlichen Kommunikation eine zentrale Stellung ein. Sobald sich zwei oder mehrere Menschen über ein Verhältnis, welcher Art auch immer, uneinig sind, beginnt ein Argumentationsstrang [Hier schon musste unser Professor klar eingreifen. Die Wissenschaft kennt dieses Wort nicht, kein Student sollte sich auch nur im Entferntesten anmaßen für seine Arbeiten Neologismen zu verwenden, das durfte ein Schriftsteller oder ein ausgebildeter Akademiker in seinem Fachbereich, allerdings niemals, wirklich niemals ein einfacher Student, dessen Werdegang nicht, noch nicht abzusehen ist. Ein Student, der wahrscheinlich nur einen einfachen Abschluss machen wird. So geht das nicht. Eine deutliche Schlangenlinie zeigte diesen Fehler bereits an, nun musste kommentiert werden. Mit dickem Bleistift notierte er „Bitte wissenschaftliche Ausdrücke verwenden!“], meist die „aber“-Beweisführung , um das Gegenüber von der eigenen Meinung zu überzeugen. [Was sollte denn nun dieser Begriff, der nicht als solcher zu bezeichnen war, da noch nicht semantisch gefüllt?]

Argumentation ist jedoch nicht immer gleich Argumentation; es gibt z.B. sachlich-wissenschaftliche Formen, aber andererseits auch sehr gefühlbeladene, die streng philosophisch gesehen überhaupt keine sind, jedoch im Allgemeinverständnis als solche angesehen werden. Wissenschaftliches und allgemein menschliches Denken verwenden gleiche Begriffe unter anderen Voraussetzungen und so kommt es immer wieder zu grundlegenden Missverständnissen zwischen beiden Fraktionen, die an dieser Stelle jedoch nicht zum Inhalt der Arbeit werden können, da erst mal von einer Klärung des Begriffes als solchem die Rede sein soll. [Eigentlich recht clever, dachte er, sich so schon in den ersten Sätzen aus dem Schussfeld zu ziehen und die tiefer gehenden Gedanken dem Leser anheim zu stellen und damit seinem Urteilsvermögen. So kann man niemals einen Fehler machen.] Argumentationen können völlig an einander vorbei laufen, indem die eine Partei sachlich, die andere Seite jedoch völlig gefühlbetont argumentiert. Es soll ja bekanntlich Menschen geben, die emotional auf alles reagieren, was ihnen in die Quere kommt, dieses wirkt sich bei Argumentationen oft in cholerischen Anfällen aus; andere Menschen behalten scheinbar in jeder Situation den Überblick und können so ständig offensichtlich rationale Argumentationen führen. Kommen zwei Menschen zusammen, welche die oben beschriebenen Charaktereigenschaften besitzen, kann das Resultat absolutes Chaos sein. Sie werden immer dann nicht zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen, wenn schon die Begriffe und Begrifflichkeiten nicht völlig geklärt scheinen. Verschieden interpretiert werden. [Dieser Satzbau ist wohl eine Zumutung, er kann sich schließlich nicht in Ellipsen ergehen, das mag zwar schön erscheinen, befördert jedoch auf völlig unzulässige Weise die Ungenauigkeit. Ein Satz benötigt das Subjekt, auch wenn ich es mir denken kann. Andererseits beginnt ja gena hier das spiel könnte man vermuten. Der Leser muss selber ergänzen und je nachdem was, wird er in die Irre lesen oder nicht.]

Nicht nur innerhalb von Gruppen oder sonstigen Menschenhäufungen [ Das muss angestrichen werden, wie kann ein soolche ungebildeter Mensch es nur wagen, Menschen zu Haufen zu machen, wenn ich mir das bildlich vorstelle, kommen ganz andere Assoziationen, die Filme der befreiten Lager. Nein, das geht nicht, das darf auch heute niemand machen. Das ist menschenverächtlich, auch wenn nicht so gemeint. Man muss auch nach siebzig Jahren die Form waren, ein Bewusstsein dafür schaffen, wir haben genug angerichtet und tatenlos zugesehen oder nicht?]  kommt es zu Beweisführungen, sondern auch beim einzelnen Menschen, sei es, um sich selber einer Sache bewusst zu werden, sei es, um eine wissenschaftliche Theorie zu hinterfragen und zu verifizieren. Oder aber um zu philosophieren, was nicht immer in Kommunikation mit dem Anderen geschieht.

 

Während ich mich mit dem Thema Argumentation auseinander gesetzt habe, musste ich feststellen, dass die Aspekte so breit gestaffelt sind, dass sie den engen Rahmen einer Hausarbeit gesprengt hätten. Ich habe Erklärungsansätze von Psychologen, Philosophen, Theologen und jeder Menge anderer Denk- und Berufssparten gefunden. [Ha, da hat er sich verraten, niemand beschäftigt sich mit jeder Menge, da gerät er in das ungenaue Fahrwasser der Spekulation, vielleicht mag er ja mit einigen Menschen darüber gesprochen haben, aber das ist doch längst nicht eine theoretische Auseinandersetzung, sondern rein subjektive Sammlung von Aspektansätzen. Hier zeigt sich der nicht gereifte Heranwachsende, der glaubt, er könne einen alten erfahrenen Esel wie mich auf das Glatteis des vage formulierten führten und mich so zum Hansel seiner halbgaren Denkgewohnheiten machen. Denkgewohnheiten, nein Gefühlsgewohnheiten, er kann noch nicht einmal geradeaus denken, wo es gefordert erscheint, nimmt die Wege des flüchtenden Hasen und glaubt so, dem gezielten Schuss meiner Flinte zu entkommen.] vor allem die Philosophen scheinen in die Argumentation verliebt zu sein, das mag mit ihrer Liebe zum Wort an sich zusammen hängen. Anders gesagt, ist die Argumentation Zentrum der Philosophie [Da merkt man wieder einmal die Oberflächlichkeit des Lesens und Studierens, es kann nur um die philosophische Logik gehen, nicht die Philosophie an sich, das merkt doch schon ein Schüler der Oberstufe. Alles andere wäre albern.], ohne die eine rein theoretische Forschung keinen Bestand haben könnte. [ich weiß gar nicht, ob ich dies kommentieren sollte, solcherart Gemeinplätze möchte ich eigentlich nie wieder lesen müssen, andererseits ist es wohl für junge Menschen wichtig, sich überhaupt darüber Klarheit zu verschaffen.] Ihre Gedanken waren mir allerdings wirklich teilweise zu trocken, was nicht heißt, dass ich diese Autoren ganz außer Acht gelassen hätte. Das wiederum heißt allerdings auch nicht, dass ich die überall zitieren muss oder müsste, nicht jeder gute Gedanke muss schließlich erwähnt werden. Vor allem, wenn man ein Ziel sieht, muss selektiert werden.  Im folgenden Kapitel habe ich versucht, einige Modelle darzustellen.  Besonders drei Autoren haben mein Interesse jedoch geweckt, so sehr, dass ich diese in den Mittelpunkt meiner Betrachtung gestellt habe, stellen musste. [wieder diese stilistischen Schlenker mit Correctio und allem drum und dran. Jetzt fange ich schon selber an, mich stilistisch gehen zu lassen, und das nach nur einer Seite Text.] auch sie werden allerdings nicht an jeder gelegenen und ungelegenen Stelle zitiert, sondern sie bilden den Grundstock zu meinen Betrachtungen und Überlegungen. Vor dem Hintergrund ihrer Gedanken und Formulierungen können sich meine Betrachtungen kristallisieren und trotzdem lassen sie mir genügend Freiheit, mich eigenständig zu bewegen.

Anerkannt dürften unter diesen drei die beiden Wissenschaftler vom Palo Alto Institut sein, nämlich Paul Watzlawick und Ronald D. Laing. Der dritte hat sich als Romanautor einen Namen gemacht: Douglas Adams. Außerdem stütze ich mich auf das Buch „Argumente – Argumentation“, herausgegeben von Josef Kopperschmidt und Helmut Schanze, bei denen ich das Rüstzeug gefunden habe, den Begriff „Argumentation“ an sich aufzuarbeiten und zu erklären. Was mich besonders interessiert ist allerdings nicht allzu ernsthafte Form der Argumentation, sondern immer wieder das Absurde, das Gemeine (Heristik) und das Unerwartete. [Und genau an dieser Stelle hat er mich, den alten Fuchs in die Falle tappen lassen. War ich doch bis dahin beim ersten Lesen von einer halbwegs ernsthaften Auseinandersetzung ausgegangen. Hatte vergessen, dass Laing und Watzlawick neben ihren Abhandlungen über die Psychologie auch allgemein belustigende Werke verfasst hatten, mit denen sie eine gewisse Popularität erlangt hatten. Und Douglas Adams liegt seitdem bei mir auf dem Nachttisch und ich kann kann mich teilweise vor Lachen kaum halten, wenn ich hinterfrage, in welche absurde Situationen er seine Helden führt. Kein wunder, dass seine Anhängerschaft stetig wächst, ob wohl er tot ist.]

Der Psychologe Laing beschäftigt sich mit oft absurden, wenn auch sehr ernsthaft krankhaften Beweisführungen, welche durchaus fatale Folgen für die betreffenden Menschen haben können. Besonders im Buch „Interpersonelle Wahrnehmungen“, das er im Verein mit H. Philipson und A.R. Lee geschrieben hat, werden diese Folgen sehr plakativ verdeutlicht. Immer wieder spannend und zugleich humorvoll ist seine in meinen Augen geniale Arbeit „Knoten“, welche einige wirklich vertrackte Situationen entwirft, abstrakt aufdeckt. Aus dieser habe ich einige Beispiele entnommen.

Paul Watzlawick auszuwählen war nicht besonders schwer, da er mich mit seinen beiden Standardwerken „Anleitung zum Unglücklichsein“ und „vom Schlechten des Guten“ schon seit der Schulzeit begleitet. Er ist Philosoph und Psychotherapeut [ha, Fehler, das ist er nicht] und setzt sich in seinen Arbeiten sehr intensiv mit dem Problem der Beweisführung auseinander. Diese Argumentationen scheinen in sich völlig schlüssig und Stabil zu sein, auf die Praxis angewandt jedoch führen die von ihm behandelten Problemstellungen oft zu Funktionsstörungen und können somit Fatale folgen hinter sich herziehen.

Douglas Adams sehe ich als wichtig an, da er in seinen Science- Fiction- Parodien und anderen Büchern immer wieder Argumentationsreihen, die wir als Wahrheiten hinnehmen würden ad absurdum führt. Trotzdem sehe ich seine Bücher nicht als reine Belustigungswerke, obwohl man sich teilweise einfach schütteln muss [Ja, da hat er wohl Recht, allerdings gehört so ein Ausdruck einfach in keine Hausarbeit, auch nicht in dieses Machwerk] , seine durchaus ernsthaften Gedanken werden einfach so verpackt, dass es Freude macht, sie zu lesen. Bekannt wurde er in erster Linie durch die „Per Anhalter durch die Galaxis“ –Reihe, eine Trilogie in fünf Bänden, die inzwischen posthum durch einen sechsten Teil erweitert wurde. [Oh ja, tatsächlich hat der Herr Colfer fast haargenau den Ton gefunden und es macht Freude auch diesen Band zu lesen. Allen Puristen zum Trotz, ja, muss gelesen werden.] Sein Buch „die letzten ihrer Art“ hat bei vielen Menschen ernsthafte Gedanken zum Fortbestand der Welt ausgelöst. Eine seiner schönsten Ideen ist die Möglichkeit, das Fliegen zu lernen, indem man sich auf den Boden wirft und im selben Moment vergisst, dass man fällt, so vielleicht die Möglichkeit besteht, den Grund zu verfehlen.

Außer diesen drei Grundpfeilern habe ich auch andere Autoren berücksichtigt. Marcuse, Neumayer/ Witeschnik, Botho Strauß, aber auch Gerrit Pithan, der sich in seinen Romanen und Geschichten mit der Argumentation vor dem Hintergrund der christlichen Moral auseinander setzt. Wiederum muss ich bei der Vorstellung oder besser Erwähnung der Autoren sagen, dass diese mich in erster Linie angeregt haben, mir überhaupt Gedanken über diesen Themenbereich zu machen. Dabei mögen sie wissenschaftlich eventuell sogar zu vernachlässigen sein. [Welch eine Zumutung, diese Leute in einen Topf zu werfen.]

Bevor sie, verehrter Leser, zum eigentlichen Teil meiner Hausarbeit kommen, möchte ich noch eine Warnung aussprechen. Es könnte sein, dass einige Kapitel (hier vor allem der Nachschlag) teilweise verwirrend erscheinen, was dann wohl auch der Fall ist, was jedoch nicht heißt, dass sie keine Aussage hätten, sondern vielmehr das Verwirrende in einigen Argumentationssträngen sollen oder wollen, außerdem wohl auch die Verwirrungen kennzeichnen, denen ich selbst im Laufe dieser Arbeit ausgesetzt war. Solcherart Zutreffendes bitte ich vorab zu entschuldigen.

Es könnte auch sein, dass sich die Hausarbeit selbst ad absurdum führt, was in sich schon fast wieder schlüssig wäre, da ich mich wie gesagt vor allem mit dem absurdem Moment in der Argumentation auseinander gesetzt habe und dabei teilweise das Gefühl hatte [Gefühl haben nun wirklich gar nichts in einer Hausarbeit zu suchen. Hier muss es um Fakten gehen, um die Verifizierung von Sachverhalten oder überhaupt grundsätzliche Klärung von Zusammenhängen. Wo kämen wir denn hin, wenn nun auch noch Gefühle Teil der wissenschaftlichen Arbeit würden. Wir haben hier schließlich kein psychologisches Institut, welches die Gefühle von an deren untersucht. Und auch dann sollte der Untersuchende zwischen den eigenen und den fremden Gefühlen klar zu unterscheiden wissen. Sprich, keine eigenen Gefühle in der Bearbeitung zulassen. Hier spricht einfach die Naivität des Unerfahrenen.], jede Argumentation könne, obwohl in sich scheinbar oder auch wirklich oder wirklich scheinbar schlüssig und wasserfest, gelöchert und damit sinkbar gemacht werden. [Immerhin hat er den Mut, mit der Sprache zu spielen, auch wenn er damit Gefahr läuft aufzulaufen und selber zu sinken.] Ich glaube jetzt zu wissen, dass das absurde Moment in der Argumentation eine wichtige Stellung einnimmt, zumindest bei einem Großteil der Beweisführungen, wenn auch diese für die menschlich-kulturelle Weiterentwicklung  nicht so wichtig sind, dafür jedoch um so mehr für die alltägliche Kommunikation. Ich habe versucht, dieses auf meine persönliche und damit nicht unbedingt wissenschaftliche Art zu verdeutlichen. Andererseits – was nutzt die Argumentation, wenn sie nicht die Möglichkeit eines konkreten Ergebnisses beinhaltet. [Er gibt seine Frechheit auch noch zu und kokettiert damit. Eines muss man ihm wirklich lassen. Er hat meine Sympathie.]“

Der Verkehr kroch wieder einmal ein paar Schritt weiter, der hintere Fahrer betätigte die Hupe, weil der Vordermann nicht sofort reagierte. Also startete er seinen Wagen auf das Neue und kam seinem Vordermann die hundertfünfzig Meter nach und schloss somit die Lücke.

 

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Der Stau X

Teil X

Wenn man schon im Stau steht und die Zeit verlangsamt erscheint, denn diese ist wie wir wissen immer relativ, so kann man das Stehen doch auch sinnvoll nutzen, hatte er gedacht. Hatte einige Zeit lang Radio gehört, mal wieder hatte es einen Politiker erwischt, hatte man einen Politiker beim begangenen Betrug erwischt. Das Plagiieren schien sich durch die Riege der Mächtigen zu ziehen. Wer was werden will, muss einen Titel vorweisen können, ob er oder sie tatsächlich etwas dafür geleistet hat und wie dieses zu bewerten sei, sei dahin gestellt. Wieder einmal wurde also eine Lawine losgetreten, den Delinquenten zu zermalmen, wieder einmal wurde unter dem wissenschaftlichen Betrug die politische Leistung in Misskredit gezogen. Da saßen wieder einige Experten in einmütig streitender Runde und urteilten über Täter wie Dulder. Irgendwann hatte er das Gerät ausgeschaltet, konnte das sich ewig um sich selbst kreisende Geschwätz nicht mehr ertragen.

Also nahm er die Hausarbeit eines seiner Studenten heraus, die ihm beim ersten Lesen immer wieder ein Schmunzeln ins Gesicht gejagt hatte. Weil der Student ein Spiel gespielt hatte, sich über sämtliche geisteswissenschaftliche Gepflogenheiten hinwegsetzend. Das Geschriebene konnte man einerseits als absolute Frechheit in den Mülleimer werfen, andererseits steckte darin eine Auseinandersetzung mit dem universitären Betrieb, der nicht zu unterschätzen war. Ein zweites Mal also wollte diese Seiten lesen und bemerkte also auch gar nicht, dass der Verkehr um einige Meter weiter rollte. Die Entscheidung, ob dafür nun ein Leistungsschein zu vergeben sei, musste im Angesicht der gerade gehörten Radiodiskussion sorgfältig geprüft werden. Ab jetzt konnte sich jeder angreifbar machen, der Humor im wissenschaftlichen Betrieb auch nur ansatzweise zulassen würde. Und wenn es tatsächlich eine Bescheinigung in irgendeiner Form geben sollte, so müsse eindeutig verdeutlicht werden, dass eher der Mut als der Inhalt zu belohnen sei. Tatsächlich war in den letzten Jahren die form der Arbeit mehr und mehr in eine akademische Sackgasse geraten, Tatsächlich konnte niemand mehr den Mut haben, Spiele mit dem System zu treiben, wollte er nicht Gefahr laufen ungebremst an den universitären Mauern zu zerschellen. Den Abschluss zu gefährden und damit letztlich zu den gescheiterten Studenten zu gehören, die als Taxifahrer enden oder vielleicht, wenn es günstig läuft ein Geschäft aufmachen, für Elektronik oder Nippes jeglicher Art. Nein diesem jungen Menschen musste zu helfen sein. Einerseits würde er einen Leistungsnachweis erhalten, allerdings mit dem nötigen Kommentar versehen, nicht versehentlich nur noch solcherart Arbeit abzuliefern.

 

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Der Stau IX

Teil IX

„Mama, da oben ist ein Hubschrauber.“ „Hm.“ „Ein roter Hubschrauber.“ „Hm.“ „Irgendwann will ich auch Hubschrauber fliegen. Dann werde ich Pilot und kann alle Menschen retten, wie die aus der Serie im Fernsehen.“ „Hm.“ „Eben ist schon ein gelber daher geflogen, bestimmt einer von den gelben Engeln, kennst du die?“ „Hm.“ „Würde ja mal gerne wissen, wie die das da oben machen, ist bestimmt ganz schön schwierig.“ „Hm.“ „Siehste, Mama, Papa hat bestimmt auch einen gesehen, da oben. Damit kommt man ganz schnell zum Unfall. Wetten, dass da ganz schön was los ist? Das ganze Blut. Die haben bestimmt alle Knochen zerbrochen.“ „Das heißt gebrochen.“ „Dann eben gebrochen. Kannste dir vorstellen, wie zerquetscht die Autos sind? Sieht bestimmt ganz schön übel aus. Haste schon mal gesehen, wie so ´ne Unfallstelle aussieht?“ „Hm.“ „Und überall ist alles rot und dann läuft das Benzin aus und dann explodiert alles und dann gibt es hier überall herumfliegende Autos, wetten?“ „Hm.“ „Und dann kommt auch noch die Feuerwehr und dann müssen sie die Straße hier frei machen und alle Autos sind verkratzt oder haben dicke Beulen, weil die es nicht schaffen, rechtzeitig  zur Seite zu fahren. Und vielleicht kommt dann der nächste Unfall, weil irgendwer von hinten in den Stau rein rast und wir  sind mitten drin. Boah, das wird bestimmt noch ganz schön heftig werden.“ „Hmmm.“ „Kennste das aus dem Spiel? Da kann man mit den Autos von hinten in den Stau reinfahren und dann überschlägt man sich und sieht richtig, wie das eigene Blut an die Fensterscheibe spritzt. Cool.“ „Man, jetzt hör doch mal auf mit deinem ununterbrochenen Gebrabbel, man kann es sich nicht mehr anhören. Da geht es nicht um einen Film oder eines von euren brutalen spielen, die ihr jeden Tag auf der Spielstation zockt, sondern um echte Menschen. Die haben jetzt vielleicht schlimme Schmerzen und müssen vielleicht die nächsten Monate im Krankenhaus liegen und irgendwann wieder lernen zu laufen. Hast du überhaupt eine Ahnung, was es heißt zu sterben?“ „Nee.“ „Wenn du jedenfalls nicht mal irgendwann deine Klappe hältst, dann steige ich hier aus und gehe zu Fuß weiter, dann müsst ihr eben sehen, wo ihr bleibt.“ „Wollt ihr was trinken?“ „Oh Gott, wir sitzen jetzt schon seit Stunden hier im Wagen und ich habe höllische Kopfschmerzen, das ist wirklich so, als würde jemand ständig da oben drauf klopfen und wenn du vergisst, die Tabletten mitzunehmen, die ich noch dahin gestellt habe, dann ist das echt gemein.“ „Ja ja, immer andere zur Verantwortung ziehen, wenn man selber Fehler macht. Du weißt doch ganz genau, wie es dir geht, wenn du deine Tage hast. Normalerweise würde ich mir dann schon morgens eine Pille schmeißen und nicht erst warten, bis die Kopfschmerzen fast unerträglich sind. So ein Blödsinn, habe ich noch nie gehört, dass sich jemand so lange quält, nur um dann die Laune an den anderen auszulassen.“ „Jetzt fängst du auch noch an mit dem Gebrabbel, haltet doch einfach mal die Klappe. Das ist so unfair, ich leide und euch interessiert das überhaupt nicht, ihr benehmt euch wie die letzten Menschen. Schließlich bin ich euch doch nicht fremd. Alle sind immer gegen mich, sogar ihr.“ „Du bist nicht die einzige, die hier festsitzt, sei froh, dass wir noch normal reden können, vor ein paar Jahren hätten die Kinder angefangen zu heulen.“ „Könnt ihr nicht einmal Rücksicht nehmen?“ „Ja, alle müssen immer dann Rücksicht nehmen, wenn es der Madame passt. Oder eben nicht passt, was da passiert. Du nimmst doch auch keine Rücksicht auf die Kinder und gehst noch nicht einmal auf das ein, was sie sagen.“ „Oh man, halt doch einfach mal den Mund.“ „Hätten wir das Radio anhaben dürfen, wären wir vielleicht frühzeitig vor dem Stau gewarnt worden, dann würden wir jetzt gemütlich über eine Landstraße rollen, in irgendeinem Dorf an der nächstbesten Apotheke anhalten und wahrscheinlich auch noch viel früher ankommen. Aber nein, Madame macht das Gerät aus, das ist ja zu schrill.“ „Alles musst du mir vorwerfen, als hätte ich jetzt auch noch Schuld.“ „Nein, du bist ja über jeden Zweifel erhaben. Frühzeitig eine Tablette geworfen, keine Kopfschmerzen, Autoradio hören und den Stau ausweichen, ist eigentlich eine logische Schlussfolgerung oder?“ „Klar, jetzt bin ich auch noch dafür verantwortlich, dass wir hier festsitzen? Wenn du dir mal ein Navi anschaffen würdest, wärest du auch anders gewarnt worden, aber der Herr ist sich ja zu fein dafür, kein Navi, ein Handy, nicht erreichbar, na toll, du hast Schuld, ist doch so.“ „Mama, jetzt kommt der dritte Hubschrauber.“ „Was?“ „Jetzt kommt der dritte Hubschrauber und der ist grün, dann ist das bestimmt die Polizei, die haben noch keine blauen Hubschrauber, sind bestimmt zu teuer. Alles andere haben sie inzwischen neu, sogar Handys und neue Autos und Uniformen und auch Pistolen, aber neue Hubschrauber haben sie noch nicht. Keine neuen Hubschrauber, die sind einfach zu teuer. Habe mal gehört, dass so einer über ner Million kostet. Boa, da könnte man ganz schön lange von leben.“ „Ja, Pistolen haben sie jetzt die gleichen wie James Bond, dachte früher immer, die gäbe es eigentlich gar nicht, aber die werden wirklich gebaut. Eigentlich sollte man wirklich zur Polizei gehen, dann würde man auch so rumballern können wie James Bond, wäre schon echt cool.“ „Kannst du mal den Ausknopf drücken, mir geht es echt schlecht. Seid doch bitte alle mal für eine viertel Stunde leise, ich kann echt nicht mehr. Vielleicht kann ich dann zumindest einschlafen und dann könnt ihr euch auch wieder unterhalten.“ „Okay, wir versuchen es, schnappt euch mal die Comics oder diese kleinen Playsis und lest oder spielt was, geht das klar? Aber leise bitte“ „Danke, wird bestimmt in einer Viertelstunde besser sein. Sonst schweigt ihr euch doch auch den ganzen Tag an.“ „Nur wenn du da bist, dann sind immer alle ganz leise, damit du nicht gestört wirst, wenn wir allein sind ,dann geht es ganz schön laut zu im Haus. Immer nehmen alle Rücksicht auf dich. Du schläfst lange, dann sind wir schon raus, du liegst abends vor dem Fernseher, dann sind wir schon oben und spielen. Ich tseige mal eben aus und frage einen der anderen Fahrer, ob vielleicht jemand eine Tablette für dich hat. Ist Aspirin genehm oder muss es eine Ibu sein, ich kann auch gerne nach einer Maxalt Lingua fragen, aber dann bist du für den Rest des Tages ausgeschaltet.“ „Egal was, Hauptsache es wirkt.“

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Der Stau VIII / 3

Und hinterher haben alle so getan, als seien sie alle im Untergrund gewesen, als hätten sie alle aktiven oder auch nur passiven Widerstand geleistet. Und sobald du die Sprüche hörst, wenn sie betrunken sind, dann weißt, dass sich gar nichts geändert hat zwischen den Menschen. Die Einen glauben immer, sie seien grundlegend etwas Besseres. Die anderen müssen darunter leiden. Man kann alles Schlechte über andere denken, das geht eigentlich schon in Ordnung, solange man es nur für sich behält, solange man es nicht in irgendwelche Taten oder Aktionen umsetzt. Hass ist eine wichtige Triebfeder des Menschsein, aber eben die Wichtigste. Genauso ist Liebe nicht zu unterschätzen. Solange dein großer Mann mit übergroßer Klappe und  ebensolchem Charisma auftauchen könnte, warten diese falschen Geister noch in ihren Flaschen und werden dann endlich wieder wüten können und vielleicht die nächste Runde einer eklen Unmenschlichkeit einläuten. Dann wird sich wohl der nächste Sturm erheben und alles mit sich reißen. Und man kann nur hoffen, dass es auch dann wieder einige Standhafte gibt, die echten Widerstand leisten und sei es um ihr eigenes Leben. Ja, da werden wieder viele mit ihren dienstfertigen Bücklingen hinterher rennen. Dann wird es wieder heißen, das Besondere am Deutschen sei, dass er Stramm stehen könne, ohne ein Rückgrat zu besitzen.

Die Mutti sieht dabei echt gestresst aus, ist früher vielleicht mal ein hübsches Ding gewesen, hat sich selber aufgegeben. Ist aus der Form geraten und hat niemals wieder dorthin gefunden. Nicht gerade eine Versuchung. Der Mann braucht wirklich keine Angst zu haben, sie wird ihm mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht weglaufen. Schon weil sie wissen muss, dass sie keinen Anderen mehr abkriegt. Sie hat die Schlacht des Lebens verloren. Aber er hat sich auch etwas gehen lassen, kann mir gut vorstellen, wie der Bierbauch vor dem Lenker auf den Oberschenkeln liegt. Verstehe echt nicht, warum sich solche Familienheinis jenseits der 35 immer so gehen lassen müssen. Man muss doch nicht alles essen und trinken, was einem angeboten wird. Man muss doch auch nicht noch an jeder zweiten Pommesbude Halt machen, nur weil einem irgendwas fehlt. Da wird wohl mit dem Pappbecher oder der Plastikschale das kompensiert, was das Leben einem vorenthalten hat.

Oder fehlt wohl das Bewusstsein dafür, dass man es selber in die Hand nehmen muss. Dass man selber aktiv werden muss. Dass die anderen einem nichts schenken, sondern man Verantwortung für sich hat. Jaja, weiß schon, dann kommt wieder die alte Leier los, man habe doch schließlich gar keine Chance gehabt, schon allein wegen der Eltern. Weiß nicht, kann daran immer noch nicht so ganz glauben, einfach zu viele habe ich schon kennen gelernt, die es geschafft haben, die den mut hatten, den elterlichen Horizont zu sprengen oder zumindest sich selber zu erweitern, weil vielleicht irgendwer in ihnen ein Interesse geweckt hat. Klar ist es einfacher, wenn man Eltern hat, die unter allen Umständen fördern, weil sie wissen, dass nur gute Ausbildung und umfassende Bildung den Stallgeruch gibt, um auch Karriere zu machen. Aber was heißt das schon, Karriere? Wie heißt es in dem Lied dieses Songschreibers, der heute einen völlig neuen Namen hat? „And if you want so say yes, say yes, and if you want to say no say no.“ Mist, ich vergesse immer, wie die Leute heißen und Lieder? Den Text kann ich mir sowieso nicht merken. Es geht um die eigene Entscheidung in diesem Lied, dass man die Entscheidungen selber treffen muss.

Habe einmal gehört, dass jemand sagte, er habe ein Instrument nicht weiter gelernt, weil der Lehrer ihn nicht unterstützt habe. Mag wirklich daran liegen, wenn man schlechte Lehrer hat, die unfähig sind, oder zumindest solche, die einen nicht unterstützen, dann verliert man vielleicht die Lust am Lernen. Komisch, ich habe immer aus einer Haltung des Trotzes gelernt. Immer wenn alle Biologie nicht mochten, weil der Lehrer übel war, immer wenn Mathe unmöglich schien, weil der da vorne nicht erklären konnte, immer, wenn das Lesen und Schreiben keinen Spaß machte, weil dieser Lehrkörper eben nur das war, eine leere Hülle. Weiß auch, nicht gerade ein intelligentes Wortspiel.

Musste als Kind sogar in die sogenannten Legastenikerkurse, das war einerseits wirklich schön, weil man dort ohne Druck einfach schreiben konnte, andererseits habe die anderen Kinder davon Wind bekommen und Kinder können grausam sein.

Kinder hätte ich auch gerne, aber wer will schon mit mir zusammen sein, immer nörgelnd durch das Leben gehen und immer denken, schreiben und mich über andere lustig machen. Das hält ja keine auf Dauer aus. Dabei war ich wirklich verliebt und hätte einiges dafür aufgegeben, aber sobald das passiert, passiert etwas anderes. Dann geht irgendwas mit mir durch. Dann verbocke ich mir alles selber. Und ziehe mich auf diese Insel mit zwei Bergen zurück. Ja, Kinderbücher kann ich wohl schrieben, auch wenn nicht so schön und gut wie Michael Ende, den ich immer noch gerne lese. Diese Vielschichtigkeit seiner Erzählungen hat mich damals immer gefesselt, neue Welten zu entwerfen, die einen einfach entführen. Wenn ich daran denke, wie die von der Augsburger Puppenkiste das damals umgesetzt haben. Würde heute kein Kind mehr aushalten, so langsam und trotzdem haben wir vor den Fernseher gesessen und waren gebannt und am nächsten Tag wurde jede Kleinigkeit in der Schule besprochen oder vorher im Kindergarten. Nein, das könnte man heute nicht mehr zeigen, wahrscheinlich würde man jetzt einen möglichst plakativen Zeichentrick daraus machen. Irgendein halbwegs bekannter Sänger würde ein Popliedchen dazu machen und dann lief das Ganze über ein halbes Jahr, weil jedes Wort zu einem Abenteurer ausgeschlachtet würde. Warum auch an der literarischen Vorlage entlang arbeiten, wenn es auch ganz frei geht. Reicht doch auch wirklich, wenn man einige Namen übernimmt und den bekannten Titel des Buches. Die Serien der späten siebziger und frühen achtziger Jahre haben es doch vorgemacht, Ein Erfolgsschema, dem man folgen kann: Heidi, Biene Maja, Nils Holgerson und wie sie alle heißen, ach ja, Pinocchio auch.

Das würde ich mir übrigens für viele Politiker wünschen, dass sie lange Nasen bekommen, jedes Mal, wenn sie lügen, jedes Mal, wenn sie uns Halbwahrheiten vorsetzen. Sie leben in einem anderen Leben, haben doch nicht mehr viel mit unserem Leben zu tun oder doch. Sitzen in ihren Helikoptern und fliegen von einem Termin zum nächsten. Dorthin, wo alles vorbereitet ist, dorthin, wo alles glattgebügelt wurde und die glauben, das sei die Realität.

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